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Leben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli

Ludwig Tieck: Leben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli - Kapitel 3
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typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titleLeben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Abschnitt

1.

Sähe nun klärlich ein, daß man sich in dieser Welt auf nichts völlig verlassen und vertrauen könne, wenn man nicht sein bestimmtes Auskommen habe. Nahm mir daher vor, mein Glück wieder zu suchen und mich empor zu bringen; aber nicht auf die gewöhnliche Weise, wie bisher geschehen, sondern lieber gleich zu trachten König oder Kaiser zu werden, damit ich mein Stückchen Brot in Ruhe und Frieden verzehren könne. Ist es doch so Manchem gelungen, sagte ich zu mir selber, warum soll es denn mir gerade fehlschlagen? Wenn man alle Könige und Kaiser zusammenzählt, die seit Erschaffung der Welt regiert haben, so kömmt eine hübsche Summe heraus; warum soll ich denn nicht Einer von diesen Vielen werden können? Und Kreaturen haben sich darunter befunden, wie der hochselige Nebukadnezar, der sich nicht entblödete, auf vier Füßen zu gehen; wie Nero, der die Christen verfolgte; wie Caligula, der sein Pferd zum ersten Burgermeister machte; nicht des Saul zu gedenken, der David umbringen wollte; oder des Salomo, der sich ein Paar tausend Weiber hielt. Keine dieser Bosheiten habe ich bisher ausgeübt, sondern im Gegenteil einen stillen und vernünftigen Lebenswandel geführt. Das Bischen durch die Luft fliegen als Maus abgerechnet, als mich der erschreckliche Vogel nach dem Reiche Persien brachte. Warum soll ich nun verzweifeln?

2.

Tröstete mich mit diesen und dergleichen Gedanken, hatte aber unterdessen nichts anders zu verzehren. Tat mir sehr leid und wünschte von Herzen, die Zwischenzeit bis zu meiner künftigen Größe möchte erst überstanden sein. Aber da half kein Wünschen. Ging von Ort zu Ort, und trieb wieder das alte Bettlerhandwerk, das mir in der ersten Zeit, nach dem Grafenstande, recht sauer ankam.

3.

Irrte weiter umher und kam in eine sehr wüste Gegend. Traf auch keinen Menschen, außer nach etlichen Tagen auf zwei Personen, die sich für Leineweber ausgaben und mir sagten, daß sie umherwanderten, ihr Glück in der Welt zu suchen. Freute mich ungemein, daß es noch mehr solche Leute gebe, als ich selber einer war, und indem genauer hinsah, waren es zwei von denen, die mich ehemals in Wien wegen meines fast zu beißenden Witzes hatten ausprügeln wollen. Wir erzählten uns unsre Geschichten, und als ich die meinige vortrug, hielten mich die Gesellen für einen wackern Aufschneider; denn es war ihnen so etwas Unglaubliches noch nie begegnet.

So ist der Mensch. Was er nicht selber erfahren hat, scheint ihm unmöglich.

4.

Wir wanderten eine geraume Zeit miteinander. Eines Tages wurde es Abend, und es fing an sehr finster zu werden. Wir erkundigten uns nach einem Wirtshause, und man beschrieb uns die Gegend. Als wir ankamen, sagte uns der Wirt, daß er uns unmöglich aufnehmen könne, weil alle seine Stuben schon von Gästen besetzt wären. Wir baten ihn recht flehentlich; allein es war Alles umsonst und vergebens. Endlich sagte er, er habe noch ein Haus, das er aber immer müsse leer stehen lassen, weil es von Poltergeistern beunruhigt würde, mit diesem könne er uns dienen, wenn wir es verlangten, doch sollten wir nachher nicht die Schuld auf ihn schieben, wenn Einigen von uns die Hälse gebrochen würden, und dergleichen mehr.

Ich dachte gleich an meine sonst gehabte Geschichte mit der Katze, dem einen Kameraden fiel sie auch ein, und da er gern auch einen Stein bei'm Teufel im Brette haben wollte, so drang er bei'm Wirte darauf, daß er uns nur hinbringen möchte, und Licht, Bier und Karten geben, wir wollten es dann mit den Geistern schon aufnehmen.

Der Wirt, nachdem er uns noch einmal gewarnt hatte, erfüllte unser Begehren.

5.

Wir waren lustig, spielten um das wenige Geld, das wir bei uns hatten und tranken unser Bier, indem wir dabei an nichts weniger als an einen Geist dachten. Glaubten auch am Ende, daß keiner kommen würde, als sich plötzlich um Mitternacht die Stubentür öffnete, und ein vornehmer Kavalier mit vielen Komplimenten hereintrat.

Meine wertesten Herren, sagte er recht höflich, es freut mich, daß Sie in mein schlechtes Haus einsprechen wollen. Ich bin allein und werde die Ehre haben, von Ihrer angenehmen Gesellschaft zu profitieren. Wir wollen eins zusammen trinken.

Aber wir alle waren nicht dazu aufgelegt, sondern saßen schon längst unter dem Tische, und Keiner guckte hervor.

Da der Herr fand, daß wir so ungesellig waren, verschwand er wieder.

6.

Wir suchten wieder unsre Karten zusammen und glaubten, daß uns nun kein Geist weiter besuchen würde. Zechten Alle noch lustiger als zuvor, weil wir dachten, wir hätten nun allen Schrecken überstanden.

7.

Dauerte aber nicht lange, so kamen zwei Kerle gar aus dem Fußboden hervor, wovon einer eine Violine in der Hand, der andere aber eine Flöte am Maule hatte. Sie tanzten und spielten wie toll in der Stube herum, so daß Zeit meines Lebens keinen so unvernünftigen Geist gesehn habe. Nachdem sie viel dummes Zeug getrieben, ja mit ihren Possen sich so weit vergessen, daß wir in ihrer Gegenwart, ob sie gleich Geister waren, lachen mußten, verschwanden sie

wieder auf eine wunderbare Weise.

8.

Nun dachten wir, wäre es der Poltergeisterei genug; aber weit gefehlt, denn die Hauptsache sollte nun erst vor sich gehn.

Es tat sich nämlich die Decke der Stube auseinander, und der erst erschienene Herr fuhr mit einer ganzen großen Gesellschaft herunter, in die Stube herein. Bediente kamen mit, die eine große Tafel servierten, und sie mit goldenen und silbernen Geschirren besetzten. Dann wurden herrliche Speisen und treffliche Weine gebracht, und die Gesellschaft schmausete und zechte, daß, wenn es ordentliche Menschen gewesen wären, man seine Lust von bloßem Zuschauen gehabt hätte. Wir hielten uns still in unserm Winkel und dachten: Wo will doch das hinaus?

Der Oberste an der Tafel rief einen Bedienten und sagte: Bringe den Herren im Winkel da diesen Becher, den sie uns zu Ehren austrinken sollen.

Der Bediente kam auf uns zu, wie ihm befohlen war, und wir weigerten uns nach Herzenslust, sagten: wir wären sehr verbunden, hätten aber schon Bier genossen, wozu sich der Wein übel schicken würde, tränken nicht so spät Wein, und dergleichen mehr. Da aber der Bediente gar nicht zu nötigen aufhörte, so ergriff endlich der eine Leineweber den Becher, der in der Tat zu gerne trinken mochte, trank ihn aus und fiel alsbald tot darnieder.

9.

Darüber erschraken wir andern Beiden, wie billig, und nahmen uns vor, an diesem armen Kerl ein Exempel zu nehmen, der sich so unverhofft zu Tode gesoffen. Als nachher von Neuem die Einladung an uns erging, bestanden wir durchaus darauf, daß wir nichts mit Trinken zu tun haben wollten. Daran kehrte sich aber der abgeschickte Bediente ganz und gar nicht, sondern da wir nicht zum Trinken aufgelegt waren, brach er dem andern Gesellen mit Gewalt den Mund von einander und goß ihm den Wein hinunter, worauf dieser ebenfalls des Todes verblich.

Da ich dergleichen Zeremonien sah, wollte mir das Herz fast vor Angst zerbersten, suchte meine Rettung daher in der Flucht. Da war mir aber übel geraten, denn der Bediente erwischte mich am Kleide und hielt mich fest, indem er mir immer den Becher zum Trinken präsentierte.

Not lehrt beten! Die Wahrheit dieses Sprichwortes habe ich damals recht einsehn lernen, denn als ich nun in der höchsten Angst war, suchte ich in meinem Gedächtnisse nach einem recht kräftigen Stoßgebete umher, und rief in der Verzweiflung: Pereat der Teufel, Vivat der Herr!

Sogleich verschwanden alle Gespenster, doch ließen sie in der Eile die prächtige Tafel in der Stube.

10.

Wer war froher als ich! Es tat mir jetzt nur Leid, daß ich einen solchen wilden Studentenausdruck gewählt, um die höllischen Geister zu vertreiben; denn ich hatte eigentlich das Vater Unser beten wollen, in der Angst aber ein wenig die rechte Straße verfehlt, und dadurch auf eine fast beleidigende Art mein Wohlwollen gegen den Schöpfer an den Tag gelegt.

Es erschien ein Geist, in Gestalt eines großen schönen Vogels. Wir machten gegenseitig unsre Komplimente und freuten uns, uns kennen zu lernen. Daneben bat ich meines unhöflichen Gebets wegen um Verzeihung, es sei in der Angst geschehen; wie man in den Wald hineinschreie, so schalle es wieder heraus; auf einen groben Klotz gehöre ein grober Keil, und dergleichen mehr. Der Vogel antwortete: dergleichen habe nichts zu sagen, ein jeder mache es so gut, als er könne, und in der Angst gelte ein leichter Fluch auch. Hierauf fragte ich an, ob ich nicht so frei sein dürfte, das Beste von den goldenen Geschirren zu mir zu stecken und für meine gehabte Angst einen kleinen Rekompens zu genießen. Der Vogel widerriet ein solches, und sagte, ich solle Alles dem Wirte lassen, der sein Haus so lange nicht habe brauchen können und dadurch ziemlichermaßen Schaden gelitten; ich solle nichts, als einen Pokal zu mir stecken, in dem sich eine überaus köstliche Perle befinde. Diese Perle sei vorzüglich dazu zu gebrauchen, daß sie Alles, was man damit anrühre, in Gold verwandle, es aber dann wieder in seinen vorigen Zustand herstelle, wenn man es haben wolle. Außerdem, fuhr der Vogel fort, steht hier vor der Tür ein gesattelter schöner Esel, der Dich fortbringen wird, sobald Du ihm nur ein wenig in die Seiten trittst.

Ich bedankte mich für die große Gnade und das schöne Geschenk, steckte den Pokal zu mir und damit sogleich zur Tür hinaus. Der Esel stand wirklich draußen, ich setzte mich auf, und wie ehemals der Vogel, so ging jetzt dieser Esel mit mir durch alle Lüfte. Schloß fest an, weil beständig in der Furcht lebte, herunter zu fallen.

Flogen Beide, und flogen beständig fort, es war, als hätte der Esel Flügel gehabt. Es war auch dunkle Nacht; aber die Sonne mit ihrer Morgenröte ging schon auf, als ich noch immer auf meinem Esel saß, der des Fliegens nicht überdrüßig wurde.

Endlich sahen wir ein hohes und steiles Gebirge vor uns liegen, darauf setzte sich der Esel mit mir nieder und stand still. Hielt solches für eine feine Art, mir seine Meinung zu verstehn zu geben, und stieg augenblicklich ab.

11.

Als ich abgestiegen war, unterließ nicht, mich nach allen Seiten wohl umzuschauen, weil gern wissen wollte, wohin ich geraten sei. Sah aber nichts als steile Berge um mich her. Ich fragte, wo wir wären, bedankte mich bei dem gutwilligen Esel, und wollte schon in der Stille meine Perle herausnehmen, um ihn in Gold zu verwandeln und nachher zu verkaufen, als er, der gewiß meine Absicht merkte, sich plötzlich in ein herrliches Pferd verwandelte.

Ich erstaunte, und merkte nun wohl, daß ich einen Geist vor mir habe; erwies ihm auch von diesem Augenblicke alle nur mögliche Ehre, die man unter solchen Umständen einem Gespenste schuldig ist. Behielt immer meinen Hut unter'm Arm, ließ es auch an Schauder und Angst nicht gebrechen, denn ich dachte, das Pferd könne mich am Ende noch gar mitten in dem wüsten Gebirge auffressen.

Das Pferd war aber seinerseits auch sehr höflich, und hatte, ob es gleich seinen Stand verändert hatte, immer noch die bezaubernden Manieren des Esels an sich, so daß unter gegenseitigem Komplimentieren eine gute halbe Stunde verstrich. Das Pferd machte so viele Kratzfüße, daß die Funken nur immer aus dem Felsen sprangen.

War endlich so dreist, zu fragen: warum es nicht lieber gleich ein Pferd gewesen wäre, sondern sich erst in einen Esel verwandelt hätte, hätte auf die Art nur doppelte Mühe gehabt; worauf das Pferd mit einem liebenswürdigen Wiehern, das auf seine Art ein Lachen vorstellen sollte, antwortete: Halte endlich Dein Maul, Tonerle, oder Tunelli, und sei froh, daß Du mit heiler Haut aus den Händen der Gespenster gekommen bist. Geh Deiner Straße. Dort unten liegt eine große Stadt, da wirst Du Dein sicheres und beständiges Glück machen. – Wo? fragte ich.

Das Pferd stellte sich auf die Hinterbeine und sagte verdrüßlich: Da vor Dir, Du Ochsenkopf! indem es das vordere Bein mit dem Hufe gerade vor sich hin streckte. Ich sah noch einmal hin und bemerkte nun auch eine gewaltig große Stadt vor mir liegen. Konnte nicht begreifen, daß ich sie nicht gleich gesehen.

Das Pferd stand noch aufgerichtet vor mir, ich hielt es für meine Schuldigkeit, nahm den Vorderfuß in meine Hand, drückte ihn ein wenig zärtlich in meinen Fingern und versiegelte dann meine Dankbarkeit mit einem auf den Huf gut angebrachten Kuß.

Das Pferd machte eine zierliche Verbeugung und verschwand.

12.

Ich fing nun an, mit Gemächlichkeit vom Gebirge herunter zu steigen, wobei zu meinem großen Leidwesen Hunger verspürte. Um mich zu zerstreuen, verwandelte sogleich einen großen Stein in Gold, dann wieder in Stein, steckte mir alle Taschen voll Holz und Steine, die ich zu Gold machte, um in der Stadt sogleich davon zehren zu können. Nun ward mir das Gehen sehr beschwerlich, von wegen der großen Last. Sah bei der Gelegenheit ein, daß zuweilen mit Dummheit behaftet, weil ja die Perle besitze, warf daher wieder Alles von mir und machte es wieder zu Stein und Holz.

Nun hoffe doch endlich den Hafen des Glücks zu finden, sagte ich zu mir selber, da der Hunger immer mehr überhand nahm: hänge ich doch nun von Niemand ab, brauche mich nicht zu verwandeln, um meinen Lebensunterhalt zu genießen, habe auch durch des Himmel Hülfe weiter keine Gemeinschaft mit dem Teufel, der das Bannen und Zitieren und Schätzebringen doch auch einmal hätte überdrüßig werden können. O wohl dem Manne, der alles sich selber, seiner eigenen Kraft und seinen Talenten zu verdanken hat!

Unter diesen Worten war ich bis an das Stadttor gekommen.

13.

Verwandelte in der Eil eine Menge nichtswürdiger Sachen in Gold, um mich mit Sicherheit in einem Gasthofe niederlassen zu können. War der Wirt über meine Ankunft sehr vergnügt, denn verzehrte gar nicht sparsam, so daß er seit langer Zeit keinen so guten Gast gesehn hatte.

Erfuhr von ihm, daß diese Stadt und dies Land Aromata genannt werde und daß es einen Kaiser habe. Gefiel mir die Lage und die Art der Lebensmittel ungemein; mit einem Worte, wünschte, hier mit der Zeit einmal Kaiser zu werden.

14.

Nachdem einige Wochen ohne Beschäftigung im Wirtshause still gelegen, um mich nun auf die gehörige Weise zu erholen, so fing auch wieder an, an die dem Menschen nötige Tätigkeit zu denken. Ging daher spazieren und betrachtete mir die Straßen der Stadt.

Muß sagen, daß mir dieses Land von Tage zu Tage mehr gefiel. Straßen waren breit; probierte die übrigen Gasthöfe, waren auch gar nicht zu verachten; fand aber doch, daß mich im besten einquartieret.

Nachdem die Landesart erkundet, wollte ich auch einen Vorsatz in's Werk richten, nämlich: nichts Geringeres, als in dieser Stadt großes Aufsehn zu erregen. Verwandelte also die ganze Straße, die nach dem kaiserlichen Palast führte, in Gold.

Erst wußten die Leute gar nicht, was sich zugetragen; dann verwunderten sie sich aber desto mehr, als sie es gewahr wurden. Es entstand ein großer Auflauf; Goldschmiede erprobten das Gold und fanden es echt und vortrefflich. Ist nicht zu sagen, welch' ein Lärmen und Geschrei in der ganzen Stadt vorhanden war.

15.

Es konnte gar nicht fehlen, daß des Kaisers Person nicht Einiges davon zu Ohren gekommen wäre. Er, der ein Liebhaber von Kuriositäten war, ließ sogleich seine sechsspännige Kutsche vorfahren, setzte sich allda hinein und fuhr durch die goldene Straße, um das Wunderwerk selbst in Augenschein zu nehmen. Ist nicht zu leugnen, daß es sehenswürdig war, und bin fast der Meinung, daß keiner meiner hochzuehrenden Leser je wohl dergleichen mit Augen erblicket, wenn er sich nicht um die Zeit in Aromata sollte aufgehalten haben.

16.

Dem Kaiser, der sogar eine Porzellanmanufaktur eingerichtet, dem Seidenbau aufgeholfen und den Kartoffelbau in seinem Lande verbreitet, auch Not- und Hülfsbücher veranstaltete, konnte dergleichen Fortschreitung in den Wissenschaften keinesweges gleichgültig sein. Hatte daher kaum gemerkt, daß das Gold echt und brauchbar sei, so ließ er gleich einen Herold, mit einer großen Posaune, die Straßen hinunter reiten und ausrufen: daß derjenige vortreffliche und große Mann, der dies Kunststück bewerkstelligt, sogleich bei Hofe sich einfinden möge, inmaßen der Kaiser gesonnen sei, ihn ziemlich in Ehren zu halten.

Unter dem Gedränge der Leute schlich ich mich indessen wieder an die Häuser und verwandelte sie durch meine Wissenschaft in eine gewöhnliche Gasse. Nun vermehrte sich das Erstaunen und Lärmen noch um ein Großes; einige junge Bursche, die sich damit beschäftigt hatten, einiges Gold von den Ecksteinen abzukratzen, sahen, daß ihr gehoffter Gewinnst nun wieder verschwunden, und wurden dermaßen ungehalten, daß sie sogar heftige Flüche ausstießen.

17.

Was mich aber am meisten ergötzte, war des Kaisers Majestät selbst. Stand der ehrwürdige, große Mann da, und hatte vor lauter Erstaunen das Maul und die Augen weit aufgesperrt. Mußte über Dero Possierlichkeit laut lachen, und ließ mich geschwinde, um nicht noch mehr Unschicklichkeit zu begehen, bei Hofe anmelden, als derselbe Künstler, der die bekannten Wunderwerke veranstaltet habe.

18.

Es konnte nicht fehlen, daß der Kaiser sogleich gelaufen kam, um mich in genauen Augenschein zu nehmen. Die Audienz ging vor sich und lief sehr gnädig ab. Sagte unverhohlen, daß ich dergleichen Kunststück zu machen fähig. Worüber der Kaiser eine große Freude empfand, und sagte: ich würde ihn verbinden, wenn ich mich an seinem Hofe aufzuhalten geruhete. Sagte es ihm auf einige Zeit zu.

19.

Bat mich Ihro Majestät, ihm doch, in Gegenwart des hohen Ministerii, einige exquisite Kunststücke vorzumachen, weil er gerade ein großes Traktament zu geben gesonnen. Sagte demselben meine Dienste zu, und daß er nach seinem Belieben mit meinem geringen Talente schalten und walten könne.

Ihm aber selber eine Ergötzung zu machen, verwandelte sogleich seine Frau Gemahlin in pures Dukatengold, worüber er vor Verwunderung mit den Händen zusammenschlug. Bat mich aber, sie wieder rückwärts in seine Frau zu verwandeln. Geschahe von meiner Seite.

20.

Nun wurde mit der Kaiserin eine sehr interessante psychologische Untersuchung angestellt, was, und wie sie als Gold empfunden, gedacht und sich vorgestellt habe. Waren alle Anwesenden von Herzen neugierig; sie sagte aber, daß sie durchaus gar keine Empfindung gehabt habe. War immer merkwürdig genug.

Mir, für meine Person, schien sie als Gold viel reizender, als in ihrem wahren und natürlichen Zustande.

21.

Die Minister waren jetzt versammelt, und der Kaiser bat mich, in ihrer Gegenwart etwas vorzunehmen. Die Tafel war aufgetragen, alle Speisen standen in Bereitschaft, und schon war das hohe Ministerium im Schnappen begriffen, als ich Alles sammt und sonders in Gold verwandelte.

Wollte, ich könnte das Erstaunen beschreiben, das sie Alle ergriff: es war in der Tat zu verwundern.

Um die Kränkung aber aufzuheben, stellte ich nach einiger Zeit die wirklichen Speisen wieder her.

22.

Noch als wir bei Tische saßen, erhielt der Kaiser einen Brief, durch den er erfuhr, daß einer von den anwesenden Ministern ein Hochverräter sei. Er gestand auch seine Missetat, und bat um Pardon.

Der Kaiser sprach ihm das Todesurteil, daß er sogleich sollte hingerichtet werden. Ich aber schlug mich in's Mittel, und bat für ihn um Gnade, verwandelte ihn sogleich in Gold, und riet dem Kaiser, ihn nun zur Strafe in die Münze zu schicken, um zur Warnung für andre Hochverräter, Dukaten aus ihm prägen zu lassen. Geschähe; ein Bedienter, der sich hierüber moquieren wollte, wurde in der Eile noch mit verwandelt.

23.

Der Kaiser hatte ein unbeschreibliches Wohlgefallen an mir. Er hatte vor, eine große Jagd anzustellen, und invitierte mich, gleichermaßen Teil daran zu nehmen. Versicherte ihn, sei von jeher ein großer Verehrer der Jagd gewesen.

Schoß wieder nichts, weil, wie gesagt, nicht zu treffen verstand. Verwandelte aber Löwen und allerhand Tiere in Gold und ließ sie dann wieder lebendig werden und davon laufen. Der Kaiser hatte dergleichen Freude noch Zeit seines Lebens nicht empfunden.

24.

Versicherte mich auch derselbige seiner immerwährenden Protektion, und daß ich beständig an seinem Hofe verbleiben sollte, womit außerordentlich zufrieden war; denn hatte mein sehr schönes Essen und ging mir auch in keinem andern Dinge etwas ab.

25.

War nicht lange am Hofe gewesen, so entstand ein ziemlich ansehnlicher Krieg; denn die benachbarten Völker griffen das Reich an, zerstörten die Dörfer und Festungen; in Summa, richteten großen Schaden an.

War mein Kaiser um diese Zeit ganz und gar verblüfft.

26.

Er stellte eine Ratsversammlung an, die aus den erfahrensten Männern bestand; darunter ich auch gehörte. Es kam dazu, daß alle zum Frieden rieten, weil sie Alle nicht Mut genug hatten; ich war der Einzige, der zum Kriege anriet, auch zugleich die Anführung der Armee versprach, mit dem Erbieten, die Feinde gewißlich totaliter zu schlagen.

27.

Man wollte mir erst nicht trauen, setzte aber durch mein Bitten durch, daß zum Feldmarschall ernannt wurde. Merkte, daß die Soldaten mutig waren, und rückte gleich in das feindliche Gebiet ein.

28.

Kam bald zum Treffen, worin unverhoffter Weise und zu meiner größten Freude die Feinde wirklich besiegte, wie ich es bis dahin nur versprochen hatte. Nicht faul zogen wir in das feindliche Land, eroberten die Festungen und Städte, legten Garnison hinein und kehrten dann, mit Ehre und Ruhm gekrönt, nach Aromata zurück.

29.

Die Einwohner liefen uns mit einem fürchterlichen Vivat entgegen. Der Kaiser umarmte mich, man konnte sich nicht satt an mir sehn. Hatte noch niemals dergleichen Ehre genossen.

30.

Es war die Zeit gekommen, daß ich in meinem Leben die Liebe zum zweiten Male empfand. Die reizende Tochter des Kaisers hatte nämlich mein Herz gefesselt. Wurde deshalb melancholisch, hing das Maul und ließ auch den Kaiser je zuweilen grob an. Er dachte wohl, daß mir was fehlen müsse. Fragte mich oft um die Ursache, blieb aber immer die Antwort schuldig, weil mich vor ihm fürchtete.

31.

Endlich faßte mir doch ein Herz und gestand ihm meine Liebe, unter Tränen der Entzückung und Zähneknirschen. Sah der Kaiser dadurch wohl, daß mit mir nicht zu spaßen sei, und versprach mir seine Tochter, wenn ich ihm meine wunderbare Perl überlieferte.

32.

Ich mußte in diesen sauren Apfel beißen, wenn mir die Perl auch noch so lieb war, wollte ich anders die schöne Prinzessin zur Gemahlin bekommen. An demselben Tage, da ich die Perl ablieferte, war mir die Braut überantwortet, und ein so kostbares Hochzeitfest veranstaltet, daß meine gegenwärtigen Untertanen immer noch davon zu erzählen wissen.

33.

Mein Schwiegervater schenkte mir auch einige ausgesuchte Herzogtümer, von denen ich bequem meinen Lebensunterhalt ziehen konnte. War im Privatstande ziemlich vergnügt.

34.

Wurde mein glorreicher Schwiegervater krank, und machte mir nun schon starke Rechnung auf die Krone von Aromata, weil ich der nächste Erbe war. Legte mich daher im Voraus auf die Regierungskunst und studierte meine Untertanen. Kamen mir jetzt die Vorkenntnisse herrlich zu statten, daß ich schon ehemals die Wirtshäuser ausprobiert hatte.

35.

Der Kaiser starb, und ich ward wirklich an seiner Stelle Kaiser. Wußte nicht, wie mir geschah, als ich mich zum Erstenmal »Von Gottes Gnaden« unterschrieb; hatte seitdem mein sicheres Brot und dazu Liebe und Anbetung meiner Untertanen. Bin jetzt alt und grau, und immer noch glücklich, schreibe aus Zeitvertreib und weil ich nicht weiß, was ich tun soll, diese meine wahrhafte Geschichte, um der Welt zu zeigen, daß man gewiß und wahrhaftig das am Ende durchsetzt, was man sich ernsthaft vorgesetzt hat. Habe Gott Lob! noch guten Appetit, und hoffe ihn bis an mein seliges Ende zu behalten. Die idealischen Träume meiner Kinderjahre sind an mir in Erfüllung gegangen: das erleben nur wenige Menschen.

36.

Und hier schließe ich meine Geschichte.

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