Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Leben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli

Ludwig Tieck: Leben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/tieck/tonelli/tonelli.xml
typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titleLeben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectidba39fe61
Schließen

Navigation:

Zweiter Abschnitt

1.

So war mein großes Glück zu Schanden geworden und alles verloren. Ich konnte mich lange nicht darein finden, als ich so unverhoffterweise aus der Türkei war verbannt worden. Oft glaubte ich, wenn ich Seelenerfahrungskunde überlegte, alle diese Übernatürlichkeiten wären nur ein natürlicher Traum gewesen, und gewiß ist die Natur an tausend Dingen reich, die ganz natürlich sind, und bei denen dem Beobachter doch der Verstand stille steht. So überlegte ich es nun mit der Wurzel hin und her, und ihre wunderbare Kraft und Tugend kam mir manchmal sogar possierlich vor. Ich verfiel oft auf den Idealismus und stellte mir vor, alle diese Wirklichkeit sei nur meine überaus närrische Einbildung; denn ich habe seitdem in Büchern gelesen, daß es wirklich Leute gegeben hat, die ganz allein für sich in der Welt existiert haben, und um die sich alles Übrige in der Welt nur so gleichsam in ihrer Einbildungskraft bewegt hat. Verfiel dazumal in diese gefährliche Irrlehre, und meinte, ich könnte vielleicht zu dieser sonderbaren Sekte gehören. Wenn ich denn aber wieder die Bäume um mich her ansah und meinen hungrigen Magen fühlte, so sah ich wohl ein, daß ich Unrecht haben müsse.

2.

Wanderte nun wieder auf gut Glück umher, und hatte dazumal alle Lust zum Arbeiten verloren. Das kommt leicht, besonders wenn man sich, wie mir geschehn war, durch das Künstlerleben verwöhnt hat; so hatte ich mich auch in die Kunst vernarrt, und darum kam mir mein Handwerk als was Gemeines vor. Es kam so weit mit mir, daß mich geradezu auf's Betteln legen mußte, um nur meinen Lebensunterhalt zu finden. Hatte bei dieser Gelegenheit mancherlei Schwierigkeiten zu überstehn.

So war ich bis nach Sibirien gekommen, wo es recht kalt ist. Hier ward mir das Betteln zuwider, weil die Leute in den Gegenden sehr grob sind. Ich meldete mich also wieder bei den Schneidermeistern, in der Absicht, mein Handwerk fortzusetzen; aber keiner von allen wollte mir Arbeit geben. Daneben erfuhr ich (wie ich es auch wirklich sah), daß man in diesen Gegenden viele Pelze trug, die ich nicht zu nähen verstand. Es geschah der Kälte wegen. So kam ich in immer größre Not. Dazu kam noch, daß man um die Zeit, von wegen eines Krieges, viele Soldaten aushob, so daß auch fürchtete, Rekrut werden zu müssen, wogegen von meiner Geburt an eine große Furcht getragen. Wußte also unter diesen Umständen nicht aus noch ein.

3.

So lief immer weiter in Sibirien hinein, und fiel endlich gar auf den Entschluß, desperat zu werden. Doch besann mich noch ein Weilchen, und nahm mir vor, das zu meiner letzten Zuflucht aufzuheben. Wohl tausendmal zog ich Wurzeln aus und probierte daran, mich zu verwandeln; aber immer vergebens.

Ich kam eines Abends an ein Wirtshaus und war schon so müde, so daß ich unmöglich weiter gehn konnte. Ich meldete mich bei'm Wirte, da ich aber vielleicht dermalen etwas Unansehnliches in meinem äußern Ansehn hatte, so wollte er mich nicht aufnehmen, weil er sagte, daß sein ganzes Haus schon mit Gästen besetzt sei. Ich hörte auch, wie sie lustig waren und mit den Kannen lärmten, welches mir einen doppelten Trieb verursachte, hier einzukehren. Der Wirt war anfangs gar nicht gut auf mich zu sprechen, so daß er so weit ging, mir die Tür vor der Nase zuzuwerfen, worüber mich erzürnte, und in meinen Bitten noch dringender fortfuhr.

Er ließ sich endlich erweichen, daß er mir eine Stelle auf der Ofenbank gönnen wollte, um dort in der Nacht auszuruhn. Ich ließ mir den Vorschlag gefallen und folgte ihm in die Stube, wo mich an Branntwein und Bier dermaßen erlabte, daß ich nun in den Wirt drang, mir doch ein Bett zu verschaffen, weil ich auf meiner Wanderschaft seit lange dergleichen Bequemlichkeiten habe entbehren müssen. Hieß mich einen groben Esel nach dem andern, der nimmermehr zufrieden sei, und hatte bei aller seiner Grobheit gewissermaßen Recht. Ich suchte einen andern Diskurs auf, und brachte auf's Tapet, daß ich schon der Favorit eines Königs und Kaisers gewesen sei, wodurch ich den Wirt in ein ziemliches Erstaunen versetzte, so daß er meiner Rede mit großer Begierde zuhörte.

Er fing nunmehr an, andre Saiten aufzuziehn, und gestand, daß er noch ein Bett übrig habe, könne es aber keinem honetten Menschen anbieten, weil die Kammer, worin es stehe, von einem Gespenste, in Gestalt einer Katze beunruhigt wäre. Sagte darauf, ich wollte mit dem Gespenste schon fertig werden, wenn er mir nur das Bett wolle zukommen lassen; sei selbst oft eine Katze gewesen und wisse also ein Wörtchen darüber mitzusprechen; dürfe mich also nicht fürchten. Eine Katze sei ein notwendiges, gutes Haustier, und dergleichen wunderliche und witzige Einfälle mehr, weil ich dachte, der Wirt sage dergleichen nur, um mir bange zu machen. Da der Wirt meinen großen Mut sah, brachte er mich auf die verdächtige Kammer.

4.

War im Grunde so dreist, weil ich fest überzeugt war, es sei kein Ernst mit dem Gespenste; denn sonst hatte immer vor Gespenstern große Furcht; aber ich dachte, er wolle mir das Bett nicht in Ruhe gönnen.

Nun war ich allein und dachte an die Worte des Wirts, und da es in der Kammer wüst und unordentlich aussah, auch Nacht war, und niemand weiter zugegen, so fing schon an, mich meine freche Redensart gereuen zu lassen. Überdachte dann wieder, daß doch Aufklärung in der Welt sei, die Gespenster abgeschafft und dergleichen. War überhaupt nur für das Mittelalter die Einrichtung mit dem Aberglauben, um die rohen, einfältigen Leute zu lenken, und unser Zeitalter ist nun darüber weg. Habe auch jetzt in meinem Kaisertum eigene Leute angestellt, die täglich gegen den Aberglauben predigen müssen und Bücher dagegen drucken (ein mühsames Geschäft), um nur die lieben Untertanen nicht gar in der angeborenen Dummheit verwildern zu lassen.

Alles das wurde mir aber dazumal gar übel versalzen.

5.

Ich war noch immer allein auf meiner Stube und ließ sich kein Gespenst, vielweniger eine Katze, hören oder sehn. Darüber wurde mir immer mehr bange, und beschloß endlich, zu Bett zu gehn. Richtete diesen Vorsatz auch in's Werk, nachdem vorher gebetet und gesungen hatte. Ich schlief auch wirklich bald ein und schlief recht gut. Außer, daß ich nach einiger Zeit wieder aufwachte und vor meiner Tür ein Gerassel, wie mit Ketten, vernahm. Gedachte anfangs, es möchte wohl die oft erwähnte Katze sein; doch beruhigte mich wieder, indem mir vorstellte, daß mir der Wirt oder seine Magd ohne Zweifel nur einen Schrecken veranstalten wollten. Beruhigte mich damit und schlief wieder ein; denn ich konnte, wie schon gesagt, an Gespenster durchaus nicht glauben.

Schlief wieder ein, da hörte ich die Kammertür ganz deutlich aufmachen; natürlich wachte ich auf, um nachzusehn, wer da sein könnte. Das war gut. Es war aber Niemand da; denn ich konnte mich ganz deutlich und genau umsehn, weil der Mond in der Nacht sehr hell schien. Nun kam mir das Grauen von Neuem an, und ich glaube, daß dergleichen Umstände jedermann bedenklich scheinen würden, vollends wenn man schon vorher von einem Gespenst hat reden hören. Indem ich noch so nachdachte, kam wirklich eine große schwarze Katze zum Vorschein, die sich mit allerhand wunderlichen Gebärden in der Stube auf und ab trieb; aber sonst nichts von Bedeutung vornahm.

Ich wollte mich von dergleichen Zeremonien nicht länger beunruhigen lassen, weil gern schlafen wollte, mir auch Gespenster außerdem zuwider, ich nun auch noch vollends dachte, es sei nichts weiter, als eine pur natürliche Katze. Derohalben machte keine großen Komplimente, sondern griff ohne weiteres zu meinem Stocke und damit über die Katze her. Weil ich glaubte, der Wirt habe sie etwa mir zum Possen in die Kammer gesetzt.

Ich mochte dieselbe Katze ohngefähr ein Vater Unser lang geprügelt haben, als sie sich unvermuteter Weise auf die Hinterbeine stellte, und alsdann die steile Wand hinaufkletterte. War mir dessen nicht versehn, ob ich gleich selbst als Katze sonst dergleichen Kunststücke gemacht hatte; denn bei den Krallen, die eine Katze in den Beinen hat, ist dergleichen eben nichts Unnatürliches. Was nun aber geschah, hatte ich niemals machen können. Ohne Umstände eröffnete sich nämlich mit großem Krachen die Decke der Stube, und mit einem fürchterlichen Brausen fuhr die Katze hindurch.

Ich stand lange und wußte nicht, was ich denken sollte; da aber die Stube wieder ordentlich zu war, wie vorhin, so legte mich wieder nieder und schlief weiter.

6.

Es war beschieden, daß ich in dieser Nacht noch einmal aufwachen sollte; denn nach einer Stunde ohngefähr, ließ sich derselbe Lärmen von neuem spüren. Ich ließ mich sogleich munter werden, und siehe, es war niemand anders wieder da, als die obenbemeldete schwarze Katze. War böse, daß immer so im Schlafe turbiert sein sollte; aber da half kein Sauersehn, denn die Katze fragte nichts darnach, sondern machte im Gegenteil ein erschreckliches Gerassel und Geprassel, so daß man hätte denken können, die Welt solle einfallen.

Als ich so in den größten Ängsten lag, sagte die Katze mit vernehmlicher Stimme: Fürchte Dich nicht, mein Freund. – Als ich nun gar diese Katze mit einer menschlichen Stimme reden hörte, kroch ich vor Angst unter die Decke des Betts und hielt mir mit Gewalt Augen und Ohren zu. Aber die Katze sagte noch einmal: Fürchte Dich nicht, wertgeschätzter Freund! worauf alsbald erwiederte: Da mag sich der Teufel nicht fürchten! geh, ich will mit Dir nichts zu tun haben.

Ermannte mich doch und dachte innerlich, hinter der Katze möchte vielleicht ein Künstler stecken, der eine wunderbare Wurzel, wie die meinige gewesen, in seiner Gewalt besitze, fragte also ohne Umstände: Wenn Sie, wertgeschätzter Herr Freund, ein Künstler sind, so geben Sie sich nur augenblicklich zu erkennen; denn ich habe mich ehemals wohl auch von der Kunst ernährt; ein Kamerad darf dem andern kein Leids zufügen; sondern wollte im Gegenteil gebeten haben, mir lieber ein Stückchen Ihrer Wurzel zukommen zu lassen, damit wieder mein altes Handwerk zu treiben im Stande bin, weil mir bis Dato nicht der gute Wille zur Arbeit mangelt, sondern es mir nur am Handwerkszeuge gebricht, als welches einmal verloren hatte, da außer der Maßen besoffen war.

Die Katze machte große Augen, als dergleichen Rede führte. Was fabelst Du, sagte sie, von einer Wurzel? Ich bin kein Künstler, sondern im Gegenteil ein höchst unglückseliges Gespenst, das nach Erlösung schmachtet, die ich auf keine andre Art, als durch Deine Hülfe zu erlangen weiß. Bist Du aber ein Künstler, so ist das desto besser für Dich; glücklich ist der Mensch, das weiß ich nun aus Erfahrung, der nicht als eine Katze umzugehen nötig hat.

Habe immer bemerkt, daß kein Mensch recht mit seinem Stande zufrieden ist, und diese Erfahrung bestätigte sich auch hier. Trachtete überhaupt von jeher dahin, auf meinen Reisen meine Menschenkenntnis zu vermehren, und wenn man so reist, sind Reisen einem jungen Menschen überaus nützlich.

Ich mochte übrigens mit dem Erlösen nichts zu tun haben, und sagte es auch der Katze gerade heraus, daß das meines Amts nicht sei, daß ich Niemand in sein Handwerk pfuschen wolle, und dergleichen mehr. Sei ein Mensch, der sich von Jugend auf nicht auf dergleichen appliziert habe und könne in der Unwissenheit vielleicht Übel nur ärger machen.

Die Katze, da sie hörte, daß ich ihr ihre Bitte geradezu abschlug, stellte sich erbärmlich an und heulte und maute dermaßen, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen, wurde also ebenfalls gerührt, und beteuerte, daß ich gerne dienen wollte, wenn es mir nur möglich sei. Die Katze sagte hierauf, ich möchte ihr nur vertrauen, so wolle sie mich glücklich machen: sie wolle mir nämlich einen Schatz gönnen. Bedankte mich gar höflich für die gütige Gesinnung, und nahm die Nachtmütze ab, ihr mein schuldiges Kompliment zu machen, wobei mich aber so verlauten ließ: Ja, traue doch der Henker irgend einem Eures Gelichters, ich weiß wohl, wie es oft mit dem Schätzeheben zugeht. Erstens, ist oft gar nichts dahinter, und ich habe manche saubere Geschichte von den Betrügereien der Schatzgräber gehört; zweitens, bricht Eures Gleichen gern die Hälse, wenn auch Schätze da sind; denn ich weiß, das ist Eure Passion; drittens, habe ich Sie, wertgeschätzteste Katze, vollends mit dem Knüttel heimgesucht, weil ich Ihren Stand als Gespenst nicht wußte, und dadurch ein grobes Versehn gegen die Etikette und gute Lebensart begangen, was Sie mir gewiß wieder eintränken werden. Tut mir also leid, daß ich nicht die Ehre haben kann, den Schatz zu heben, oder Ihre Erlösung zu bewerkstelligen.

Da die Katze merkte, daß sie mit trocknem Maule wieder würde abziehen müssen, fing sie auf die kläglichste Art an zu winseln und sich auf bewegliche Bitten zu legen. Sie versicherte mir, daß sie ein Gespenst sei, das Ehre im Leibe habe und keine Lücke oder Bosheit hinter den Ohren; sei ihr auch mit Halsbrechen gar nicht gedient, sondern wünsche im Gegenteil nichts so sehr, als mir nützlich sein zu können, habe mir auch die Prügel vergeben, und wünschte nur, als eine arme Seele im Grabe Ruhe zu haben und dergleichen; denn Irregehn sei ihre Sache nicht, habe immer ein stilles, einfaches und häusliches Leben geliebt, sich zwar immer die Fortdauer nach dem Tode gewünscht, aber nicht gerade als Katze. Und was dergleichen Rednerkünste mehr waren, die sie vorbrachte, um mich zu bewegen.

Traute ihr immer noch nicht, weil ich weiß, daß Katzen falsche Tiere sind, und machte ihr diesen meinen Einwurf. Sie war aber gleich mit Antworten fertig und bat inständigst, ich möchte mich nicht an ihr Äußeres stoßen; denn das sei nur Nebensache, sie sei eigentlich ihrem wahren Stande und Herkommen nach, eine unglückliche Menschenseele, die mit einem Schatze zusammenhänge und nur zur Ruhe komme, wenn dieser fatale Schatz durch mich gehoben würde. Ich solle mich auf ihr Wort verlassen, daß mir kein Leids geschehn würde.

Ich hatte vor, mit Schwatzen so lange die Zeit zuzubringen, bis in der Nähe ein Hahn krähte, oder der Morgen anbreche, weil ich alsdenn vor dem Gespenste sicher war. Bat also, man möchte mir seine Geschichte erzählen, wie dergleichen gebräuchlich sei, und mir sagen, wie man dazu gekommen sei, im Tode keine Ruhe zu haben, und dergleichen. Die Katze, die aber wohl meine hinterlistige Absicht merken mochte, fing bitterlich an zu weinen und beschwur mich von Neuem, wobei sie zu Beteuerung ihrer Unschuld die Hand auf die Brust legte, in Summa, sich so kläglich gebärdete, daß ich zum Gespenste mehr Zutrauen faßte.

Verlangte also, sie möchte mir nur einen Wechsel ausstellen für meinen Hals, damit ich's doch Schwarz auf Weiß habe, daß sie mir nichts tun wolle, und daß sich bei der Hebung des Schatzes keine höllischen Heerscharen drein mengen dürften; ich sei nicht für mich selber besorgt, sondern es schiene mir auch des Halses wegen notwendig, dergleichen Präkaution zu gebrauchen.

Hierauf machte die Katze einen hohen Buckel und fragte erbost: ob ich sie etwa gar zum Narren habe; wenn ich sie erlösen wolle, so solle ich sie erlösen, besonders da es ein so leichtes Stück Arbeit sei, sonst wolle sie den großen Schatz einem Andern zuwenden. Es sei weder Papier, noch Feder oder Dinte in der Kammer, und es mache viele Umstände, den Wirt erst zu wecken. Gebe mir außerdem ihr Wort, daß mir nichts geschehn solle; ich müsse wohl noch wenig mit Gespenstern umgegangen sein, oder an wahre Galgenstricke geraten, daß ich ihnen nicht mehr Rechtschaffenheit zutraue; sei schon genug, daß Menschen Spitzbuben wären, brauchte dergleichen nicht auch in der Geisterwelt einzureißen; der Satan mit seinen Scharen habe mit ihr durchaus nichts zu schaffen, sie führe ein Privatleben und wäre im Grunde selig, das bischen Umgehen abgerechnet. Sie wolle mir die Hand daraufgeben, daß mir nichts geschehn solle. Mit Erzählen könne sie sich durchaus nicht abgeben.

Ich ließ mir die Hand geben und dachte immer, die unglückselige Person würde kratzen; aber sie behielt die Krallen inwendig, worauf mich denn in der Eile anzog und wirklich mitging.

7.

Wir gingen Beide über den Hof, die Katze voran, weil ich den Weg nach dem Schatze nicht wußte. Hinter dem Pferdestall mußte eine Axt aufheben und damit die Schwelle des Stalles loshauen. Es dauerte nicht lange, so kamen Funken von den wiederholten Schlägen, worauf denn immer mutig fortfuhr.

Nach einiger Zeit kam ein eherner, großer Topf zum Vorschein, voll schöner, blanker Dukaten. Die Katze sagte, sie sei nunmehr erlöst, gab mir ein zusammengelegtes Papier, und befahl mir, es ja nicht zu öffnen, weil sonst mein Glück sogleich wieder verschwinden würde. Darauf begab ich mich mit meinem Schatze hinweg, und hinter mir geschah ein so heftiger Donnerschlag, daß ich voller Schrecken zur Erden fiel, dabei aber den Geldtopf in beiden Armen eingeklammert hielt. Kam glücklich damit in meine Kammer zurück, worauf mir denn alle Taschen voll Dukaten steckte, den Topf selbst aber im Bette verbarg. Am Morgen bezahlte ich meine Zeche und ging von dannen.

8.

Ich lebte nun auf eine prächtige Art; denn mein Geld belief sich auf viele tausend Taler, so, daß ich nun von aller Not gerettet war, auch mein Handwerk nicht wieder hervorzusuchen brauchte. War also immer gutes Muts und verzehrte nach Herzenslust. Wie mir denn überhaupt von je an ungern etwas habe abgehen lassen, weil man sich doch immer der Nächste ist.

Quälte mich nun nichts weiter, als die Neugier, was wohl in dem Papiere stecken möchte. Es fühlte sich hart an, was darinnen war. Ich hatte aber doch nicht das Herz, es aufzumachen, weil mir die Drohung des Geistes immer noch im Sinne lag, sah mich also genötigt, anderweitig mit Essen und Trinken mein Gemüt zu zerstreuen. In allen Widerwärtigkeiten des Lebens habe in den mancherlei Eßwaren von jeher einen zuverlässigen Trost angetroffen, und die große Güte und Weisheit des Schöpfers immer bewundert. Wie es denn wohl gewiß ist, daß ein gütiges Wesen über uns waltet, das uns auf unsern Wegen, wenn sie auch manchmal etwas wunderlich laufen, der Glückseligkeit entgegen führen will.

Die Neugier ist ein großes Übel. Als ich an einem Nachmittage durch eine schöne Gegend ging, und die Hände (wie es denn meine Gewohnheit ist), in der Tasche trug, hatte ich, ohne es selber zu wissen, plötzlich das geheimnisvolle Papier auseinander gemacht. Da entstand ein solches Donnern, Lärmen und Poltern in den Wolken, als wenn der ganze Himmel über mir einfallen wollte, und siehe da, alle mein schönes Geld war wieder verschwunden.

9.

Ich wußte nun zwar, was in dem Papiere gewesen war; allein das konnte mich wenig trösten, denn ich hatte nun nichts weiter, als ein kleines, blankes Steinchen in der Hand. Ich besah es hin und her und weinte meine bittern Tränen.

Da war ich nun wieder so arm, als ich nur je gewesen war, und keine Aussicht auf ein neues Glück. Verlor aber darum doch den Mut nicht, sondern überließ mich ganz der Führung der Vorsehung, weil ich überzeugt war, daß sie schon wieder auf eine andre und bessere Art für mich sorgen würde.

10.

War, wie schon gemeldet, sehr mißvergnügt und wußte gar nicht, was nun in der Welt anfangen sollte, so daß auch schier alle Hoffnung verlor und manchmal beschloß, mich aufzuhängen. Gedachte wohl freilich manchmal, es müsse wohl wieder anders und besser werden; indessen konnte ich es doch niemalen gewiß wissen.

Mußte also wieder Hunger und Kummer leiden; denn ohne Geld ist man gewiß ein verlassener Mensch, und das Elend ist um so empfindlicher, wenn man schon einmal die Freude des Wohlstandes gekostet hat.

Ich dachte oft, in dem zurückgelassenen Steine müsse vielleicht eine wunderbare, übernatürliche Kraft verborgen liegen, weil er doch von einem Gespenste herrühre, und gab mir deshalb alle Mühe, etwas dergleichen an ihm zu entdecken, wovon ich wieder mein Brot in Ruhe essen könnte. Ich glaube, es ist fast nichts in der Welt, worauf ich nicht in meinen damaligen Umständen verfallen wäre, weil einen großen Trieb in mir verspürte, mich aus meiner gegenwärtigen Not zu reißen. Mußte aber noch ziemlich lange darinnen verharren.

Damals gab mich ungemein mit Naturwissenschaft ab, und legte mich vorzüglich auf die sogenannte Experimentalphysik. Ich machte unaufhörlich Versuche, wozu der Stein doch in aller Welt zu brauchen sei; bald wollte ich mich damit verwandeln, bald gedachte ich, er solle etwa andre Materialien in Gold verwandeln; aber er wollte sich in der Tat zu nichts bequemen, so daß alle mein Studieren nur weggeworfene Zeit war. Ich wurde oft darüber böse.

Damals habe ich eingesehn, was für eine gute Sache die Wissenschaften sind, hatte nichts zu beißen und zu brechen, nichts auf und nichts im Leibe, meine Seele abgerechnet, die ich auch unermüdet beschäftigte. Es kam so weit, daß ich wieder bettelte, wobei mich trefflich mit Lügen behelfen mußte, um die Leute nur in Mitleiden, Teilnahme, Menschenliebe und dergleichen hinein zu bringen. Gab mich oft für einen Krüppel aus, oder einen Abgebrannten, tat auch manchmal, als wenn ich nicht sprechen könnte, welches mir recht leicht zu bewerkstelligen war, da an manchen Orten überdies die Sprache nicht inne hatte. So hatte immer alle Hände voll zu tun, um mich nur ehrlich durch die Welt zu bringen.

Habe seitdem aber keine Katze vor Augen leiden können, was gewiß eine große psychologische Merkwürdigkeit ist, da ich ihnen vor dem Vorfalle mit dem Gespenste ordentlicherweise gut war. Aber ich war innerlich zu sehr erbost, daß so meine Schätze wieder verschwunden waren, ob es gleich meine eigne Schuld war. Dachte aber oft, daß mir die Bestie nur den Stein gar nicht hätte geben dürfen, so wäre mir auch das Unglück nicht begegnet.

Es ist viel, daß ich bei meinen mancherlei Unglücksfällen kein einziges Mal in die eigentliche Verzweiflung gefallen bin. Aber ein großer Mann läßt sich sein Schicksal nicht anfechten, und von Kindheit an haben immer schon Spuren und Samenkörner meiner jetzigen Größe in mir gesteckt.

Mußte mich damals mit Wünschen und mit meiner Phantasie begnügen, wenn ich manchmal großen Appetit zu delikaten Eßwaren und Getränken hatte.

11.

Es kam aber die Zeit, wo ich die Kraft und Tugend des Steins erproben sollte; denn es begab sich, daß ich in eine wunderbare Gegend kam. Es war nämlich an einem Orte, an dem Ruinen eines ehemaligen Schlosses standen; die Berge waren wüste und voller wilden Felsenstücke. Wurde mir angst und bange, als ich durch diese Gegend ging, und ich hatte noch niemals dergleichen gesehn. Wie wurde mir nun aber erst, als ich oben auf dem Berggipfel allerhand wunderliche Gestalten in den seltsamsten Posituren wahrnahm, die sprangen und tanzten, und sich mit fürchterlichen Gebärden umhertrieben. Es war nicht anders, als daß diese Personen Gespenster vorstellen mußten, und da ich dies merkte, war ich in der vollkommensten Angst.

12.

Da ich mich so fürchtete, wollte ich an diesen Kreaturen die Gewalt meines Steins versuchen, und siehe da, diesmal gelang mir's über meine Erwartung. Die Gespenster, die vorher ein großes Lärmen gemacht hatten, waren plötzlich stille und alle gebannt, daß sie sich nicht rühren konnten. Ich merkte gleich, daß der Stein dies Kunststück gemacht habe, worüber eine große Freude empfand und überlegte, was es mir etwa für Nutzen bringen könne.

War noch etwas furchtsam, kletterte aber darnach mit einiger Mühe das Gebirge hinauf und befand mich nach einiger Zeit oben. Worauf ich die Gespenster in eigner Person besichtigte und Figuren von allen möglichen Farben antraf. Es war mir eine große Freude, daß mir keiner von diesen bösen Geistern etwas anhaben konnte, sondern sie sich alle vielmehr vor mir fürchteten und entsetzten. War mir bis dahin noch nicht begegnet.

Da ich sah, daß es so gut ablief, machte ich sie wieder von ihrem Banne frei und erlaubte ihnen, die vorhin gehabten Lustbarkeiten und Ergötzlichkeiten fortzusetzen. Worauf sie denn für erlaubte Permission dankten, und ihre unterbrochenen Quadrillen und englischen Tänze wieder anfingen.

13.

Ich fragte hierauf, was diese Festlichkeit zu bedeuten hätte, und warum sie, da sie doch, wie ich wohl sehn könnte, Gespenster wären, ihre Zeit mit Tanzen und Springen zubrächten.

Einer, der der Älteste und Vernünftigste unter ihnen schien, trat hervor und sagte: Mein Herr, es scheint, Sie kommen aus einer fremden Gegend, und darum will ich Sie von Allem unterrichten. Sie haben einen Stein in Ihrer Gewalt, der uns zwingt, Alles zu tun, was Sie uns befehlen, und darum muß ich auch antworten, was sonst meine Art gar nicht ist. Wir stehn, mit Erlaubnis zu sagen, unter der Botmäßigkeit des weltbekannten Satans, sonst auch Teufel genannt; dieser Unmensch hat uns schon seit lange auf dies Gebirge zur Strafe hergebannt, und uns jährlich nur einen Tag vergönnt, an dem wir uns lustig machen dürfen. Gerade heute ist dieser Mardi gras, und wenn es Ihnen sonst gefällig ist, so dürfen Sie nur an unserm Balle Teil nehmen.

Bedankte mich für die Höflichkeit des Gespenstes, sagte aber auch zugleich, daß ich nie ein großer Tänzer gewesen, sondern mich immer ohne dergleichen Freudensbezeugungen beholfen. Worauf sie Alle bedauerten und versicherten, Keiner unter ihnen, den ich aufgefordert, würde mir es abgeschlagen haben.

Ich fing nun an, meine Kräfte und Talente zu fühlen, und sagte: ich hoffte nun sogar, den Teufel selbst unter meine Botmäßigkeit zu bringen; worauf jener antwortete, daß es mir mit dem Steine gar nicht fehlen könne.

14.

War also nicht langsam, sondern fing an, den Satan zu beschwören, der sich auch sogleich in Gestalt eines gräßlichen Löwen einstellte, und so fürchterlich brüllte, daß die Gebirge davon wiederhallten. Kümmerte mich aber nicht viel um sein Brüllen. Fragte mich obbesagter Teufel hierauf mit feurigen Blicken: ob ich gesonnen sei, einen Kontrakt mit ihm zu machen und mich ihm mit meinem leibeignen Blute zu verschreiben. Mußte lachen, ob es gleich der Satan war und fragte ihn: ob er dächte, daß ich ein Narr sei, daß er dergleichen Anerbieten sich zu machen unterstünde, da er schon überdies in meiner Gewalt sei. Ich habe meine Oberherrschaft über die Geister einer sichern Katze zu danken, der ich einen kleinen Dienst geleistet, worauf sie sich auf diese Art erkenntlich bezeigt.

15.

Ließ mich nun ohne weiteres Bedenken vom Satan selbst zu einem vergrabenen Schatze führen, der in einem verfallenen Brunnen verborgen lag; selbigen mußte er in eigener Person holen und mir einhändigen. Hatte nunmehr noch größern Mut und deutete ihm an (dem Satan), er möchte sich künftig nicht als Löwe zu mir bemühen, sondern als ein ordentlicher, vernünftiger Mensch erscheinen, falls ich darauffallen sollte, ihn zu zitieren. Worauf er mir die Hand geben mußte. Ging fort und war sehr verdrüßlich, daß ich ihn so bezwungen hatte.

16.

Ging nun fort und hatte vermittelst meiner dienstbaren Geister niemalen Geldmangel; denn so oft ich wollte, ging ich aus und zitierte, und ließ mir Schätze holen. War ein bequemes Leben, und hatte es doch nunmehr wieder mit des Himmels Beistand durchgesetzt, daß nicht zu arbeiten brauchte.

17.

Ich schaffte mir eine Kutsche, Pferde und Bedienten an, und reiste immer in der Welt umher; allenthalben traktierte man mich wie einen großen Herrn, weil die Leute glaubten, ich sei ein Graf, Minister oder dergleichen. War aber nichts dahinter, konnte aber gewahr werden, daß das Geld in diesem irdischen Leben die Hauptsache sei.

Damals studierte alle Lebensmittel durch, die es nur gab; weil mir dieser Zustand der Herrlichkeit etwas Neues war. War überaus vergnügt.

18.

Da ich nun ein bemittelter und wohlhabender Mann war, so schaffte mir auch einen Narren oder sogenannten Hanswurst an. Derselbige Mensch mußte sich immer dumm anstellen; war aber im Grunde klüger, als ich. Er mußte auf nichts, als Narrenstreiche denken, während ich meine ernsthaften Beschäftigungen vornahm, damit ich mich nachher wieder erholen und zerstreuen konnte. War dergleichen auch überaus nötig, um am Ende nicht gar melancholisch zu werden, als wozu in meinem Temperamente große Neigung verspürte; noch mehr aber zum phlegmatischen.

19.

Damals gab ich mir auch einen andern Namen und nannte mich Tunelli, weil man mich in der Jugend immer Tonerle genannt hatte. Wurde gewissermaßen dick und fett, als wozu zweifelsohne die sorgenfreie Lebensart Vieles beitrug, denn ließ mir gerne Essen und Trinken gut schmecken, und machte wohl 5 bis 6 Mahlzeiten des Tages, als welches sehr gesund sein soll; war aber doch niemalen dabei unmäßig.

Da ich sah, daß es mir so gut bekam, machte ich immer mehr Aufwand. Wenn mein Geld verzehrt war, ließ ich mich mit meiner Kutsche ausfahren. Im Walde oder Feld ließ dann still halten, mit dem Bedeuten, sei gesonnen, mich ein wenig in der schönen Natur umzuschauen, um die Gegend und dergleichen zu genießen. Mit dem Vorgeben ging ich dann beiseite und zitierte ohne Umstände den Teufel, der denn als ein Kavalier von vornehmem und vortrefflichem Ansehen erschien und mir Diamanten und Juwelen überlieferte. Diese Kleinodien steckte ich behende zu mir, setzte mich in meine Kutsche und fuhr dann weiter.

20.

Nach einiger Zeit kam ich in eine große und wohl vornehme Stadt, die man mir auf meine Erkundigung Monopolis nannte. Ich ließ nach dem besten Gasthofe fragen, und stieg also mit allen meinen Bedienten im goldenen Drachen ab.

Der Wirt schien ein Mann von Verstand und Bildung, befahl ihm also gleich, eine überaus delikate Mahlzeit anzurichten und mich ja in nichts zu vernachläßigen. Der Wirt machte viele Komplimente, und versprach seine Ergebenheit und unermüdeten Fleiß mit Herz und mit Mund.

Konnte die Zeit kaum erwarten, als ich mich auf meinem prächtigen Zimmer allein befand, bis das Essen fertig war. Ließ mir also unterdeß von meinem Harlekin einige wenige Narrenpossen in der Eil vormachen, die mich nicht sonderlich ergötzten, weil nämlich hungrig war, obgleich sich der Mann alle Mühe gab.

Endlich kam die Zeit und es wurde eine große Tafel serviert, voller überaus schöner Speisen. Da ging mir das Herz auf und ich wurde wieder lustig, so daß ich ordentlich zu scherzen begann. Denn es ist immer meine Meinung gewesen, daß man gute Laune und Witz eigentlich für die Tischzeit aufheben müsse, weil beides außerdem weggeworfen ist. Bat also den Wirt, er möchte sich ohne Umstände niederlassen und mit mir vorlieb nehmen. Der Wirt wäre über meine gütige Herablassung beinahe vor Schrecken in Ohnmacht gefallen, weil er mich für einen Herzog oder dergleichen Kreatur ansah. Ich aber fuhr fort in ihn zu dringen und erklärte ihm, ich sei nichts weiter als ein reisender Schneidergeselle. Worauf der Wirt sich ordentlich vor Freuden kreuzigte, daß ich so guten Humors sei und aus vollem Halse über meinen Einfall lachte, als wofür er es ansah. Ich ließ ihn endlich bei dem Gedanken, daß ich ein vornehmer Kavalier sei, weil die Menschen doch einmal an diesen Vorurteilen hängen.

Der Wirt setzte sich endlich auf wiederholtes Bitten zu mir, weil immer lieber in Gesellschaft speise. Ich muß sagen, er aß mit vielem Appetit. Der Narr mußte uns Beiden Narrenpossen machen, und ich war nicht der Einzige, der lachte, sondern der Wirt auch, was mir lieb war; denn es bewies, daß der Narr gewiß gut und nicht zu verachten war.

Bei Tische kamen wir auf allerhand Materien zu reden. Der Wirt erzählte viel von der Beschaffenheit des Orts und der Einwohner; von dem Geschmack, der dort herrsche, Theater und dergleichen; ich gab aber nicht viel Acht, sondern beschäftigte mich gänzlich mit Speisen. War mir aber doch lieb, daß einer in meiner Gegenwart was redete, damit der Geist, dem man nichts Besseres bieten kann, doch auch einige Nahrung bekäme.

So kam er auch auf den König des Landes zu sprechen. Jetzt fing ich an Acht zu geben; denn es war auch kein Wunder, daß ich schon satt war. Hatten schon seit drei Stunden bei einander gesessen. Kriegte einen guten Einfall. Erkundigte mich nämlich, was denn der Herr des Landes wohl für ein Herr sei, von was für Komplexion, ob er gern esse, ob lieber Fleisch oder Fische, ob er melancholisch oder vergnügt sei.

Merkte bei der Gelegenheit, daß der Wirt ein recht enthusiastischer Patriot sei; denn er strich seinen Fürsten auf die allerbeste Art heraus, so, daß ich wohl abnehmen konnte, wie glücklich sich die Untertanen eines solchen Landes vorkommen müssen. Ich fragte den Wirt weiter, ob es dieser König wohl ungnädig vermerken würde, wenn ich ihn untertänigst am folgenden Tage zu mir in's Wirtshaus an die Tafel bitten ließ. Der Wirt antwortete: der König würde es sich gewiß zur Ehre schätzen, denn er sei so populär, daß es ihm eine ordentliche Freude sei, gemein zu sein. Anbei liebe er Häuslichkeit und spreche gern Fremde, spare auch gern, würde also in allen Fällen mein Anerbieten gern annehmen.

Wer war froher, als ich. Schickte gleich meinen Jäger an Ihro Majestät, und ließ ihn am folgenden Tage, im Namen einer Wiener Kavaliers Tunelli, zum Essen bitten.

Der Jäger kam mit der Antwort zurück, daß der König so frei sein würde, zu erscheinen.

21.

Wie wunderlich ist das Schicksal? Vor kurzem noch gebettelt, hatte nun einen ansehnlichen König zu Gaste. Konnte kaum die Zeit erwarten, bis er kam.

Ich ließ eine Mittagstafel zubereiten, die sich vor jedem Monarchen der Erde sehn lassen durfte. Der König kam in seiner Kutsche, und ich nahm mir die Freiheit, ihn selber aus seinem Wagen zu heben. Ich hatte es so eingerichtet, daß, so wie die Majestät in den Saal traten, ihm schon die Schüsseln entgegen dampften; worüber Sie gnädigst zu lächeln geruhten und eigenhändig Beifall klatschten. Wurde dadurch ungemein zum Essen aufgemuntert und machte dem Könige dadurch doppelten Appetit.

Mußte erzählen, durch welche Länder ich gereist sei, und sprach daher von Polen, Persien, Türkei und Sibirien. Verschwieg aber meinen Stand und meine gehabten Avanturen weislich, weil es mir hätte zum Schaden gereichen können. Habe von jeher nach feiner Politik gehandelt, und mich in jeden Stand, mit dem ich umging, zu schicken gewußt.

Wir tranken auch ziemlich viel Weinflaschen aus, und da kam mein König erst recht in seine Laune hinein. Muß aber auch der Wahrheit die Ehre geben, daß ich es nicht an Witz gebrechen ließ, um meinen hohen Mitspeisenden zu unterhalten, welches er gnädigst und mit vielem Lachen vermerkte. Glaube, war vor Ehre, Freude und Wein halb betrunken.

Ich erzählte dem Könige von einem schönen Berge, den ich vor der Stadt gesehn hatte, und der mir in Ansehung der Gegend und Aussicht erstaunlich gefiel. Der König war eben der Meinung, sagte, er hätte schon viele Länder durchreist, habe aber keinen so schönen Berg angetroffen. Ob er ihn mir käuflich überlassen wolle? Der Regierende besann sich eine Weile und sagte: es wäre um den Berg schade. Ich glaubte, er weigere sich nur aus Verstellung, um einen bessern Handel zu machen, wie es sich nachher auch befand. Er wolle mir den Berg abtreten, sagte er, daß ich mir ein prächtiges Schloß dort bauen könne, erlauben; aber es sei ihm platt unmöglich, ihn unter zwei Millionen zu lassen, das sei der genauste Preis, wovon er sich keinen Pfennig könne abhandeln lassen; dabei bedinge er sich noch aus, daß nach meinem Tode oder Ableben der Berg an sein Königreich zurückfallen müsse.

Was waren mir zwei Millionen! – Wir gaben uns also die Hände, der Wirt schlug durch, und der Handel war gemacht. – Ich ließ die Kutsche anspannen und fuhr noch mit dem Könige hinaus, um mein Grundstück in Augenschein zu nehmen. Als ich nüchtern geworden war, merkte ich doch, daß er mich angeführt hatte; denn der Berg war mir eigentlich für meine schönen zwei Millionen nur auf meine Lebenszeit geliehen. Der Wirt lachte auch und schüttelte den Kopf. Was konnte ich dafür? Es war das erste Mal, daß ich mit einem Könige einen Handel machte. Beschloß, mich in der Zukunft besser in Acht zu nehmen.

22.

Ich baute ein prächtiges Schloß auf mein Gebirge hin, das mich auch über eine Million kostete; denn ich sah das Geld nicht viel an, weil mich im Fall der Not immer auf den Teufel verließ. Hatte also kurze Zeit eine Menge Geld ausgegeben.

Als selbiges Schloß fertig war, nannte ich es Tunellenburg, mich selbst aber den Grafen Tunelli. Will von den Festins schweigen, die bei der Einweihung veranstaltet wurden; der Rede nicht erwähnen, die der Zimmermann oben auf dem Dache zu meinem Lobe hielt; die Gedichte übergehen, die zu meinem Besten abgesungen wurden. Alles das würde zu viel Eitelkeit von meiner Seite verraten, wenn ich es weitläuftig beschreiben wollte. Will nur so viel kürzlich melden, daß im ganzen Lande berühmt, ja beinah angebetet wurde. War auch kein Wunder, da ich so viel Geld bei mir verspüren ließ.

Übrigens ließ mir selber an nichts abgehn, speiste auch öfters bei oberwähntem Wirte, weil er ein überaus geschickter Koch war und wie gesagt, viele Bildung hatte. Das war jetzt ein ander Leben, als wie ich mich in tausenderlei Tiere verwandeln mußte, um nur das liebe Brot zu haben, nach mir mußte schießen lassen, von Raubvögeln über's Meer tragen und dergleichen Unannehmlichkeiten.

23.

Der König hatte mich schon einige Mal gefragt, warum ich mich nicht lieber verheiratete, als ein so einsames Leben führte?

Fiel mir selber aufs Herz, daß ich noch kein Mal in meinem Leben verliebt gewesen war. Rührte wahrscheinlich daher, daß ich immer noch zu sehr mit Nahrungssorgen zu kämpfen gehabt.

Ich sah gerade bei'm Könige aus dem Fenster seines Schlosses, als wir diesen Diskurs führten. Indem so geht ein sehr liebenswürdiges Frauenzimmer vorbei, und wie ich sie ansah, war auch mein Herz bewegt (hatten schon gespeist), meine Empfindungen wurden angeregt, mit einem Wort, ich wurde verliebt. Zeigte dem Könige das Mädchen und meinte, daß ich diese am liebsten zu meiner Gemahlin erwählen möchte. Der König gab mir seinen Beifall und sagte, daß er sie selber für schön erkenne. Er sandte also in meinem Namen seinen Kammerhusaren hinunter, der sie einladen mußte, auf's Palais hinauf zu kommen, weil sie ein Kavalier sprechen wolle.

Das Mädchen war aber kurz angebunden, sagte, sie habe auf dem Schlosse nichts zu suchen, sie kenne schon den Herrn König, und sei nicht eine von denjenigen, und dergleichen Redensarten mehr; worauf sie denn ihren Weg fortsetzte. Ich war erschrocken und bange, ich möchte sie gänzlich aus den Augen verlieren, schrie und heulte vor Liebe im Fenster, daß es den König zu Tränen rührte. Umarmte mich weinend und suchte mich zu beruhigen, schickte auch alsbald zwölf Mann Wache aus, die das widerspenstige Mädchen mit Gewalt in's Schloß bringen mußten.

Sie zitterte und bebte und war sich nichts Guts versehn, ward dadurch in meinen Augen noch viel liebenswürdiger. Es war mir immer die größte Freude, wenn Leute vor mir zitterten und ich ihnen nachher vergab und nichts tat. So glaubte meine Geliebte auch, sie würde ihr junges Leben im Schlosse einbüßen müssen und fiel daher aus den Wolken, als ich ihr in den beweglichsten Ausdrücken meine Liebe und Anbetung ihrer Schönheit gestand. Sie war ganz versteinert. Ich und der König freuten uns so sehr darüber, daß wir laut lachen mußten.

Sie sagte, sie sei nur die Tochter eines Kaufmanns und verdiene eine so hohe Ehre nicht. Antwortete ihr galanter Weise: die Schönheit sei die einzig wahre Beherrscherin der Erde, und wahre feurige Liebe, wie die meinige, mache alle Stände gleich; solle mich demnach nur aus vollem Herzen lieben, und sie sei dann fast eben so viel, als ich selber. Könne nicht ohne sie leben, möchte also ohne weitere Umstände mein Leben oder meinen Tod beschließen.

24.

Sie sah mich mit zärtlichen Augen an, und ich merkte aus allen Kennzeichen, daß sie eine wahre und ungeheuchelte Liebe zu mir trüge, es nur nicht zu sagen sich unterstehe; denn ich war eine schöne Person, ansehnlich und wohlbeleibt, hatte überdies einen großen Stern auf der Brust und einen Orden um, brillantne Ringe an den Fingern; in Summa: sie verspürte wohl, daß ich was Extraordinaires sei, auch viel Geld hinter mir stecke. Gestand mir also ihre Neigung und wurde noch an demselben Tage auf dem Schlosse unsre Hochzeit und Trauung vollzogen. Die Eltern meiner Gemahlin durften aber nichts davon erfahren; denn ich hatte vor, diesen nachher eine recht heimliche Freude zu machen.

Nachdem wir gegessen und getrunken und uns auf allerlei Weise erlustigt hatten, begaben wir uns nach der prächtigen Tunellenburg, wo in aller Eil ein neues Banket zugerichtet wurde. Dann ließ ich eine prächtige Jagd anstellen, war und blieb aber ein ungeschickter Jäger.

25.

Hatte schon mehrere Wochen mit meiner Gemahlin äußerst vergnügt und zufrieden gelebt; dieselbe aß dieselben Sachen auch gern, die ich am liebsten mochte, und waren also, so zu sagen, Beide ein Herz und eine Seele. Schmeckte in voller Glückseligkeit also die Freuden des Ehestandes und wunderte mich, daß nicht eher darauf verfallen; denn hatte nun immer jemand, der sprach, und brauchte gar nicht Unterhaltung aus dem Hause zu suchen.

Als die erste Leidenschaft der Liebe vorüber war, dachte ich an den Vater meiner Gemahlin, daß er wahrscheinlich über den Verlust seiner Tochter untröstlich sein würde, da er durchaus nicht wußte, wo sie hingekommen war; denn ich hatte es sehr strenge verboten, ihm etwas zu verraten, aus Ursach der heimlichen Freude.

Ließ ihn also endlich einmal auf mein Schloß bescheiden, diesen Kaufmann. Er kannte mich gar nicht, und wunderte sich also, warum ich ihn doch wohl rufen ließe. Sah ganz krank aus, der arme Mann, als er ankam, und mußte vor Freude lachen, als ich dachte, daß nun seine Angst bald vorüber sein würde. Er hatte Edelsteine mitgebracht, weil er dachte, ich sei etwa gesonnen, Pretiosa zu kaufen und habe ihn deswegen rufen lassen. Er zeigte sie mir mit der größten Demut und Unterwürfigkeit, und es fiel ihm wenig ein, daß ich sein Schwiegersohn sei.

Als ich sie alle genug betrachtet hatte, gab ich ihm einige von meinen Diamanten, wie eine halbe Faust groß in die Hand und fragte, ob er sie nicht von dieser Sorte habe? Er erschrak über die großen Steine und antwortete, daß er dergleichen Diamanten noch niemals gesehn, viel weniger besessen habe. – Andre könnte ich nicht brauchen; und da er keine von dem Kaliber habe, wolle ich ihm die sechse schenken, die er gerade in den Händen habe.

Der Kaufmann wußte nicht, ob er im Himmel oder auf der Erde war; er sah mich mit großen Augen an und konnte aus meiner Person nicht klug werden. Ich mußte innerlich lachen und konnte mich vor Freude nicht lassen. Er mußte sich nun neben mich setzen, und ich ließ für uns Beide etliche Flaschen von meinem besten Weine aus dem Keller heraufholen.

Bei diesem Anblick schien mein unbekannter heimlicher Schwiegervater etwas beruhigt und getröstet. Er trank von Herzen und ich nötigte ihn so lange, bis ich merkte, er sei seiner Sinne nicht mehr mächtig. Um seine Freude und sein Glück auf den höchsten Gipfel zu bringen, mußte meine Gemahlin plötzlich hereintreten.

Der alte Mann erschrak vor Entzücken, als er seine Tochter so unvermutet wiedersah; er wollte aufstehn und sie umarmen, wie es einem Vater zukommt; aber es hatte ihn so überwältigt, daß er der Länge nach in meinen Speisesaal hinfiel. Erinnere mich nicht, daß in meinem Leben schon eine solche Freude gehabt hätte, als an dem Tage, da diese beiden liebenden Herzen sich wiederfanden.

Aber keine Feder kann es beschreiben noch ausdrücken, was der alte Mann für dummes Zeug anfing, als er hörte, daß seine Tochter meine Gemahlin sei und ich selber sein Schwiegersohn. Das Händeringen und Bockspringen wollte gar kein Ende nehmen. Ich mußte mir vor Lachen und Freude Bauch und Seiten halten.

Er mußte mit uns essen, mit uns auf die Jagd gehen, wozu er noch weniger taugte, als ich selber; dann mußte er wieder trinken, dann ein Feuerwerk ansehn, in Summa, er genoß alle Seligkeiten dieser Erde.

Darüber wurde er auch am Ende sehr verdrüßlich, denn er sagte, wir sollten ihn nun auch einmal wieder nach Hause gehn lassen, seiner Frauen wegen, die nicht wisse, wo er bliebe; erst hätte ich ihnen die Tochter weggenommen, nun würde er selber seiner Frau vorenthalten, die sich vielleicht gar zu Tode ängstigen könne.

Er schimpfte und fluchte so lange, bis ich einsah, daß er Recht habe, und ihn wieder in Gnaden entließ.

Ich schlief mit den Vorstellungen ein, wie glücklich sich nun die ganze Familie fühlen müsse.

26.

Ich mußte nun meiner Frau alle meine Kostbarkeiten zeigen, alle Diamanten, Ringe und andre Kleinodien. Den größten Wohlgefallen äußerte sie aber am baren Gelde: eine Folge ihrer Erziehung und weil ihre Eltern Kaufleute waren.

Nahm mir also vor, ihr eine rechte Freude zu machen, sagte ihr, daß ich nur auf eine Stunde nach der Stadt fahren wolle, um die Einkünfte einzunehmen, die mir meine großen Güter in Deutschland eintrügen.

Fuhr also ab, stieg aber im Walde aus der Kutsche und bannte den Teufel zu mir. Er wußte schon, was ich wollte, und kam mit vielen Edelgesteinen zu mir. Immer als Mensch, wie ich es befohlen hatte. Ich sagte, wenn es ihm nichts verschlüge, möchte er mir diesmal bares Geld in Dukaten bringen. War zufrieden, wenn ich drei Prozent am Werte der Kleinodien verlieren wollte. Ich mußte mich drein finden, weil es mir auf bare Münze ankam. Nach einer Viertelstunde kam der Teufel schwitzend wieder und hatte wohl 20 Beutel mit Dukaten bei sich. Gab die Edelsteine zurück, behielt aber heimlich zwei von den besten Ringen zurück, so daß doch keinen Schaden hatte.

Fuhr hierauf nach meinem Schlosse und meine Gemahlin amüsierte sich vierzehn Tage hinter einander damit, daß sie die Dukaten zählte. Wir waren recht glücklich und bei Tische immer sehr vergnügt.

27

Um die Zeit begab sich's bald nachher, daß beide Eltern meiner Frau Gemahlin uns besuchten. War schönes Wetter und sehr bei Laune, wie immer gern zu sein pflegte, war mir daher dieser Besuch sehr willkommen und angenehm. Was mir aber noch mehr Freude machte, war der Umstand, daß sie von mehr als zweihundert Personen aus der Stadt begleitet wurden, die Musik mitbrachten und ein verteufeltes Lärmen machten: Alles mir und meiner Frau Gemahlin zu Ehren. Es war lustig, die Musik und das wiederklingende Echo aus dem Fenster wahrzunehmen.

Wurde an dem Tage ein großes und herrliches Traktament angestellt, womit aus der Maßen Ehre einlegte. Fraßen auch alle, daß wohl ein Stein hätte Appetit kriegen mögen, viel weniger wohl ich. Daneben viele Gratulationen abgestattet erhalten, und von allen Seiten Komplimente eingesammelt. Ließ auch meine Gnade hinlänglich verspüren; denn als das Festin vorbei und es Abend war, erhielt jeder von den zweihundert Personen einen köstlichen Ring mit einem trefflichen Diamantstein. Ärgerte sich nachher die ganze Stadt, daß sie nicht mitgegangen war.

28.

Glück ist unbeständig. Währte nicht lange, so wurde meine treueste Gemahlin von einer kleinen unbedeutenden Krankheit angefallen. War nicht saumselig, sondern schickte sogleich nach dem Leibarzt des Fürsten, mit dem Erbieten, wolle ihm überflüßig Geld geben, wenn er sie kuriere. Da der Leibarzt dies Anerbieten hörte, brachte er noch vier von seinen guten Freunden mit, und hielten alle zusammen Collegium medicum. Ging mir viel Geld darauf, und ehe vierzehn Tage verlaufen waren, war meine liebenswerteste Gemahlin gestorben.

Weinte, wie sich's gebührte, und fiel beinahe in Verzweiflung, so daß der König, so wie viele Leute vom Stande, genug an mir zu trösten hatten.

29.

War doch nun durchaus nicht zu ändern, ließ mir daher auch endlich den Trost meiner Bedienten zu Herzen gehn, die gewaltig an mir arbeiteten. Trachtete nun, ihr, meiner gewesenen Gemahlin, ein anständiges Begräbnis zuzubereiten, damit mir nichts vorzuwerfen habe. Geschah mit aller Solennität; denn dieselbe wurde in der Stadt, in der Domkirche, unter Begleitung von vielen Fackeln, begraben, wobei viele Menschen häufige Tränen vergossen.

Hatte daran noch nicht genug, sondern ließ ihr auch ein herrliches Denkmal aus Marmorsteinen setzen, wozu eine lateinische Inschrift ausarbeiten ließ, die passend war. Alles vergoldet, kostete auch vieles Geld, war aber auch im besten Geschmack.

30.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, ließ ich ein prächtiges Trauermahl anrichten, um meiner Gemahlin alle Ehre zu erweisen. Hatte für delikate Speisen gesorgt, und lief zu meiner und zur allgemeinen Zufriedenheit ab. Waren auch die Weine im geringsten nicht gespart, so daß eine herzliche Freude darüber empfand.

31.

Mein Umgang mit dem Könige dauerte immer mit gleicher Zärtlichkeit fort. Aßen oft zusammen, und die Majestät schärfte mir manchen Trost ein, und sprach vortrefflich über die notwendige Verknüpfung der Dinge, Schicksal und dergleichen, so daß fast kein Wort davon verstand.

Suchte mich auch durch Ergötzlichkeiten und andre Diskurse zu zerstreuen, um mich nur vor Verzweiflung zu bewahren. So erzählte er mir eines Tages, daß man eine große Anzahl Diebe und Mörder eingefangen habe, und er nun nicht wisse, ob er sie hängen solle, oder ihnen nicht lieber Pardon erteilen. Ich wunderte mich über dergleichen schlechte und offenbar zu menschenfreundliche Gesinnungen. Sagte ihm rund heraus, er sei ein schlechter König, wenn er nicht am Umbringen das gehörige Vergnügen finde, und werde nachher in seinem Leben nicht mit Sicherheit regieren können. Man sehe es ihm wohl an, daß er bis dato noch mit Spitzbuben keinen sonderlichen Umgang gehabt; solle sie aber nur kennen lernen und werde dann einsehen, daß gegen dergleichen Ungeziefer der Galgen, als das einzige kräftige Mittel, vorhanden. Hätte selber von solchen Kreaturen einmal von einem Baume heruntergeschossen werden sollen, habe mich aber glücklicherweise noch durch eine glückliche List gerettet.

Kurz, predigte dem Könige so lange vor, bis er seine gnädigste Einwilligung dazu gegeben hatte, daß die Spitzbuben gehängt wurden, damit nur ordentliche Ruhe in's Land käme. Kriegte auch Lust, die armen Spitzbuben selber in Augenschein zu nehmen, machte ihnen also mit dem Könige einen Besuch. Sie hofften bei der Gelegenheit Pardon zu kriegen, aber darinne hatten sie sich sehr geirrt: wir sagten ihnen Beide rund heraus, daß auf dieser Erde ihre Bestimmung nun einmal der Galgen sei; bei welcher Gelegenheit ich manchen schönen Spruch von der notwendigen Verknüpfung der Dinge wieder an den Mann brachte. Die Spitzbuben wurden aber darüber ganz mißvergnügt.

Erstaunte nicht wenig, als die beiden ansehnlichen Kerle wieder gewahr ward, die mich ehemals in der Gegend von Polen hatten ausplündern wollen. Gab mich ihnen ohne Umstände zu erkennen und sagte, daß sie nunmehr das vom Baumherunterschießen wohl würden lassen müssen. War ungemein vergnügt, daß an diesen Bestien meine Rache ausüben konnte, weil sie mich damals so über die Gebühr geängstigt hatten.

Am folgenden Tage wurden sie Alle hingerichtet, die Beiden ausgenommen, die meine Bekannten waren; denn diese hatten Mittel gefunden, aus dem Gefängnisse zu entwischen. Hatte sie nun Alle aufknüpfen sehn, und ging mit zufriedenem Gemüte nach Hause, denn ich wußte nicht, was mir noch in dieser Nacht bevorstand.

Es mochte ohngefähr um Mitternacht sein, als ich etwas so prasseln hörte, als wenn es Feuer wäre. War auch wirklich Feuer und ich wachte darüber auf. Alles stand in Flammen, die Tapeten brannten schon; ich griff nach den Kleidern, kaum daß ich noch meine Beinkleider rettete. Alles Übrige, worunter auch mein herrlicher, trostreicher Stein befindlich, war fort und verloren. Die beiden entwischten Kanaillen hatten das Feuer angelegt.

Nun stand ich unten vor meinem Schlosse in Hemd und Beinkleidern, indessen die Flammen Alles geruhig niederbrannten. Die Bedienten liefen mit Zetergeschrei umher, und da ich mich einmal in der höchsten Trostlosigkeit befand, gab ich Allen auf der Stelle gleich ihren Abschied. Sagte, daß ich verarmt und abgebrannt wäre, ohne Mittel, könnte sie also nicht weiter brauchen. Sie gingen mit Tränen von mir und schwuren hoch und teuer, kriegten Zeit Lebens nicht wieder so herrliches Essen zu sehen, viel weniger zu genießen.

32.

Wußte keinen andern Entschluß zu fassen, als daß mich den Tag über im nächsten Walde einquartierte, weil in meinem nackenden Anzüge nicht durch die Straßen der Residenz gehn wollte.

Botanisierte in der Verzweiflung.

33.

Als es dunkel geworden, begab ich mich in die Stadt zum Kaufmann, meinem Schwiegervater. Derselbe glaubte, ich sei vielleicht gar vor Schmerzen oder Langerweile toll geworden, daß ich, als ein Graf, in solchem Aufzuge zu ihm gelaufen kam. Erklärte ihm aber bald das Rätsel, und erzählte ihm von meinem Stein und dessen Eigenschaften, vom Teufel und so weiter, in Summa, vertraute dem Manne alles, und daß ich nun ein armer Abgebrannter sei: wodurch denn seine Verwunderung aufhörte, er aber in ein unbeschreibliches Erstaunen geriet.

34.

Der König, dem ich schriftlich mein gehabtes Unglück anzeigte, stattete mir schriftlich sein Kondolenzschreiben ab, mit eigenen hohen Händen abgefaßt, wodurch gewissermaßen in eine Art von Beruhigung überging.

Der Kaufmann, mein gewesener Schwiegervater, hatte für sein großes Vermögen, das er großenteils durch mich erworben hatte, zwei Schiffe ausgerüstet, die damals auf der See waren. Es dauerte nicht lange, so kriegten wir die Nachricht, daß das eine gescheitert, das andre aber von Seeräubern weggekapert sei.

35.

Nun hätte ein Mensch sehn sollen, wie dieser Kaufmann sich bei dergleichen Nachrichten anstellte, und merkte schon damals, daß ich ein großer Philosoph sei, daß schon gewöhnt, so überschwengliches Elend mit exemplarischer Geduld zu ertragen. Einmal die Wurzel meines Glücks verloren, jetzt sogar mit meinem Steine abgebrannt.

Kam der Mann sogar darauf, ich sei ein Hexenmeister, sei am Tode seiner Tochter Schuld und auch an seinen Schiffen. In Summa, machte in der Verzweiflung nicht große Komplimente, sondern schmiß mich zum Hause hinaus.

36.

Der König hatte durch den Kaufmann denselben Argwohn gefaßt, von wegen der Hexenmeisterei. Schickte mir also die Bettelvögte nach, und ließ mich geradesweges über die Grenze bringen, mit dem kurzen, doch verständlichen Bedeuten, daß, falls ich mich unterstehn würde, wieder einen Fuß in sein Land zu setzen, er mich an den lichten Galgen wolle henken lassen.

Ging mit betrübten Gedanken aus seinem Lande hinaus.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.