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Leben des Quintus Fixlein

Jean Paul Richter: Leben des Quintus Fixlein - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
titleLeben des Quintus Fixlein
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1796
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Elfter Zettelkasten

Frühling – Investitur – und Niederkunft

Ich stehe von einem wunderbaren Traume auf; aber der vorige Kasten macht ihn natürlich. Mir träumte: alles grüne – alles dufte – ich schaue nach einem unter der Sonne blitzenden Turmknopf hinaus, ruhend im Fenster eines weißen Gartenhäuschens, die Augenlider voll Blumenstaub, die Achseln voll dünne Kirschenblüten, die Ohren voll Gesumse des benachbarten Bienenstandes. – Darauf trete langsam zwischen die Rabatten der hukelumische Pfarrer und steige ins Gartenhaus und sage feierlich zu mir: »Wohlgeborner Herr, eben ist meine Frau von einem Knäblein entbunden worden, und ich unterfange mich, Dieselben zu bitten, an solchem das heilige Werk zu verrichten, wenn es in den Schoß der Kirche aufgenommen wird.« –

Ich fuhr ganz natürlich auf, und der – Pfarrer Fixlein stand noch leibhaftig neben meinem Bette und bat mich zu Gevatter: denn Thiennette war heute nachts um 1 Uhr niedergekommen. Die Geburt war darum so glücklich als wie in einem Gebärhause vorübergegangen, weil der Vater schon etliche Monate darauf gedacht hatte, den sogenannten Klapperstein, der im Horste des Adlers gefunden wird, beizuschaffen und Geburtshülfe damit zu leisten: denn dieser Stein verrichtet in seiner Art alles, was die Mütze eines alten Minoriten in Neapel, von dem Gorani erzählt, an solchen Kreißenden erzwingt, die sie aufsetzen...

– Ich könnte den Leser noch länger kränken; aber ich lasse willig nach und decke ihm die Sachen auf.

Einen solchen Mai wie den diesjährigen (von 1794) hat die Natur bei Menschengedenken nicht – angefangen: denn wir haben erst den funfzehnten. Leute von Einsichten mußten sich seit Jahrhunderten jedes Jahr einmal ärgern, daß die deutschen Sänger Mailieder machten, da andere Monate eine poetische Nachtmusik weit eher verdienen; und ich bin oft so weit gegangen, daß ich den Sprachgebrauch der Marktweiber angriff und statt Maibutter Juniusbutter sagte, desgleichen nur Junius-, März-, Aprillieder. – Aber du, diesjähriger Mai! verdienest alle Lieder auf deine rauhen Namensvettern auf einmal! – Beim Himmel! wenn ich jetzt aus der gaukelnden helldunkeln Akazienlaube des Schloßgartens, in der ich dieses Kapitel schreibe, heraustrete in den weiten lebendigen Tag und zum wärmenden Himmel aufsehe und über seine unter ihm aufquellende Erde: so tut sich vor mir der Frühling wie ein volles kräftiges Gewitter mit einem blauen und grünen Glanze auf. – Ich sehe die Sonne am Abendhimmel in Rosen stehen, in die sie ihren Strahlenpinsel, womit sie heute die Erde ausgemalet, hineinwirft – und wenn ich mich ein wenig umsehe in ihrer Gemäldeausstellung: so ist ihre Schmelzmalerei auf den Bergen noch heiß – auf dem nassen Kalk der nassen Erde trocknen die Blumen mit Saftfarben gefüllt, und an den Bächen die Vergißmeinnicht mit Miniaturfarben – unter die Glasur der Ströme hat die Malerin ihr eignes Auge gefasset, und die Wolken hat sie wie ein Dekorationsmaler nur mit wilden Umrissen und einfachen Farben gezeichnet; und so steht sie am Rande der Erde und blickt ihren großen, vor ihr stehenden Frühling an, dessen Faltenwurf Täler sind, dessen Brustbouquet Gärten und dessen Erröten ein Frühlingsabend ist und der, wenn er sich aufrichtet, der – Sommer wird.

Aber weiter! In jedem Frühling – und in einem solchen gar – geh' ich zu Fuße den Zugvögeln entgegen und verreise den hypochondrischen Bodensatz des Winters. Ich glaube aber nicht, daß ich nur den Turmknopf von Hukelum, der in einigen Tagen abgehoben wird, geschweige die Pfarrleute gesehen hätte, wär' ich nicht beim flachsenfingischen Superintendenten und Konsistorialrat gewesen. Bei diesem kundschaftete ich Fixleins Lebenslauf – jeder Kandidat muß seinen an das Konsistorium liefern – und sein noch tolleres Bittschreiben um den Turmgiebel aus. Ich ersah mit Vergnügen, wie lustig der Kauz in seinem Entenpfuhl und Milchbad von Leben schnalze und plätschere – und nahm mir die Reise zu seinem Ufer vor. Es ist sonderbar, d. h. menschlich, daß wir originelle Menschen und originelle Bücher das ganze Jahr lang wünschen und preisen: haben und sehen wir sie aber, so erzürnen sie uns – sie sollen uns ganz anstehen und schmecken, als ob das eine andere Originalität könnte als unsere eigene.

Es war Sonnabends, den dritten Mai, daß ich, der Superintendent, der Senior capituli und einige weltliche Räte aufbrachen und einstiegen und uns in zwei Wägen vor die Haustüre des Pfarrers bringen ließen. Die Sache war: er war noch nicht – investieret, und morgen sollt' ers werden. Ich dachte nicht, als wir am weißen Spalier des Schloßgartens vorbeifuhren, daß ich darin ein neues Werkchen schreiben würde.

Ich sehe den Pfarrer noch in seinem Perücken-Grauwerk und Kopfgehäuse an die Wagentüre anspringen und uns herausziehen – so lächelnd – so verbindlich – so eitel als aufmerksam auf die herausgezogne Fracht. – Es schien, als hätt' er den Reiseflor des Schmerzes auf der Lebensreise gar niemals umgenommen – und Thiennette schien ihren niemals zurückgeschlagen zu haben. Wie war alles im Hause so nett, aufgeschmückt und poliert! Und doch so still, ohne das verdammte Sturmläuten der Bedientenglocken und ohne die faulen Trommelbässe des Treppen-Pedalierens! – Indes die Herren im obern Zimmer anständig saßen, zog ich nach meiner Art wie ein Geruch im ganzen Hause herum, und mein Weg führte mich durch die Wohnstube, über die Küche und endlich in den Kirchhof am Hause. Guter Sonnabend, ich will deine Stunden, so gut ich kann, mit schwarzem Judenpech von Dinte in die Uhrblätter fremder Seelen zeichnen! – In der Wohnstube hob ich vom Schreibtisch einen an Rücken und Ecken vergoldeten Band mit dem Rückendekret: »Heilige Reden von Fixlein, erste Sammlung« auf – und da ich nach dem Druckort sehen wollte, war die heilige Sammlung geschrieben. Ich fühlte die Schreibspulen an und tunkte in die Negerschwärze der Dinte ein – und ich befand, daß alles ganz gut war: bei herumfliegenden Gelehrten, die nur ein Departement der auswärtigen Angelegenheiten haben und keines der innern, ist außer einigen andern Dingen nichts schlechter als Dinte und Federn. Auch fand ich eine Kupferplatte, auf die ich wieder zurückkommen werde. –

In der Küche, die man zum Schreiben eines englischen Romans nicht nötiger hat wie zum Spielen eines deutschen, konnt' ich mich neben Thiennetten stellen und mit schüren helfen und in ihr Gesicht und in ihr Kochfeuer zugleich sehen. Ob sie gleich in der Ehe war, wo weiße Rosen auf den Wangen zu roten werden – worin die Mädchen einem Gleichnis in der NoteDem Frühling nämlich, der mit weißen Schneeblumen anfängt, und mit Rosen und Nelken schließet. gleichen –, und obgleich das Bratenholz eine erlogene Schminke auf sie warf: so erriet ich doch, wie blaß sie ungefähr sonst gewesen war, und meine Rührung über ihre Farbe stieg durch den Gedanken an ihre Bürde noch höher, die ihr heute nachts das Schicksal nicht sowohl abgenommen als bloß in ihre Arme und näher an ihr Herz geleget hat. Wahrlich ein Mann muß nie über die mit einer Ewigkeit bedeckte Schöpfungsminute der Welt nachgesonnen haben, der nicht eine Frau, deren Lebensfaden eine verhüllte unendliche Hand zu einem zweiten spinnt, und die den Übergang vom Nichts zum Sein, von der Ewigkeit in die Zeit verhüllt, mit philosophischer Verehrung anblickt; – aber noch weniger muß ein Mann je empfunden haben, dessen Seele vor einer Frau in einem Zustande, wo sie einem unbekannten ungesehenen Wesen noch mehr aufopfert als wir den bekannten, nämlich Nächte, Freuden und oft das Leben, sich nicht tiefer und mit größerer Rührung bückt als vor einem ganzen singenden Nonnen-Orchester auf ihrer Sarawüste; und schlimmer als beide ist einer, dem nicht seine Mutter alle andere Mütter verehrungswürdig macht. –

»Es ist dir weiter nicht dienlich, arme Thiennette,« (dacht' ich) »daß sich jetzt unter dem Vollgießen deines bittern Krankenkelches die lärmenden Feste häufen.« Die Investitur und die Knopf-Erhöhung meint' ich. Mein Rang, dessen Diplom der Leser in den »Hundsposttagen« eingeheftet findet und der sonst der ihrige war, hetzte mir ein Heer zurückhaltender, verlegner und schwankender Äußerungen von ihr auf den Hals, die ich mit Mühe zerstreuete, und womit allemal die Leute vor Höhern oder Niedern aufziehen, zu denen sie sonst gehört hatten. Ich konnte weder mit ihr noch mit ihm den Sonnabend und Sonntag recht ins Geleise kommen, bis die andern Herren fort waren. Die alte Mutter wirkte, wie dunkle Ideen, stark und fortdauernd, aber ohne sich zu zeigen: das wird durch ihre abgöttische Scheu vor uns erklärt und zum Teil durch einen stillen Kummer, der sich wie eine Wolke in ihr (wahrscheinlich über die Niederkunft ihrer Schwiegertochter) aufzog.

Ich kreuzte, solange das Mond-Achtel noch flimmerte, auf dem Gottesacker herum und milderte meine Phantasien, die zu leicht mit dem Braun zerbröckelter Mumien malen, nicht nur durch das Abendrot, sondern auch durch die Erwägung, wie leicht unser Aug und Herz sich sogar mit den Trümmern des Todes versöhne, eine Erwägung, zu der mir der pfeifende Schulmeister, der das Gebeinhaus auf morgen ordnete, und die singende Pfarrmagd verhalf, die Gräber abgrasete. Warum wollen wir uns diese Angewöhnung an alle Gestalten des Schicksals nicht auch auf die andere Welt von unserer Natur und von unserem Erhalter versprechen? – Ich blätterte die Leichensteine durch und denke noch jetzt, der AbergläubigeDieser christliche Aberglaube ist nicht bloß ein rabbinischer, sondern auch ein römischer. Cicero de Senectute. hat recht, der dem Lesen derselben Verlieren des Gedächtnisses beilegt: – allerdings vergisset man tausend Dinge dieser Erde...

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