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Honoré de Balzac: Leb wohl! - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleLeb wohl!
publisherIm Insel-Verlag
year1951
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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Als Marschall Viktor gegen neun Uhr abends die Höhen von Studjanka verließ, die er am 28. November 1812 den ganzen Tag hindurch verteidigt hatte, ließ er dort etwa tausend Mann zurück, die beauftragt waren, diejenige der beiden Brücken über die Beresina, die noch übrig war, bis zum letzten Augenblick zu halten. Diese Nachhut hatte sich geopfert, um den Versuch zu wagen, ob man eine erschreckende Menge von Nachzüglern, die von der Kälte erstarrt waren und sich hartnäckig weigerten, den Train des Heeres zu verlassen, retten konnte. Der Heroismus der großherzigen Truppe sollte nutzlos sein. Die Soldaten, die in Massen am Ufer der Beresina zusammenströmten, fanden dort zum Unglück ungeheure Mengen von Wagen, Munitionsfuhrwerken und Geräten jeder Art, die das Heer hatte im Stich lassen müssen, als es während der Tage des 27. und 28. Novembers den Übergang vollzog. Als Erben unverhoffter Reichtümer bezogen diese vom Frost abgestumpften Armen die leeren Biwake. Sie zerbrachen das Material des Heeres, um sich Hütten zu bauen; sie entzündeten mit allem, was ihnen unter die Hände kam, Feuer; sie zerlegten die Pferde, um sich zu sättigen, rissen Tuch und Leinwand von den Wagen, um sich zuzudecken, und schliefen ein, statt ihren Weg fortzusetzen und während der Nacht die Beresina zu überschreiten, die ein unerhörtes Verhängnis der Armee schon so sehr hatte zum Verderben werden lassen. Die Abstumpfung der armen Soldaten kann nur der verstehen, der sich erinnert, wie er durch diese ungeheuren Schneewüsten gezogen ist, ohne einen anderen Trunk als den Schnee, ohne ein anderes Bett als den Schnee, ohne eine andere Aussicht als auf einen Horizont von Schnee und ohne andere Nahrung als den Schnee oder ein paar erforene Runkeln, ein paar Handvoll Mehl und ein wenig Pferdefleisch. Halb tot vor Hunger und Durst, Ermattung und Schlafsucht, kamen diese Unglücklichen zu einem Ufer, an dem sie Holz, Feuer, Lebensmittel, unzählige aufgegebene Wagen, Biwake, kurz, eine ganze improvisierte Stadt vorfanden. Das Dorf Studjanka war völlig zerlegt, zerteilt und von den Höhen in die Ebene geschafft worden. So kläglich und verderblich diese Lagerstadt war, so zeigten doch ihr Elend und ihre Gefahren diesen Leuten noch ein freundliches Lächeln, denn sie sahen nichts als die schrecklichen Weiten Rußlands vor sich. Kurz, es war ein ungeheures Spital, das nicht mehr als zwanzig Stunden Dauer vor sich hatte. Lebensmüdigkeit oder ein Gefühl unerwarteten Wohlseins machte die Scharen jedem andern Gedanken als dem der Ruhe unzugänglich. Obgleich die Artillerie des linken russischen Flügels unablässig auf die Masse schoß, die sich wie ein großer bald schwarz zusammengedrängter, bald flackernder Fleck auf dem Schnee abzeichnete, schienen der erstarrten Menge die unermüdlichen Kugeln nicht mehr zu bedeuten als eben wiederum eine Unbequemlichkeit. Sie wirkten wie ein Gewitter, dessen Blitz, von aller Welt verachtet, hier und da nur Sterbende, Kranke oder vielleicht Tote treffen konnte. Unaufhörlich trafen die Nachzügler in Gruppen ein. Die wandelnden Leichen verteilten sich sofort und gingen von Feuer zu Feuer, um einen Platz zu erbetteln; und da sie meistens abgewiesen wurden, so fanden sie sich schließlich wieder zusammen, um die Gastfreundschaft, die man ihnen versagte, mit Gewalt zu erzwingen. Taub gegen die Stimmen der wenigen Offiziere, die ihnen für den folgenden Tag den Tod voraussagten, verschwendeten sie den Vorrat an Mut, der nötig gewesen wäre, um den Fluß zu überschreiten, darauf, sich für eine einzige Nacht ein Asyl zu bauen und sich eine oft verhängnisvolle Mahlzeit zu bereiten. Dieser Tod, der ihrer harrte, erschien ihnen nicht mehr als ein Übel, wenn er ihnen nur eine Schlummerstunde ließ. Den Namen des Übels gaben sie nur noch dem Hunger, dem Durst und der Kälte. Als kein Holz, kein Feuer, keine Leinwand, kein Dach mehr zu finden war, entspannen sich zwischen denen, die, aller Dinge bar, neu eintrafen, und den Reichen, die einen Unterschlupf besaßen, grauenhafte Kämpfe. Die Schwächeren erlagen. Schließlich kam ein Augenblick, wo ein paar Leute, vom Feinde gejagt, nur noch den Schnee als Lager fanden; und sie legten sich nieder, um nicht wieder aufzustehen. Unmerklich wurde die Masse fast vernichteter Wesen so kompakt, so taub, so stumpf, oder vielleicht so glücklich, daß der Marschall Viktor, der sie heroisch verteidigt hatte, indem er zwanzigtausend Russen unter dem Befehl Wittgensteins Widerstand leistete, gezwungen war, sich mit der Waffe durch diesen Menschenwald Bahn zu schaffen, damit die fünftausend Helden, die er dem Kaiser zuführte, die Beresina überschreiten konnten. Die Unglücklichen ließen sich eher zerstampfen, als daß sie sich rührten; schweigend kamen sie um, an ihren erloschenen Feuern lächelnd, ohne an Frankreich zu denken.

Erst um zehn Uhr abends war der Herzog von BellunoClaude Perrin, genannt Viktor, Herzog von Belluno, französischer Marschall. auf der anderen Seite des Flusses. Ehe er die Brücken betrat, die nach Zembin führten, vertraute er Eblé, jenem Retter all derer, die das Unheil der Beresina überlebten, das Schicksal der Nachhut von Studjanka an. Etwa gegen Mitternacht verließ dieser große General, begleitet von einem mutigen Offizier, die kleine Hütte in der Nähe der Brücke, die er inne hatte, und er begann das Schauspiel zu betrachten, das jenes Lager zwischen der Beresina und der Straße von Borissow nach Studjanka darbot. Die russischen Kanonen hatten ihren Donner eingestellt; zahllose Feuer, die mitten in diesen Schneemengen erblaßten und kein Licht zu werfen schienen, beleuchteten hier und da Gestalten, die nichts Menschliches mehr hatten. Da lagen etwa dreißigtausend Unglückliche all der Nationen, die Napoleon nach Rußland geworfen hatte, und verspielten mit brutaler Gleichgültigkeit ihr Leben.

»Laß uns all das retten«, sagte der General zu dem Offizier; »morgen früh werden die Russen in Studjanka stehen. Wir müssen in dem Augenblick, in dem sie kommen, die Brücke abbrennen. Also Mut, mein Freund! Brich dir bis zur Höhe Bahn; sag dem General Fournier, daß er kaum Zeit hat, seine Stellung zu räumen und all diese Leute zu durchbrechen, um die Brücke zu überschreiten. Wenn du siehst, daß er sich auf den Weg gemacht hat, so folge ihm. Von ein paar kräftigen Leuten unterstützt, verbrennst du dann erbarmungslos die Biwake, die Wagen, die Fuhrwerke, alles! Jage diese Leute auf die Brücke! Zwinge, was noch zwei Beine hat, sich aufs andere Ufer zu flüchten. Der Brand ist jetzt unser letztes Hilfsmittel. Hätte Berthier mir gleich erlaubt, diesen verdammten Train zu verbrennen, so hätte der Fluß niemanden verschlungen als meine armen Pontoniere, die fünfzig Helden, die das Heer gerettet haben und die man vergessen wird!«

Der General hob die Hand an die Stirn und verstummte; er fühlte, daß Polen sein Grab werden und daß sich keine Stimme zugunsten dieser heldenhaften Leute erheben würde, die sich im Wasser aufrecht gehalten hatten, im Wasser der Beresina, um die Brückenstützen einzurammen. Ein einziger von ihnen lebt noch, oder genauer, er duldet unbekannt in einem Dorf. Der Adjutant brach auf. Kaum hatte der großherzige Offizier hundert Schritte. auf Studjanka zu gemacht, so weckte der General Eblé mehrere seiner leidenden Pontoniere und begann sein Werk der Barmherzigkeit, indem er die bei der Brücke errichteten Biwake verbrannte und die Schläfer, die dort lagen, auf diese Weise zwang, die Beresina zu überschreiten. Der junge Adjutant war inzwischen nicht ohne Mühe bei dem einzigen Holzhaus angelangt, das in Studjanka noch aufrecht stand.

»Diese Baracke ist wohl recht voll, Kamerad?« fragte er einen Menschen, den er draußen bemerkte. »Wenn Sie eindringen, sind Sie ein tüchtiger Krieger«, erwiderte der Offizier, ohne sich umzudrehen; er demolierte, ohne sich zu unterbrechen, das Holz des Hauses mit dem Säbel. »Sind Sie es, Philipp?« fragte der Adjutant, da er am Klang der Stimme einen seiner Freunde erkannte. »Ja . . . Aha, du, mein Alter«, erwiderte Herr von Sucy, indem er den Adjutanten ansah, der wie er selbst erst dreiundzwanzig Jahre alt war. »Ich glaubte, du wärst auf der andern Seite dieses verwünschten Flusses. Bringst du uns Kuchen und Süßigkeiten zum Dessert? Du sollst gut aufgenommen werden«, fügte er hinzu, indem er die Rinde des Holzes vollends lockerte, die er seinem Pferd statt des Futters gab. »Ich suche euren Kommandanten, um ihm vom General Eblé den Befehl zu überbringen, daß er auf Zembin abziehen soll. Ihr habt kaum noch Zeit, diese Leichenmasse zu durchbrechen, die ich gleich anzünden will, um sie auf die Beine zu bringen . . .« »Du wärmst mich beinahe! Ich schwitze bei deiner Nachricht. Ich habe zwei Freunde zu retten! Ach, ohne diese beiden Murmeltiere, mein Alter, wäre ich schon tot! Um ihretwillen pflege ich meinen Gaul; sonst würde ich ihn essen. Sag, bitte, hast du nicht eine Kruste? Ich habe mir schon seit dreißig Stunden nichts mehr in den Schlund gesteckt, und ich habe mich wie ein Rasender geschlagen, um mir das bißchen Wärme und Mut zu bewahren, das mir noch bleibt.« »Armer Philipp, nichts! nichts! – Aber euer General ist da drinnen?« »Versuche nicht, hineinzukommen. In dieser Scheune sind unsere Verwundeten. Steig höher hinauf: da wirst du rechts eine Art Schweineschuppen finden, in dem ist der General! Adieu, mein Wackerer. Wenn wir je wieder auf einem Pariser Parkett Quadrille tanzen . . .«

Er vollendete seinen Satz nicht; der Nordwind pfiff in diesem Augenblick mit einer solchen Gewalt, daß der Adjutant ausschritt, um nicht zu erfrieren, während dem Major Philipp die Lippen erstarrten. Bald herrschte wieder Stille; sie wurde nur von dem Stöhnen, das aus dem Hause drang, und von dem dumpfen Geräusch unterbrochen, das Herrn von Sucys Pferd machte, als es vor Hunger und Wut die gefrorene Rinde der Bäume fraß, aus denen das Haus errichtet war. Der Major stieß den Säbel in die Scheide zurück, griff plötzlich nach dem Zügel des kostbaren Tieres, das er hatte retten können, und entriß es trotz seinem Widerstand dem elenden Fraß, auf den es lecker zu sein schien. »Vorwärts, Bichette, vorwärts! Nur du, meine Schöne, kannst Stephanie retten. Komm, nachher werden wir uns ausruhen und wahrscheinlich sterben dürfen.«

In einen Pelz gehüllt, dem er seine Rettung und seine Energie verdankte, begann er zu laufen, indem er mit den Füßen auf den gehärteten Schnee stampfte, um sich warm zu erhalten. Kaum aber hatte der Major fünfhundert Schritte getan, so sah er dort, wo er am Morgen unter der Obhut eines alten Soldaten seinen Wagen verlassen hatte, ein großes Feuer. Eine grauenhafte Unruhe bemächtigte sich seiner. Wie alle, die während dieser Flucht von einer kräftigen Empfindung beherrscht wurden, fand er, um seinen Freunden Hilfe zu bringen, Kräfte, die er für die eigene Rettung nicht aufgetrieben hätte. Bald stand er nur noch wenige Schritte vor einer Falte im Gelände, in der er eine junge Frau, seine Kindheitsgefährtin und seinen teuersten Besitz, untergebracht hatte, um sie vor den Kugeln zu schützen.

Wenige Schritte vor dem Wagen hatten sich etwa dreißig Nachzügler um ein ungeheures Feuer vereinigt, das sie unterhielten, indem sie Bretter, Wagenkästen, Räder und Wände hineinwarfen. Diese Soldaten waren ohne Zweifel die letzten all der Ankömmlinge, die von der breiten Geländefurche unterhalb Studjankas an bis zu dem verhängnisvollen Fluß gleichsam ein Meer von Köpfen, Feuern und Baracken bildeten, ein lebendiges Meer, das von fast unmerklichen Bewegungen schwoll und aus dem ein dumpfes Brausen heraufklang, das bisweilen von schrecklichem Krachen durchbrochen wurde. Von Hunger und Verzweiflung getrieben, hatten diese Unglücklichen den Wagen wahrscheinlich gewaltsam durchsucht. Der alte General und die junge Frau, die sie dort auf Lumpen liegend fanden, eingehüllt in Mäntel und Pelze, lagen nun frierend vor dem Feuer. Die eine Tür des Wagens war zerbrochen.

Sowie die Leute, die um das Feuer lagen, die Schritte des Pferdes und des Majors vernahmen, erhob sich unter ihnen ein Wutschrei, den der Hunger ihnen eingab. »Ein Pferd! Ein Pferd!« Die Stimmen verschmolzen zu einer einzigen Stimme. »Zurück! Achtung!« riefen zwei oder drei Soldaten, indem sie das Pferd aufs Korn nahmen. Philipp sprang vor seine Stute und sagte: »Halunken! Ich werde euch in euer Feuer stürzen. Da oben liegen tote Pferde, holt euch die!« »Ist das ein Hanswurst, dieser Offizier! – Eins, zwei, gehst du weg?« fragte ein kolossaler Grenadier. »Nein? Schön, wie du willst.« Ein Frauenschrei übertönte den Knall. Philipp wurde zum Glück nicht getroffen; aber Bichette, die gestürzt war, rang mit dem Tode. Drei Mann sprangen hinzu und töteten sie vollends mit den Bajonetten. »Kannibalen! Laßt mir wenigstens die Decke und meine Pistolen«, sagte Philipp voll Verzweiflung. »Die Pistolen . . . gut«, erwiderte der Grenadier. »Die Decke . . . da liegt ein Infanterist, der seit zwei Tagen nichts mehr im Schlund gehabt hat und der in seiner elenden Jacke zittert: das ist unser General . . .«

Philipp schwieg, als er einen Mann sah, dessen Schuhwerk durchgetreten, dessen Hose an zehn Stellen durchlöchert war und der auf dem Kopfe nur eine elende reifbedeckte Mütze trug. Er beeilte sich, seine Pistolen an sich zu nehmen. Fünf Leute zogen die Stute zum Feuer und begann sie so geschickt zu zerlegen, wie Pariser Schlächterburschen es nur je hätten tun können. Die Stücke waren wie durch ein Wunder abgeschnitten und wurden auf die Glut geworfen. Der Major setzte sich neben die Frau, die den Schreckensschrei ausgestoßen hatte, als sie ihn erkannte. Er fand sie reglos; sie saß auf einem Wagenkissen und wärmte sich. Sie sah ihn schweigend an, ohne ihm zuzulächeln. Da bemerkte Philipp neben sich den Soldaten, dem er die Verteidigung des Wagens anvertraut hatte; der Arme war verwundet. Von der Überzahl überwältigt, hatte er vor den Nachzüglern weichen müssen, als sie ihn angriffen; aber wie der Hund, der die Mahlzeit seines Herrn bis zum letzten Augenblick verteidigt hat, hatte er seinen Anteil an der Beute genommen: er hatte sich ein weißes Tuch als Mantel umgeschlungen. Im Augenblick beschäftigte er sich damit, ein Stück von der Stute hin und her zu drehen, und der Major sah auf seinem Gesicht, mit welcher Freude er sein Festmahl rüstete. Der Graf von Vandières, der seit drei Tagen gleichsam der Kindheit verfallen war, ruhte dicht bei seiner Frau auf einem Kissen und blickte mit reglosen Augen in diese Flammen, deren Wärme seine Erstarrung zu überwinden begann. Ihn hatten die Gefahr und die Ankunft Philipps so wenig erregt wie der Kampf, nachdem sein Wagen geplündert worden war.

Sucy griff zunächst nach der Hand der jungen Gräfin, als wollte er ihr ein Liebeszeichen geben oder ihr sagen, welchen Schmerz er empfände, da er sie so im äußersten Elend sah; aber er verharrte neben ihr im Schweigen. Er saß auf einem Schneehaufen, der im Schmelzen zerrann; und auch er gab sich dem Glück hin, sich wärmen zu können; er vergaß die Gefahr, er vergaß alles. Sein Gesicht nahm, ihm selber zum Trotz, den Ausdruck einer fast stumpfsinnigen Freude an, und er wartete ungeduldig darauf, daß der Fetzen der Stute, den man seinem Soldaten gegeben hatte, gar wäre. Der Geruch des verkohlten Fleisches reizte seinen Hunger noch; sein Hunger brachte Herz, Mut und Liebe zum Schweigen. Ohne Zorn sah er die Ergebnisse der Plünderung seines Wagens. All die Leute, die rings um das Feuer lagen, hatten sich in die Decken, die Kissen, die Pelze, die Röcke, die Männer- und Frauenkleider geteilt, die dem Grafen, der Gräfin und dem Major gehörten. Philipp drehte sich um, um zu sehen, ob er noch etwas aus dem Wagenkasten retten könnte. Beim Licht der Flammen sah er das Gold, die Diamanten, das Silber; es lag umher, ohne daß jemand daran dachte, sich das geringste davon anzueignen. All diese vom Zufall um das Feuer versammelten Einzelwesen bewahrten ein Schweigen, das etwas Grauenhaftes hatte; und sie taten nichts, als was sie zu ihrem Wohlsein für nötig hielten. Das Elend war grotesk. Die von der Kälte verzerrten Gesichter waren mit einer Schmutzschicht überzogen, in die die Tränen von den Augen an bis zum untern Rande der Backen eine Furche schnitten, die für die Dicke dieser Maske zeugte. Die langen, unsauberen Bärte machten die Soldaten noch scheußlicher. Die einen waren in Frauenschals gehüllt, die andern trugen Pferdeschabracken, kotige Decken, Lumpen voll schmelzenden Reifs. Einige trugen am einen Fuß einen Stiefel, am andern einen Schuh; kurz, es war kein einziger vorhanden, dessen Kostüm nicht eine lächerliche Besonderheit aufwies. Trotz solchen die Heiterkeit anregenden Dingen blieben diese Menschen ernst und finster. Das Schweigen wurde nur durch das Knistern des Holzes unterbrochen, durch das Zischen der Flamme, das ferne Summen des Lagers und die Säbelhiebe, die die Hungrigsten gegen Bichette führten, um die besten Stücke abzureißen. Ein paar Unglückliche, die noch müder waren als die andern, schliefen; und wenn einer von ihnen ins Feuer rollte, so holte ihn niemand heraus. Diese strengen Logiker dachten, wenn er nicht tot sei, so werde ihn die Brandwunde schon veranlassen, sich an einen bequemeren Ort zu begeben. Erwachte der Unglückliche im Feuer und kam er darin um, so beklagte ihn niemand. Ein paar Soldaten sahen sich an, als wollten sie ihre eigene Ungerührtheit durch die Gleichgültigkeit der andern rechtfertigen. Die junge Gräfin sah zweimal ein solches Schauspiel und blieb stumm. Als die verschiedenen Stücke, die man ins Feuer gelegt hatte, gar waren, stillten alle ihren Hunger mit jener Gier, die uns bei den Tieren ekelhaft erscheint.

»Das ist das erste Mal, daß dreißig Infanteristen auf einen Gaul kommen!« rief der Grenadier, der die Stute niedergestreckt hatte. Es war der einzige Scherz, der auf den Geist der Nation schließen ließ.

Bald rollten sich die meisten dieser armen Soldaten in ihre Kleider ein, legten sich auf Bretter, auf alles, was sie vor der Berührung mit dem Schnee bewahren konnte, und schliefen ein, ohne sich um ein Morgen zu kümmern. Als der Major sich gewärmt und seinen Hunger gestillt hatte, machte ihm ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis die Lider schwer. Während der kurzen Zeit, in der er noch gegen den Schlummer ankämpfte, betrachtete er die junge Frau, die sich mit dem Gesicht zum Feuer gewandt hatte, um zu schlafen, und die ihre geschlossenen Augen und einen Teil ihrer Stirn zeigte. Sie war in einen gefütterten Pelz und einen dicken Dragonermantel gehüllt; ihr Kopf ruhte auf einem blutbefleckten Kopfkissen; ihre Astrachanmütze, die durch ein unter dem Kinn geknotetes Taschentuch festgehalten wurde, schützte ihr Gesicht, soweit es möglich war, vor der Kälte; die Füße hatte sie in den Mantel hineingezogen. So in sich hineingerollt, glich sie tatsächlich einem Nichts. War sie die letzte der Marketenderinnen? War sie die reizende Frau, der Ruhm eines Geliebten, die Königin Pariser Bälle? Ach, selbst das Auge ihres ergebensten Freundes sah nichts Weibliches mehr in diesem Haufen von Wäsche und Lumpen. Durch die dichten Schleier, die die unwiderstehlichste Schlaftrunkenheit vor den Augen des Majors ausspannte, sah er den Mann und die Frau nur noch wie zwei Punkte. Die Flammen des Feuers, die hingestreckten Gestalten, die furchtbare Kälte, die kaum drei Schritte hinter einer vorübergehenden Hitze ihr heulendes Sausen vernehmen ließ, alles war ein Traum. Ein Gedanke drängte sich Philipp auf, der ihn erschreckte: ›Wir müssen alle sterben, wenn ich einschlafe! Ich will nicht einschlafen!‹ sagte er sich. Er schlief dennoch ein. Als er eine Stunde geschlummert hatte, wurde Herr de Sucy von einem furchtbaren Lärm und einer Explosion geweckt. Das Gefühl seiner Pflicht, die Gefahr seiner Freundin fielen ihm aufs Herz. Er stieß einen Schrei aus, der einem Brüllen glich. Nur er und sein Soldat standen noch. Sie sahen ein Feuermeer, das vor ihnen aus dem Dunkel der Nacht ein Menschengewirr hervorhob, während es die Hütten und Biwake verzehrte; sie hörten Verzweiflungsschreie und Gebrüll; sie sahen Tausende mit trostlosen Zügen und mit wütenden Gesichtern. Mitten durch diese Hölle bahnte sich eine Soldatenkolonne zwischen zwei Leichenwällen einen Weg zur Brücke hinunter. »Das ist der Rückzug unserer Nachhut«, rief der Major; »keine Hoffnung mehr!« »Ich habe Ihren Wagen verschont, Philipp«, sagte eine befreundete Stimme. Sucy wandte sich um und erkannte beim Licht der Flammen den jungen Adjutanten. »Ach, es ist alles verloren«, erwiderte der Major; »sie haben mein Pferd geschlachtet . . . Wie sollte ich übrigens diesen stumpfsinnigen General und seine Frau auf die Beine bringen?« »Nehmen Sie ein glühendes Scheit, Philipp, und drohen Sie ihnen!« »Der Gräfin drohen?« »Leben Sie wohl!« rief der Adjutant; »ich habe nur gerade noch Zeit, über diesen verhängnisvollen Fluß zu fliehen; ich muß es: ich habe in Frankreich eine Mutter! . . . Was für eine Nacht! Diese Menge will lieber auf dem Schnee bleiben, und die meisten dieser Unglücklichen lassen sich eher verbrennen, als daß sie aufstehen . . . Es ist vier Uhr, Philipp! In zwei Stunden beginnen die Russen sich zu regen. Ich versichere Ihnen, Sie werden die Beresina noch einmal mit Leichen angefüllt sehen. Philipp, denken Sie an sich! Sie haben keine Pferde, Sie können die Gräfin nicht tragen; also vorwärts, kommen Sie mit!« sagte er, indem er ihn am Arm nahm. – »Mein Freund, Stephanie verlassen . . .!«

Der Major ergriff die Gräfin, stellte sie aufrecht hin, schüttelte sie mit der Rauheit eines Verzweifelten und zwang sie, zu erwachen. Sie sah ihn mit starren und glanzlosen Augen an. »Sie müssen gehen, Stephanie, oder wir sterben hier!« Statt aller Antwort versuchte die Gräfin, sich niedergleiten zu lassen, um weiterzuschlafen. Der Adjutant ergriff einen Brand und schwang ihn vor Stephanies Gesicht.

»Wir müssen sie auch gegen ihren Willen retten!« rief Philipp, indem er die Gräfin aufhob und in den Wagen trug. Als er zurückkehrte, flehte er seinen Freund um Beistand an. Sie ergriffen gemeinsam den alten General, ohne zu wissen, ob er lebte oder tot war, und legten ihn neben seine Frau. Der Major wälzte mit dem Fuß ein paar der Leute herum, die am Boden lagen, nahm ihnen, was sie geraubt hatten, warf all die Lumpen über die Gatten und legte ein paar Fetzen seiner Stute in einen Winkel des Wagens.

»Was wollen Sie beginnen?« fragte der Adjutant. »Sie ziehen!« erwiderte der Major. »Sie sind wahnsinnig!« »Allerdings!« rief Philipp, indem er die Arme über der Brust kreuzte. Er schien plötzlich von einem verzweifelten Gedanken erfaßt zu sein. »Du,« sagte er, indem er nach dem gesunden Arm seines Soldaten griff, »dir vertraue ich sie auf eine Stunde an! Bedenke, daß du eher sterben mußt als irgend jemanden an diesen Wagen heranlassen.« Der Major raffte die Diamanten der Gräfin auf, nahm sie in die eine Hand, zog mit der andern den Säbel und begann wütend auf diejenigen Schläfer einzuschlagen, die er für die Mutigsten hielt. Es gelang ihm, den riesigen Grenadier und noch zwei Leute zu wecken, deren Rang zu erkennen unmöglich war. »Wir sind geliefert!« sagte er zu ihnen. »Ich weiß«, erwiderte der Grenadier; »aber das ist mir gleich.« »Nun, ein Tod für den andern; ist es da nicht besser, sein Leben für eine hübsche Frau zu verkaufen und sich die Möglichkeit zu schaffen, daß man Frankreich noch einmal wiedersieht?« »Ich will lieber schlafen«, sagte einer der Leute, indem er sich in den Schnee rollen ließ; »wenn du mich noch einmal störst, Major, so bohre ich dir mein Seitengewehr in den Bauch.« »Um was handelt es sich, Herr Major?« fragte der Grenadier; »dieser Mensch ist betrunken! Er ist ein Pariser; die lieben die Behaglichkeit.« »Dies soll dein sein, wackerer Grenadier,« rief der Major, indem er ihm ein Diamantenhalsband hinhielt, »wenn du mir folgen und dich wie ein Rasender schlagen willst. Die Russen stehen zehn Minuten von hier, sie haben Pferde; wir wollen auf ihre erste Batterie zugehen und uns zwei Gäule holen.« »Aber die Vorposten, Herr Major?« »Einer von uns dreien . . .«, sagte er zu dem Soldaten; dann unterbrach er sich und sah den Adjutanten an: »Sie kommen mit, Hippolyt, nicht wahr?« Hippolyt bejahte durch eine Neigung des Kopfes. »Einer von uns«, fuhr der Major fort, »nimmt den Posten auf sich. Übrigens schlafen sie vielleicht auch, die Russen . . .« »Komm, Major, du bist ein wackerer Kerl! Aber du nimmst mich in deine Chaise?« sagte der Grenadier. »Ja, wenn du nicht da oben deine Haut läßt. Wenn ich umkomme, Hippolyt und du, Grenadier,« sagte der Major, indem er sich an seine beiden Gefährten wandte, »versprecht ihr mir da, euch der Rettung der Gräfin zu widmen?« »Abgemacht«, sagte der Grenadier.

Sie gingen auf die russischen Linien zu, auf die Batterien, die die Masse der Elenden am Ufer des Flusses so grausam zerschmettert hatten. Wenige Augenblicke nach ihrem Aufbruch hallte der Galopp zweier Pferde auf dem Schnee wider, und die erwachte Batterie schickte Salven aus, die den Schläfern über die Köpfe flogen; der Lauf der Pferde war so schnell, daß man das Geräusch für das der Schmiede hätte halten können, die ein Eisen hämmern. Der großherzige Adjutant war gefallen . . . Der athletische Grenadier war munter und wohlbehalten. Philipp hatte, als er seinen Freund verteidigte, einen Bajonettstich in die Schulter bekommen; nichtsdestoweniger klammerte er sich an die Mähne des Pferdes und klemmte es so kräftig zwischen seinen Schenkeln ein, daß das Tier wie in einem Schraubstock gefangen war.

»Gott sei gelobt!« rief der Major, als er seinen Soldaten dastehen und den Wagen noch an derselben Stelle sah. »Wenn Sie gerecht sind, Herr Major, so müssen Sie mir das Kreuz verschaffen. Wir haben doch hübsch Schießgewehr und Säbel gespielt, wie?« »Wir haben noch nichts vollbracht! Spann die Gäule an; hier, nimm die Stricke.« »Die reichen nicht.« »Nun, Grenadier, legen Sie Hand da an die Schläfer und nehmen Sie ihre Schals, ihre Wäsche . . .« »Hallo, der da ist tot, der Possenreißer!« rief der Grenadier, indem er den ersten plünderte, der ihm zwischen die Hände kam. »Ah, ist das eine Posse, die hier sind tot!« »Alle?« »Ja, alle! Es scheint, der Gaul ist unverdaulich, wenn man ihn zum Schnee ißt.«

Bei diesen Worten erzitterte Philipp. Die Kälte war noch stärker geworden. »Gott, eine Frau zu verlieren, die ich schon zwanzigmal gerettet habe!« Der Major schüttelte die Gräfin und rief: »Stephanie! Stephanie!« Die junge Frau schlug die Augen auf. »Gnädige Frau, wir sind gerettet!« »Gerettet!« wiederholte sie und sank zurück.

Die Pferde wurden, so gut es eben ging, angespannt; der Major nahm den Säbel in die gesunde Hand, behielt die Zügel in der andern und stieg, mit den Pistolen bewaffnet, auf eins der Pferde, der Grenadier auf das andere. Den alten Soldaten, dem die Füße erfroren waren, hatte man quer in den Wagen geworfen, über den General und die Gräfin. Die Pferde wurden mit Säbelhieben angetrieben und rissen den Wagen mit einer Art Wut in die Ebene hinunter, wo den Major unzählige Schwierigkeiten erwarteten. Bald wurde es unmöglich, vorzudringen, ohne daß man schlafende Männer, Frauen, ja Kinder zermalmte, die sich alle weigerten, aufzustehen, als der Grenadier sie weckte. Vergebens suchte Herr von Sucy den Weg, den sich noch eben die Nachhut durch diese Menschenmasse gebahnt hatte; er war verschwunden, wie die Furche des Schiffs auf dem Meer verschwindet. Der Wagen kam nur im Schritt weiter; unablässig wurde er angehalten von den Soldaten, die die Pferde zu töten drohten.

»Wollen Sie durch?« fragte der Grenadier. »Um den Preis meines Blutes! Ja, um den Preis der ganzen Welt!« erwiderte der Major. »Los! Man kann keine Omelette machen, ohne Eier zu zerbrechen.«

Und der Gardegrenadier jagte die Pferde auf die Menschen, so daß die Räder blutig wurden; er legte die Biwake nieder und zog eine doppelte Totenspur über dieses Kopffeld. Aber wir wollen gerecht sein und hinzufügen, daß er nie unterließ, mit Donnerstimme zu rufen: »Achtung, ihr Luder!« »Die Unglücklichen!« rief der Major. »Bah, so oder durch die Kälte, so oder durch die Kanone!« sagte der Grenadier, indem er die Tiere antrieb und mit der Spitze seines Seitengewehres spornte.

Eine Katastrophe, die ihnen schon eher hätte zustoßen müssen und vor der sie bisher ein wunderbarer Zufall bewahrt hatte, hielt sie plötzlich in ihrer Fahrt auf: der Wagen schlug um. »Das hatte ich mir gedacht!« rief der unerschütterliche Grenadier. »Oho! der Kamerad ist tot.« »Der arme Laurent!« sagte der Major. »Laurent! Stand der nicht bei den fünften Jägern?« »Ja.« »Dann ist er mein Vetter . . . Bah, es lohnt sich nicht, das Hundeleben, das man in diesen Zeiten führt, zu betrauern.« Der Wagen ließ sich nicht wieder aufrichten, die Pferde ließen sich nicht ausspannen, ohne daß man unendlich viel unwiederbringliche Zeit verlor. Der Stoß war so heftig gewesen, daß die junge Gräfin, die die Erschütterung geweckt und ihrer Starrheit entrissen hatte, sich aus ihren Decken löste und aufstand.

»Philipp, wo sind wir?« rief sie mit sanfter Stimme, indem sie sich umsah. »Fünfhundert Schritte vor der Brücke. Wir wollen die Beresina überschreiten. Auf der andern Seite des Flusses, Stephanie, werde ich Sie nicht mehr quälen; dann lasse ich Sie schlafen. Da sind wir in Sicherheit; wir erreichen Wilna in aller Ruhe. Gebe Gott, daß Sie nie erfahren, was Ihr Leben gekostet hat!« »Du bist verwundet?« »Das ist nichts.«

Die Stunde der Katastrophe war gekommen; die Kanonen der Russen verkündeten den Tag. Nachdem sie sich Studjankas bemächtigt hatten, beschossen sie die Ebene; und beim ersten Licht des Morgens sah der Major, wie sich auf den Höhen ihre Kolonnen bewegten und aufstellten. Ein Schreckensschrei brach aus dem Schoß der Menge hervor; sie war im Augenblick auf den Füßen. Instinktiv begriffen alle die Gefahr und drängten mit der Bewegung einer Welle zur Brücke hin. Die Russen kamen mit der Geschwindigkeit eines Brandes heran. Männer, Frauen, Kinder, Tiere, alles drängte zur Brücke. Zum Glück waren der Major und die Gräfin noch ziemlich weit vom Fluß entfernt. Der General Eblé hatte eben an die Gerüste des andern Ufers Feuer gelegt. Trotz der all jenen erteilten Warnungen, die diese Planke der Rettung betraten, wollte niemand zurückweichen. Nicht nur brach die Brücke zusammen unter dieser Last von Menschen, sondern der Druck der Menschenflut, die auf diese verhängnisvolle Böschung zugedrängt wurde, war so groß, daß eine menschliche Masse auch noch wie eine Lawine ins Wasser gejagt wurde. Man vernahm keinen Schrei, sondern nur etwas wie den dumpfen Lärm eines ungeheuren Steins, der ins Wasser fällt; dann war die Beresina mit Leichen bedeckt. Die Rückwärtsbewegung derer, die wieder in die Ebene drängten, um diesem Tode zu entgehen, war so heftig, und der Zusammenprall mit denen, die noch vorwärts schritten, so furchtbar, daß eine große Zahl von Menschen erdrückt wurde. Der Graf und die Gräfin von Vandières verdankten ihr Leben dem Wagen. Die Pferde kamen um, nachdem sie eine Masse von Sterbenden zermalmt und zerstampft hatten, selbst zerstampft und zertreten unter den Füßen einer menschlichen Trombe, die über das Ufer hinstrich. Der Major und der Grenadier fanden Rettung in ihrer Kraft: sie töteten, um nicht getötet zu werden. Dieser Wirbelwind menschlicher Gesichter, diese Flut und Ebbe von Leibern, die die gleiche Bewegung belebte, hatten zur Folge, daß das Ufer der Beresina einige Augenblicke lang leer blieb. Die Menge hatte sich in die Ebene zurückgeworfen. Wenn sich noch einige Menschen oben von der Böschung in den Fluß warfen, so geschah es weniger in der Hoffnung, das andere Ufer zu erreichen, das für sie Frankreich bedeutete, als vielmehr, um den sibirischen Wüsten zu entgehen. Die Verzweiflung wurde für einzelne Leute zum Rettungsmittel. Ein Offizier sprang von Eisscholle zu Eisscholle bis zum andern Ufer; ein Soldat kroch wie durch ein Wunder über einen aus Leichen und Eisschollen gebildeten Haufen. Diese ungeheure Volksmenge begriff schließlich, daß die Russen nicht zwanzigtausend erstarrte, stumpfsinnige, waffenlose Menschen töten würden, die sich nicht einmal verteidigten; und nun warteten alle in furchtbarer Ergebenheit ihr Schicksal ab. Der Major und sein Grenadier, der alte General und seine Frau blieben wenige Schritte von der Stelle zurück, wo die Brücke gewesen war. Alle vier standen sie schweigend, mit trockenen Augen, umringt von einer Totenmasse, aufrecht da. Ein paar noch ungeschwächte Soldaten, einige Offiziere, denen die Umstände ihre ganze Energie zurückgaben, umringten sie. Die ziemlich zahlreiche Gruppe zählte etwa fünfzig Menschen. In einer Entfernung von zweihundert Schritten bemerkte der Major die Trümmer der für die Wagen erbauten Brücke, die am vorletzten Tage zusammengebrochen war. »Laßt uns ein Floß bauen!« rief er.

Kaum hatte er dies Wort fallen lassen, so eilte die ganze Gruppe auf die Trümmer zu. Eine Menge von Menschen begann eiserne Klammern eiligst zusammenzuraffen, Holzbretter, Stricke, kurz, alles für den Bau eines Floßes nötige Material zu suchen. Etwa zwanzig Soldaten und bewaffnete Offiziere bildeten eine Wache, die der Major befehligte und die die Arbeitenden verteidigen sollte gegen verzweifelte Angriffe, die etwa die Masse unternehmen mochte, wenn sie ihre Absicht erriet. Das Gefühl der Freiheit, das Gefangene belebt und sie Wunder verrichten läßt, läßt sich nicht mit dem Gefühl vergleichen, das in diesem Augenblick die unglücklichen Franzosen zum Handeln trieb. »Da kommen die Russen! Da kommen die Russen!« riefen die Verteidiger den Arbeitenden zu.

Und das Holz gab schrille Laute von sich, die Schwimmfläche wuchs in Breite, Höhe, Tiefe. Generale, Obersten, Soldaten, alle bogen sich unter der Last der Räder, der Eisen, der Stricke, der Bretter; es war ein wirkliches Bild vom Bau der Arche Noah. Die junge Gräfin, die neben ihrem Gatten saß, sah dem Schauspiel zu und bedauerte, daß sie in keiner Weise bei der Arbeit helfen konnte; und dennoch half sie, Knoten zu schlingen, um die Vertauung fester zu machen. Endlich war das Floß fertig. Vierzig Mann ließen es ins Wasser gleiten, während etwa zehn Soldaten die Stricke faßten, die dazu dienen sollten, es an der Böschung festzuhalten. Kaum sahen die Zimmerleute ihr Fahrzeug auf der Beresina schwimmen, so stürzten sie sich mit furchtbarem Egoismus vom Ufer herab. Der Major, der die Wut dieser ersten Regung fürchtete, hielt Stephanie und den General an der Hand; aber er zitterte, als er das Fahrzeug schwarz voll Menschen sah, die sich darauf drängten wie die Zuschauer im Parterre eines Theaters.

»Ihr Barbaren,« rief er, »ich habe euch den Gedanken an das Floß eingegeben, ich bin euer Retter, und ihr verweigert mir einen Platz!« Ein wirres Brummen diente als Antwort. Die Leute, die am Rande des Floßes standen und mit Stöcken versehen waren, die sie auf die Böschung stützen, schoben das Floß gewaltsam hinaus, um es durch die Eisschollen und Leichen hin zum andern Ufer zu stoßen. »Hölle und Teufel! Ich jage euch ins Wasser, wenn ihr den Major und seine beiden Gefährten nicht aufnehmt«, rief der Grenadier, der seinen Säbel hob und die Abfahrt hinderte, indem er trotz furchtbarer Schreie die Reihen zusammendrängte. »Ich falle . . . ich falle!« riefen seine Genossen. »Los! Vorwärts!«

Der Major blickte mit trockenem Auge auf seine Geliebte, die in einer Regung erhabener Resignation die Blicke gen Himmel hob. »Mit dir sterben!« sagte sie. Die Situation der Leute auf dem Floß hatte etwas Komisches. Obgleich sie ein fürchterliches Gebrüll ausstießen, wagte doch niemand, sich dem Grenadier zu widersetzen, denn sie standen so eng, daß es genügt hätte, einer einzigen Person einen Stoß zu versehen, um alles umzuwerfen. In dieser Gefahr versuchte ein Hauptmann, sich von dem Soldaten zu befreien; der aber bemerkte die feindliche Bewegung, ergriff den Offizier und stürzte ihn ins Wasser, indem er sagte: »Aha, du Ente! Trinken willst du? . . . So! Jetzt haben wir zwei Plätze!« rief er. »Kommen Sie, Major, werfen Sie uns Ihre kleine Frau herüber, und kommen Sie! Lassen Sie diesen alten Knasterbart, der morgen doch verendet!« »Eilen!« rief eine Stimme, die aus hundert Kehlen kam. »Vorwärts, Major! Sie knurren, die andern, und sie haben recht!«

Der Graf von Vandières entledigte sich seiner Lumpen und zeigte sich aufrecht in seiner Generalsuniform. »Retten wir den Grafen!« sagte Philipp. Stephanie drückte ihrem Freund die Hand, warf sich auf ihn und umschlang ihn in einer grauenvollen Umarmung. »Leb wohl!« sagte sie.

Sie hatten sich verstanden. Der Graf von Vandières fand seine Kräfte und seine Geistesgegenwart wieder, als es galt, auf das Fahrzeug zu springen; Stephanie folgte ihm nach einem letzten Blick auf Philipp. »Major, wollen Sie meinen Platz? Ich mache mir nichts aus dem Leben«, rief der Grenadier; »ich habe weder Frau noch Kind noch Mutter . . .« »Ich vertraue sie dir an«, rief der Major, indem er auf den Grafen und seine Frau zeigte. »Unbesorgt, ich werde sie behüten wie mein Auge.«

Das Floß wurde mit solcher Gewalt auf das gegenüberliegende Ufer zugestoßen, daß bei der Erschütterung, mit der es ans Land stieß, alles wankte. Der Graf, der ganz am Rande stand, stürzte ins Wasser. In dem Augenblick, als er hineinfiel, schnitt ihm eine Eisscholle den Kopf ab, der wie eine Kanonenkugel weithin flog. »He, Major!« schrie der Grenadier dem zurückgebliebenen Philipp zu. »Leb wohl!« rief eine Frauenstimme.

Philipp von Sucy brach zusammen, erstarrt vor Grauen, überwältigt von der Kälte, dem Schmerz und der Ermattung.

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