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Leben des Quintus Fixlein

Jean Paul Richter: Leben des Quintus Fixlein - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
titleLeben des Quintus Fixlein
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1796
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Zwölfter Zettelkasten

Turmknopfs-Aszension – das Schränkchen

Wie heute, den sechzehnten Mai, der alte Knopf vom Hukelumer Turm abgedrehet und ein neuer ihm aufgesetzet worden, das will ich jetzt bestens beschreiben, aber in jenem einfachen historischen Stile der Alten, der vielleicht großen Begebenheiten am besten zusagt.

Sehr früh kamen in einem Wagen der Herr Hofvergolder Zeddel und der Schlossermeister Wächser und die neue Peters-Kuppel des Turmes an. Gegen acht Uhr lief die Gemeinde zusehends zusammen, die aus Nutritoren des Knopfes bestand. Ein wenig später trafen Herr Dragonerrittmeister von Aufhammer als Patronatsherr der Kirche und des Turms und der Gotteshausvorsteher Streichert ein. Hierauf begaben ich und mein Herr Gevatter Fixlein uns samt den Personen, die ich schon genannt habe, in die Kirche und hielten da vor unzähligen Zuhörern eine Wochen-Betstunde. Sodann erschien mein Herr Gevatter oben auf der Kanzel und suchte eine Rede zu halten, die der feierlichen Handlung angemessen war; – er verlas nach ihr sofort die Namen der Gönner und guten Seelen, durch deren Gratiale der Knopf zusammengebracht worden, und zeigte der ganzen Gemeinde die bleierne Büchse vor, worin sie namentlich war, und bemerkte, das Buch, woraus er sie abgelesen, werde bloß in die Pfarregistratur beigelegt. Darauf hielt ers für nötig, ihr und Gott zu danken, daß er zum Entrepreneur eines solchen Werks wider sein Verdienst ausersehen worden. Das Ganze beschloß er mit einem kurzen Gebet für den Schieferdecker Stechmann, der schon außen am Turm hing und den alten Schaft ablösete, – und bat, daß er nicht den Hals oder sonst ein Gliedmaß brechen möge. Nun wurde ein geistliches Liedchen gesungen, das die meisten außen vor der Kirche mitsangen, weil sie schon zum Turm hinaufsahen.

Nun kamen wir auch alle heraus, und der abgedankte Knopf, gleichsam der abgeschnittene Hahnenkamm des Turmes, wurde niedergesenkt und abgebunden. Der Gotteshausvorsteher Streichert zog ein bleiernes Besteck aus dem mürben Knopf, das mein Herr Gevatter zu sich steckte, um es gelegentlich durchzulesen; ich aber sagte zu einigen Bauern: »Sehet, so werden sich euere Namen auch erhalten im neuen Knopfe, und wenn er nach späten Jahren heruntergezogen wird: so ist die Büchse darin, und der damalige Pfarrer lernt euch alle kennen.« – Und nun wurde der neue Turmglobus mit dem Blei-Napf, worin sich die Namen der Umstehenden aufhielten, sozusagen voll geladen und saturieret und ans Zugseil geheftet – und jetzt machte sich der bisher der Pfarrgemeinde aufgesetzte Schröpfkopf in die Höhe...

Beim Himmel! jetzt ist der ungeschmückte Stil eine Sache außer meinem Vermögen – denn als der Knopf rückte, schwebte, stieg: trommelte es mitten im Turm, und der Schulmeister, der vorher aus dem gegen die Gemeinde gerichteten Schalloch herniedergesehen hatte, stieß jetzt mit einer Trompete zu einem einsamen Seiten-Schalloch heraus, vor dem der steigende Knopf nicht vorbeizog. – Aber als der ganze Kirchsprengel zappelte und jubelte, je höher das Kapitell seinem Halse kam – und als es der Schieferdecker empfing und herumdrehte und der Spitze glücklich inkorporierte – und als er eine Baurede, an den Knopf sich lehnend, zwischen Himmel und Erde, auf diese und auf uns alle herunterhielt – und als meinem Gevatter vor Wonne, der zeitige Pfarrer zu sein, die Tränen in den Priesterornat herabliefen: so war ich der einzige – wie seine Mutter die einzige –, in deren Seelen ein gemeinschaftlicher Kummer eingriff, um sie zu pressen bis aufs Bluten: denn ich und die Mutter hatten, was ich nachher weitläuftiger sagen werde, gestern im Kästchen des Ertrunknen von seines Vaters Hand gefunden, daß er übermorgen, am Kantate- und Taufsonntag, – zweiunddreißig Jahre alt werde. – O (dacht' ich, indem ich den blauen Himmel, die grünen Gräber, den glimmenden Knopf, den weinenden Pfarrer anschauete), so steht der arme Mensch allemal mit zugebundenen Augen vor deinem scharfen Schwerte, unbegreifliches Schicksal! Und wenn du es aufziehest und schwingest, ergötzet ihn das Pfeifen und Wehen desselben kurz vor dem Schlage! –

Schon gestern wußt' ichs; aber ich wollte dem Leser, den ich von weitem darauf bereitete, nichts von der traurigen Nachricht sagen, daß ich im Schränkchen des untergegangenen Bruders eine alte Hausbibel, worin die Jungen buchstabieren lernten, mit einem weißen Buchbinderblatte gefunden, auf das der Vater die Geburtsjahre seiner Kinder geschrieben hatte. Und eben dieses gab dir, du arme Mutter, zeither den Kummer, den wir kleinern Ursachen beimaßen, und dein Herz stand bisher mitten in dem Regen, der uns schon vorübergezogen und in einen Regenbogen verwandelt zu sein schien! – Nur aus Liebe zu ihm hatte sie jährlich einmal gelogen und sein Alter verdeckt. Recht glücklicherweise machten wir den Schrank ohne sein Beisein auf. Ich habe noch immer die Absicht, ihm nach dem fatalen Sonntage mit dem bunten Nachlasse seiner Kindheit und mit alten Christgeschenken neue zu machen. Indes wenn wir nur, ich und die Mutter, ihm morgen und übermorgen unablässig wie Angelschwimmfedern und Fußblöcke nachrücken, damit kein mörderischer Zufall den Vorhang vor seinem Geburtsschein lüfte: so ist es schon zu machen. Denn jetzt würde freilich das Geburtsdatum seinen Augen im metamorphotischen Spiegel seiner abergläubigen Phantasie und hinter dem vergrößernden Zauberdunst seiner jetzigen Freuden wie eine rote Todes-Unterschrift entgegenbrennen... Aber noch dazu sitzt das Blatt aus der Bibel schon höher als wir alle, nämlich im neuen Turmknopf, in den ichs heute vorsichtig eingeschoben habe. Eigentlich hats gar keine Not.

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