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Leben und Abenteuer des Chevalier Faublas ? Dritter Band

Jean-Baptiste Louvet de Couvret: Leben und Abenteuer des Chevalier Faublas ? Dritter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJean-Baptiste Louvet de Couvray
titleLeben und Abenteuer des Chevalier Faublas ? Dritter Band
publisherVerlagsbuchhandlung Alois Hynek in Prag
editorGustav von Joanelli
translatorGustav von Joanelli
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071121
modified20150421
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Sechstes Buch

Am nächsten Tage fühlte ich mich sehr unruhig und war entschlossen Justine um jeden Preis zu sehen.

Ich sprach von meiner Schwester, die zu besuchen ich beabsichtigte. Der endlose Streit wollte eben wieder beginnen, als der Hausherr in's Hotel hereinfuhr. Herr von Lignoll kam ins Zimmer seiner Frau hereingestürzt und rief schon von weitem, als er uns erblickte:

»Wünschen Sie mir Glück, meine Damen, ich bringe von Versailles das Patent zu einer Pension von zweitausend Thalern.«

»Für wen?« fragte die Gräfin. »Für mich,« antwortete Herr von Lignoll mit vergnügtem Gesicht.

»Mein Herr, das freut mich sehr, weil es Ihnen so großes Vergnügen macht; aber was ist denn eine Pension von sechstausend Livres für Sie?«

»Ich habe keine größere erhalten können.«

»Sie verstehen mich falsch,« entgegnete sie in einem frostigen Tone, der wunderbar gegen die Freude ihres Gemahls abstach. »Weit entfernt, mich darüber zu beklagen, dass die Pension zu klein sei, wundere ich mich nur, dass Sie sich darum beworben haben. Sie, mein Herr, der mehr als zwölfmalhunderttausend Livres in liegenden Gütern besitzt und dem ich beinahe das doppelte in die Ehe mitgebracht habe.«

»Madame, man ist nie zu reich. Es ist wahr,« sagte der Graf sich die Hände reibend, »dass sich eine Menge von Mitbewerbern eingefunden hatte; ich war nicht der einzige Begünstigte. Auch von Apremont, dem ein einziges seiner Landgüter zwanzigtausend Thaler trägt. Dann Flainville.«

»Dieser hat die reiche Erbschaft seines Vaters durch Wucher vervierfacht!«

»Auch ein Herr von Saint-Prée . . . doch nein! ich irre mich, dieser hat nichts erhalten.«

»Wie Schade!«

»Sie kennen ihn?« fragte mich die Gräfin.

»Ja, Madame, ein alter Offizier voll Verdienst und Muth! Sie würden die Narben, von denen er bedeckt ist, nicht ohne Bewunderung sehen; und die Erzählung des vielfachen Unglücks, das sein Vermögen zu Grunde gerichtet hat, würde Sie sehr interessieren.«

»Er ist arm?« rief sie.

»Sehr arm; doch hat man wenigstens die Billigkeit gehabt, den ältesten seiner Söhne in die Kriegsschule und seine jüngste Tochter nach Saint-Cyr aufzunehmen.«

»Hat er viele Kinder?«

»Noch drei andere, sie leben mit ihm in einem Dorfe von Languedoc, so sagte man mir.«

»Hören Sie, mein Herr, ist es nicht etwas abscheuliches, wenn Höflinge, die im Überfluss leben, dieser unglücklichen Familie ihre letzten ehrenhaften Mittel rauben?«

Sie drehte sich gegen ihren Gemahl:

»Schämen Sie sich nicht?«

»Schämen? weshalb?« antwortete der Graf. »Wenn dieser Herr unglücklich ist, so beklage er sich; wenn er vergessen ist, so mag er sich zeigen. Was thut er in seiner Provinz, er komme nach Versailles, soll man ihn denn aufsuchen? er hat unglückliche Feldzüge mitgemacht; nun gut! sind nicht zehntausend Offiziere verwundet, wie er? ist er nicht geheilt wie sie? bei Hofe muss man Freunde, Geduld und Aufdringlichkeit haben. Wenn Herr von Saint-Prée dies Alles hat, so wird die Reihe schon an ihn kommen.«

Die Gräfin versetzte mit Lebhaftigkeit:

»Aber ohne Sie wäre die Reihe vielleicht an ihn gekommen.«

Herr von Lignoll wollte einen hochfahrenden Ton annehmen und antwortete:

»Wie kindisch Sie doch sind! Sie haben nicht die mindeste Weltkenntnis. Vorausgesetzt, ich hätte mich, um diesem Herrn Platz zu machen, gutmüthig zurückgezogen; andere minder Zartfühlende würden ihn verdrängt haben. Ohnehin, wenn man im Leben sich durch die vielen Privatrücksichten binden lassen wollte, so würde man nie an sich denken.«

Frau von Lignoll erröthete, erblasste, stampfte mit dem Fuße.

»Brumont, Sie hören ihn! das sind Sachen, die mich in Verzweiflung bringen! mein Herr, ich kenne, wie Sie richtig sagen, weder die Welt, noch das menschliche Herz, noch, Gott sei Dank, die Kunst der einschmeichelnden Beredsamkeit; aber ich höre auf mein Gewissen! es ruft mir zu, dass Sie heute den Minister beschwatzt, den König betrogen und den Unglücklichen bestohlen haben!«

»Madame, der Ausdruck –«

»Ja, mein Herr, bestohlen!«

Ihr Gemahl wollte hinausgehen, sie hielt ihn zurück; und in einem Tone, der ruhig schien, fuhr sie fort:

»Wenn Sie nicht binnen einiger Tage ein Mittel finden, Ihrer Pension zu Gunsten des Herrn Saint-Prée zu entsagen, so erkläre ich Ihnen, dass ich ihm selbst jedes Jahr auf indirectem Wege und in der Form des Schadenersatzes zweitausend Thaler zukommen lassen werde.«

»Wie es Ihnen beliebt, Madame; Sie können dies ungeniert thun! es ist höchstens das Drittheil der jährlichen Summe, die Sie sich zu Ihren Privatausgaben vorbehalten haben.«

»Schmeicheln Sie sich nicht mit solchen Hoffnungen, mein Herr! ich werde diesen Theil meines Einkommens nicht berühren. Obgleich ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig bin, so freut es mich doch, Ihnen zu wiederholen, was ich schon hundertmal gesagt habe. Ich würde kein Vergnügen haben, zwanzigtausend Franks auf eine thörichte Weise für meine Toilettenkleinigkeiten zu verschwenden, so lange es auf Ihren Gütern Unglückliche gibt, die kein Brod haben. Ich werde meine Ersparnisse nach meinem Herzen anwenden. Was die Schuld betrifft, die Sie soeben gegen Herrn Saint-Prée eingegangen haben, so werden Sie es mir überlassen, dieselbe mit unsern gemeinschaftlichen Gütern zu bezahlen; wenn Sie mir allein die Sorge überlassen, so werde ich meine Diamanten verpfänden und wenn ich diese einmal um Ihretwillen nach Mont-de-piété gegeben habe, so werden wir sehen, ob Sie dieselben nicht auslösen.«

»Nein, Madame!«

»Sie wagen Nein zu sagen! ich wiederhole Ihnen, dass ich es will, und dass es so geschehen wird. Herr Graf, wir wollen in Frieden leben, glauben Sie mir, treiben Sie mich nicht zum Äußersten: Ich habe Verwandte, ich habe Freunde.

»Meine Scheidung würde nicht schwer halten, da ich wichtige Gründe habe, und diese Scheidung würde nicht schwer auszuwirken sein. Sie werden meine Person leicht entbehren können, das weiß ich wohl, aber der Verlust meines Vermögens könnte Ihnen bittern Kummer bereiten. Hörst Du, liebe Brumont, denn ich kann es nicht verschweigen. Du siehst hier den gefühllosesten und geizigsten Menschen von der Welt. Alle Tage muss ich mit ihm streiten, um Knickereien oder Ungerechtigkeiten zu verhindern. Seit den sechs Monaten, die wir beisammen wohnen, habe ich nie das Vergnügen gehabt, ihn einmal, nur ein einziges Mal, einem Unglücklichen etwas geben zu sehen! sein einziges Glück besteht in Schätzesammeln, sein Gold ist sein Gott! heute, da er seine Reichthümer vermehrt hat, lebt er nur der Hoffnung, sie morgen auf's neue zu vermehren; und fragen Sie mich, für wen? für Seitenverwandte; denn, dass es Arme gibt, weiß er nicht; und Kinder wird er nie haben, wenn nicht anders eine unglückliche Charade –«

Seit einer Viertelstunde war die Gräfin sehr in Zorn; auf einmal fing sie an, wie eine Närrin zu lachen. Indes fuhr sie nach kurzem Nachdenken fort:

»Wenn nicht anders eine unglückliche Charade die Stelle eines geliebten Kindes vertritt; übrigens hat er Ursache, sie zu lieben, seine Charaden, denn es kostet ihn nichts, sie zu machen.

»Lieber Graf, am letzten Herbst wünschte ich, eine Reise nach Gatinois zu machen. Sie haben mich durch Hochzeitsbesuche aufgehalten, und ich habe erfahren, dass Sie seitdem auf meinem Gute gewesen sind und wünschen, dass ich es nicht erfahren soll. Jetzt, da ich Sie kenne, beunruhigt mich dieser geheimnisvolle Besuch wegen meiner Gutsbauern. Mein Herr, ich verlange, dass nichts in ihren Verhältnissen geändert wird; ich verlange, dass die Lehnsleute der Marquise von Armincourt nicht darüber sich zu beklagen haben, dass sie der Gräfin von Lignoll zugefallen sind. Meine gute Tante erzog mich unter diesen Leuten, sie lehrte mich sie zu lieben, zu achten und durch ihren Wohlstand reich, und durch ihr Glück glücklich zu sein. Ich erinnere mich noch mit Wonne daran, wie sie mir sagte: Eleonore, findest Du es nicht sehr angenehm, in Deinem Alter so viele Kinder zu haben, als in diesem Dorfe Bewohner sind? Ja, es sind meine Kinder, und ich will wieder unter sie treten, ich will ihnen als gütige und mütterliche Herrin entgegenkommen, ihre Arbeiten aufmuntern, ihre Feste anordnen, die Bälle eröffnen, die fleißigen Burschen belohnen und die hübschen Mädchen bekränzen.«

Noch vor einem Augenblick hatte die Gräfin gelacht, jetzt sah ich ihre Augen sich mit Thränen füllen.

»Mein Herr,« fuhr sie zum Grafen gewendet fort; »morgen reise ich.«

»Morgen! Madame, es ist zu früh, die Jahreszeit . . .«

»Verzeihen Sie, mein Herr! der Frühling, der im Anzug ist, bringt uns die schönen Tage zurück, es ist herrliches Wetter. Morgen reise ich nach meinem Landgute in Gatinois ab, bleibe dort einige Tage, komme zurück, um meine Tante abzuholen, deren Geschäfte bis dorthin beendigt sind, und bringe dann einige Wochen in der Franche-Comté zu, denn auch dort habe ich Schützlinge.«

»Aber, Madame –!«

»Mein Herr, ich reise morgen ab, und damit Punktum! ich werde Fräulein von Brumont mitnehmen. Wenn Sie gerüstet sind, so werden Sie mitreisen. Haben Sie aber Geschäfte, genieren Sie sich nicht! ich bedarf weder zu meinen Arbeiten, noch zu meinen Vergnügungen eines Mannes, der gleich unfähig ist, zum Glücke eines Menschen beizutragen, als sein Unglück mitzufühlen.«

In diesem Augenblick gab sie Befehl, dass man ihr Gepäck und ihren Reisewagen rüste. Herr von Lignoll erhob sich und entfernte sich sehr unzufrieden. Die Gräfin vergoss einige Thränen, ich sah die zärtlichste Theilnahme auf ihrem Gesichte leuchten, wo der Ausdruck des Zornes soeben erloschen war; mein Herz wurde von dem wonnigen Gefühle durchdrungen, von dem das ihrige lebhaft bewegt schien. Einige Minuten, nachdem er sich entfernt hatte, kam Herr von Lignoll ins Zimmer der Gräfin zurück. Zum Glück hatte ich die Riegel vorgeschoben.

»Sie haben sich eingeschlossen?« rief er.

»Ja, mein Herr,« antwortete sie.

»Warum denn?«

»Weil wir unsere Charaden wieder anfangen.«

»Ist dies ein Grund, warum ich nicht hineinkommen kann?«

»Ob es ein Grund ist! ich glaube wohl. Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein Herr, dass ich nicht gestört sein will, wenn ich komponiere! Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder, bis dahin ist die Lection vielleicht zu Ende.«

»Eleonore, meine bezaubernde Freundin, soeben hörte ich Dich mit Entzücken Deinem Gemahl Tugenden predigen, die ich anbete. Du bist mir theuerer geworden. Du scheinst mir hübscher.«

»Eben so wie Du jetzt sagst, hat auch meine Tante immer zu mir gesagt, ein Ausdruck von Güte schmücke ein Gesicht besser, als alles Geschmeide der Welt. Sie hatte also Recht, da mein Geliebter dieselbe Bemerkung macht.«

»Oh, wie vergnügt bin ich!« rief sie fröhlich, »gut und mitfühlend zu sein, wenn mich dies in Deinen Augen wirklich liebenswürdiger macht! Sieh, Faublas, ich werde es mit jedem Tage mehr sein! Siehst Du, mein Freund, ich habe meine Fehler, wie jeder Mensch; ich bin lebhaft, herrisch, jähzornig; man könnte mich für boshaft halten, im Grunde gibt es keine bessere Frau, als mich; ich bin Goldes wert. Alle Tage wirst Du neue Eigenschaften an mir entdecken, das sage ich Dir. Du wirst sehen! morgen führe ich Dich auf mein Landgut; ist es Dir lieb?«

»Ich bin entzückt, meine kleine Freundin.«

»Warum klein? nicht so sehr, glaube ich. Ich hoffe, es wird Dir Vergnügen machen mit mir zu reisen, mein theurer Freund.«

»Großes Vergnügen, ganz gewiss! Um auf die Frage zurückzukommen, die Du soeben an mich stelltest, so bin ich entzückt, mit Dir auf's Land zu gehen, aber wenn Du willst, dass ich morgen abreise, so musst Du zugeben, dass ich heute, und zwar allein, zu Adelheid gehe.«

Hier fing unser Streit wieder an, der diesmal ganz zu meinem Vortheil endigte; ich hatte sogar das Glück, der Gräfin begreiflich zu machen, dass sie mir ihren Wagen nicht zu geben brauche. Man ließ einen anständigen Fiaker vorfahren, dem ich zuerst Adelheids Kloster angab, aber einige Schritte vor dem Hotel befahl ich meinen Phaëton, mich heimlich zu Justine zu führen.

Dieselbe war noch im Bette, wo Herr von Valbrun mit ihr plauderte. Dennoch riefen beide sogleich: »Herein!« als man mich meldete. Ich wurde wie ein intimer Freund empfangen. Ich weiß nicht, ob der Vicomte ganz frei von Eifersucht, mich so gerne bei seiner Geliebten sah, wie er es mir versicherte; aber das weiß ich, dass Frau von Montdesier sich vergeblich anstrengte, Herrn von Valbrun nicht merken zu lassen, dass sie den Chevalier ihm vorzog. Als ich von meinen Angelegenheiten zu sprechen anfing, sagte sie mit Bedauern, dass sie mir keine Nachrichten von der Marquise mitzutheilen habe, und sie erklärte sich gern bereit, ihr zu wissen zu thun, dass ich mit Frau von Lignoll nach dem Schlosse M. reise. Der Vicomte versprach mir seinerseits, der Baronin nicht zu sagen, an welchem Orte er mich getroffen habe. Wenn ich in meiner neuen Verkleidung vor ihr erschienen wäre, so hätte dies meiner Adelheid großes Herzeleid gemacht, und von mir wäre es eine unnöthige Unvorsichtigkeit gewesen.

Ich begnügte mich im Wagen ein kleines Billet zu kritzeln, das ich der Pförtnerin zustellen ließ, und worin ich Fräulein von Faublas benachrichtigte, dass ihr Bruder sich auf einige Tage auf's Land begebe. –

Wir reisten am anderen Tage in aller Frühe ab, Frau von Lignoll und ich; der Graf, der durch einige Geschäfte zurückgehalten war, machte uns Hoffnungen, dass er uns vor acht Tagen nicht werde besuchen können. Ich kann die Freude nicht beschreiben, die meine junge Freundin empfand, als sie sich mit mir auf der Landstraße sah; auch mich ergötzte diese Reise, das lässt sich leicht erklären, denn wenn man mit einer jungen, reizenden Frau, die man liebt, allein in der Post fährt, so vergisst man im jugendlichen Leichtsinn Alles um sich herum und lebt eben nur dem glücklichen Augenblick. Es war ungefähr fünf Uhr, als wir in ihrem Schlosse ankamen, das mehr als zwanzig Meilen von Paris entfernt war.

Wir hatten nicht zu Mittag gespeist, ich fühlte ein lebhaftes Verlangen, mich zu Tisch zu setzen, allein die Gräfin bestand darauf, dass wir zuerst die Zimmer besichtigten, welche man für ihren Besuch in Bereitschaft setzte. Sie traf die Verfügung, dass Fräulein von Brumont ihr Schlafzimmer mit ihr theile.

Inzwischen hatte sich die Nachricht von unserer Ankunft in den Dörfern verbreitet, die der Gräfin gehörten, und noch an demselben Abend fand ein großer Zusammenlauf in's Schloss statt. Frau von Lignoll empfing Alle. Sie war gleich gütig und besorgt für das Wohlergehen ihrer Dorfkinder.

Alle zeigten eine bescheidene Zuversichtlichkeit vor Frau von Lignoll. Alle wünschten sich Glück zur Rückkehr der Gräfin, bedauerten aber die Marquise von Armincourt nicht zu sehen, sie baten den Himmel, der Nichte die Wohlthaten zukommen zu lassen, womit die Tante sie überhäuft hatte.

Um meine reizende Freundin gedrängt, überschütteten sie die Weiber mit Danksagungen und Lobeserhebungen, die Mädchen bedeckten sie mit Blumen, die Kinder stritten sich um die Ehre, ihr Kleid zu küssen. Würdig der Liebe, die sie einflößte, hatte Frau von Lignoll alle Namen behalten; sie richtete an den alten Thibaut eine freundliche Danksagung, an die gute Jakobine eine verbindliche Frage, ein schmeichelhaftes Kompliment an die junge Adele, eine süße Liebkosung an den kleinen Lukas. Sie erkundigte sich mit unruhiger Theilnahme nach dem Stand der allgemeinen Angelegenheiten; wahrlich! man hätte sie für eine Mutter halten sollen, die soeben in den Schoß ihrer glücklichen Familie zurückgekehrt ist.

»Eleonore,« sagte ich zu ihr, »meine theuere Eleonore! Sie verdienen der Gegenstand der allgemeinen Freude zu sein, denn Sie scheinen sie lebhaft zu fühlen.«

»Sehr lebhaft, mein Freund, das versichere ich Dir! ich bin bis zu Thränen gerührt. Nie hat mich den ganzen Winter über die interessanteste Tragödie so stark ergriffen. Sage mir doch, warum so viele wohlhabende Leute, die auf ihren Landgütern niemanden einen Dienst erweisen, in Paris in die Theater laufen, um sich durch erdichtete Leiden rühren zu lassen?«

»Sie werden durchaus nicht gerührt, meine Freundin, nur der dritte Stand weint im Theater. Die sogenannten Gebildeten wissen nicht einmal, wann der Schauspieler da ist; sie gehen in die Logen, um sich zu belorgnetieren und in den Gängen zu begrüßen. Sie sehen ein, dass sie dort kein Vergnügen haben; aber sie betäuben auf einige Augenblicke die Langweile, die sie tödtet.«

»Du hast Recht, ich selbst habe es einige Male zu bemerken geglaubt; auch ist mein Entschluss gefasst.

»Ich werde den größten Theil des Jahres auf meinen Gütern zubringen, und das Geld zu wohlthätigen Zwecken anwenden, das mich eine Loge in jedes der drei Theater kosten würde.«

»Ah! meine Freundin, wie kurz werden Dir dann die Tage sein! wenn Du immer den Unglücklichen beistehst, so wirst Du keinen Augenblick zu verlieren haben. Was die Vergnügen betrifft, wirst Du dabei doch viel gewinnen, glaube ich; interessante Scenen werden Dich aufsuchen.«

»Nun gut!« rief sie, »ich bin entschlossen, ich werde auf meinen Gütern bleiben, vorausgesetzt, dass Du mich nicht verlässt, Faublas: versprich mir, dass Du mich nicht verlässt, dass Du mir treu bleibst.«

»Warum sollte ich es nicht sein, meine reizende Freundin? wo konnte ich mehr Tugenden finden und dabei so viele . . .«

Mehr konnte ich nicht sagen. O, meine Sophie! eine Erinnerung hinderte mich zu vollenden.

»Du wirst mich also immer lieben?« versetzte Frau von Lignoll ganz leise.

»Immer, liebste Freundin!«

»Du wirst Dich immer nur mit mir befassen?«

»Nur mit Dir . . . aber sehen Sie doch, Frau Gräfin, wie diese Bäuerinnen so hübsch sind.«

»Und wie gesund diese guten Leute aussehen,« antwortete sie, »ich bin überzeugt, dass von hier aus viele schöne und gesunde Kinder kommen, weil die Eltern mit ihrem Lose zufrieden sind.«

Während ich mit der Gräfin diese Unterhaltung führte, waren mehr als hundert Gedecke auf einen ungeheuern Tisch, der in einem beleuchteten Saal aufgestellt war, gebracht worden. Die Geiger waren soeben angekommen; eine ungeduldige, rund um uns aufgestellte Jugend erwartete das Zeichen. Frau von Lignoll nahm die Hand eines hübschen Jungen; ich that dasselbe, und der Ball begann.

Die Stunde des Abendessens kam zu früh für die Tänzerinnen und ihre Liebhaber, aber zur Zufriedenheit der Mütter und Väter, die sich in solchen Fällen viel lieber zu Tische setzen, als die Kinder. Frau von Lignoll wünschte, dass ich mit ihr beim Gastmahle bliebe. Wir zogen uns zurück, als die Gäste mehrere Gesundheiten auf ihre Wirtin und die geliebte Tante ausgebracht hatten, und die Greise Loblieder auf Bachus, und die jungen Leute Hymnen auf den Liebesgott sangen.

Ich kann sagen, dass ich, durch die Vergnügen der vorhergehenden Nächte etwas erschöpft, im Laufe dieser kein anderes Vergnügen hatte, als ruhig zu schlafen. Herr von Lignoll hätte an meiner Stelle weder mehr, noch weniger gethan; übrigens bin ich weit entfernt, mich dessen zu rühmen, im Gegentheil, ich mache mir Vorwürfe.

Es war noch nicht Mittag; seit mehreren Stunden führte mich die Gräfin in ihrem Parke herum; ein englischer Garten lud uns ein, im Schatten eines dichten Gehölzes einige Ruhe zu genießen; ein wahrer Zephyr fächelte sanft die Blätter der Ceder und der Weide, des Ahorns und des Lerchenbaums, der Platane und der Akazie. Unter ihren in einander geschlungenen Zweigen besangen tausend Vögel den Frühling und seine Vergnügungen; ein in seinem Laufe etwas langsamer gewordenes Büchlein liebkoste mit seiner silbernen Welle die Blumen, die seine Ufer bekränzten. In einem dunkeln Gebüsche von ineinandergeflochtenen Syringen und Rosensträuchern, Geissblatt, Hagedorn, war eine geheimnisvolle Grotte, das letzte Asyl der Liebe.

Voll Freude gehe ich hinein; und wie groß war mein Erstaunen, als ich am Eingang die Aufschrift lese: Charadengrotte.

»Charadengrotte,« rief ich.

»Ja,« sagte die Gräfin; »man braucht zu fragen,« setzte sie, aus vollem Halse lachend, hinzu, »ob der Herr Graf sich letzten Herbst hier übte?«

Dann fuhr sie mit ernstem Ton hinzu:

»Faublas, wagtest Du wohl, sie zu betreten, diese Grotte?«

Ich hatte die Kühnheit, mit ihr in diesen Ort der Lust hineinzutreten; ein Moosbett, wie von der Hand der Venus bereitet, nahm die beiden Liebenden auf . . . einige Minuten hörten wir nicht mehr die Vögel, den sanften Zephyr, die Welle . . .

Die glückliche Grotte hatte ihren Namen verdient; und vielleicht hätten wir sie noch weiter darin bestätigt, als die Annäherung eines Uneingeweihten uns nöthigte, unseren Zärtlichkeiten ein Ende zu machen.

Es war abermals Herr von Lignoll, der uns durch sein plötzliches Dazwischenkommen überraschte.

»Ah! Ah!« lachte er, »waret Ihr hier mit der Arbeit beschäftigt?«

»Ja, mein Herr; haben Sie es mir denn nicht gestattet?«

»Ganz gewiss!«

»In diesem Falle muss Ihnen der Ort gleichgiltig sein.«

»Vollkommen gleichgiltig, aber Madame. Sie haben eine sehr verlegene Miene; wäre ich zu ungeschickter Zeit gekommen?«

»Zu ungeschickter Zeit – nein – nicht gerade – wir beschäftigten uns mit Ihnen.«

»Wie, bei der Verfertigung einer Charade?«

»Wir machen nie eine solche, ohne dass Sie dabei betheiligt wären.«

»Inwiefern das?«

»Das wie kann ich Ihnen nicht erklären. Kurz, geben Sie sich zufrieden! es handelt sich nur um eine Kleinigkeit, welche Sie ein wenig betreffen sollte, aber in der That nicht ein wenig, ja nicht im mindesten betrifft.«

»Auf Ehre, Madame, das ist dunkel! ich begreife jetzt rein nichts mehr davon.«

»So muss es auch sein, mein Herr; aber vielleicht erfahren Sie es eines Tages . . . Doch genug von den Charaden! Sie sind sehr schnell gekommen, mein Herr; haben Sie Ihre Geschäfte so rasch abgemacht?«

»Madame, ich habe sie nicht abgemacht. Ich gedenke übermorgen abzureisen. Ich kam, weil es mich drängte, Sie vorher zu sehen, und dann auch, um dieses Gut in Augenschein zu nehmen, das seit einer Anzahl von Jahren ziemlich schlecht verwaltet wird.«

»Ziemlich schlecht? nie werden Sie es besser verwalten. Ich verlange keine Änderung.«

»Indessen werden doch einige kleine Reformen vorgenommen werden müssen.«

»Nicht eine! ich erkläre Ihnen zum voraus, dass ich es nicht dulde, mein Herr,« fuhr sie fort, indem sie die Grotte verließ; »Sie haben vielleicht eine Charade zu verfassen? wir lassen Sie allein.«

»Aber, Madame! wenn der Ort Ihnen Vergnügen macht, so ist das Gehen an mir.«

»Nein, nein, bleiben Sie!« antwortete sie lachend, »wir sparen es für ein ander Mal auf, und ich kann Ihnen den Trost geben, dass wir nichts davon verlieren werden.«

Nach Tische schlug mir Frau von Lignoll vor, mit ihr zu fahren.

Im ersten Dorfe traten wir bei einem Pächter der Gräfin ein; sie sagte zu ihm:

»Bastian! Du bist gestern nicht zum Nachtessen zu mir gekommen; ich komme heute auf ein Vesperbrod zu Dir.«

Der gute Mann schlug verwirrt die Augen nieder. Seine nicht so ängstliche Frau erwiderte:

»Mein Mann meinte, dass er sich die Ehre nicht geben wolle, unsere gnädige Frau zu besuchen, weil er mit seinem Kummer ihrem Herzen nicht weh thun wollte; und er schwört darauf, dass sie nichts davon weiß.«

»Eben, weil ich nichts davon weiß, muss ich es sogleich erfahren. Schnell, Bastian, erzähle mir Dein Anliegen; wir sind alte Freunde; komm, setz' Dich hierher und rede!«

Der gute Pächter ließ sich noch eine Weile zureden und erklärte sich dann:

»Ich habe meinen Pacht erneuert; Ihr Verwalter hat den Pacht erhöht.«

»Erhöht, um wie viel?«

»Um hundert Pistolen.«

»Bastian, sprich die Wahrheit, was erwarbst Du jährlich bei mir?«

»Zwei tausend Franken.«

»Und Du hast also jetzt nicht mehr, als hundert Pistolen Einkommen?«

»Nein, Madame!«

»Und bist Vater von fünf Kindern, nicht wahr?«

»Seit wir die gnädige Frau nicht gesehen haben, hat mich Gott mit einem sechsten gesegnet.«

»Schöner Segen für einen armen Teufel, der nur tausend Franken erwerben soll!«

Sie wandte sich gegen mich:

»Der Vater, die Mutter, sechs Kinder! und um Alles zu ernähren, zu logiren, zu kleiden, hundert elende Pistolen! ich weiß, dass das streng genommen in diesem Lande keine Unmöglichkeit ist; aber niemals einen Freund bewirten zu können, nie ein Huhn im Topfe zu haben, sich jederzeit auch die geringste Ausgabe versagen zu müssen, und endlich nach Jahren von Arbeit und Sparsamkeit nichts vor sich gebracht zu haben, um den Söhnen eine häusliche Einrichtung, den Töchtern eine Mitgift geben zu können, nein, gute Leute, nein, das darf nicht sein! Ich bitte Sie, liebe Brumont, thun Sie mir den Gefallen, Lafleure zu sagen, dass er sogleich meinen Geschäftsführer benachrichtige, ich sei hier und erwarte ihn!«

Als ich wieder zurückkam, sprach die Gräfin:

»Sei ruhig. Bastian, fasse Muth und bringe mir Rahm! Fräulein Brumont und ich lieben ihn beide sehr.«

Er brachte zwei Teller voll. Die Gräfin aß mit dem größten Appetite und wir wetteiferten beide beim Essen, als der Geschäftsführer ankam.

Sogleich wurde das Gesicht der Gräfin wieder ernsthaft.

»Ich möchte gerne wissen, mein Herr, wie Sie, ohne mich zu fragen, den Pachtschilling dieses rechtschaffenen Mannes erhöht haben?«

»Madame, ich kenne die Absichten des Herrn Grafen.«

»Ich verstehe. Aber Sie haben nicht daran gedacht, dass dieses Mittel, ihm den Hof zu machen, mein höchstes Missfallen erregt. Hören Sie, ich will die Sache mit Herrn von Lignoll nicht besprechen; Sie haben den Fehler gemacht und Sie müssen ihn wieder verbessern. Wenn morgen Vormittag kein neuer Pachtschein in meinen Händen ist, der Alles auf den alten Fuß setzt, so haben Sie das letzte Mal im Schlosse geschlafen.«

»Madame!«

»Keine Gegenrede! gehen Sie!«

Mann, Frau und älteste Tochter warfen sich der Gräfin zu Füßen und benetzten ihre Hände mit Thränen.

Hingerissen von dem Drang der Begeisterung, stürzte ich mich in ihre Arme, drückte sie an meinen Busen, gab ihr viele Küsse und rief aus:

»Anbetungswürdiges Kind, wie wirst Du mir so theuer!«

»Liebe Freunde,« sagte sie zu den Pachtleuten, »das ist zu viel, steht auf, steht doch auf! wenn die Dankbarkeit eine Schuld ist, so hat Brumont sie für Euch bezahlt. Alle Reichthümer der Erde könnten das Vergnügen, das ich empfinde, nicht aufwiegen.«

Wir gingen fort, begleitet von den Segenswünschen dieser guten Leute. Noch lange in die Nacht hinein schwebte mir das Bild vor Augen, welches mir der Anblick auf die glückstrahlende Gesichter der Familie bot, und dieses verdankte ich einem Engel mit goldenem Herzen, die trotz ihrer kleinen Fehler mich an meine theuere Sophie erinnerte.

Als wir aufwachten, war es heller Tag. Frau von Lignoll schlug mir eine Spazierfahrt vor. Wir sollten ihren Mann besuchen, der auf die Jagd gegangen war. Ich nahm den Vorschlag an; wir fuhren ab. Bald, vielleicht eine halbe Stunde vor dem Schloss, stiegen wir aus, weil die Gräfin einen Hügel mit mir ersteigen wollte. Schon näherten mir uns seinem Gipfel, und die Leute der Gräfin waren ziemlich weit hinter uns, als wir zu unserem Erstaunen einen Reiter in vollem Galopp daher sprengen sahen. Er hielt neben uns an und betrachtete uns neugierig.

»Was will dieser Mensch?« fragte die Gräfin.

»Ich habe einen Brief an Fräulein von Brumont zu übergeben.«

»Her damit!« rief die Gräfin.

»Ich soll ihn dem Fräulein von Brumont selbst einhändigen.«

»Ich bin's.«

Er entgegnete ihr:

»Nein, Sie sind es nicht! der ist es,« sagte er auf mich deutend.

»Wie der! Sie irren sich, mein Lieber!«

»Ja, der!«

Er gab mir das Briefchen und flog eben so schnell wieder davon, als er gekommen war.

Ich erbrach den Brief und las.

»Was gibt's denn, Faublas?« schrie sie. »Du erbleichst?«

»Nichts, nichts, meine Theuere!«

»Zeige mir das Billet!«

»Unmöglich.«

Bevor ich ihre Absicht errathen konnte, riss sie mir das verhängnisvolle Papier aus der Hand und steckte es in ihre Tasche.

Wir stiegen den Hügel wieder herab und schlugen den Weg zum Schloss ein. Trotz meiner inständigen Bitten konnte ich sie nicht zur Herausgabe des Briefchens bewegen.

Auf ihr Zimmer zurückgekehrt, schloss sich die Gräfin mit mir ein. Sodann eilte sie unversehens in ein Toilettenkabinet, dessen Thüre sich hinter ihr schloss, und nichts verhinderte sie den verhängnisvollen Brief zu lesen. Es war eine Aufforderung, die so lautete:

»Du warst lange Fräulein Duportail, jetzt bist Du Fräulein von Brumont. Immer habe ich in Deinem Angesicht gelesen, dass Du es zur Aufgabe Deines Lebens machen würdest, Ehemänner zu täuschen und Frauen zu verführen. Es hing nur von mir ab einen zweiten in das Interesse meines Streites zu ziehen, indem ich Dein Geheimnis bekannt machte; aber Du könntest glauben, ich fürchte mich. Wenn Du nicht in Wirklichkeit ein Weib geworden bist, so begibst Du Dich in drei Tagen, vom 10. laufenden Monats März, in den Forst von Compiègne, mitten in den zweiten Querweg links. Ich werde mich dort von 5 bis 7 Uhr abends aufhalten, ohne Freund, ohne Bedienten, und keine andere Waffe mitbringen als meinen Degen.

Unterzeichnet: Der Marquis von B...«

Frau von Lignoll war noch keine zwei Minuten verschwunden, als sie zurückkam und sich in meine Arme stürzte.

»Du musst Dich stellen, mein Freund,« rief sie mir zu, »Du musst! ich bin nicht so sehr Weib, um Dir einen Rath zu geben, der gegen Deine Ehre läuft. Wir essen jetzt zu Mittag und reisen dann, nicht wahr?«

»Ja, meine Theuere!«

»Am zehnten! heute ist der neunte; Du hast vierzig Stunden zu machen. Kein Augenblick ist zu verlieren. Sprich doch!«

»Ja, meine Freundin.«

»Gut denn, wir werden heute Nacht in Paris ankommen. Du wirst morgen Abend um fünf Uhr in Compiègne sein und ehe es Nacht wird, den Marquis umbringen, versprich mir es!«

»Ja, meine Beste.«

»Aber lass Dir's ja nicht einfallen, ihn zu fehlen. Tödten musst Du ihn wenigstens, denn er ist im Besitz unseres Geheimnisses. Du begreifst doch die Gefahr? Du begreifst?«

»Ja, meine theuere Freundin.«

»Und dennoch ist es eine sehr grausame Sache, einem das Leben zu rauben! . . . den Mord eines Menschen auf sich zu laden! Nein, Faublas, nein! tödte ihn nicht, verwunde ihn nur und lass Dir sein Ehrenwort geben, dass er seinen Mund hält. Hörst Du?«

»Ja, meine Eleonore.«

»Und dann kehrst Du sogleich zurück und versicherst mich, dass die Sache abgemacht ist. Ich erwarte Dich in Paris. Du musst aber sogleich zurückkehren.«

»Ja, meine Freundin.«

»Oder ich begleite Dich; das kann sehr leicht geschehen.«

»Ja, meine Freundin.«

»Was, es ist zum Wahnsinnigwerden, er sagt immer ja, er antwortet mir, ohne mich zu hören.«

Ich hörte sie wohl, aber ich verstand sie nicht. Entsetzt über die Leiden, die mir drohten, dachte ich verzweiflungsvoll daran, dass ein Duell mich zum zweitenmal des Vaterlands berauben, meinen Freunden, der Marquise, meiner Schwester, meinem Vater – ach, meiner Sophie – und muss ich es noch sagen, dieser kleinen lieben Frau von Lignoll, die ich jeden Tag liebenswürdiger und interessanter fand, entreißen sollte!

»Faublas,« fuhr sie fort, »Faublas, sage mir doch, was Dich beunruhigt; bist Du darum niedergeschlagen, dass Du mich einige Tage verlassen musst? auch ich, mein lieber Freund, bin darüber trostlos; aber diese Abwesenheit wird nicht von Dauer sein, ich sehe Dich übermorgen wieder, nicht wahr? so rede doch!«

»Ja, meine Freundin.«

»Sie sprechen dieses ja noch immer mit demselben Tone aus, mein Herr! Sie hören mich nicht!«

»Ja, meine Freundin.«

»Großer Gott! in welcher Zerrüttung er ist! Ist es möglich in solchem Grade? aber wie? wenn es wirklich geschähe! wenn es umgekehrt der Fall sein sollte, wenn Herr von B... es wäre, der ihn tödtete; doch nein, das kann nicht sein. Mein Geliebter ist der gewandteste und tapferste aller Männer, . . . Faublas, Du bringst ihn um, sage ich Dir, Du musst ihn umbringen, antworte mir doch!«

»Ja.«

»Noch einmal dieses verwünschte, verzweifelte Ja, mein Herr!«

»Enden Sie, Leonore, Sie thun mir weh!«

»So sprich doch mit mir, sprich doch, sage mir, mein Freund, was Dich beunruhigt!«

»Was mich beunruhigt? Du kannst noch fragen? Leonore, ein Duell!«

»Er hat Recht; großer Gott! Bei der Strenge des Gesetzes, das jetzt herrscht, müsste er Frankreich verlassen, fliehen, um nicht abermals in Banden geschlagen zu werden, oder in die Bastille zu wandern, die er nur durch ein Wunder so bald verließ, was sage ich, verließ; nur den aufopferndsten Bemühungen der Marquise, die ihn ebenfalls liebt, gelang es, ihn frei zu bekommen, und jetzt sollte es die Rache des beleidigten Gemahls sein, der ihn abermals zwingen will, Frankreich zu verlassen.«

»Frankreich verlassen! mein Freund, verlass es nicht, komm zu mir. Du bist besser bei mir aufgehoben, als in der Fremde. Und wenn man Dich verhaftet, noch einmal einkerkert, uns auf ewig trennte! Ach, Faublas, ich bitte Dich, lass Dich nicht verhaften; lass Dich nicht in den Kerker führen, erwarte nicht die, welche Dich ereilen wollen. Kehre schnell nach Paris zurück! fliehe zu Deiner Freundin! Und wenn sie es wagen, Dich bis in mein Haus zu verfolgen, wenn sie es wagen, lass nur mich machen, sie sollen es mit mir zu thun haben. Faublas, ich vertheidige Dich, Du mich, wir werden zu Zweien sein.«

Madame Lignoll gab mir in ihrer äußersten Bewegung tausendmal einen andern, fast immer den gleichen Rath, wovon ich nicht einen benützen konnte. Man unterbricht sie endlich, indem man einen Besuch anmeldet.

»Ich bin nicht da,« schreit sie. »Madame,« antwortet man ihr, »der Herr Pfarrer.«

»Der Herr Pfarrer! schickt ihn nicht weg; er soll eintreten.«

Sie öffnete schnell die Thüre.

»Würdiger Mann, Sie kommen sehr gelegen; ich wollte Sie eben einladen lassen. Ich frage Sie nicht, was Sie mit dem Gelde angefangen haben, das meine Tante Ihnen bei ihrer letzten Reise zurückgelassen hat; ich verkenne ebenso wenig Ihre Weisheit als Ihre Rechtlichkeit. Zudem sah ich schon in den zwei Tagen meines Hierseins, ja, ich sah Behagen in allen Wohnungen und Dank auf jedem Gesichte. Mein Herz ist befriedigt. Ach! und doch will ich Ihnen nicht verhehlen, dass ich einen doppelten Kummer habe; Sie wissen, die Frau Marquise hat es niemals zugegeben, dass irgend jemand auf ihrem Gut sich von Taglohn nähren müsse. Ich erfahre, dass der arme Anton in dem Fall ist.«

»Man versichert, er sei ein braver Junge, der nie das Unglück verdiente, wodurch er zu dem traurigen Lose eines Handlangers herabsank.«

»Man hat Recht, Frau Gräfin.«

»Wohlan denn, kaufen wir ihm einige Joch Landes, dass der redliche Mann sein eigenes kleines Feld zu bebauen habe. Ferner schmerzt mich, dass ich gestern auf einem Spaziergange bemerkte, wie in der untern Gasse die vierte Hütte rechts in Trümmer fiel; sie gehört, wenn ich nicht irre, dem Winzer Duval; der gute Greis hat vielleicht nicht die Mittel, sie wieder aufzubauen. Es ist die alte Wohnung seiner Väter, er hat zufrieden darin gelebt, ich will, dass er ruhig darin sterbe. Wir wollen einige Louisd'ors dafür ausgeben. Was die Querstraße betrifft, die zunächst in die Stadt führt, und die meine Tante theilweise hat pflastern lassen, so konnte ich sie noch nicht in Augenschein nehmen, aber ich glaube nicht, dass man schon weit damit gekommen ist.«

»Nein, Madame.«

»Ei, desto schlimmer! die armen Leute, welche bei jedem Wetter ihr Getreide in die Stadt führen müssen, büßen zuweilen ihre Pferde auf diesem abscheulichen Wege ein, und waten bis zum Kniee im Schmutz. Das ist ihrer Gesundheit und ihrem Beutel zugleich nachtheilig. Wären wohl zwölfhundert Franken hinreichend, diesen Weg zu vollenden?«

»Ich glaube, Frau Gräfin.«

»Wohlan, er soll in diesem Jahre fertig sein!«

Sie nahm eine Feder, schrieb einen Augenblick, dann ging sie auf den ehrwürdigen Geistlichen zu. »Hier, Herr Pfarrer, ist ein Schein auf 4000 Franken für meinen Geschäftsführer; Sie werden zuerst die Summe davon abziehen, deren Verwendung wir soeben besprochen haben, und den Rest sodann an die Bedürftigsten verteilen. Ich brauche mich nicht zu entschuldigen, dass ich Ihnen dadurch so viele Mühe mache; ich weiß, meine Kinder sind auch die Ihrigen; glauben Sie mir, dass ich mit Freuden Ihre Sorgen dafür theilen würde; aber eine dringende Angelegenheit ruft mich nach Paris zurück.«

»Sollte es ein Unglück sein?« rief der würdige Mann aus; »Sie haben Thränen in den Augen, Frau Gräfin, Ihre Farbe hat gewechselt. O, mein Gott, sei gerecht, sende dieser edelmüthigen Frau nur Glück! der Niedergang ihres Wohlstandes würde hundert Familien in Noth zurückwerfen. O, mein Gott! für wen wolltest Du die Reichthümer aufbewahren, wenn Du sie denjenigen entzögest, die den besten Gebrauch davon machen, und wer auf der Erde dürfte Glück fordern, wenn es für so viele Tugenden nicht gewährt würde?«

Einige Stunden nach dem Abgange des guten Priesters kam Herr von Lignoll von der Jagd zurück; er begann eine lange Geschichte zu erzählen von allen schönen Schüssen, die er gethan hatte, als ihm Madame ankündigte, dass wir sogleich speisen und abreisen würden. Der Graf nahm diese Nachricht mit Erstaunen, aber zugleich mit Vergnügen auf; er sagte uns, dass, obwohl er sich vorgenommen hätte, erst am folgenden Tage nach Paris zurückzukehren, er dennoch seine Abreise um einen Tag beschleunige des Vergnügens wegen, unser Begleiter zu sein.

Die Gräfin, welche lieber mit mir allein gereist wäre, machte einige Versuche, ihren Mann zu geringerer Höflichkeit zu bewegen. Unglücklicherweise hatte er bereits berechnet, dass diese gemeinschaftliche Rückfahrt einige Reisekosten ersparen würde, und Madame war offenbar nicht der Meinung, dass es hier am Platze sei, ein Machtwort zu sprechen.

Und allerdings war sie sehr bald durch eine bessere Veranlassung genöthigt, ein »ich will es« sagen zu müssen. Wir standen eben vom Tische auf, als der Geschäftsführer zu seiner Gebieterin kam, um den Grafen zur Unterzeichnung des neuen Pachtbriefes von Bastian zu ersuchen.

Herr von Lignoll weigerte sich anfänglich; Madame gerieth sogleich in Zorn. Die Erörterung war lebhaft und Herr von Lignoll unterzeichnete mit einem tiefen Seufzer.

Endlich waren wir reisefertig; das ganze träumerische Wesen von Frau von Lignoll bewies mir hinlänglich, dass sie an die Leiden dachte, die unserer Liebe drohten, und dennoch glaubte ich, dass ich noch unruhiger, noch trauriger war, als sie.

Dieser durch gerechte Gesetze verbotene, durch tyrannische Ehre befohlene Kampf, dieses unheilvolle Duell, zu dem ich mich begab, quälte mich entsetzlich. Irgend eine süße und grausame Ahnung sagte mir dabei, dass ich mich dem interessantesten Augenblicke meines Lebens nähere, dass einige Minuten mich in die peinlichste Lage versetzen würden, worin sich ein allzu gefühlvoller Mann jemals befunden hat, der von den Ereignissen und seinen Leidenschaften zugleich bekämpft wurde.

Wir hatten zwei Stunden Wegs zurückgelegt. In der Ferne entdeckte ich die Stadt Montcourt und nahe bei uns das Kloster Fromonville.

Frau von Lignoll fühlte sich unwohl, die Art dieses Unwohlseins machte mich vor Unruhe und Vergnügen zittern.

Es war ein starkes Herzklopfen. Welche Freude und welcher Schmerz für mich! meine Leonore war Mutter! sie war es ganz gewiss! aber ich sollte sie verlassen! ich sollte mich schlagen! und in drei Tagen vielleicht sah ich mich genöthigt, Alles auf einmal zu verlassen! Alles! Geliebte, Kind, Vaterland! und meinen Vater! und meine Sophie! . . . Sophie, die ich nicht mehr allein, aber immer anbetete!

So wogte mein Geist in tausend verschiedenen Gedanken umher, so empfand meine Seele tausend verschiedene und entgegengesetzte Gefühle. Und das war ein schwaches Vorspiel der schrecklichen Gemüthsbewegungen, die meine Geliebte mit mir theilen sollte.

Ihr Gemahl rieth ihr zuerst und ich selbst drang in sie, einen Augenblick ihre Berline zu verlassen und sich ein wenig durch eine Bewegung zu erholen. Sie kannte die Gegend und erklärte uns, dass sie sich wirklich stark genug fühle und der Wunsch hege, die Brücke von Montcourt gehend zu erreichen, wo sie ihrem Kutscher uns zu erwarten befahl.

Sie wollte nicht zugeben, dass ihre Frauen, die in einer Kalesche saßen, ausstiegen und sie begleiten. Wir verließen die große Straße und gingen durch das Dorf Fromonville hinab bis zur Klause dieses Namens. Die Gräfin hatte den Arm des Herrn von Lignoll abgelehnt und stützte sich auf den meinigen. Wir gingen langsam über den grünen Rasen, der hier den Rand des Kanals bedeckt. Immer noch leidend, neigte Leonore das Haupt auf meine Schulter herab, und hin und wieder entfuhr ihr ein zärtlicher Seufzer, eine sanfte Klage.

Ihr schmachtender, aber befriedigter Blick schien, indem er mir anzeigte, dass sie die Ursache ihres Übelbefindens kenne und liebe, nicht mein Mitleid, sondern meine Liebe zu fordern.

Und, ich gestehe es, minder erschreckt durch die Gefahren ihres Zustandes, als hingerissen von dem Glück Vater zu sein, betrachtete ich mit mehr Vergnügen als Furcht die Veränderung in diesem lieblichen Antlitz, das durch seine interessante Blässe nur noch lieblicher geworden war. Beide mit uns selbst hinlänglich beschäftigt, konnten wir nicht die anmuthige Landschaft sehen, die Herr von Lignoll bewunderte.

Plötzlich trifft ein Schmerzensruf, ein einziger Schrei aus einem bürgerlichen Hause, das ich sogar nicht bemerkt hatte, mein Ohr und dringt bis in mein Herz. Götter! welche Stimme! Ich stürze fort, bemerke durch Gitter, die mich zurückhalten, an dem andern Ende eines großen Gartens unter einer dichten Allee eine junge, dem Augenschein nach ohnmächtige Person, die von zwei Frauen in ein ziemlich entferntes Gartenhaus, dessen Thore sogleich hinter ihnen zufallen, weggetragen wird.

Die Züge der Unglücklichen hatte ich nicht wahrnehmen können, aber ich sah ihre langen braunen Locken, die bis zum Boden herabwallen! ich sah jenen bezaubernden Wuchs, der nur ihr angehören kann! und diesen Schmerzensruf ganz besonders, ihn glaubte ich wieder zu erkennen.

Ja, zum zweiten Male glaubte ich jenen verzweifelten Seufzer zu hören, jenen unwillkürlich hervorbrechenden Klageton, als im Kloster der Vorstadt Saint-Germain barbarische Menschen mich hinderten, sie in meine Arme zu schließen. An das wohlverschlossene Gitterthor, das ich gewaltsam zu öffnen suchte, mich klammernd schrie ich:

»Sie ist krank!« und hörte kaum Frau von Lignoll, die mich zu berücksichtigen bittet, dass auch sie krank sei.

Eine vorübergehende Bäuerin, die meine Unruhe bemerkte, sagte zu mir:

»Das macht, weil sie krank ist.«

»Wer?«

»Eine junge Frau oder Fräulein.«

»Wie heißt sie?«

»Möcht's gern sagen, aber weiß es selber nicht.«

»Diese Frauen, wer sind denn die?«

»Ja, so, merke schon! denken's Jungfer, diese Frauenzimmer, sie schwatzen nicht, wie wir andern Leute.«

»Wie?«

»Wie? zum Kukuk, weiß nicht wie, und unser Pfarrer, der alles Lateinisch kann, trotz seines Meßbuches kann doch davon nicht mehr abnehmen, als meine Tasche da, dass ist Euch ein Kauderwälsch, wo der Teufel kein Wort verstehen thäte.«

»Sind Männer in dem Hause?«

»Zeitweise, mitunter sieht man einen, der aussieht, als wäre er der Vater zu Allen.«

»Ist er alt?«

»Nicht alt, mit Verlaub! aber ein gesetzter Mann.«

»Spricht er französisch?«

»Der? o, weit gefehlt! er thut den Mund nicht auf; das ist, mit Respekt zu melden, ein Bär, Jungfer! wenn ich ihm nahe komme, schaut er drein, als ob er mich fressen wollte. Und dann hat er auch noch einen Bedienten, der auch kein heuriges Häsle mehr ist, und kauderwälscht wie die Andern.«

»Wie lange wohnen diese Leute hier?«

»Ei, es sind drei oder vier –«

Frau von Lignoll, außer sich, ließ sie nicht ausreden.

»Schweig, Schwätzerin! gehe Deines Wegs; und Sie, Mademoiselle, gedenken Sie hier zu bleiben, bis es Nacht wird? bis dass wir uns verloren haben?«

Der Graf, der glücklicherweise den wahren Sinn dieser zweideutigen Worte: bis dass wir uns verloren haben, nicht verstand, suchte sie vergeblich zu beruhigen und ihr klar zu machen, dass wir uns unmöglich, selbst bei Nacht, auf einer Landstraße verlieren könnten. Alles umsonst; sie wird unruhig, weint, schreit.

»Mein Freund, verstehen Sie mich denn nicht? . . . Grausamer! können Sie mich so verlassen? sollte ich genöthigt sein, in meinem gegenwärtigen Zustande das Mitleid der Vorübergehenden anzuflehen?«

Ich blickte Frau von Lignoll an und seufzte. Es war nicht mehr jenes interessante Gesicht, worin das lebhafte Vergnügen den schwachen Schmerz überwog; jeder ihrer Züge schien zerstört.

Glühender Zorn blitzte in ihren Augen; blasser Schrecken entfärbte ihre Stirne; ihre wankenden Kniee trugen sie nur mühsam; sie zitterte an allen Gliedern. Was sie mir soeben gesagt hatte, und der Zustand, worin ich sie sah, riefen mich endlich wieder zur Besinnung zurück.

Plötzlich bestürzt mich der Gedanke an die Menge der Gefahren, die uns an diesem gefährlichen Ort, wo ich verstockter Weise beharrte, umringen. Hat mich mein Ohr nicht getäuscht, betrügt mich die Bewegung meines Herzens nicht, so ist es meine Sophie, die ich soeben gehört, die ich gesehen; gewiss hat sie diesen Verzweiflungsruf ausgestoßen, als sie unter der betrügerischen Verkleidung ihren treulosen Gemahl erkannte. Da meine Gemahlin in diesem Hause ist, so wohnt Duportail bei ihr; der verkleidete Liebhaber der Frau von Lignoll wird auf den ersten Anblick von demjenigen wieder erkannt werden, der so oft die Metamorphosen des Geliebten der Frau von B... gesehen hat, und mein unbeugsamer Schwiegervater wird, sobald er mich bemerkt, gleich morgen sein Versteck verändern, und mir meine angebetete, obwohl verrathene Gattin entführen.

Herr von Lignoll endlich, der mich bereits gefragt hat, welches Interesse ich an diesen Frauenzimmern nehme, der davon spricht, über die Verhältnisse dieser Fremden Nachrichten einzuziehen, und gesonnen ist in das Haus einzutreten, Herr von Lignoll kann beim ersten Wort einer eben so leichten als verderblichen Erörterung das doppelte Geheimnis meines Geschlechtes und meines Namens entdecken.

Alle diese schrecklichen Betrachtungen erfüllten mich auf einmal mit Grausen; und bei meinem plötzlichen Entsetzen mache ich, um mich von dem Gitter zu entfernen, eine rasche Bewegung, und mich zu der Gräfin wendend, welche noch ganz zitternd dastand, erfasse ich ihren rechten Arm, ebenso die linke Hand ihres besorgten Gemahls, und ohne erst zu fragen, ob dieser mir folgen will, oder ob Leonore die Kraft dazu hat, reiße ich beide eiligst über zweihundert Schritte von dem gefährlichen Hause mit fort. Hier halte ich an, ungewiss wende ich mich, und mein trauriger Blick verweilt auf dem Orte, dem ich fliehe; denn alle Umstände zwingen mich zu dieser Flucht, die um so nothwendiger erscheint, als die junge Gräfin durch die Entdeckung unseres Geheimnisses der größten Gefahr, ich aber der tiefsten Schmach ausgesetzt wäre. In welchem Lichte müsste ich vor den Augen ihres Gemahls erscheinen, wie eine passende Erklärung für mein Benehmen finden? konnte ich wohl mein Geschlecht und meinen Namen leugnen? war ich nicht auf dem Weg, einem beleidigten Ehemann Genugthuung zu geben? und wer kann überhaupt den Ausgang eines Duells voraus bestimmen, hängt nicht unser Leben an einer einzigen unberechneten, ja zufälligen Bewegung ab? Alle diese Gedanken stürmten zugleich auf mich ein und ließen mich keinen festen Entschluss fassen.

Ein naher Pappelwald verbirgt mir zu meinem Glücke die Mauern, wo ich in Verzweiflung zurückgelassen, was mir das liebste auf der Welt ist! mein Herz erstarrt; ich brauche meine Thränen nicht mehr zu verbergen, denn ich habe keine mehr zu vergießen.

Indes drängt mich die Gräfin, welche behauptet, dass ihr ein rascher Gang wohlthuend sei, sie bei der Fortsetzung ihres Ganges zu unterstützen. Zu gleicher Zeit soll ich meine junge Freundin führen, die jeden Augenblick umzusinken im Begriff ist, meine äußerste Verwirrung verbergen, und auf genügende Weise dem Herrn von Lignoll antworten, der sich bemüht uns nachzukommen und mich beharrlich ausfragt.

Wir kommen in Montcourt an. Die im höchsten Grade ermüdete Gräfin wirft sich in ihren Wagen und öffnet den Mund nur, um dem Kutscher die höchste Eile bis Fontainebleau anzubefehlen, wo wir Postpferde nehmen wollten. Auch Herr von Lignoll, der seine Kräfte erschöpft zu haben scheint, denn er ist außer Athem und keuchend, verhält sich in der Wagenecke gedrückt ganz still, um die Ruhe desto besser zu genießen.

Endlich kann ich ungehindert meinen düstern und kummervollen Gedanken mich hingeben. Wohin führt mich dieser eilende Wagen? Warum kann ich mich nicht gewaltsam emporraffen aus meiner grausamen Lage? Was habe ich abermals gethan, um den Schmerz meines Vaters und meiner theueren Freundin Frau von B..., die mir so tiefgehende Ermahnungen machte, zu erneuern. Und meine angebetete Sophie, die seit länger als vier Monaten von mir getrennt lebte. O, gewiss! sie rief mich täglich unter Thränen herbei; aber die Qualen der Trennung konnten ihr doch durch die tröstende Vorstellung versüßt werden, dass ein treuer Gatte mit ihr seufzt. Jetzt sieht sich die Unglückliche gezwungen, zu sagen, dass der Undankbare sie verlässt und flieht. Ja, flieht! in Begleitung einer andern Frau, die ihn ebenso zu lieben scheint, denn das hat sie an der ganzen Hingebung erkennen müssen, mit welcher dieselbe sich an ihren treulosen Gatten schmiegte. Und er – auch er schien Alles um sich vergessen zu haben, so innig und selig blickte er auf sie herab. Wodurch hat dieses edle Alles aufopfernde Wesen diese grenzenlose Zurücksetzung verdient? ohne Zweifel, liebte sie diesen Morgen noch den Urheber ihrer Leiden; diesen Abend aber sah sie sich verrathen, sie musste ihn hassen, den sie leider ihren Gatten nennt, denn seiner unwürdig sieht sie ihn abermals mit Weiberkleidern angethan in Begleitung einer jungen von ihm verführten Frau; und was soll dieser Mann bedeuten, der ihnen folgte, sollte Faublas leichtsinnig genug sein, um abermals einen Ehemann zu betrügen? Was würde ihr Vater dazu sagen, wenn er es wüsste? So jagen sich meine Gedanken pfeilschnell an meiner gequälten Seele vorüber!

O, Sophie, Sophie! wenn Du in meinem Herzen läsest, dann könntest Du mich nur bedauern, mir verzeihen und mich fort lieben. Wohl ist Deine Rivalin um mich; aber die Liebe, welche ich Dir versprochen, und die, wie sie nun sieht, ich wirklich für Dich, meine unglückliche, meine vergötterte Sophie habe. Diese Liebe verursacht ihr unsägliche Schmerzen.

Sie ist um mich; aber in welchem Zustand, große Götter! eben vergoss sie einen Thränenstrom, eben that sie sich, um nicht in Vorwürfen auszubrechen, entsetzliche Gewalt an, dass sie ja kein einziges Wort der Klage an mich richte . . .

Ihre Augenlider haben sich gesenkt, eine schmerzliche Ermattung drückt sie nieder, die Starrheit des Todes hat sie betroffen! meine theuere Leonore, wie beweine, wie liebe ich Dich!

Was sage ich da? o, meine Sophie, tröste Dich! wenn der Augenblick gekommen ist, dann sollst Du sehen, ob ich zwischen meiner Gattin und meiner Geliebten noch wähle!

Meine Gattin, kannst Du mir meinen Leichtsinn, meine Schwäche verzeihen? Du weißt ja, dass Faublas kühn und muthig seinem Feinde entgegenzutreten stets bereit ist, aber mein jugendliches Feuer hat mich zu mancher Thorheit hingerissen, welche ich stets bereut habe; aber leider zu schnell vergaß ich alle Vorsätze, die mir meine Pflicht und Treue vorschrieben, und die ich ernstlich zu fassen glaubte. Leonore, Du dürftest mir kein Verbrechen daraus machen, dass ich Dich für meine Sophie verlasse; sie ist nicht minder anmuthig als Du. Sie besitzt Deine Tugenden, sie hat meine Schwüre.

Der Priester hat unsere Hände zusammengefügt, sie ist vor Gott mein angetrautes Weib; hätte ihr grausamer Vater uns nicht getrennt, dann, theuere Leonore, würde ich nie Gelegenheit gehabt, Dich so ganz mein eigen zu nennen; doch fürchte nicht, dass Dein grausamer Geliebter Dich plötzlich verlassen könne.

Wäre es möglich, dass Dein Geliebter entartet genug wäre, um zu vergessen, dass er Dich zur Mutter gemacht hat? nein, meine Freundin! nein! bisweilen werde ich insgeheim kommen, um mit Dir Dein Missgeschick zu beweinen.

Zwar werden wir keinen Tag mehr unter demselben Dache zubringen, aber die seligen Stunden, die ich Deiner zarten Liebe und Hingebung zu danken habe, bleiben unauslöschlich in meinem Herzen eingeschrieben.

Wer wird Erbarmen mit meiner Lage haben? wer wird meinen ewigen Zweifeln und Bedenklichkeiten ein Ziel setzen? o, wer wird es verhindern, dass meine unglückliche Empfindsamkeit die beiden beinahe gleich verehrten Gegenstände meiner Liebe für immer elend macht? aber wohin verirre ich mich wieder? Unseliger, nicht um eine Theilung zwischen ihnen handelt es sich; ich muss sie beide verderben.

Ich habe nur nach Paris zu reisen; niemals vielleicht werde ich Fromonville wieder sehen.

Mich ruft die Ehre nach Compiègne, wohin ich zu suchen eile . . . nicht den Tod . . . furchtlos werde ich den Grafen und den Marquis wegen der gleichen Beleidigungen gegen mich vereint sehen. Nicht den Tod fürchte ich, sondern die Verbannung, die jetzt für mich schrecklicher ist als dieser.

Schreckliche Macht der öffentlichen Meinung! um einen mit Recht aufgereizten Gegner zu opfern, verlasse ich zwei geliebte Frauen zugleich; die unbeugsame Ehre ist es, die mich zu diesem verhassten Opfer verurtheilt!

Die Gewissheit der schrecklichsten Todesqualen hätte mich nicht dazu bestimmen können, ein barbarisches Vorurtheil zwingt mich!

»Fräulein,« rief mit einem Mal Herr von Lignolle, »werden Sie wohl diese da errathen?«

Ich erwiderte leise:

»Möge das ganze Geschlecht der Charaden zur Hölle fahren!« und laut:

»Sie wählen Ihre Zeit schlecht, mein Herr, ich bin jetzt eben erschrecklich dumm und verschlagen.«

»Da sieht man die Weiber,« erwiderte der Graf. »Daran erkenne ich sie! sie sind feig wie die Hasen, bei dem kleinsten Unwohlsein glauben sie schon den Tod zu sehen. Ich bin Ihnen sehr verbunden für das Mitgefühl und die große Besorgnis, welche Sie in Betreff der Gräfin an den Tag legen; aber dadurch gleich den Verstand zu verlieren, entschuldigen Sie, ich will Sie durchaus nicht beleidigen, dies scheint mir denn doch ein bischen übertrieben. Die Gräfin ist mehr durch die Furcht vor ihrem Übel, als durch das Übel selbst geplagt; denn es ist nicht etwa eine Krankheit, die sie hat, es ist im Grund nur ein Übelbefinden, wie es einem oft auf dem Lande im Frühling, und überhaupt bei ungewöhnlicher Anstrengung zustößt; und auch Sie, Fräulein, machen ein Wesen mit ihr. Sie tragen sie ja förmlich und bedenken nicht dabei, dass Sie sich selbst weh thun können, und was bleibt am Ende mir übrig, als für sie beide zu sorgen, und das ist doch etwas zu viel von mir verlangt; ich sage nichts, wenn die Nothwendigkeit es gebietet, aber es selbst herbeizuführen, das hieße doch etwas zu wenig Rücksicht für meine Person an den Tag zu legen. Ich weiß ja, dass die Gräfin auf Sie, mein Fräulein, so viel hält, sie ist in Sie so verliebt, dass sie ganz zu vergessen scheint, die Gemahlin eines andern zu sein.

»Es hat Alles seine Grenzen, was wird die Welt dazu sagen, wenn die Gräfin von Lignoll ganz in der Liebe zu ihrer Gesellschafts-Dame aufgeht. Doch ich sehe schon, dass meine Rede sie Beide zu sehr aufregt, und das war durchaus nicht meine Absicht.

»Es scheint mir, dass es bei der Gräfin vielleicht nur ein Übermaß von Gesundheit, ein Niederschlag von Säften, von vortrefflichen wohlthätigen Säften, von gutem Humor, wie die Ärzte sagen . . . kurz, das wird klar.

»Sie sehen nun wohl, dass der Zustand meiner Frau nicht beunruhigend ist. Indessen ist sie höchst betrübt; warum? weil ihre Seele angegriffen ist; und ihre Seele ist angegriffen, weil die Weiber einmal so sind. Weiber, ich sage so, denn auch Sie, Fräulein, gehören dazu, ich glaube wenigstens, und weil Sie die Gräfin nach meiner Überzeugung lieben! so kümmern Sie sich ob ihrem Kummer und werden fast toll darüber, wie Sie selbst sagen. Ich lese wieder in Ihrem reizendem Gesicht, dass Sie mit meiner Aussage nicht übereinstimmen.

»Ich kann mir wohl denken, dass meine Sache nicht so ganz buchstäblich zu nehmen ist. Immerhin aber ist es wahr, dass Sie meine Charade nicht enträthseln können, weil auch Ihr Gemüth angegriffen ist, und so hängen die größten geistigen Operationen von den kleinsten Affekten der Seele ab.«

»Möglich, mein Herr! aber ich bitte Sie, mich meinen Träumereien zu überlassen.«

Mehr als einmal musste ich ihm die nämliche Bitte wiederholen, ehe wir nach Paris kamen. Kaum hatte die Gräfin ihrem Manne gestattet, einen Augenblick in ihr Zimmer einzutreten, als sie sofort auch ihre Kammerfrau wegschickte, und allein mit mir geblieben in meine Arme fiel.

»Faublas, täuschen Sie mich nicht! ist nicht sie es, die Sie wiedergefunden haben?«

»Ja, meine Freundin, sie ist es!«

»Wie unglücklich bin ich! . . . antworten Sie mir; wäre es möglich, dass Sie die Absicht hätten, mich zu verlassen?«

»Dich zu verlassen, Leonore! ich möchte wissen, wie es möglich wäre, dass wenn man von Dir geliebt wird, man auch nur im Entferntesten die Absicht haben könnte, Dich zu verlassen.«

»Und doch, mein Geliebter, fühle ich, dass Deine ganze Seele nur nach dieser Andern hindrängt! Ach, Faublas! warum musste ich Dich erkennen, um zu gleicher Zeit so glücklich, und auch so namenlos unglücklich zu sein!«

»Geliebte Leonore, wer könnte leben, ohne Dich anzubeten, ohne von dem Verlangen, Dich wiederzusehen, verzehrt zu sein?«

»Eben das sage ich mir auch, wenn ich an Dich denke, und ich denke unaufhörlich an Dich, mein theuerer Freund; bist Du entschlossen, von Compiègne hieher zurückzukehren, ohne Dich aufzuhalten, ohne sonst wohin zu gehen?«

»Ohne sonst wohin zu gehen! und meine Gattin?«

»Nun, Ihre Gattin?«

»Meine Sophie, die ich schon so lange nicht umarmt habe; seit jener Zeit, wo man sie gewaltsam von mir getrennt, habe ich ihre geliebte Stimme nur in jenem verzweiflungsvollen Schrei vernommen, der so tief in meine Seele drang, dass ich mich wohl als den Zerstörer ihres Glücks, ja ihres Lebens ansehen kann.«

»Er will sie aufsuchen; wie glücklich ist sie, seine Gattin zu sein, gesetzliche Ansprüche zu haben, weil sie in einer Kirche »Ja« gesagt hat, denn dies ist der ganze Unterschied. Wie sie hast Du mich auch betrogen, hast Du mich verführt. Ich grolle Dir nicht, ich bin zufrieden, ich bete Dich an wie sie; ich sehe in Dir mein ganzes Glück, meinen Himmel, ich glaube ohne Dich nicht mehr leben zu können, ich klammere mich mit allen Fasern meines Herzens an Dich an. Du gehörst mir, und dieses beklemmende Gefühl, glaubst Du, es bedeutet nichts? es ist ein Kind! . . . Ich beklage mich nicht darüber, ich sage nicht, dass es mich ärgert, im Gegentheil, mein Zustand wird mich kompromittieren, bloßstellen, zu Grunde richten vielleicht, ich weiß es; aber mögen sie mir meinen Rang und meine Reichthümer nehmen, ich willige von ganzem Herzen ein, wenn sie mir nur meine Freiheit und meinen Geliebten lassen; ja, Alles wohl erwogen, bin ich entzückt, Mutter zu werden; es ist erstlich ein Vortheil, den ich über Deine Sophie habe, und zweitens musst Du mich mehr lieben, denn ich liebe Dich über alle Maßen.

»Und dennoch. Undankbarer, der Sie sind, wagen Sie daran zu denken, mich in meinem jetzigen Zustande zu verlassen!«

»Aber, meine Freundin, bedenken Sie, dass ich selbst nicht weiß, was aus mir werden wird; diesen Abend, ohne Zweifel, ist nicht mehr davon die Rede, nach Paris zurückzukehren, sondern Paris zu verlassen.«

»Umsonst suchen Sie mich zu hintergehen; zu Fromonville hoffen Sie ein Asyl zu finden! . . .«

»Aber, theuere Leonore, beruhige Dich!«

»Keine Ausflüchte, ich errathe Ihre Absichten.«

»Ich schwöre bei meinem Leben und meiner Ehre, dass ich nichts Böses im Sinne habe.«

»Ich erkläre Ihnen, mein Herr, dass wenn Sie nach Fromonville gehen, ich Ihnen folge. Ich erkläre Ihnen, dass ich mit Ihnen nach Compiègne abreise, dass ich mich an Ihre Sohlen hefte, dass ich Sie unzertrennlich wie Ihr Schatten begleiten werde. Treuloser, Sie sollen, ich schwöre es, kein anderes Mittel haben, sich meiner zu entledigen, als indem Sie mich neben Ihren Gegner niederstrecken!«

»Um Gotteswillen, beruhigen Sie sich, hören Sie!«

»Ich höre nichts. Sie wollen mich verlassen, ich werde Sie wider Ihren Willen behalten; ja, selbst Gewalt will ich brauchen. Wir gehen mit einander nach Compiègne, das ist abgemacht; und was Fromonville betrifft, wenn ich Sie an der Rückkehr dahin nicht verhindern kann, so hoffe ich meinerseits, dass Sie mich ebenso wenig hindern können, Ihnen dahin zu folgen. Zudem sind wir noch nicht so weit! ein guter Degenstoß kann Sie gar leicht abhalten, so gar hurtig nach Fromonville zu laufen! Große Götter! was habe ich gesagt! nein, Faublas, nein! Mein Freund, wehre Dich gut, wir werden nachher sehen, ob Sophie oder ich den Sieg davon trägt; wehre Dich so gut wie möglich, lass Dich nicht verwunden, wie in Deinem ersten Zweikampf, tödte ihn lieber, ja, ich bitte Dich, tödte ihn! mein Freund, ich werde dabei sein, werde Dir mit meinem Rathe helfen, mit meinen Zurufen Dich ermuthigen. Du wirst Dich unter meinen Augen schlagen. Du wirst unüberwindlich sein. Nun, so antworte doch!«

»Was soll ich denn antworten, wenn Sie nur Ihre blinde Erregung hören, wenn Sie die unsinnigsten Anschläge machen? Leonore, meine theuere Leonore, sage mir, ist es möglich, dass Du entschlossen bist und nach Compiègne kommen willst, um Dich und mich, durch Deine Gegenwart bei diesem verhängnisvollen Duell, zu Grunde zu richten? Bedenke das Aufsehen! . . .«

»Es ist möglich, denn es wird geschehen!«

»Meine Freundin, sei doch vernünftig! vorausgesetzt, Du ertragest die Anstrengungen dieser zweiten Reise, vorausgesetzt, wir hätten das unbegreifliche Glück, dass niemand Frau von Lignoll erkenne, wie sie im Postwagen mit dem Chevalier Faublas herumreist; kann ich, ich frage Dich selbst, kann ich dulden, dass Du Zeuge einer blutigen Scene werdest, während Dein bedenklicher Zustand so viel Schonung fordert?«

»So viel Schonung, ganz recht! eben darum muss ich Ihnen nach Compiègne folgen. Eben darum dürfen Sie nicht nach Fromonville reisen. Was würde aus mir werden, wenn ich, getrennt von Ihnen, Sie Ihrem Gegner und vielleicht gar meiner Rivalin gegenüber wüsste? jeden Augenblick des Tages würde ich gequält von der tödtlichsten Unruhe, meinen Geliebten untreu oder sterbend sehen. Ach! auf welche Art man mir ihn entreiße, wenn ich ihn verlieren soll, was liegt mir an dem Leben? Faublas, ich flehe Dich darum, habe Mitleid mit mir, mit Deinem Kind, mit Dir selbst; fürchte meinen Wahnsinn, überantworte mich nicht meiner Verzweiflung . . . Faublas, ich beschwöre Dich, versprich mir, dass Du morgen Sophie nicht besuchen wirst; versprich mir, dass ich diesen Abend den Marquis mit Dir sehen werde!«

Sie warf sich zu meinen Füßen, die sie umklammerte und mit Thränen benetzte. Der gefühlloseste Mann hätte ihr nicht widerstehen können. Ich versprach ihr Alles.

Obgleich wir mit dem ersten Scheine des Morgens abreisen mussten, so konnten wir uns doch nicht entschließen, bis zu seinem Anbruch aufzubleiben. Frau von Lignoll bedurfte der Ruhe. Wir legten uns zu Bett. Auf kluge Weise ließ ich den peinlichen Erregungen eines allzu langen Tages die süßen Erregungen einer allzu kurzen Nacht folgen und die Gräfin von so vielen Anstrengungen ermattet, schlief endlich tief ein. Das hatte ihr unglücklicher Liebhaber, dem ein zartes Erbarmen eine Lüge entrissen hatte, und den die gebieterische Notwendigkeit zum Wortbruch zwang, nur erwartet.

Der verhängnisvolle Tag brach endlich an.

Bei der schwachen Helle seines ersten Strahles lüftete ich vorsichtig meine Decke; mit vorsichtigen und bemessenen Bewegungen glitt ich leise bis zum Rand des Bettes; schon berühren meine Füße sachte den Boden, die Decke wird sanft zurückgelegt, und bald wird auf diesem Lager, wo noch unlängst die beglückte, jetzt noch schlummernde Liebe von meinen Armen umschlossen, vom Gott des Schlafes auf ihre zauberschönen Augenlider geküsst, durch den sicheren Besitz ihres Geliebten beruhigt und in glückliche Träume eingewiegt sein. Beim Erwachen wird die verlassene Liebe, klagend und seufzend nach demselben rufen.

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