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Leander

Hermann Bahr: Leander - Kapitel 4
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typefiction
authorHermann Bahr
titleLeander
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Dora

Eine Wiener Geschichte

I

Der Abgeordnete Jan Graf Bludinski hält vor dem schmalen Garten, sieht auf das Haus und überlegt. Hier ist es ohne Zweifel. Die Straße, die Nummer, alles stimmt, und da glänzt ja auch in breiten, deutlichen Lettern: Leopold Schlicht, Ingenieur.

Nur – es ist noch etwas früh. Er zieht die Uhr. Eben zwölf. Er kann ganz gut erst noch ein wenig spazieren. Er kennt das Cottage nicht. Es scheint ganz hübsch. Warum soll er da nicht erst noch ein wenig spazieren? Wer weiß, wann er wieder herauskommt! Er geht noch einmal zurück, langsam hinauf, gegen die Feldgasse.

Dann muß er lachen und verspottet sich. Ja, Gründe hat er die Menge, immer, unwiderleglich. Man merkt den Politiker. Aber warum denn nur? Was will er denn eigentlich nur? Gewiß, er kann erst noch eine Stunde spazieren. Aber was dann? Wird es dann weniger unangenehm, nach dieser Stunde? Ist es nicht klüger, die dumme Geschichte lieber gleich zu erledigen, damit es endlich einmal vorbei ist . . . da es doch einmal beschlossen und entschieden ist? Es gibt ihm ja früher doch keine Ruhe. Und jedenfalls entweder – oder: entweder mutig hinein oder fort, überhaupt fort. Aber nicht wie die Katze um den heißen Brei – möchte gern und trau mich nicht.

Und er wiederholt noch einmal die ganze Reihe, das Für und Gegen aller Argumente, ob er es wagen oder doch lieber lassen soll.

Er hat auf dem Lande, es ist drei Monate her, die Frau seines besten Freundes verführt und will jetzt in das Haus, hier in dieses Haus, seinen Besuch machen, damit das dann den ganzen Winter ungestört so weiter gehe. Es klingt ganz verrucht. Aber man muß eben die näheren Umstände wissen.

Erstens . . . mit dem besten Freunde ist das nicht so arg. Damals freilich, als sie das gleiche Band, die gleiche Mütze trugen, damals als Korpsbrüder waren sie unzertrennlich, das stimmt. Aber dann, die ganzen langen fünfzehn Jahre, haben sie sich kaum flüchtig gesprochen, kaum recht gesehen. Jeder lebt in seiner Welt. Er wußte noch nicht einmal von seiner Heirat! Immerhin bleibt es natürlich unangenehm – aber was will man tun?

Nämlich – man muß nur auch denken, wie es kam. Er hatte durchaus nicht die Absicht, dazu ist sie auch gar nicht die Frau; es hat sich eben so gemacht – wie das schon geht. Er wollte nichts Schlimmes. Er wollte damals nur Ruhe, überhaupt nichts als Ruhe, Ruhe von der Arbeit, Ruhe von der Stadt und besonders Ruhe vor den Weibern. Darum ist er in den stillen Winkel zwischen den Alpen, in das heimliche Dörfchen hinter Lofer. Aber endlich Ruhe allein . . . gewiß, aber dann, nach ein paar Tagen, möchte man doch natürlich auch wieder ein bißchen Vergnügen, nicht immer bloß einsam durch die Berge. Da war denn nun das lustige, kleine Ding gerade recht: ein lieber Kerl, wie man sich keinen besseren Kameraden wünschen konnte, immer vergnügt und bei jedem Spaß; auch ganz hübsch, mit dem dünnen, flatterhaften, zappeligen Näschen und dem listigen, flinken, leicht verschüchterten Blick, ganz hübsch, gewiß, aber von keiner heftigen oder gewaltsamen Schönheit, welche seine heiklen und empfindsamen Nerven verstören oder beklemmen könnte, sondern er empfand sie vielmehr wie eine Erholung und Rast von den schönen Frauen; ohne Launen, immer gleich, sehr bequem, gar nicht Dame, eher sogar ein bißchen dumm, Aufwand von Geist durfte man sich ersparen; harmlos, gemütlich, kindisch, alles freute sie und nicht im mindesten verwöhnt, blasiert; und rührend dankbar für die billigste, banalste Schmeichelei – ja, damit hat es eigentlich angefangen: er machte ihr den Hof, weil es ihr gar so viel Vergnügen machte; es war zu nett. Wie irgendein törichter Backfisch, dem man das erste Mal von Liebe redet: ungläubig und verblüfft, ganz wirr und selig, ängstlich, daß der süße Traum entrinnen möchte, und so stolz, nun endlich auch ihren Roman zu haben, einen richtigen Roman, wie sie in den gelben Büchern sind, bei den Franzosen. Na und natürlich, wenn so etwas einmal angefangen ist, das geht dann ganz von selber weiter. Sie waren allein. Den Onkel, den alten Botaniker mit der Lupe kann man nicht zählen; auch hätten sie sich sonst gelangweilt.

Später fiel ihm freilich ein, daß es die Frau eines Freundes war. Er nimmt das sonst nicht so genau. Aber immerhin – hier . . . auf dieser Freundschaft lag der ganze Glanz der ersten Jugend und Begeisterung. Nur – was half das jetzt? Jetzt änderte alle Reue nichts mehr.

Er durfte auch nicht übertreiben. Gewiß, er mochte seinen Leibburschen damals sehr gern, und Schlicht verdiente es: er war ein prächtiger Junge. Aber nun hat sie das Leben doch längst getrennt. Nun ist das doch alles vorüber, lange vorüber. Er ist nach dem Examen kreuz und quer durch die Welt, coureur d'univers, neugierig bei allen Völkern herum, auf Abenteuer des Geistes und der Sinne, im Genusse lernend und genießend in der Lehre, Dandy, Zigeuner und Dilettant, gern mit der Pose des »guten Europäers«, fünf rasche, reiche Jahre, bis er am Ende doch die irren Spiele der feinen Nerven genug und wie Heimweh nach Ernst und Ordnung, nach irgendeinem Grate des Lebens bekam, sich in Lemberg für politische Ökonomie habilitierte und, wie er dann dreißig geworden, ins Parlament ging. Einstweilen hat Schlicht seine Straßen und Bahnen gebaut, an der Krems und das ganze bosnische Netz, und weiß Gott wo überall, und prügelt sich mit dem Gemeinderat um seine Stadtbahn; in diesen Debatten wird sein Name oft genannt. Wie, wo sollten sie sich da begegnen? Und was könnten sie sich auch sagen? Bei den Empfängen des Bürgermeisters treffen sie sich noch ab und zu, der mit einer Schwester Bludinskis verheiratet ist. Sie fühlen dann jedesmal eine laute, herzliche, aufrichtige Freude, aber – wenn er sich ehrlich prüft: nicht zwei Gedanken, keinen Wunsch haben sie heute noch gemein. Was will er also viel mit den großen Pflichten gegen den »Freund«? Am Ende sind diese idealen Wallungen der ersten Jugend auch weiter nichts als schöne Illusionen; man belügt sich angenehm. Er wird sich deswegen heute, nach fünfzehn Jahren, nicht eine Laune versagen. Es wäre doch wirklich ein bißchen sehr naiv.

Nein – keine Spur. Es soll ihn nicht genieren. Nur natürlich – er denkt lieber nicht an den Gatten. Warum sich erst unnütz verstimmen? Ja – und jetzt? Wie wird das jetzt?

Auf dem Lande ging es sehr einfach. Der Gatte reiste, in England, geschäftlich. Er brauchte nicht an ihn zu denken. Aber jetzt – jetzt ist er hier vor seinem Hause. Er wird ihn sehen. Er wird ihn täglich sehen. Das ist eine unangenehme Wendung. Jemanden so gerade ins Gesicht zu betrügen – er weiß, wie seine kitzlichen Nerven derlei gleich tragisch nehmen. Er hätte es nicht versprechen sollen.

Er hätte es ihr nicht versprechen sollen. Aber das ist diese verdammte Sentimentalität des Abschiedes! Wer kann da widerstehen – auf Tränen und Bitten!

Er hat es sich eigentlich zuerst nur so über den Sommer gedacht. Drei Monate ist auch gerade genug. Eine alte Regel, mitten im Glücke zu brechen, gerade wenn es am besten ist. Aber . . . das sagt sich leicht . . . wenn eine weint und heult und man weiß, sie würde sterben! Und dann auch: er mag lange suchen, bis er Bequemeres findet. Gerade was er braucht: die große Leidenschaft, danke, schon lange nicht mehr, sondern das stille, trauliche, laue Glück, das nicht gleich den ganzen Menschen verschluckt, und mit einer gewissen zuverlässigen, bürgerlichen Solidität der Gefühle . . . so die gemäßigte Zone der Liebe. Und sie bewundert ihn so! Er bildet sich ja deswegen nichts ein. Sie bewundert leicht. Sie bewundert auch ihren Mann. Aber es tut einem doch immer wohl! Sie würde ihm auch wirklich erbarmen: er ist ihr großes Ereignis – sie könnte nicht mehr leben.

Aber nun wird er ihn sehen und – und am Ende hat er ihn wieder sehr gern, wie damals. Das ist das Unangenehme. Er erinnert sich: er mochte damals keinen von den Farbenbrüdern lieber. Vielleicht gerade, weil sie sich so wenig glichen. Er liebte die entschiedene, zuversichtliche Energie seiner einfachen Weise, mit dem blinden Vertrauen auf die eigene Kraft und dem heftigen Drange zur Tat um jeden Preis. Sie nannten ihn im Scherze den »Herrn von Zielbewußt«: denn »zielbewußt« war sein drittes Wort. Das träge Behagen der Füchse schonte er wenig; »Arbeiten, arbeiten«, hieß seine Losung. Sie verspotteten ihn gern, aber er imponierte ihnen doch. Er war unermüdlich. Er schwankte nie und ließ sich nicht treiben. Er wußte, was er wollte, und konnte es. Sie hatten großen Respekt. Nur seine Reden konnten ein bißchen kürzer sein; er predigte schrecklich, ohne Ende. Aber sie fühlten doch immer, daß es kein leeres Geschwätz, sondern aus dem Grunde einer ehrlichen, braven Natur war . . . Sie werden sich gewiß wieder sehr gut vertragen. Das fürchtet er. Er weiß nicht recht, aber er denkt es sich peinlich.

Man durfte sich eben mit Eheleuten überhaupt nicht befreunden. Nein, es geht mit den verheirateten Freunden nicht. Gefällt einem die Frau nicht, das nehmen sie einem sehr übel. Aber wenn sie einem gefällt, das dann natürlich erst recht! Wie soll man sich da verhalten? Es ist schwer.

Es sind eine Menge Dinge, die ihn verdrießen . . . je länger er sinnt. Er hat auch Sorge, Dora wird sich verraten. Sie ist sehr unbesonnen und töricht, von Leidenschaft verblendet. Komödie versteht sie gar nicht. Es war schon ein Wunder, daß der alte Botaniker nichts gemerkt hat. Und wenn er denkt, daß es entdeckt werden könnte . . . der Skandal in der Presse und im Parlament . . . man hat ja immer gute Freunde, die schon lange warten – und überhaupt, es wäre sehr zuwider, sehr.

Aber er hätte sich das früher überlegen müssen. Jetzt hat er es schon einmal versprochen. Schlicht weiß es. Er hat ihm einen sehr netten Brief geschrieben. Er erwartet ihn. Was sollte er denken, wenn er auf einmal –? Es hieße, Verdacht geflissentlich reizen. Nein, er kann jetzt nicht mehr zurück. Es muß sein.

Er hat Angst. Er kennt sich. Wenn er es sich noch ein paarmal beweist, daß es sein muß und nicht anders sein kann, dann geschieht es gewiß nicht. Das ist ein Rätsel seiner Natur: wenn er ganz genau das Vernünftige erwogen hat, dann treibt ihn am Ende eine fremde, aber unwiderstehliche Freude, gerade das Unvernünftige zu tun. Er begreift es nicht. Aber es ist stärker und wie ein tiefer heimlicher Dämon.

Es wird sehr lästig werden. Sicherlich – das heißt, man kann das eigentlich niemals sagen. Manches stellt man sich viel ärger vor, dann auf einmal geht es ganz gemütlich. Er müßte es immerhin erst versuchen. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie er jetzt denkt. Vielleicht sind es wieder nur seine verdammten Nerven, die alles zerstören. Sie treiben es ja immer so . . . wenn er in ein neues Theater, in ein fremdes Café will, das ist jedesmal eine Haupt- und Staatsaktion von tausend Zweifeln und Bedenken. Wenn er Verlauf und Ende eines Dinges nicht aus Gewohnheit kennt, das quält ihn heftig, und er mag sich nicht entschließen.

Er möchte, daß jetzt über ihn irgendwie entschieden würde, wie immer . . . ganz gleich. Wenn jemand käme – zum Beispiel Schlicht, daß er nicht mehr zurück könnte . . . oder sonst wer, der ihn aufhalten würde, bis es zu spät wäre – so oder so. Aber es müßte irgend etwas mit ihm geschehen, damit er nichts zu tun brauchte.

Er schämt sich, wie feige er ist. Er muß es überwinden. Es wäre doch wirklich eine Schande.

Und plötzlich wendet er sich jäh, hastet die Straße zurück, vor das Tor und schellt. Gott sei Dank! Jetzt muß er.

II

Dora ist nicht allein. Sie hat Besuch, Frau Nelly Wimböck, von dem bekannten Klavierfabrikanten. Das erleichtert die Sache wesentlich.

Schlicht muß jeden Augenblick kommen. Er geht um zwölf aus dem Bureau. Er freut sich schon sehr.

Vorstellung; ein paar höfliche Phrasen; alles glatt, ruhig und korrekt.

Dora hält sich besser, als er meinte: gelassen, heiter, ganz unbefangen. Die verliebten Blicke und heimlichen Winke von Lofer sind weg. Er ist zufrieden. Seine Lehren sind doch nicht umsonst gewesen.

Aber komisch genug macht es sich, sie so fremd und strenge vor sich zu sehen, die doch lieber gleich in seine Küsse flöge: förmlich und gemessen, in der etwas steifen und gezwungenen Haltung der Provinz aufrecht auf dem Sopha . . . mit gezierten Gesten, wie ein kleines Mädel, das Besuch bei Mama spielt, sehr possierlich.

Sie plaudern allerhand vom Lande und erzählen, wie sie sich kennengelernt; und von den vielen prächtigen Ausflügen in die Pässe und was es sonst für Leute gab. Harmloses hat ihnen dabei einen heimlichen Sinn, und unauffällig mahnen sie sich an manches schöne Glück. Das ist ganz lustig. Einstweilen kann er denken, was er Schlicht sagen wird, wie er sich zu ihm stellen wird. Er fürchtet es jetzt gar nicht mehr.

Aber die Wohnung gefällt ihm nicht recht. Sie ist nicht behaglich. Er dürfte ja hier nichts für seinen verzärtelten Geschmack erwarten. Er wußte, daß er zu keinem Künstler, zu keiner Genreuse kommt. Es sind eben einfache Leute. Und eigentlich kann man gar nichts sagen: es ist recht elegant. Was die Tapezierer »Deutsche Renaissance« nennen – reichlich, sauber und tadellos. Nur – nur fühlt man sich wie in einem Hotel. Da könnte ebenso jeder andere wohnen. Man sieht nirgend, wem es gehören muß. Es ist alles da, was gebildete Menschen brauchen; aber es fehlt, was niemand braucht als gerade nur dieser eine, das Überflüssige, das diesem einen unentbehrlich ist, die persönliche Marke. Es fehlt der intime Geruch. Und auch: er weiß nicht, woran es liegt, aber die Möbel hängen sozusagen nicht zusammen und wissen sich nicht zu verhalten, eines zum anderen, sondern jedes bleibt verdrossen für sich. Es sind keine Fäden zwischen den Dingen – oder wie man das nennen soll. Sie kümmern sich nicht umeinander. Alles hat auch immer gleich aufdringlich einen Zweck, eine Bestimmung, einen Beruf auf der Stirne. Nirgend ist Spiel und Tand. Und endlich: es gibt eben gewisse Dinge, die man nicht darf: da hängt unter der Rudelsburg mit dem S. C. Monument und unter der Brücke von Brooklyn zwischen Stichen von Edison und Darwin eine mächtige Photographie des Freiherrn von Czedik, des Präsidenten der Staatsbahnen, mit sämtlichen Orden. Nein, das muß sie entschieden anders hängen.

Sonderbar ist diese Frau Wimböck. Nicht mehr ganz jung – aber man bedauert es nicht, es würde auch nichts nützen. Hübsch kann sie nie gewesen sein. Aber vielleicht einmal recht zierlich und graziös; sie hat geschwinde, feine, erwählte Gebärden. An dem Mädchen wurde offenbar das Kindliche, Schelmische und Neckische bewundert: das kann sie nun das ganze Leben nicht vergessen. Sie ist jetzt fett und schwer und plump und schnauft und verliert gleich den Atem, aber sie piepst und tänzelt noch immer wie unter vierzehn Jahren. Dabei verzweifelt kokett wie eine alte Jungfer, die es um jeden Preis noch zwingen möchte. Halb Backfisch und halb alte Jungfer, das ganze in jenen gefährlichen Anfängen der Matrone, wo sie alle ein bißchen damisch werden – angenehme Mischung: ausgesucht beisammen, was er am wenigsten verträgt. Das einzige, es von der lustigen Seite zu nehmen. Er wird ihr ein bißchen den Kopf verdrehen. Verliebt muß sie sich gar gut machen. Sie wartet augenscheinlich nur darauf. Und es lenkt auf alle Fälle den Verdacht von Dora, wenn der Gatte doch vielleicht – man kann nie wissen. Er will gleich beginnen.

Da kommt Schlicht. Er ist noch ganz der alte, in jedem Zuge. Er hat sich gar nicht verändert. Alles noch ganz ebenso wie damals, das schlichte, glatte Haar in der Mitte gescheitelt, sorgfältig über die Schläfen, ein bißchen philisterlich und preußisch, und die große goldene Brille auf den hellen kalten Augen, über dem kurzen harten Haken der schmalen, scharfen Nase, und alles bestimmt, unzweifelhaft, fest, unwiderruflich, kein Rätsel oder Versteck in der offenen, einfachen und geraden Miene; und laut, breit, umständlich in der Rede, die er gerne hört, mit den großen, dringlichen, lärmenden Gebärden; alles unverändert wie damals, nur vielleicht noch etwas ausdrücklicher, absichtlicher und bewußter, indem er jetzt, was er ist, auch spielt. Ein schöner Mann, und er weiß es auch und fühlt sich, soweit sich das mit einem ernsten Manne verträgt, der immer seine germanische Würde wahrt.

Er grüßt gleich ganz in der alten Weise, mit der herzlichen Grobheit von damals: »Na, du bist mir ein schöner Kerl! Du kannst dich ausstopfen lassen! Schämst dich nicht? Gehört sich das? Ist das ein Benehmen? Muß man dich erst durch seine Frau einfangen lassen, daß man dich endlich erwischt? Und das nennt sich Freund? Pfui Deibel! Aber Sakrament, was wahr ist, ist wahr: Der Herr mit der schönsten Krawatte bist du noch immer! Daher auch – jetzt geht mir erst ein Licht auf – daher auch die unselige Leidenschaft meiner verblendeten Gattin! Jetzt begreife ich alles!«

Er hat sich hinter Dora gesetzt und zupft sie leise am Ohr und tätschelt ihren Hals. Sie rückt ein bißchen. Es ist ihr offenbar nicht angenehm, vor dem anderen. Sie guckt von dem Gatten auf Jan und zurück, neugierig die beiden nebeneinander zu sehen und heimlich zu vergleichen. Jeder scheint jetzt ganz anders, ungewohnt und fremd.

Schlicht einstweilen unaufhaltsam in einem Zuge weiter: »Aber ich sag dir: trau der Frau nicht. Du wirst dich blamieren. Laß dich von mir warnen. Ich kenne sie. Sie macht einem jeden verliebte Augen, aber es steckt nichts dahinter. Sie ist kokett und herzlos.«

»Aber Poldi!«

»Na deswegen brauchst nicht gleich rot zu werden, Tschaperl!« Er schlägt sie leicht auf die Wange, leutselig, gnädig, gönnerisch.

Jan schmeckt die Prahlerei nicht recht. Er hat es wirklich nicht nötig, wie ein Pascha zu tun. Als ob es so ganz ausgeschlossen wäre, daß ihr auch einmal ein anderer gefallen könnte! Was diese Ehemänner nur eigentlich denken! Auch sieht es schlecht aus! Der breite, schwere Mann mit den großen Füßen neben dem zarten und zerbrechlichen Figürchen! Er findet: Sie passen nicht zusammen, gar nicht. Und es fällt ihm plötzlich ein – wenn er jetzt aufstehen und erklären würde, ganz gelassen und höflich: »Pardon, du mußt schon entschuldigen, aber die Dame kenne ich besser: wir haben seit drei Monaten ein Verhältnis!« Schade, daß die besten Gedanken immer unausführbar sind. Es geht leider wirklich nicht.

Sie holen alte Erinnerungen, wie es damals gewesen und was seitdem geworden, und manchen verwegenen Streich und was jetzt mit den andern Farbenbrüdern ist. Schlicht weiß alles. Er hat keinen ganz verloren. Es verlohnt die Mühe. Man kann da manches lernen. Aus den berühmten »Blendern« an Geist und Witz, die eine große Zukunft versprachen, ist meistens nichts geworden. Aber die gewissen stillen, fleißigen und beharrlichen Leute, wenn sie auch nicht das Pulver erfunden haben, sitzen heute fest und warm. Es kommt viel weniger auf das Talent an. Auf Fleiß und Arbeit kommt es an. Er hat es immer gesagt. Jan wird sich erinnern. Arbeiten, arbeiten ohne Rast und unnachgiebig, jeden Tag, jede Stunde, unablässig vorwärts nach dem Ziele. Das ist es. Dem festen Willen und der beharrlichen Kraft gehört die Welt. Alles andere taugt nichts. Anders kommt man heute zu nichts.

Bludinski muß lächeln. Er denkt an sich. Wille und Kraft ist gerade nicht seine starke Seite. Er hat immer so mehr auf gut Glück gelebt, unbekümmert, wie es würde, ohne Sorgen um morgen. Er läßt sich vom Zufall treiben und tragen. Und es ist am Ende doch auch ganz hübsch geworden. Er ist doch heute sozusagen auch etwas. Professor an der Universität, Abgeordneter, Verwaltungsrat, und seine Stimme gilt, wenn er sich irgendwo verwendet, er kriegt nicht so leicht einen Korb; das ist schon auch etwas wert. Es gibt eben mehr als eine Weise, selig zu werden. Er erlaubt sich, das ganz schüchtern zu bemerken.

Er sollte doch wissen, daß es das bei Schlicht nicht gibt. Wenn der einmal eine Meinung hat, dann ist die Sache entschieden und dabei bleibt es. Man kann mit ihm nicht streiten. Er hört einen gar nicht. Und wenn es schon gelingt, einen Einwand zu verlauten, dann schüttelt er nur den Kopf, zwinkert mitleidig und lächelt: »Nein, mein Freund, gar keine Spur! Die Sache ist nämlich die!« Und nun fängt er noch einmal von vorne an und wiederholt es noch einmal, auch zweimal, wenn man nicht gleich Ruhe gibt; und dann ist es erledigt. Für ihn ist alles schon erledigt. Er weiß alles besser. Zweifel, Bedenken kennt er nicht. Kein Widerspruch kann ihn irren, verwirren, weil er nur nach seiner Seite sieht und hört, Jan muß das doch von früher wissen. So ist er immer gewesen.

Jan bedauert nur die arme Frau. Es muß schrecklich sein, wenn man so den ganzen Tag mit Weisheit angestrudelt wird. Aber sie hält sich ganz tapfer. Sie ist doch klüger, als er gemeint hat. Wie geschickt und ungezwungen sie mit ihm spricht und sich in keinem Blick verrät! Er hätte gar nicht gedacht, daß es ihr so leicht würde. Fast könnte es ihn ein bißchen verdrießen.

Schlicht schüttelt den Kopf, zwinkert mitleidig und erklärt Bludinski, wie es sich verhält. Gewiß, Jan ist Professor und Abgeordneter und alles mögliche; aber was bedeutet das? Er soll sich nicht täuschen. Er soll nur nicht glauben, daß die Zukunft den Professoren und der Politik gehört. Die Zukunft gehört der Technik. Hinter der ganzen Politik steckt eigentlich nichts. Es fehlt der Ernst, der sittliche Grund, der positive Wert. Dem Techniker gehört die Zukunft. So ist die Sache.

Von einem anderen wäre es nicht sehr höflich, denkt Bludinski, einem das zu sagen. Aber bei ihm empfindet er es nicht: es kommt so naiv und mit einer solchen Freude an der eigenen Unfehlbarkeit heraus, daß man ihm wirklich nicht bös werden kann. Er wundert sich bloß, wie verklärt und begeistert die beiden Frauen lauschen. Dora hat das überhaupt . . . einen ganz unnötigen Respekt vor Sachen, die sie nicht versteht . . . sogar beim botanischen Onkel. Da merkt man eben doch die Provinz; sie ist aus Grieskirchen, die Tochter des Kreisphysikus. Er muß es ihr abgewöhnen. Er wird sie schon erziehen.

Schlicht redet unaufhaltsam. Er entwickelt die Aufgaben der Menschheit. Dann entwickelt er die Aufgaben von Wien. Und da ist er endlich bei seinen Plänen und Entwürfen, da ist er bei seiner Stadtbahn. Seit fünf Jahren kämpft er wie ein Löwe. Dummheit, Niedertracht und Schwäche sind gegen ihn verschworen. Aber er weicht nicht. Er gibt nicht nach. Er wird siegen. Er weiß, daß er siegen muß. Es liegt unvermeidlich im Zwange der Natur, in der Logik der Entwicklung. Der Puls der Geschichte schlägt in seinem Projekt. Er fürchtet keine Intrige. Ihn beugt keine Tücke und List. Er vertraut. Er wird nicht rasten, bis die Verleumdung und der Neid geworfen und zertreten sind. Er hat es neulich im wissenschaftlichen Klub, bei einem großen Vortrag, der in den nächsten Tagen als Broschüre erscheint, mit einem feierlichen Eide gelobt. Er wird ihn halten.

Bludinski ist ja ganz einverstanden. Er hält die Stadtbahn für unentbehrlich, längst. Er zweifelt gar nicht, daß es früher oder später geschehen muß. Er hört auch den Entwurf von Schlicht allgemein loben. Also wird es ja sicherlich gehen. Er versteht nur nicht diese heftigen und tragischen Akzente. Er sagt es Schlicht.

»Mein lieber Freund, du hast zwar entschieden die schönsten Krawatten, aber von der Stadtbahn hast du eben doch keine Ahnung.«

Schlicht hat immer solche Einleitungen. Er liebt die feine Ironie. Als Student hat Bludinski das sehr bewundert. Jetzt findet er es eigentlich nicht mehr gar so großartig. Vielleicht geniert es ihn auch vor Dora.

Und Schlicht erklärt es. Er hat es neulich schon in Elterleins Kasino erklärt, bei einem großen Vortrage, der in der letzten Beilage der »Eisenbahnzeitung« gedruckt ist. Er wird ihm das Heft geben. Man muß freilich eigentlich ein Wiener sein, um es zu verstehen. Man muß für Wien fühlen. Man muß Wien lieben. Das ist es. Denn es handelt sich hier nicht bloß um sein wirtschaftliches Bedürfnis, mehr oder minder dringlich und wichtig. Es handelt sich ganz einfach um die Ehre von Wien. Es handelt sich um seine europäische Stellung. Es handelt sich, ob es aus der Liste der lebendigen Städte gestrichen und ein zweites Venedig werden oder auch ferner an der Spitze der Kultur marschieren und sich zu neuer, moderner Schönheit verjüngen soll. Es handelt sich um die Entscheidung zwischen Wien und Berlin. Stadtbahn oder nicht – das heißt: neu oder alt, Zukunft oder Vergangenheit, Leben oder Tod. Alle Fragen treffen sich in dieser. Wo immer man beginne, hier muß man enden. Alles kommt von ihr, geht zu ihr. Ein Beispiel: Wenn die Gemeinde sich heut für die Stadtbahn entscheidet, muß sie morgen eine neue Verfassung des Bauamtes schaffen. Mit der alten Form geht es nicht. Sie ist hinfällig und morsch. Das Bauamt hat ja vortreffliche Leute, aber sie können nichts leisten. Der Verkehr muß vom Bau gesondert werden und seine eigene Behörde erhalten, ein besonderes Verkehrsamt mit einem besonderen Verkehrsdirektor. Das ist das städtische Ei des Columbus. Er hat es tausendmal gesagt. Er hat es tausendmal geschrieben. Und er gibt nicht nach. Er wird schon endlich siegen.

Frau Wimböck geht. Dora begleitet sie hinaus. Bludinski macht Miene, sich auch zu empfehlen. Aber Schlicht läßt ihn nicht. Sie haben sich so länge nicht gesehen! Es tut so wohl, wieder einmal mit einem Freunde zu plaudern!

»Na und was sagst du eigentlich zu meiner Frau? Gelt? Ja, da kann man wohl seine Freud haben!« Und er spitzt pfiffig die Lippen und schnalzt mit der Zunge.

Jan braucht nicht erst eine verlegene Phrase zu suchen. Schlicht verlangt keine Antwort. Er ist schon wieder im Zuge.

»Das muß man eben auch verstehen, mein Lieber! Siehst du, da heißt es dann: Sie können freilich leicht lachen, Sie haben halt Glück, so eine Frau findet nicht jeder! Unsinn, sag ich dir, lauter Unsinn! Auf die Frau kommt es gar nicht an. Die ist dabei ganz gleich. Auf den Mann kommt es an. Der formt und bildet die Frau. Nach ihm wird sie. Man muß es nur richtig verstehen. Ich hätte wen immer heiraten können: ich hätte aus jeder was gemacht – weil ich der Frau meine Natur, meinen Geist, meinen Charakter gebe. Das ist die Kunst. Das muß einer können. Freilich gehört da auch wieder Verstand, Fleiß und Geduld dazu. Es ist keine leichte Arbeit. Aber dann hat man auch ein Geschöpf, an dem man sich freuen, auf das man sich verlassen kann. Und du glaubst gar nicht, wie angenehm das ist, wenn man sich so recht als Herr und König fühlen und sich sagen darf: Das Dingerl da lebt überhaupt nur für dich und durch dich! Das ist halt doch was Schönes!«

Es kitzelt Bludinski. Diese Ehemänner sind doch einfach unglaublich. Jeder schwört, daß er, gerade er eine Ausnahme ist, die einzige Ausnahme von dem gemeinen Gesetz. Man müßte es wirklich einmal einem sagen, direkt sagen, in so einem Moment, wenn er gerade recht patzig und aufgeblasen tut. Was der für ein Gesicht machen würde? Es könnte ihn reizen. Ein Glück, daß Dora wiederkommt.

Sie plaudern weiter. Das heißt, Schlicht redet weiter. Noch einmal von der Stadtbahn, noch einmal von der Bildung eines Verkehrsamtes, noch einmal von den großen Pflichten der Gegenwart und Zukunft. Er bringt allerhand Zeichnungen, Broschüren und Pläne. Und von inneren und äußeren Ringen, von Radien und Zentren, von Umwegen und Schleifen, von normalen und sekundären Spuren, und von den eigentlichen Brennpunkten der Wirtschaft, daß Jan ganz wirr und angst wird.

Jan äugelt verstohlen mit Dora und sucht heimlich ihre Hand. Das wenigstens könnte sie ihm schon gewähren. Schlicht würde nichts merken. Aber sie ist scheu und vermeidet es. Er kann ja nichts sagen. Eigentlich hat sie recht, und er findet es ganz in der Ordnung. Er hat es ihr selber strenge aufgetragen. Aber etwas weniger behutsam, weniger klug und bedenklich, so gefährlich und unbequem es werden könnte, wäre in diesem Falle weiblicher und mehr im Charakter der Liebe.

Endlich muß er doch fort. Für einen ersten Besuch ist es so schon ziemlich lange. Aber zwischen Freunden, zwischen so alten und vertrauten Freunden! Er wird herzlich eingeladen. Recht oft; je öfter, je lieber; am liebsten jeden Tag. Und nicht langweilig in der Früh, sondern um fünf zum Kaffee und dann muß er den Abend bleiben.

Er verspricht recht bald, recht oft zu kommen. Schlicht begleitet ihn durch den Garten. Er versucht da die Zucht einer neuen Rose; dieses Jahr ist es nicht gelungen. Aber er läßt sich nicht schrecken. Er will es noch einmal versuchen. Es gehört nur Fleiß und Geduld dazu. Und wenigstens hat er eine Arbeit mehr. Das ist seine Losung. Alles andere heißt nichts.

Wie er wieder in das Haus kommt, hat er eine neue Idee. Er ruft Dora.

Es ist schon länger sein Plan, parlamentarische Verbindungen zu suchen. Man muß überall seine Leute haben. Man weiß nie, wen man morgen brauchen wird. Da wäre nun ein ganz hübscher Anfang gemacht. Bludinski könnte ihnen allerhand interessante Menschen bringen – und gerade die Polen; niemand ist brauchbarer als die Polen! Er müßte sich nur wohl bei ihnen fühlen. Man müßte ihm ein bißchen schön tun. Diese Herren sind sehr verwöhnt. Eine Frau weiß ja das am besten, wie man so was macht. »Gelt, Tschaperl?«

»Wie du glaubst«, sagt Dora.

Bludinski weiß nicht recht, ob er eigentlich zufrieden oder verstimmt ist. Das eine ist sicher: Er wird den Freund nicht zu gern haben, so daß es ihre Liebe stören könnte. Die Freundschaft ist nicht mehr gar so arg. Er kann sich nicht verhehlen, daß es im Grunde sogar eine kleine Enttäuschung war. Wenn er denkt, daß das einmal das Ideal seiner Jugend gewesen sein soll, dieser prahlerische, nichtige Gemeinplatz! Aber so darf er sich wenigstens die Reue und das schlechte Gewissen ersparen. Das ist auch was wert.

III

Es geht famos. Es ist das ideale Verhältnis. Nett, bequem, gemütlich, und eine stille, heitere Unschuld liegt darauf.

Zwei Monate bald und kein Zank, kein Verdruß, keine Störung, nicht eine Stunde. Es ist immer gleich, jeden Tag. Und es ist immer gut und sanft.

Bludinski denkt oft zurück an die anderen und vergleicht. Vielleicht waren sie lauter, veränderlicher, bunter. Aber niemals hat er sich so gewiß und fest im Glück gefühlt, heimisch und wie eingeboren.

Genau, was er jetzt braucht, der ausgetobt und sechsunddreißig Jahre hat: Ruhe, in milden Tönen, halben Farben, leise Freude und Behagen. Er ist nicht mehr für das Erotische und Extravagante. Die große Leidenschaft hat er satt. Seide, seltene Gerüche, wilde Steine – als junger Mensch tut man es schon einmal nicht anders. Man verdirbt sich bald den Magen. Er ist jetzt für die schlichte, biedere Hausmannskost der Liebe, unverpfeffert und gesund. Er vermeidet die grellen Reize. Sie sind ja gewiß auch nicht ohne Genuß und man kommt sich schrecklich nobel vor, recht an den Nerven zu zerren und zu zupfen. Aber alles zu seiner Zeit. Er kann seine Nerven jetzt besser brauchen. Es wäre auch gar nicht mehr möglich. Ein junger Mensch – ja! Der tut den ganzen Tag sonst nichts, da geht es. Aber darüber ist er heute doch schon hinaus: er sucht und findet im Leben auch noch anderes als Liebe. Er hat seinen Beruf, er hat seine Politik, er hat manche Neigung und Liebhaberei. Die Liebe kommt erst an zweiter Stelle. Und er erkennt auch immer mehr: der rechte Wechsel vieler Widersprüche, von Arbeit und Freude, Ernst und Spiel, ist allein das letzte Geheimnis des Glückes.

Er kommt fast jeden Tag, um halb sechs, sechs, nach der Sitzung, und bleibt zwei, drei Stunden; Sonntag speist er dort. Einmal die Woche ist Schlicht in irgendeiner Versammlung und alle zehn Tage verreist er, den Bau seiner ungarischen Bahn inspizieren. Es ist, ob er es nun vom Gemüte aus oder ökonomisch oder gesundheitlich richtet, sehr empfehlenswert und ersprießlich, in jeder Beziehung.

Er fühlt sich sozusagen wie verheiratet, hinter allen Stürmen. Wirklich, das ist es. Sein Leben hat endlich Ordnung und Regel. Er weiß, wohin er gehört. Er läuft nach keinem Abenteuer mehr. Es gibt keine Szenen. Das ewige Hin und Her der anderen, mit den täglichen Trennungen und Versöhnungen, fehlt. Es geht immer alles gelassen und gleich. Und weil Schlicht ohne Arg ist, merken sie gar nicht, daß vielleicht etwas Unerlaubtes daran sein könnte.

Natürlich ganz unverstimmt und glatt kann's auch nicht immer bleiben. Mit der Zeit gibt es schon bisweilen kleine Leiden. Er ist selber schuld. Er quält sich mutwillig. Er quält sich mit Wünschen, die eben einmal nicht möglich und auch ganz eitel sind.

Da ist zum Beispiel ein albernes Gefühl, das sich nicht verdrängen lassen will: er schämt sich heimlich, daß es so lange dauert. Er würde verzweifeln, wenn es schon aus wäre; aber er empfindet es gemein und bürgerlich, daß es so lange dauert. Sonst war er immer ziemlich unbeständig. Man wird eben alt. Es ist ein schlimmes Zeichen.

Er kommt auch aus allem heraus, nicht gerade aus der Gesellschaft, aber aus dem Zuge der Vergnügen. Sonst hat er keine Premiere vergessen. Jetzt hockt er immer da draußen. Sonst hat man immer von seinen Verhältnissen gewußt und geredet. Er liebte es, sie zu zeigen. Es ist angenehm, in der Oper oder auf Bällen alle Gucker neidisch nach der Dame gerichtet zu sehen, die einem gehört. Das muß er jetzt entbehren. Die Leute werden sagen: Die schönen Zeiten sind bei dem auch langsam vorbei.

Ihre Liebe könnte überhaupt mehr Wechsel vertragen. Ruhe ist schon gut. Aber endlich hat alles seine Grenzen.

Es kommen trostlose Leute in das Haus: Kollegen aus dem Büro, junge Streber, an denen Schlicht den Gönner spielt, Macher und Agenten; er mußte schon als Student immer einen Hof voll Jasagern und Bewunderern haben. Da wird oft stundenlang nur von Geschäften geredet. Und alles natürlich immer mit der gewissen heimlichen Entrüstung der Techniker, daß der Kaiser seine Minister noch immer nicht unter den Bahnwächtern wählt.

Auch Nelly Wimböck kommt oft, das mannstolle Frauenzimmer. Die Person macht ihn nervöse. Sie schmeicheln und hofieren ihr: Der Vater, der Hofzuckerbäcker, sitzt im Landesausschuß, und der Mann, der bekannte Klavierfabrikant, hat Geld. Aber das geht doch Jan nichts an. Er mag sie nicht. Er verträgt ihre zudringlich lüsterne Art nicht. Dora verteidigt sie. Sie ist eigentlich sehr zu bedauern. Sie möchte gar so gern auch einmal eine Liebe, ein einziges Mal im Leben. Immer liest und überall hört sie davon, und nur ihr passiert es nie. Es ist ein Pech, romantisch zu sein, wenn man häßlich ist. Da lachen die Leute. Als ob die Häßlichen nicht ganz solche Gefühle hätten wie die Schönen! Warum soll es denn ihnen nicht erlaubt sein? Es sieht nicht hübsch aus, meint Jan. Übrigens gibt er ja Dora ganz Recht. Nur fühlt gerade er sich nicht berufen, die Lose des Glückes auszugleichen. Auch ist ihm Nelly noch besonders zuwider, weil sie gar begeistert und verklärt den Tiraden Schlichts lauscht. Und die verträgt er jetzt mit jedem Tage weniger.

Es ist geradezu entsetzlich. Immer und immer das gleiche, unabänderlich! Immer: Arbeit! Arbeit! Immer: Fleiß, Energie und Geduld! Immer die Stadtbahn! Immer die Trennung des Verkehrs vom Bauamte! Und Jan mag überhaupt das laute Sprechen nicht. Dabei kann Schlicht nie sitzen, sondern muß immer stehen, um schon äußerlich über die anderen zu ragen, und fuchtelt einem mit geballten Fäusten seine Argumente unter die Nase. Er ist unausstehlich. Er hat gar kein Gefühl, daß einem das einmal zu viel werden könnte. Er hat gar keine Rücksicht, daß man nicht immer gleich aufgelegt ist. Er muß immer hofmeistern und dozieren. Gelassenen Tausch von Meinungen und die feine Lust am Suchen, das lieber gar nicht finden will, versteht er nicht. Er weiß alles besser. Er will immer bekehren. Manchmal gehen Bludinski doch die Nerven durch: er kann nicht mehr und wird heftig. Schlicht nimmt ihm das nicht weiter übel. Er hat ihn ein für allemal in die Rubrik der »hysterischen Männer« getan. Da darf man es nicht so strenge nehmen.

Besonders über die Weiber streiten sie gern. Es ist zu dumm, daß er das auch besser wissen möchte. Ja, er behauptet gleich: Bludinski kennt bloß die Kokotte und versteht die anständige Frau überhaupt nicht. Und Dora sitzt daneben! Man könnte wirklich Lust kriegen, es ihm einmal zu sagen.

Unglaublich, wie er mit so etwas einst Freundschaft halten konnte! Wo hatte er damals nur seine Augen? Sie sind doch durchaus unverträgliche Naturen. Man braucht sie bloß nebeneinander zu sehen: die breite ungeschlachte Biedermeierei des lauten und massiven Schlicht und seinen weichen, geschmeidigen, gerne ein bißchen verkünstelten Chic, um den es wie ein verwischter Schimmer von entglittenen Parfümen ist. Jeder Fremde, denkt er, müßte auf den ersten Blick erkennen, daß zwischen ihnen keine Gemeinschaft werden kann.

So stört Schlicht das Glück etwas. Sie könnten ihn entbehren.

Na, aber im ganzen ist es doch eigentlich recht nett, und er möchte es nicht anders. Ewig wird es ja auch nicht dauern. Aber vorderhand macht es sich sehr gut.

IV

Bludinski ist eben aus dem Bette. Zehn Uhr. Er muß in die Sitzung. Er hastet unwirsch unter den Briefen und Papieren. Er mag den Morgen nicht. Das dumme Wort von der Morgenstunde mit dem Gold im Munde versteht er nicht. Ihm ist morgens immer ganz elend. Alles verdrießt ihn, er denkt schwer und seine Nerven sträuben sich. Nach und nach kommt er mühsam sozusagen erst wieder in Gang. Nach und nach entdüstert er sich und erwacht. Aber die ersten zwei, drei Stunden des Tages sind häßlich. Da reizt und sticht ihn alles. Die Sonne ist grell, und die Straße ist laut, und es geschieht zuviel; es tobt unerträglich an seinen Sinnen. Das ist immer so gewesen. Er kann sich nicht erinnern, daß er einmal einen Tag ohne Verdruß und gern begonnen hätte.

Er hastet unter den Briefen und richtet seine Papiere. Dann kleidet er sich. Es schellt. Der Diener kommt: Der Herr sagt, daß es dringlich und wichtig sei. Auf der Karte steht: Leopold Schlicht.

Sonderbar. Was soll das? Was kann er wollen? Zu dieser ungewöhnlichen Stunde –! Da ist irgend etwas nicht in Ordnung.

Der Herr möchte entschuldigen und einen Moment warten. Er ist gleich fertig. Nur einen Moment.

Da ist offenbar irgend etwas nicht in Ordnung. Sollte Schlicht etwa –? Er ist ohne Arg. Aber es gibt gute Freunde. Und sie sind auch allmählich ein bißchen gar übermütig und unbedenklich geworden, ohne jede Vorsicht. Er war schon ein paar Tage anders als sonst, verstimmt, ungesprächig. Sie haben es auf geschäftlichen Verdruß gerechnet, auf seine Hoffnungen, Pläne und Sorgen. Aber es könnte doch auch –! Irgendwas ganz Dummes und Geringes verrät oft. Es wäre sehr peinlich. Und gerade jetzt auch noch, in der Früh! Er fühlt, daß er sich schlecht und ungeschickt benehmen wird. Er hat um diese Stunde keine Herrschaft über sich. Er vermag nichts. Nach dem Essen würde er sich nicht fürchten.

Er nimmt ein Glas Whisky.

Unsinn! Fällt ihm ja gar nicht ein! Es wird was Geschäftliches sein, oder er hat vielleicht eine Loge in die Oper.

Aber er will doch für alle Fälle die Photographien Doras lieber verstecken. Fünf ist ein bißchen viel. So.

Schlicht beginnt sehr herzlich und heiter und als ob gar nichts wäre, von tausend fremden und unnützen Dingen müßig hin und her. Aber Jan sagt sich, daß er doch deswegen nicht kommt, zu dieser Stunde, bloß um zu schwatzen und zu plaudern, und möchte gern wissen, wohin er etwa will; er klopft hier und dort und horcht und lauert. Schlicht folgt ihm nicht, sondern bummelt gemütlich im Zimmer und fragt und bewundert. Er bewundert die japanischen Wände in den hellen, matten und verschämten Farben, die Stiche aus dem Rokoko des Coypel und des Greuze, die schweren indischen Seiden, von der Zeit gefleckt und müde. Das heißt, wie er überhaupt bewundert, als ein Erwachsener Spielereien der Kinder. Vor dem großen Kasten bleibt er lange. Da ist eine wunderliche Sammlung: Damenstiefelchen der ganzen Welt, spanische und russische und Pariser, von schwedischen Bäuerinnen und ein sehr köstliches, hart erworbenes Paar, das der Malibran gehörte. Da kann er sich doch einer längeren Rede nicht enthalten. Eines ernsten Mannes, der Ziele hat, ist das doch wirklich nicht würdig. Wie kann man Mühe und Zeit und Geld auf solchen Tand vergeuden? Hat er denn gar keinen Sinn für die großen und strengen Fragen der Menschheit, die heute rings alle Kraft und Arbeit erwarten? Was sollen später einmal die Enkel, die Richter ihrer Ahnen, sagen, wenn sie alle Pflichten versäumt und alle Forderungen vergessen finden? Und in diesem Tone geht es unaufhaltsam fort.

Jan wird nervös. Abends kann man sich das allenfalls noch gefallen lassen. Aber den Tag gleich so beginnen – und in seiner eigenen Wohnung auch noch! Natürlich, Schlicht bildet sich ja am Ende noch ein, daß es ihm ein besonderes Vergnügen ist. Er kann ihm doch nicht sagen, daß es bloß um Dora geschieht! Er spielt eine klägliche Rolle.

Und er muß fort. Er muß ins Parlament. Er will nur nicht davon sprechen, sonst –! Er fühlt, als ob noch irgend etwas käme, hinter dem müßigen Geschwätz. Und das fordert er lieber nicht vor der Zeit heraus. Er will es Schlicht nicht erleichtern.

Schlicht redet noch mehr als sonst und hastiger, absichtlicher, lauter. Jan sagt gar nichts. Er muß geduldig warten. Es dauert lange, unerträglich lange. Die Frauen verdienen alle zusammen nicht, was man um jede leidet.

Jetzt sitzt Schlicht endlich und schweigt. Die Walze von der Arbeit und den großen Fragen der Zeit ist abgelaufen. Er nimmt eine Zigarre und bläst Ringe. Er wird etwas verlegen. Er hat entschieden noch irgend etwas. Er sucht einen Anfang. Auf einmal lacht er und fragt: »Na und was glaubst du, daß ich zu dir komme, um mir den dummen Gschnas da anzuschauen?«

»Wenn ich dir sonst irgendwie dienen kann –«

»Ha, ha! du wirst es nicht erraten! Wetten, daß nicht –? Nämlich –.« Und er verwirrt sich, stockt und hält. So geht es nicht. Er hat den rechten Ton nicht.

Er beginnt auf einmal von ihrer Jugend, von jenem glücklichen Leben im Korps, von den unvergänglichen, ewigen Idealen. Er wird melancholisch und weich. Jan kennt dieses ausgequetschte, weinerliche Pathos aus den Exkneipen, am Rande des besoffenen Elends.

Und vom Korps zur Freundschaft, zuerst zur Freundschaft überhaupt und dann zu ihrer besonderen Freundschaft, von dieser tiefen und heiligen Weihe, in der alle Grenzen aufgehoben und zwei Seelen zu unzertrennlicher Gemeinschaft verbunden sind. Sie können doch jeder zum anderen sprechen, wie zu sich selber. Sie sind mehr als Zwillinge und Brüder. In ihnen lebt der gleiche Geist. Und durch das Blut, das für die Farbe freudig oft vergossene Blut, sind sie vereint.

Es sind die alten Worte aus dem Korps. Aber niemals hat sie Jan deutlicher als Phrase und Schwindel empfunden. Darum versichert er auch hastiger und lauter, als es sonst seine Art ist, daß sich das doch natürlich von selber versteht und daß er es genau ebenso fühlt wie Schlicht.

Nun also! Dann ist ja alles leicht und einfach, dann wird er ihn gelassen hören. Dann wird er ihn verstehen. Es handelt sich nämlich um Dora. So geht das nicht weiter.

Jan erschrickt. Er hat es also doch bemerkt. Sie hielten ihn für blind und ohne Arg. Sie glaubten an sein Vertrauen. Aber er hat sie betrogen. Jetzt nur klug und behutsam!

»Was ist mit Dora? Ich verstehe das nicht.«

»Natürlich nicht! Weil ihr eben alle zwei Kinder seid, die reinen Kinder! An die Leute denkt ihr nicht! Das ist es gerade! Aber nur schön eins nach dem andern!«

Es fällt Schlicht nicht ein, sie irgendwie zu verdächtigen und zu verleumden. Das muß er vor allem anderen ausdrücklich erklären. Davon ist nicht die Rede. Er vertraut ihnen. Er weiß, daß nichts geschehen ist. Er kennt Jan. Er kennt Dora. Jan ist sein Freund. Dora ist eine anständige Frau. Und wenn das alles nicht wäre, er weiß doch, wie sie ihn liebt! Sie gibt ihm täglich neue Beweise. Er sieht es in jedem Blicke. Er hört es aus jedem Wort. Solange einem Manne alle Leidenschaften und Begierden seiner Frau gehören, kann er unbekümmert vertrauen. Dora ist auch viel zu töricht und ungeschickt. Sie würde sich gleich verraten. Sie kann ihm nichts verheimlichen. Er kennt jede Falte ihres Gemütes. Er sieht an ihrer Nase, was jeden Moment in ihr geschieht. Wie gesagt, davon ist nicht die Rede. Aber die Leute!

Die Leute! Das ist es! Die Leute sind schlecht und gemein und verleumden. Die Leute mischen sich in alles und lästern. Man redet schon über sie. Man schreibt ihm anonyme Briefe. Freunde warnen ihn. Der große Galeotto rastet nicht. Dora verliert ihren Ruf, und er wird lächerlich. Was tun? Vielleicht würde er wenn er reich und unabhängig wäre, nach den Leuten nicht fragen. Es ist immer bedenklich und endet selten gut, aber er hätte den trotzigen Mut, es im Gefühle ihrer Unschuld zu wagen. Aber er ist nicht reich. Er darf es nicht. Er lebt von den Leuten. Er muß ihre Meinungen schonen. Er muß mit ihren Sitten und Gewohnheiten rechnen. Er muß ihren Forderungen gehorchen. Er bringt sich sonst um seine Existenz. Es gibt ein einziges Mittel: Jan darf nicht mehr in das Haus. Er hat es tausendfach erwogen und geprüft. Er weiß sonst keinen Rat. Jan wird ihn recht verstehen. Jan wird nicht den Empfindlichen spielen. Jan weiß, wie er ihn liebt. Und daß er ihm das alles so unverhohlen sagt und ehrlich zu ihm kommt, das ist ja wohl der beste Beweis seiner Freundschaft und seines Vertrauens. Es tut ihm selber gewiß am meisten leid. Aber es ist einmal unerläßlich.

Jan denkt die ganzte Zeit bloß: Schlicht lügt. Er lügt gewiß. Es ist alles Komödie. Aber was kann er tun? Er hat keine Wahl. Wenn die Bitte nicht wirkt, würde er einfach befehlen. Jeder hat schließlich das Recht, einem sein Haus zu verbieten. Dagegen läßt sich gar nichts sagen. Wenn er zaudert, reizt er bloß seinen Verdacht.

Also erklärt er sich sofort bereit. Selbstverständlich! Er wird nicht mehr kommen. Wenn er geahnt hätte, daß jemand –! Und er erbittert sich heftig gegen den niedrigen und gemeinen Sinn der Leute. Er redet so entrüstet, daß er am Ende ganz entrüstet fühlt.

»Abgemacht?« fragt Schlicht und hält ihm die Hand hin.

»Abgemacht!« sagt Jan und schlägt ein. »Dein Haus sieht mich nicht wieder.«

»So tragisch brauchst du's nun gar nicht gleich zu nehmen. Von Zeit zu Zeit, alle zwei, drei Monate, kannst du uns ganz gut besuchen. Na, und das versteht sich wohl von selber, daß es zwischen uns beiden an unserem Verhältnis nichts ändert. Das wäre noch schöner. Im Gegenteil. Nur werden wir uns eben nicht mehr bei mir, sondern in der Kneipe sehen.«

Das fehlte Jan gerade noch.

»Es ist vielleicht für uns auch besser. Eine Frau stört schließlich doch immer. Natürlich du mußt dich mit ihr beschäftigen und ihr ein bißchen hofieren und das zieht dich unwillkürlich von mir ab. Und endlich bist du doch mein Freund, nicht der ihre! Aber wenn wir uns zum Beispiel jeden Mittwoch, da habe ich Baukonferenz, das dauert so bis neun, halb zehn –«

Das können sie ja noch ein ander Mal überlegen. Aber jetzt muß er Jan schon entschuldigen. Es ist halb zwölf.

Gleich. Schlicht geht gleich. Nur noch eins. Das darf er nicht vergessen. Dora soll von der ganzen Geschichte nichts wissen. Es würde sie sehr kränken, wie die Leute reden. Und es ist auch für den Fall, daß einmal jemand nach Bludinski fragt; sie würde schrecklich verlegen und rot; sie kann sich nicht verstellen. Die Leute hätten erst wieder was zu reden. Und es hat gar keinen Zweck. Sie wollen ihre Unbefangenheit nicht stören. Er wird sagen, daß Jan jetzt viel zu tun hat, ein wichtiges Referat, oder zu seinen Wählern verreist ist, so irgendeinen plausibeln Grund, und in vier Wochen hat sie ihn längst vergessen. Man weiß doch, wie die Weiber sind.

Jan schreibt, wie Schlicht weg ist, sofort an Dora. Sein Diener ist ein verläßlicher und erprobter Postillion. Schlicht wird sich irren; er darf sich nicht einbilden, daß sie so leicht zu trennen sind. Nun gerade nicht. Sie sind immer noch ein bißchen schlauer.

Nein, es wird dem Herrn nicht gelingen. Nimmermehr! Jetzt fühlt er ja erst die ganze Kraft und Tiefe seiner Liebe. Er könnte ohne sie nicht leben. Er hätte es gar nicht gedacht.

Er überlegt und sinnt eine Zeit. Wie mag das mit Schlicht eigentlich sein? Er weiß offenbar nichts. Das ist klar. Aber daß es wirklich nur Sorge um den Klatsch der Leute wäre, ohne jeden Verdacht, das glaubt er ihm nicht; es wäre auch geradezu eine Beleidigung. Da steckt noch irgendwas anderes.

Aber er muß in die Kammer.

V

Nach drei Wochen.

Nelly ist bei Dora zum Kaffee und sie plaudern. Dann kommt Schlicht.

Nach einer Weile fragt er: »Und Bludinski war noch immer nicht wieder da?«

»Nein.«

»Ich begreife es nicht. Ich begreife es wirklich nicht. Ich habe ihm doch sogar geschrieben.«

Aber Nelly und Dora kümmern sich nicht weiter. Sie reden anderes.

Dann beginnt er wieder: »Ich muß schon sagen, ich finde es merkwürdig von Bludinski. Höflich ist es entschieden nicht.«

»Höflich sind die Herren von heute überhaupt nicht«, sagt Nelly.

»Aber ich wette: es ist eine Weibergeschichte. Er hat sich wieder einmal wo verbandelt.«

»Sie verteidigen ihn immer.«

»Ja, mein Mann hat ihn sehr gern. Aber wir können ihm doch nicht nachlaufen. Wenn er sich woanders besser unterhält –«

»Paß auf – es ist gewiß eine Weibergeschichte. Ich kenne ihn. Irgendein neuer Stern vom Brettel oder vom Ballett.«

Nelly rümpft die Nase. »So! Diese Damen liebt er!«

»Ja – das ist einmal sein Temperament! So war er schon als Student. Mit einer anständigen Frau hat er, glaub ich, sein ganzes Leben nichts gehabt. Es muß schon ein bißchen wildeln – anders tut er's nicht. Theater oder noch lieber Zirkus. Das ist sein Fall.«

»Einen solchen Mann möcht ich mir nicht wünschen.«

»Ich auch nicht, wenn ich eine Frau wär. Aber deswegen ist er doch ein reizender Kerl. Nur schrecklich unzuverlässig: Heute laute Begeisterung und morgen hat er einen total vergessen.«

Wie Nelly fort ist, fragt er Dora: »Hast was gemerkt?«

Dora sieht erstaunt und verneint.

»Ich hab nämlich absichtlich so viel von Bludinski geredet. Ich glaub nämlich, da war etwas, mit den beiden.«

Dora lacht leise.

»Du mußt es doch auch gesehen haben: er war sehr verschossen in sie.«

»Natürlich. Das war deutlich.«

»Das ist der perverse Geschmack dieser Lebemänner: je älter, je lieber.«

»Da kann sie ja froh sein.«

»Sie hat ihn aber bös abfallen lassen. Drum kommt er nicht mehr.«

»Sie ist sonst gar nicht so.«

»Ja, das ist das merkwürdige, aber man erlebt es oft: auf anständige Frauen wirkt diese Sorte von Männern nicht. Es ist vielmehr gradezu, als ob sie Furcht und Ekel vor ihnen hätten.«

»Eigentlich ist es ja auch begreiflich.«

Er sieht nach der Uhr. Er muß noch arbeiten. Sie verzieht das Gesicht.

»Es geht nicht anders, Tschaperl! Ein Haufen Arbeit! Und Montag muß ich wieder nach Ungarn.«

»Diese dumme Bahn!«

Er küßt sie.

Dann, in seinem Zimmer, bevor er sich setzt, aufrecht am Tische, schaut und sinnt er vergnügt. Er ist mit sich sehr zufrieden. Das hat er ungemein geschickt gemacht. Man muß nur wachsam und geduldig sein. Die Frauen sind so leicht zu führen!

VI

Die Sitzung will heute wieder einmal nicht enden. Immer noch ein neuer Zank! Die Antisemiten toben. Da kriegt Bludinski immer auch sein Teil. Sie hassen ihn besonders. Er weiß eigentlich nicht recht, warum. Seine leichte, weltläufige, gerne ein bißchen verächtliche Ironie, die nichts ernst nimmt und alles mit zierlichen Witzen erledigt, entrüstet sie. Er hat kein Pathos. Er kommt nicht in Wut. Er ärgert sich nicht. Er bleibt immer ungereizt, gelassen und überlegen. Sie wollen doch sehen, wie weit das geht. Sie werden es ihm schon vertreiben.

Er zieht jede Minute die Uhr. Es ist gleich vier. Er wird wirklich noch am Ende den Zug versäumen. Er kann nicht fort. Er darf bei der Abstimmung nicht fehlen. Sie wird namentlich. Das hält man ihm dann wieder ein Jahr lang vor: »Als es die Entscheidung dieser wichtigen Frage galt, in der schwersten Stunde der ganzen Session, wo war da der Abgeordnete Bludinski?« Er kann ihnen doch nicht sagen, daß er zu ihr muß, weil der Mann verreist ist. Sie haben dafür keinen Sinn oder tun wenigstens so.

Endlich ist es vorbei. Er verwünscht die ganze Komödie der Politik. Und in wilder Hast auf die Bahn.

Es war höchste Zeit. Nun legt er sich behaglich zurück, entspannt seine Nerven und hegt liebliche Bilder. In einer Stunde ist er bei ihr. Er sieht sie schon in der schmalen Halle der kleinen Station, wie sie ungeduldig trippelt, mit den feinen, spitzen Stiefelchen auf die Steine schlägt und nach jedem Wölkchen, ob es nicht endlich der Rauch des Zuges ist, gierig lugt, sorglich verschleiert und in die schwere Boa gemummt, welche das dünne, schmächtige und zärtliche Figürchen fast erdrückt. Es ist ein angenehmer Gedanke, daß man von Leidenschaft erwartet wird.

Der Zug gleitet still. Die Luft ist dicht, enge und wie verstopft. Schnee hängt. Es liegt eine tiefe Heimlichkeit auf der Landschaft. Er fühlt es, als schliche er nächtlich verstohlen zum Liebchen.

Er wird lustig und froh. Seine Nerven schwellen und regen sich tänzerisch. Er fühlt es, wie wenn er als Knabe hinter das Haus um eine verschwiegene Zigarre kroch oder die Schule schwänzte. Es ist ein Triumph, das Schicksal zu betrügen und verbotenes Glück zu stehlen. Er hat sie riesig lieb!

Er hat das früher noch gar nicht so gewußt. Er hat es ihr auch noch niemals recht gesagt. Heute soll sie es hören. Und er sucht köstliche, seltene Blüten der Sprache, bunte heiße Zärtlichkeiten, und windet sie mit feinen Fäden, die leuchten, und bindet schwere, üppige Kränze. Er hat sie lieb!

Schelmereien huschen durch seine Wünsche. Er möchte was anstellen, irgendeinen losen, verwegenen Streich. Es ist wie ein leichter Schwips. Es prickelt, schwirrt und flirrt im Blute. Es versucht ihn, das Notsignal zu ziehen. Er darf es gar nicht sehen. Er muß sich anders setzen. Es ist ganz dumm. Es gäbe eine schöne Geschichte. Die Antisemiten hätten eine Freude. Aber er wird es nicht los. Es ist eine tolle Begierde in ihm, recht verrückt zu tun. Er winkt den Kindern, die den Zug vorüberlassen, und ruft und lacht und schwingt seinen Hut und weht mit dem Tuche. Er äugelt frech mit den Frauen und wirft Küsse. Unter die Leute möchte er es am liebsten schreien, daß er ja nicht ein gemeiner Passagier ist, wie die anderen, sondern in Liebe reist, zu seinem heimlichen Weibe.

Er wandert im Wagen. Er ist ganz allein. Niemand stört ihn. Draußen hängt der Schnee wie eine gütige Decke auf der fremden Welt. Und er hört nichts als den raschen Flügelschlag des Dampfes, der in das Glück trägt.

Er wird weich und milde und gut. Er möchte den Menschen helfen. Er möchte alle glücklich machen. Er schenkt dem Schaffner. Er möchte Geld unter die Leute streuen.

Er wandert im Wagen und stellt sich alles vor, wie es sein wird. Jetzt wartet sie schon und horcht, ob es noch immer nicht der Zug ist. Und wie er dann endlich vom Tritte springen wird, stürzt sie in seinen Kuß, und sie jauchzen selig und stammeln liebe irre Dinge. Er hat ihr so viel zu sagen, sie muß so viel erzählen. Dann fahren sie in das Hotel und wählen das Zimmer und alles ist Freude. Und er fühlt jeden Kuß, jeden listigen Griff und die tausend neuen Spiele der Begierde und kaut alle Würze des Glückes vor.

Er möchte schneller zu ihr und möchte doch lieber noch nicht. Der Zug müßte rasen, aber immer ohne Ende. Ganz nahe, ganz dicht am Glück, aber immer noch nicht dort, damit er immer noch näher könnte – so ist es schöner als im Glücke selbst!

Er macht ein Programm. Er wählt die Worte und wiederholt sie, die er ihr sagen will. Er möchte neue Küsse erfinden, die kein anderer gibt, ungekannte, tödliche Wonne.

Da ist schon die Station. Sie hat ihn schon erblickt und winkt. Das arme, dünne Näschen, wie er sie küßt, ist ganz kalt.

Sie nehmen das schönste Zimmer, wo in großen Lettern eine Inschrift ist, weil der Kaiser Josef dort gewohnt hat. Der Wirt kommt selber herauf und ehrt sie und sagt, was in der Stadt zu sehen ist; zwei Tage werden sie schon brauchen; sie hat unter dem neuen Bürgermeister einen großen Aufschwung genommen. Es interessiert sie sehr. Dann setzt sich Jan mit strenger Würde und schreibt die Meldung: Johannes Schlaf, Schriftsteller aus Berlin, samt Gemahlin. Der Wirt verneigt sich: Er hat schon gehört. Das macht ihnen unbändigen Spaß. So rächen sie sich an der neuen Literatur der Berliner, weil sie langweilig ist. Sie reisen immer unter einem von diesen gern berühmten Namen. In hundert Jahren werden verzweifelte Germanisten sich die Köpfe zerbrechen, was denn nur diesen Winter 91 Arno Holz, Johannes Schlaf und Heinz Tovote in Ottakring, Korneuburg und St. Pölten in einem fort getan. Wenn es ihre Frau einmal erfährt, meint Dora, läßt sie sich scheiden; aber wahrscheinlich sind sie gar nicht verheiratet; sie schreiben so unverheiratet.

Den nächsten Morgen wollen sie ein bißchen hinaus, auf die Straße. Die Stadt sehen und den frischen Winter trinken. Es ist ihnen matt und dumpf wie ein schwerer Nebel auf den Nerven. Sie möchten Luft und Atem. Schlicht kommt erst die Nacht zurück. Sie haben Zeit bis zum Kurier um fünf.

Wie sie durch den Gang an der Loge des Portiers, der grüßt, vorüberkommen, ist da ein Telegramm für Dora Schlicht. Er sieht es und erschrickt. Sie will natürlich gleich hin. Heftig reißt er sie fort. Sie ist verblüfft, was er denn nur hat. Frauen sind doch unglaublich unbedacht!

Draußen sagt er: »Du bist doch ein schreckliches Geschöpf! Wenn ich jetzt nicht zufällig dabei bin –! Das wär eine schöne Blamage! Du bist doch hier Frau Johannes Schlaf! Das hast du schon wieder vergessen, was?«

Sie ist ganz verdutzt. Richtig, daran hat sie ja gar nicht mehr gedacht. Sie kriegt einen großen Schreck. Ohne Jan hätte sie es einfach verlangt – »Ah, da ist ja ein Telegramm für mich!« Sie schämt sich.

Aber das Telegramm muß sie haben.

Von wem kann es denn überhaupt sein? Wer weiß denn überhaupt –

Natürlich von der Peppi. Peppi ist das Stubenmädchen. Sie sagt ihr jedesmal, wohin sie gehen, für alle Fälle. Es kann ja unvermutet plötzlich was geschehen. Sicher ist sicher.

Er wird heftig. Sie ist unglaublich! Nächstens wird sie die Hausmeisterin ins Vertrauen ziehen.

Die Peppi ist verläßlich.

Ja, das heißt es immer. Aber wenn ihr Schlicht zehn Gulden gibt –

Sie verbietet sich das. Sie läßt ihr Mädchen nicht beleidigen. Er soll lieber auf seinen Diener schauen; der sieht ihr eher aus, als ob er nächstens –

Aha, jetzt möchte sie streiten! Die Frauen sind doch alle gleich. Wenn sie sich im Unrecht fühlen, beginnen sie Zank.

Warum hat sie dann der Peppi nicht wenigstens einen anderen Namen angegeben?

Das ist wahr, das hätte sie eigentlich sollen.

Oder wenn sie es schon vergaß, warum hat sie ihm nichts gesagt? Sie konnten ja am Ende auch als Herr und Frau Schlicht hier wohnen.

Ja, das wär auch gegangen.

Aber das schafft ihnen alles nicht das Telegramm. Sie muß es haben. Es ist offenbar wichtig. Umsonst telegraphiert die Peppi nicht. Es muß etwas sein. Vielleicht ist er schon zurück. Um Gottes willen, sie wäre verloren! Sie muß es unbedingt wissen.

Wie kriegt man das Telegramm?

So etwas kann einem aber auch nur mit ihr passieren, weil sie ganz töricht und unbesonnen ist!

Er ist eben andere Frauen gewöhnt. Die haben freilich Übung und Geschick im Schlechten! Aber er darf von einer anständigen Frau nicht verlangen, daß sie alle Kniffe und Schliche der Kokotten kennt.

Von Kniffen und Schlichen ist gar nicht die Rede, aber man überlegt sich doch, was man tut. Dazu braucht es keine Übung und Erfahrung, sondern bloß ein klein bißchen ganz gemeinen Verstand.

Es handelt sich gar nicht mehr, was sie hätte tun sollen. Es handelt sich, was sie jetzt tun muß – um das Telegramm zu kriegen. Wenn er gar so weise ist, wird er ja leicht raten.

Das ist echt weiblich. Erst mutwillig in die Patsche hinein, aber dann muß natürlich der Mann her! Jetzt soll sie nur selber sehen, wie sie fertig wird – es ist ihre Schuld!

Sie weint. Oh, sie ist sehr unglücklich! Er ist abscheulich. Sie hätte es niemals gedacht. Jetzt erkennt sie ihn. Erst hat er sie betört und verführt und entehrt und jetzt läßt er sie im Elend und verhöhnt sie noch! Sie hätte es niemals geglaubt. Das ist der Mann, für den sie alles geopfert und sich verworfen und ihren Gatten verraten hat, der ja tausendmal besser ist und sie tausendmal mehr liebt – oh, der wäre nicht fähig, sie in der Not zu verlassen! Aber es geschieht ihr ganz recht! Sie hat es nicht besser verdient! Warum ist sie so dumm? Wie konnte sie einem Manne glauben, der reine Liebe nicht vermag und überhaupt gar nicht weiß, was eine anständige Frau ist!

Er sagt nichts mehr. Was könnte er auch sagen? Es würde mit jedem Worte nur noch schlimmer. Er haßt die großen Szenen. Geduldig warten, bis sie wieder vernünftig wird, von selber. Sonst gibt es nichts. Und endlich ist es auch wirklich wichtiger, das Telegramm zu kriegen, als daß sie sich unnütz zanken. Sie müssen es unbedingt haben. Sie müssen unbedingt wissen, was geschehen ist.

Aber wie? Aber wie? Er martert sich umsonst.

In Wien wäre es mit fünf Gulden an den Portier erledigt. Aber der Teufel traue so einem kleinstädtischen Gemüte! Am Ende hält man ihn noch für einen Defraudanten!

Es gibt, wie er prüft und sucht, ein einziges Mittel. Er muß auf die Bahn und von dort einen Boten schicken, der im Hotel für Frau Dora Schlicht, die hier ihre Reise unterbrechen wollte, aber sich anders besonnen hat und gleich mit dem nächsten Zug weiterfährt, nach etwa eingetroffenen Briefen fragt. Ja, das geht.

Er muß also auf die Bahn. Es ist ein bißchen weit, eine gute halbe Stunde im Schnee, und nirgends ein Wagen. Er bringt Dora zuerst nach dem Hotel.

Nein, um Gottes willen, nein! Eher sterben! Sie klammert sich an ihn und schluchzt und bettelt. Er soll nicht böse sein. Er soll ihr verzeihen. Er soll sich erbarmen. Sie würde sich zu Tode fürchten. Sie würde immer glauben: Er ist nur auf die Bahn, um heimlich abzureisen. Er darf sie jetzt nicht verlassen. Sie hat solche Angst. Am Ende ist Schlicht schon im Hotel. Die Peppi hat vielleicht doch –

Gut. So mag sie in dem kleinen Café solange warten, an der Ecke des Marktes. Sie kann doch den weiten Weg nicht mit. Sie wird sich noch erkälten.

Sie jammert und fleht. Sie hat solche Angst. Er will sie jetzt verlassen. Sie fühlt deutlich, daß er heimlich fort will, mit dem nächsten Zuge. Dann steht sie allein vor der Wut und dem Zorne des Gatten. Oh, es ist sehr schlecht von ihm! Sie hört keine Vernunft. Sie ist ganz außer sich. Er gibt es auf.

Er schweigt. Am liebsten möchte er sie hauen. Das Heulen und Jammern ist ihm schrecklich. Wenn die Weiber wüßten, wie häßlich sie dabei werden! Aber er muß einen Skandal auf der Straße vermeiden. Und sie tut ihm auch wieder leid. Sie meint es ja nicht böse. Sie ist nur töricht. Sie ist eben überhaupt ein Kind.

Sie gehen stumm durch die großen Flocken. Sie sehen kaum den Weg und der Wind bläst. Sie rutschen und gleiten. Endlich ist draußen ein Bote gefunden. Nun wird es eine Stunde dauern, bis er wiederkommt.

Sie warten in dem engen Salon erster Klasse. Draußen wirbelt der graue Schnee. Jäh kreischt eine Maschine. Es ist dumpf und heiß und ein schwerer ranziger Dunst von nassen Kotzen und geschmierten Stiefeln. Sie sitzt ängstlich in der Ecke, leidend und gekränkt. Er wandert und nagt an seiner Zigarre. Er gibt dem blöden Sessel einen Tritt, an den er stößt, sooft er sich wendet. Er flucht und ärgert sich. Er ärgert sich über den Stuhl und über den fetten, feuchten, stickigen Geruch und über alles: über die ganze alberne Geschichte, über sie und über sich selbst.

Es ist zu dumm. Nun haben sie endlich einmal einen Tag und es wäre so schön und da kommt wieder das! Als ob irgendein neidischer Dämon einem keine gute Stunde gönnen möchte!

Und nur durch ihre Schuld allein! Ein bißchen unbesonnen läßt man sich ja gefallen, aber alles hat doch seine Grenzen. Und wenn durch ihre Schuld dann alles verfahren und vertan ist, dann kann er sehen, wie er hilft!

Freilich, sie ist selber am meisten gestraft. Sie leidet mehr als er. Sie hat ja auch viel mehr zu verlieren. Es ist abscheulich, sie noch zu quälen. Später muß er es ihr schon sagen, natürlich, damit sie lernt und es nicht wieder geschieht. Aber jetzt will er sie trösten.

Er möchte ihr gerne ein gutes Wort geben. Nun ist es einmal geschehen; klagen nützt nichts mehr. Sie wollen sich wenigstens die paar Stunden, die sie noch haben, nicht verderben. Die Zeit vergeht auch besser, bis der Bote kommt. Er möchte ihr gern ein gutes Wort geben. Aber er bringt es nicht heraus. Er verträgt diese leidende und gekränkte Duldermiene nicht. Nun ist vielleicht noch er der Schuldige und soll am Ende noch um Verzeihung bitten! Das geht denn doch über den Spaß. Wenn sie trotzen will – bitte! Er wird sich deswegen nicht erschießen. Er braucht sie nicht.

Und plötzlich stößt seine ganze Wut, erwachsen und gesammelt, auf den Gatten. Natürlich, wenn der mit seinen großen Fäusten in ihr zartes Glück tappt – von ihm ist es nicht anders zu erwarten! Er haßt Schlicht.

Er haßt Schlicht. Er hat sich lange gewehrt. Aber es wächst jeden Tag.

Schlicht ist undankbar und schlecht. Er hat vor ihm geheuchelt und gelogen. Diese ganze Szene damals mit der Sorge vor dem Gerede der Leute und der Bitte an seine Freundschaft war nichts als Komödie. Er weiß es jetzt. Er weiß es von Dora.

Schlicht ist eifersüchtig gewesen. Das war es. Er hatte Verdacht. Nicht, daß schon etwas geschehen wäre, aber daß es geschehen könnte. Er fürchtete um die Liebe Doras. Darum hat er ihn aus dem Hause geschafft. Darum hat er ihn bei ihr verlästert und mit der Wimböck verleumdet. Er weiß jetzt alles. Dora erzählt doch jedes Wort.

Er sieht jetzt deutlich alle Fäden des Planes: ihn erst aus dem Hause und dann, wenn er sich nicht verteidigen kann, aus ihrem Herzen zu lügen. Pfui! Das ist die berühmte Brüderschaft der Farben! Er ist empört. Er hätte es nie von Schlicht gedacht. Und das war das Ideal seiner Jugend. Er schämt sich. Und wie der prahlerische Geck sich heimlich freuen und seine Klugheit rühmen und ihn verlachen mag, der der biederen Maske glaubte! Er weiß ja nicht, daß es doch alles umsonst war. Ah, wenn er es ihm sagen könnte, alles, alles!

Endlich kommt der Bote. Er hat das Telegramm: »Gnädiger Herr telegraphiert, kommt erst morgen mittag. Peppi.« Und darum so viel Angst und Verzweiflung! Gott sei Dank!

Dora ist ganz närrisch und toll. Sie springt und tanzt und jauchzt. Nun haben sie noch einen Tag, noch eine Nacht!

Jan ist auch froh. Es hätte sehr peinlich werden können. Es ist noch gut abgelaufen. Und ein Tag mehr ist auch nicht zu verachten. Er hat es sich lange gewünscht. Nun können sie endlich auch wieder einmal behaglich plaudern – nicht immer bloß mit der Uhr in der Hand.

Freilich, er wird dann morgen die ganze Nacht arbeiten müssen; er ist für die nächste Sitzung zum Worte gemeldet und hat noch gar nichts vorbereitet. Die letzte hat er nicht gerade besonders geschlafen und diese wird's wohl auch nicht viel werden. Es ist ein bißchen stark – und er merkt doch allmählich schon, daß es langsam auf die Vierzig geht.

Wenn er es gewußt hätte! Es war alles ohne Mühe einzuteilen, ganz bequem. Er mußte es nur wissen. Er mag überhaupt keine Überraschungen, auch angenehme nicht. Es ist nicht gut, wenn etwas unvermutet geschieht. Selbst unverhofftes Glück kann stören – oder wenn nicht gerade stören, aber es bringt leicht Verdruß und ist halt einmal nicht das Rechte. Na, jetzt läßt es sich nicht mehr ändern. Und wenn sie nur erst gegessen haben! Er hat Hunger.

Sie sitzen in dem engen, hellen Extrazimmer, ganz allein. Da hängt ein Haussegen, eine Schwarzwälderuhr, wo ein Kuckuck die Stunden ruft, ein Diplom vom Welser- Volksfest, in schweren Schnörkeln feierlich verrahmt, ein Gruppenbild von Veteranen mit der Fahne und zwei alte fahle, von der Zeit gefleckte Schnitte aus der Gartenlaube: »Des Kriegers Abschied« und »Auf der Alm«. Palmkätzchen stecken hinten, es spiegelt von Sauberkeit und man riecht in der dünnen wie verschossenen und entfärbten Luft das viele Waschen. Sonst könnte es ihn amüsieren. Aber das Essen ist ihm doch eine viel zu ernste und heilige Sache. Da versteht er keinen Spaß und er fühlt durch diese unwürdige Stätte seinen Hunger wie degradiert und entehrt. Er ist nicht verwöhnt, er schickt sich in alles, aber er will Stimmung, einen gewissen Stil. Eines muß zum anderen passen. Wenn man schon mit einer kleinen Frau ist, dazu gehört ein behagliches und weiches Kabinett, in tiefen, satten, reifen Farben mild getönt, und ein wissentlich gestimmtes Diner, zuerst eine zärtliche Ouvertüre von Radieschen, Mayonnaise und Salaten, dann eine findige Wahl gesuchter Reize und ein neuer unvermuteter Effekt am Ende, der ausgesöhnt und groß verklingt, unter der Regie eines strengen Kenners und mit fügsamer Anmut serviert; und besonders möchte er eine Mockturtlesuppe: das wäre jetzt der rechte Ausdruck seiner Seele.

Dora ist in ihrem Element. Sie geht selbst in die Küche und hilft und rät und kostet und lobt. Sie findet alles vortrefflich. Sie ist bescheiden. Diese schwere bürgerliche, unverwürzte Kost, die sich nicht einmal die Mühe nimmt, den Magen ein bißchen zu kitzeln und schmeichlerisch zu reizen, behagt ihr. Das rauhe Tuch, die groben Teller genieren sie nicht. Geschmack ist eben überhaupt nicht ihre starke Seite. Man merkt die Provinz. Er weiß, sie kann nichts dafür. Er verargt es ihr auch gar nicht. Man muß jeden nehmen, wie er ist. Sie müßte nur auch ihn nehmen, wie er ist. Das wäre ein billiger Tausch. Aber das tut sie nicht. Sie hat kein Verständnis der Stimmungen, wie sie wechseln. Sie verlangt jetzt durchaus, weil sie lustig ist, daß er lustig sei. Sie will wissen, was er hat. Sie fragt ohne Ende, warum er nicht lustig ist.

Mein Gott, er ist ja ganz lustig!

Nein, es ist nicht das Rechte. Er müßte sich doch freuen, daß sie noch einen Tag haben.

Er freut sich ja.

Aber warum sagt er denn nichts und macht ein Gesicht wie ein Fisch?

Man kann doch nicht immer was sagen – und übrigens essen sie jetzt!

Nein, er ist traurig.

Er ist gar nicht traurig. Sie irrt sich.

Nun also vielleicht nicht gerade traurig, aber anders als sonst, sonderbar und still.

Dafür kann er nichts. Das sind so Stimmungen. Das läßt sich eben nicht zwingen. Wenn sie ihn quält, wird es gewiß nicht besser. Im Gegenteil!

Nun schweigt sie gekränkt. Das mag er schon gar nicht, wenn man neben ihm die Miene hängen läßt. Was will sie denn? Was ist denn geschehen? Was hat er denn schon wieder verbrochen?

Oh, nichts, gar nichts! Wenn er es nicht anders empfindet, hat er ja ganz recht. Wenn er nicht von selber lustig und froh ist, soll er sich nur um Gottes willen nicht zwingen! Sie hat es sich freilich anders gedacht. Sie hat gemeint, daß es ihn glücklich machen würde, noch einen Tag mit ihr zu sein. Sie hat sich eingebildet, daß er gern mit ihr ist.

Das versteht sich doch von selbst.

Man merkt aber nichts.

Er kann es ihr doch nicht jede Stunde erklären!

Gestern hat er es getan!

Gestern, gestern – aber das geht doch nicht alle Tage so weiter.

Das hat sie nicht gewußt, daß seine Liebe nur den ersten Tag hält.

Mit der Liebe hat das gar nichts zu tun. Aber man ist nicht immer gleich aufgelegt. Andere Frauen merken das und wissen sich in die Stimmung zu schicken.

Natürlich seine anderen Frauen! Die leben ja davon; es ist ihr Geschäft! Wenn er auch anständige Frauen kennen würde –

Er wird heftig. Seine ganze Wut gegen Schlicht bricht aus. »Laß dir doch von diesem Esel nicht solchen Blödsinn einreden! Es ist zu dumm!«

Sie duldet nicht, daß in diesem Tone von Schlicht gesprochen wird. Wenn sie ihn betrügen, ist das schon schlecht genug. Aber sie läßt ihn nicht beleidigen und verhöhnen.

Was kümmert sie das überhaupt, in welchem Tone er von Schlicht spricht?

Das wäre noch schöner.

Ja, wen liebt sie eigentlich? Ihn oder Schlicht?

Natürlich liebt sie ihn. Sonst wäre sie nicht hier.

Wie kommt sie dann dazu, den andern zu verteidigen?

Sie ist doch schließlich seine Frau!

Er könnte sie erschlagen. Das ist es gerade! Ihm heuchelt sie Liebe vor und fühlt sich schließlich doch immer als die Frau von dem anderen.

Er weiß doch, wie sie ihn liebt!

Liebt! Liebt! So als Sonntagsliebe zum Vergnügen! Wie man auf einen Ball oder ins Theater geht. Weil es die Nerven amüsiert. Aber dem anderen gehört sie. Der andere ist der Ernst und Wert ihres Lebens. Er hat es tausendmal gemerkt, an tausend Dingen! Das mit der dummen Stadtbahn geht ihr ans Herz; aber ob er Minister wird, ist ihr ganz gleich. Er gilt nur zur Belustigung ihrer Sinne; aber das wahre Gefühl, alles gute Menschliche an ihr, gehört dem anderen. Er ist für sie nur eine angenehme Episode; der andere ist der feste Punkt und die Angel ihres Lebens. Er ist ihre Laune; der andere ist ihre Liebe.

Das versteht sie einfach nicht. Sie weiß gar nicht, was er will. Es ist ganz ungerecht und töricht. Es hat gar keinen Sinn. Er sagt es auch bloß, um sie zu quälen. Das macht ihm jetzt gerade Spaß. Er meint ja immer, daß er mit einer von seinen Kokotten zu tun hat!

Er verbietet sich das jetzt ein für allemal. Er will es nicht mehr hören. Sie hat kein Recht, Frauen zu schmähen, die um nichts schlechter sind als sie!

Sie schluchzt. So etwas muß sie sich sagen lassen! So lohnt man einer anständigen Frau, die alles geopfert hat!

Das kriegt er nun allmählich gerade genug! Gar so weit her ist es mit ihrer Tugend schließlich auch nicht. Vor ihm könnte sie sich die Pose wirklich ersparen!

Nun läuft sie heulend fort.

Wenigstens hat er Ruhe. Wer weiß, was sie sich im Zorne noch alles gesagt hätten! Und die bösen Worte kleben; man kriegt sie nicht wieder weg.

Es ist fürchterlich dumm. Nun haben sie endlich zwei Tage für sich, mit so viel Angst und Sorge und Gefahr erkauft! Und da quälen und kränken und schmähen sie sich!

Er müßte gescheiter sein. Die Frauen bedenken es nicht. Er kennt sie doch. Es ist eine wie die andere. Dabei meinen sie es gar nicht schlimm: Sie hat ihn ja doch sehr lieb!

Es geht nicht, daß er sie allein läßt. Wer weiß, was sie treibt! Wenn sie gereizt ist, darf man ihr nicht trauen.

Er geht hinauf. Sie packt. Sie tut alle Sachen in die kleine Tasche. Hastig, als ob sie es schon versäumen würde. Und hastig bittet sie ihn, um die Rechnung zu läuten. Sie will zahlen. Es ist possierlich, wie prahlerisch sie ihre winzige Börse auf den Tisch legt.

Er sagt nichts. Er läutet nicht um die Rechnung. Er geht gelassen auf und ab und wartet.

Nun hat sie alles in die Tasche gestopft. Aber sie schließt nicht. Sie bringt sie nicht zu.

Er kommt geschäftig wie ein Fremder – ob er vielleicht helfen darf?

Sie gewährt es gnädig.

Er richtet die Tasche, mit allerhand Mätzchen, wie ein beflissener Kommis. Sie muß lachen. Aber sie faßt sich gleich wieder und dankt vornehm.

»Darf ich sie vielleicht auch auf die Bahn tragen?«

»Nein, ich danke! Das wäre wirklich zu viel. Das kann ich ja gar nicht verlangen.«

»Oh, bitte, bitte – ist mir ein Vergnügen!«

»Nein, danke, danke – wirklich nicht!«

»Schaun's! Es kommt Ihnen viel billiger als mit dem Hausknecht! Kostet bloß ein Busserl!«

»Oh! . . . Ist das hier üblich?«

»Ja, das ist hier üblich. Dummes Mausi!« Und sie küssen und sind versöhnt.

Sie waren doch sehr dumm. Er nimmt alle Schuld auf sich. Nein, sie hat alle Schuld. Fast zanken sie sich noch einmal, weil jedes das andere verteidigt und sich verdammt. Und sie zeigt, was er für ein schreckliches Gesicht geschnitten hat, als ob er sie fressen wollte. Und er spielt die gekränkte Würde nach, wie schmerzlich sie die Lider senkt und die Lippen verzieht. Ganz Maria Stuart.

Den anderen Morgen fährt sie mit dem ersten Zuge. Er bringt sie auf die Bahn. Dann muß er eine Stunde warten. Er ist verschlafen und matt. Er fühlt sich recht verlassen. Er sehnt sich an ihre weiche Wange zurück. Er mag es gar nicht denken, daß er nun wieder eine Woche, eine ganze, lange, unendliche Woche ohne sie leben soll. Es ist ihm, als könnte er es nicht einen Tag, nicht eine Stunde ertragen.

Eigentlich ist es doch auch sehr ungerecht. Sie lieben sich und dürfen nicht zusammen. Sie brauchen sich, es fehlt jedem ein Stück seines Selbst, sie sind wie verstümmelt, eines ohne das andere, und sollen sich doch nicht gehören. Aber der andere, den sie nicht mag, der gar nicht zu ihr paßt und der von ihr, die ihm mit allen Wünschen und Begierden entfremdet ist, nicht einmal etwas hat, besitzt sie ungestraft. Das ist doch sehr ungerecht und wider die Natur . . . Er muß lachen, weil er schon ganz wie ein verliebter Gymnasiast denkt, aber es ist sehr schön. Er fühlt für diese kleine Frau doch mehr als je zuvor im Leben. Man glaubt das freilich immer. Aber dieses Mal ist es doch wirklich – reiner, tiefer, heiliger. Sie macht ihn gut. Sie ist so gut. Sie ist unendlich lieb und gut . . . Und langsam nickt er ein.

Dann im Coupé ist es abscheulich. Schwüle und Dunst, die Heizung raucht und man kann doch das Fenster nicht lange öffnen. Er hätte auch draußen nicht schlafen sollen. Nun ist er doch nicht ordentlich wach und bloß nervöse. Und er sieht vor sich lästige Arbeit, Verkehr mit albernen Menschen, die reden und fragen, einen öden, grauen Tag.

Sie ist jetzt schon in Wien. Zwei Stunden später kommt Schlicht. Ja, der hat es gut. Der wird von ihr erwartet und kann bei ihr rasten. Es ist eigentlich ganz dumm, den betrogenen Gatten zu bedauern und den glücklichen Liebhaber zu beneiden. Der Gatte hat es entschieden viel besser. Er wird verhätschelt. Der Liebhaber muß es dann entgelten. Der Gatte ist der Tyrann. Der Liebhaber wird von ihm und von ihr tyrannisiert. Und dabei steht der Gatte immer als der edle und vollkommene da, und der Liebhaber ist noch der schlechte Kerl – selbst in der Empfindung der Frau. Entschieden, wenn man ihn wählen ließe: Er wäre lieber der betrogene Gatte.

Es wär überhaupt gescheiter, er würde heiraten. Das ist ja doch, so immer unstet mit gehetzten Nerven, auf die Dauer kein Leben. Er verträgt diese Hast und Heimlichkeit nicht. Er möchte Ruhe, Ruhe!

Er hat Dora gern. Aber ewig kann es doch nicht dauern. Vielleicht, wenn er noch wie früher in das Haus käme – ja, damals hatten sie es bequem! Da hätte es vielleicht fünf, sechs Jahre gehalten. Aber diese ewige Hast und Angst mag er nicht. Dafür ist er nicht mehr jung genug. Seine Nerven langen nicht mehr.

Es wäre das klügste, ein Ende zu machen. Das nächste Mal werden sie wieder streiten und wieder und jedes Mal heftiger und mit häßlicheren Worten. Er kennt das doch, wenn es einmal so weit ist. Sie haben sich gewiß ja immer noch lieb, aber die Gefahr und die Hast und alle diese widerlichen Sachen töten langsam das Gefühl. Wenn sie klug sind und sich trennen, dann bleibt ihnen wenigstens die schöne Erinnerung ungetrübt.

Es wäre das beste. Er denkt es oft. Aber dann hätte Schlicht ja gesiegt! Dann wäre es ja seinen widerlichen Künsten gelungen! Dann wäre er doch am Ende der Kluge, der ihre Liebe trennt! Nein, diesen Triumph soll der Prahler nicht haben!

Es ist eine böse Geschichte. Er fühlt es deutlich, wie ihr Glück verlischt. Es wäre das beste, entschlossen zu enden. Aber das geht wieder nicht, weil er es dem Manne nicht gönnt. Dann wäre er ganz der Blamierte.

Er weiß keinen Rat. Es geht so nicht. Und es geht so nicht. Das eine ertragen seine Nerven nicht länger. Das andere duldet sein Stolz nicht. Ja, wenn es noch wie damals wäre, als er täglich in das Haus kam!

So viel müßte sie doch endlich über den Gatten vermögen. Dahin müßte sie ihn doch zu kriegen wissen, daß er ihn wieder in das Haus läßt. Das kann doch keine solche Kunst sein.

Er wird ihr sagen: Sie soll ihm einmal ihre Liebe beweisen!

Die Fahrt will nicht enden. Der Zug schleicht träge. Und heute ist der Winter trüb und mürrisch.

Wenn er nur erst seine dumme Rede fertig hätte, für morgen. Der ganze politische Spaß freut ihn auch nicht mehr.

VII

Das große Ereignis ist geschehen. Schlicht hat gesiegt. Die Stadtbahn ist endlich beschlossene Sache. Die Wiener Zeitung hat das kaiserliche Schreiben gebracht. Ein besonderes Verkehrsamt, unabhängig von den anderen städtischen Behörden und in das das Reich, das Land und die Stadt als Curien Vertreter schicken, ist gebildet. Nur die Ernennung des Direktors steht noch aus, den die drei Curien zusammen wählen.

Schlicht fiebert. Nun ist er ganz nahe am Glück. Nun wird es sich entscheiden. Er hat keine Ruhe mehr. Den ganzen Tag hastet er atemlos durch die Stadt, rät mit Freunden, wirbt bei Gönnern, sucht Hilfe und kann nicht rasten.

Auch Dora wird nervöse. Für anderes hat sie kaum mehr Sinn. Sonst war es ihr gleich. Aber jetzt fühlt sie doch, daß es der große Moment ist. Jetzt gilt es, ob sie bescheidene kleine Leute bleiben oder in die Höhe kommen, wo dann alles möglich ist.

Abends halten sie täglich zusammen Rat. Er schätzt sonst ihren Verstand nicht besonders. Aber in praktischen Fragen hat sie einen ganz merkwürdigen Takt. Sie trifft instinktiv, von welcher Seite etwas anzufangen ist. Sie weiß, wenn er schon ganz verzweifelt, immer noch Hilfe. Sie ist freilich oft ein bißchen unbedenklich in der Wahl ihrer Mittel. Aber dann sagt er sich, daß sie eigentlich recht hat, weil man sonst heute wirklich nichts erreicht; die anderen treiben es noch ärger; es wäre eine falsche Scham, die ihm schadete und niemandem nützte, und ein dummer Stolz, die üblichen Kniffe zu verschmähen. In diesen Dingen sind die Frauen viel gescheiter. Und er tut es ja nicht für sich, um persönlichen Gewinn; sondern seiner Sache muß er das Opfer bringen. Das hält ihn. Es geschieht für die Ehre und das Wohl der Stadt, des Landes und des Reiches. Da mag denn immerhin der Zweck einmal die Mittel heiligen.

Nun nähert sich die Entscheidung. Mit Mai sollen die Arbeiten beginnen und der neue Direktor braucht doch einige Zeit, bis er eingeführt und eingerichtet und alles in Ordnung ist. In diesen Tagen muß es sich entscheiden.

Wenn es nach Recht und Gebühr geht, kann ja gar kein Zweifel sein. Die Stelle gehört keinem anderen. Von ihm sind alle Pläne und alle Vorbereitung und Arbeit ist von ihm, durch fünf lange, schwere, mühsame Jahre. Ein anderer könnte es auch gar nicht und würde bloß alles verpfuschen. Es wäre ein schreiendes Unrecht an seiner Person und an seiner Sache. Aber man weiß ja, wie es in solchen Dingen geschieht, wie wenig Verdienst und Talent gilt, wie alles Protektion und Glück ist. Da denkt jeder nur an seine Neffen, und Kameradschaft entscheidet. Er hätte es früher einleiten müssen. Er hat es im Eifer der Arbeit versäumt. Er hat nur für die Sache gesorgt, nicht für sich. Und jetzt kommt vielleicht irgendein junger Fant, der gar keine Ahnung, aber einen Onkel im Ministerium hat, und nimmt ihm alles weg. Es wäre ein Schlag, von dem er sich nicht wieder erholen könnte.

Dora erwartet ihn. Es ist gleich Mitternacht. Endlich hört sie seinen schweren, harten Tritt.

»Na? Also?« fragt sie.

Er zuckt die Achseln. Er ist müde und verstimmt. Noch immer nichts Sicheres.

Es ist ja nicht seinetwegen; es handelt sich wirklich nicht um seine Wünsche und seinen Stolz. Er hätte am liebsten schon Ruhe. Aber er weiß, daß kein anderer das Werk durch alle Gefahren und Beschwerden zum Gedeihen leiten kann, wie die Wohlfahrt und der Ruhm der Stadt es braucht. Er darf nicht verzichten.

»Warst du bei Wimböck?«

Ja; er war dort. Er hat den alten Hofzuckerbäcker gesprochen. Die Leute tun alles, was nur möglich ist. Die Stimme des Landes ist ihm gewiß. Aber am Ende entscheidet doch die Regierung, der Wunsch der Minister. Die Sache liegt jetzt so, daß von den fünfunddreißig Kandidaten ernstlich neben ihm nur Seidler zählt, der Sekretär der Galizischen Bahn. Aber der ist sehr gefährlich.

»Es ist zu dumm«, sagt Dora. »Der Mensch kann doch nichts verstehen. Er ist nie aus seinem Bureau gekommen. Da weiß ich mehr vom Technischen.«

»Aber er hat die richtigen Bekannten. Das ist es. Das entscheidet. Er hat überall am rechten Platze einen Freund, einen Gönner. Das versteht er meisterhaft. Er kann eigentlich gar nichts. Er hat nichts Ordentliches gelernt. Aber er spielt Klavier, stellt lebende Bilder und hat den Sir Roger in Wien eingeführt; er macht Couplets, dichtet Pantomimen und ist für komische Chargen von allen Dilettantenbühnen sehr gesucht. Dann hat er die Verwaltung der Freikarten und also die ganze Presse in der Tasche. Und endlich steht er als Sekretär der Galizischen Bahn mit den Polen vortrefflich, weiß von jedem irgendeine Schweinerei, hat jedem irgendeinen Dienst geleistet, – na und heut sind es einmal die Polen, die alles entscheiden.«

»Das ist freilich ein Pech«, sagt Dora. »Gerade Polen kennen wir, glaub ich, gar keinen. Wer war denn da?«

Er hält plötzlich mit einem Ruck, schlägt in die Hände, aber die Freude ist gleich wieder vorbei.

»Bludinski! Herrgott! Daß ich das damals nicht bedacht habe!«

Nein, davon will sie durchaus nichts wissen. Alles hat seine Grenzen. Bludinski hat sich zu abscheulich benommen. Es gibt gar keine Entschuldigung. Das wäre freilich eigentlich kein Grund, ihn nicht zu benützen. Im Gegenteil. Es müßte nur geschickt eingefädelt werden. Aber er kommt ja nicht mehr. Dazu müßten sie ihn erst wieder im Hause haben, um es behutsam einzuleiten und zu verfolgen. Nein, es geht nicht, weil er nicht mehr kommt.

»Das ließe sich vielleicht schon machen«, meint Schlicht nachdenklich.

Ja dann! Dann hätte man die Polen, und bei der Regierung setzt er ja alles durch, und der Bürgermeister ist sein Schwager. Zwei Fliegen auf einen Schlag.

Schlicht hat einen Plan. Sie werden ein kleines Fest geben, zur Feier der Stadtbahn, ganz intim, nur die nächsten Freunde. Da will er zu ihm, und er wird es schon machen, daß er kommt. Dann ist es ihre Sache, ihn zu gewinnen, daß er sich wieder öfter sehen läßt, und listig den rechten Moment für ihre Bitte zu finden.

Sie ist nicht sehr entzückt. Sie mag Bludinski nicht. Sie möchte ihn am liebsten nicht mehr sehen. Er hat sich damals zu abscheulich benommen. Sie kann mit ihm nicht höflich sein und schön tun. Nein, sie wird es einfach nicht können.

Und Schlicht muß lange betteln und schmeicheln, bis sie es doch zuletzt verspricht. Es rührt ihn, wie schwer es ihr wird. Aber sie ist ja seine gute, kleine Frau und überwindet sich für ihn, ihm zuliebe.

VIII

Dora schreibt an Bludinski. Die Sache ist geordnet. Er kann wieder in das Haus. Es wird alles wieder wie einst. Schlicht wird selber kommen und ihn bitten. Er soll es ihm nicht unnütz erschweren. Alles andere mündlich.

Es freut ihn unbändig. Jetzt ist er der Sieger. Er zieht im Triumph wieder ein. Er ist der Stärkere. Sie ist doch eine famose Hexe. Was sie will, geschieht. Und sie muß ihn doch sehr gern haben, daß sie dem Manne eine solche Blamage bereitet. Das war alles ganz dumm, was er sich eingeredet hat.

Er ist bloß neugierig, was Schlicht eigentlich sagen wird. Er muß doch irgendeinen Grund nennen. Er kann doch nicht auf einmal behaupten, daß es keinen Klatsch mehr gibt. Es mag ein schwerer Weg für ihn sein. Er tut ihm eigentlich leid. Er ist doch eigentlich, so wenig er seine täppische und patzige Weise mag, er ist im Grunde doch ein herzensguter Kerl.

Den nächsten Tag kommt Schlicht und hält ihm eine sehr schöne Rede. Er hat es sich anders überlegt. Er hält es einfach nicht mehr aus. Er schämt sich. Es ist doch ganz unwürdig und abscheulich, daß gemeiner Tratsch zwei Freunde trennen soll. Er kommt sich so unsäglich feige vor! Was fragt er nach der Meinung der Leute? Was kümmert ihn die Verleumdung? Er ist immer gerade seinen Weg gegangen und hört nicht auf das Gerede der Menschen. Er kennt keinen Richter als das eigene Gewissen. Er verachtet jede Rücksicht auf die erbärmlichen Vorurteile der Menge. Er ist einen Moment schwach gewesen und hat gewankt. Aber jetzt hat er sich wieder gefunden und trotzt der Gemeinheit. Er erkennt sein Unrecht und bittet es ihm ab. Jan muß wieder in sein Haus. Sie wollen doch sehen, ob treue und beständige Freundschaft nicht mit dem hämischen Neide der kleinen Seelen fertig werden sollte.

Jan amüsiert sich sehr. Es ist köstlich, wie er doch für alles immer wieder eine pathetische Formel weiß. Solche Leute müssen eigentlich sehr glücklich sein.

Und nun wird es wieder wie einst! Aller Ekel und Verdruß ist weg. Sie ist doch ein liebes Geschöpf.

IX

Dora erzählt Jan die ganze Geschichte. Es ist ein Glück, daß es sich jetzt gerade um den Direktor handelt. Sonst wäre es nicht so einfach gegangen. Aber jetzt muß er auch schauen, daß Schlicht wirklich ernannt wird. Dann sind sie für alle Zukunft sicher und ungestört.

Jan ist betroffen. Das ändert die Sache. Dann ist er ja eigentlich gar nicht der Sieger. Dann ist vielmehr erst recht wieder Schlicht der Kluge, der den Vorteil hat. Das verdrießt ihn.

Für Schlicht stellt es sich so: Er hat Jan aus dem Hause geschafft und bei Dora verlästert und verleumdet, bis sie ihn wirklich nicht mehr mochte; und nachdem also jede Gefahr vorbei ist, ruft er ihn wieder zurück, weil er ihn jetzt brauchen kann.

Er entrüstet sich heftig. Er findet das abscheulich. Moralisch ist das gerade, als ob er seine Frau verkaufen würde. Aber er wird das nicht tun. Er gibt sich dazu nicht her.

Dora weiß gar nicht, was er hat. Sie begreift nicht. Die paar Besuche, die es ihn kostet, sind doch wirklich nicht der Rede wert.

Sie soll doch nur denken, was die Leute sagen werden. Für die Leute ist es einfach ein Geschäft. Er gibt Schlicht die Stellung, und Schlicht gibt ihm dafür seine Frau.

Sie wird sehr böse. Das wäre eine große Gemeinheit von den Leuten. Sie liebt ihn doch nicht, weil er Schlicht zum Direktor macht, sondern er muß Schlicht zum Direktor machen, weil er sie liebt.

Ob sie denn nicht fühlt, wie erbärmlich Schlicht dabei erscheint.

Sie findet das gar nicht. Das ist doch keine Schande, wenn man es zu etwas bringen will. Jan muß es tun. Fünf Jahre haben sie für nichts anderes gearbeitet und gelebt. Sie würde eine Enttäuschung nicht ertragen. Es wäre sehr schlecht und undankbar von Bludinski. Eine Frau, die ihm alles gegeben hat, darf schon auch einmal etwas für sich verlangen.

Sie verdreht den ganzen Streit. Von ihr ist doch gar nicht die Rede. Für sie tut er natürlich alles. Dazu braucht es erst keine Worte. Aber es handelt sich nicht um sie. Es handelt sich um Schlicht.

Wenn es sich um Schlicht handelt, handelt es sich um sie. Er ist doch nicht irgendein Fremder. Man kann sie nicht trennen. Was ihm geschieht, geschieht auch ihr. Und gerade in dieser Sache noch ganz besonders.

Ah, das ist was anderes! Das hat er ja nicht gewußt. Wenn sie es so fühlt, dann natürlich! Wenn sie sich ihrem Gatten so nahe und verbunden fühlt –! Aber dann hat er ja überhaupt keine Ursache mehr, für sie etwas zu tun. Dann liebt sie doch Schlicht und ist für ihn eine fremde Dame, die ihn weiter nicht kümmert.

Das heißt nun gar nichts. Es ist ganz albern. Er hat doch Beweise genug, daß sie ihn liebt.

Ja, wie sie die Liebe eben versteht! Es ist immer die alte Geschichte. Er hat es ihr tausendmal gesagt. Sie unterhält sich gern mit ihm, und er reizt ihre Sinne, und endlich ist sie auch ein bißchen romantisch und verschmäht ein kleines Abenteuer nicht, so weit es ihre Zeit erlaubt und die häusliche Ordnung weiter nicht gestört wird. Aber ihr Gefühl gehört dem anderen. Mit allen guten Wünschen und Hoffnungen ist sie immer bei ihm. Wie sie es einmal gesagt hat: Sie ist doch schließlich immer seine Frau.

Aber das ist doch einmal so. Sie kann es nicht ändern. Sie ist doch einmal seine Frau, und was ihm Böses geschieht, geht immer zuletzt an ihr aus, und wer ihr helfen will, muß ihm helfen. Das ist einmal so. Das ist bei verheirateten Leuten natürlich so. Da kann man nichts machen. Er weiß das ja auch. Er ist doch kein Kind. Er kennt die Welt. Er hat bloß wieder eine von seinen Launen und möchte sie quälen. Aber dann soll sie an seine Liebe glauben! Und das erste Mal, da sie mit einem Wunsche, mit einer Bitte kommt und nun auch einmal er etwas für sie tun soll, da drückt er sich gleich. Er denkt es sich offenbar so, daß nur immer sie Opfer um Opfer bringen und er gelassen alles nehmen, nichts dafür geben soll. Das sind die Männer!

Er sagt nichts mehr. Es wäre doch vergeblich. Vernunft und Gründe helfen nicht. Es ist gescheiter, erst nicht zu streiten. Am Ende geschieht doch, was sie will. Es bleibt ihm ja schließlich nichts anderes übrig.

Aber er denkt, daß man heiraten soll. Es ist das einzige. Man wird betrogen – ja! Aber was macht denn das? Man gewinnt doch ein ewiges, unauslöschliches Gefühl, welches sie keinem anderen gewähren, weil die Liebe dem Weibe bloß ein hübsches Vergnügen, aber die eheliche Gemeinschaft aller Sorgen allein sein wirklicher Ernst ist.

X

Jan ist sehr verdrießlich.

Den ganzen Tag hetzt er durch die Stadt und muß höflich sein und schön tun – alles bloß für diesen dummen Schlicht. Er hat es jetzt einmal versprochen, und man weiß auch schon, daß er sich für ihn verwendet. Seine Ehre ist engagiert. Man soll nicht sagen dürfen, daß seine Empfehlung nicht wirkt. Es muß gelingen.

Wenn er dann endlich ganz atemlos und müde ist, dann darf er abends zur Erholung mit Schlicht und Dora den weiteren Plan beraten, was sonst noch etwa helfen könnte. Dora denkt gar nichts anderes mehr. Und Schlicht geht herum und prahlt, daß es ja bloß für das Wohl und die Ehre der Stadt, des Landes und des Reiches geschieht. Recht angenehme Abende. Das ganze heißt dann Liebe.

Und wenn es seiner erfinderischen Geduld einmal gelingt, ein anderes Thema zu bringen, gibt es jetzt immer gleich Streit. Sie vertragen sich jetzt gar nicht mehr. Es ist in jedem eine heimliche Erbitterung gegen den anderen geblieben. Und man kann sich auch mit Schlicht überhaupt auf die Dauer nicht verhalten. Er hat die ältesten Meinungen der kleinen Bürger, verschollene Gemeinplätze und Schrullen, die lange abgetan sind, aber er spielt damit den Revolutionär im Geiste, den Märtyrer neuer Ideen, den verwegenen Pionier der Zukunft.

Jan sieht immer mehr: Es kommt viel weniger darauf an, die richtige Frau zu finden, die einem paßt, als vielmehr die Frau des richtigen Mannes, der einem paßt. Wenn man sich mit dem Manne versteht, geht alles. Aber von der schönsten, besten und nächsten Frau hat man nichts, wenn man mit der Weise des Mannes nicht stimmt.

Er ist sehr verdrießlich.

Und nun ist heute auch noch wieder einmal einer von den bösen Tagen, wo überhaupt alles schief geht.

Er denkt oft, woher es eigentlich kommen mag. Es klingt abergläubisch. Aber er läßt es sich nicht nehmen. Er hat es zu oft erfahren. Es gibt Zeiten, wo alles gelingt, und es gibt Zeiten, wo nichts gelingt; Zeiten, wo jede Dummheit zum Guten schlägt, und Zeiten, wo der beste Rat versagt; Zeiten, wo man unbedenklich alles wagen darf, und Zeiten, wo man sich lieber gleich niederlegen und alles verschlafen sollte.

Er kennt diese grauen Tage. Er ist es längst gewohnt. Er wundert sich nicht mehr. Er wehrt sich nicht mehr. Es ist doch umsonst. Er fügt sich in das Unvermeidliche und denkt bloß: Aha, fängt wieder so eine Serie an! Wenn es eine Weile gut geht, wird er ängstlich: dann wird das Rad nächstens wieder gedreht, und es kommt die schlechte Seite.

Dann ist alles verschworen. Gleich morgens fängt es an. Erwartete Briefe bleiben aus; unvermutete, ärgerliche kommen. Wenn er ohne Schirm ist, regnet es sicher. Die Leute, die er sucht, trifft er nicht, aber wo er bloß die Karte lassen möchte, die sind daheim. Wenn er die Tramway nach Döbling braucht, gibt es alle anderen Wagen, nur gerade den gelben nicht. Keine Virginier hat Luft, und wenn er zum Worte gemeldet ist, geht seine Rede gewiß in das Abendblatt und verloren.

Dagegen ist alles vergeblich. Er widersetzt sich nicht mehr. Er hat eher das Gefühl, sein Pech geflissentlich zu vermehren, damit das unerläßliche Maß früher voll werde.

Heute ist ein solcher Tag.

Er ist sechs Stunden lang in der Stadt herum und hat alle möglichen Leute verfehlt und am Ende nichts gerichtet. Nun kann er noch die Vorwürfe Doras hören. Und Schlicht geht gekränkt herum und spielt den verkannten Patrioten.

Es wird gleich wieder eine Szene geben. Jan fühlt es wie ein Gewitter, das kommt. Es hat gar keinen Sinn. Er möchte es vermeiden. Er will doch sehen, ob er nicht einen anderen Ton bringen kann. Er versucht allerhand Schnurren und Scherze.

Aber es ist umsonst. Schlicht bleibt beleidigt. Dora verzärtelt ihn, wie einen Kranken, stopft ihm die Pfeife, streichelt ihn, immer mit strengen, strafenden Blicken auf Jan. Keinen Verbrecher könnte sie schlimmer behandeln. Es ist zu lächerlich.

Aber er wird sich schon rächen. Er wird ihm seine gelassene Würde schon vertreiben. Er weiß schon, was ihn ärgert. Er kennt seine Leute. Er weiß ganz genau, wo man ihn trifft.

Und er beginnt die neuesten Geschichten der Chronique scandaleuse, von durchgegangenen Frauen und betrogenen Gatten, immer mit dem Schlusse: Wie die Frauen eben einmal sind! Er weiß, daß es Schlicht nicht mag. Er wird ihn schon aus seiner Ruhe kitzeln.

Da ist besonders eine Geschichte von der Frau des Präsidenten Kleber. Das nervöse Persönchen hat sich in einen albernen Studenten vernarrt, der kaum die ersten Prüfungen hat. Nun bildet sich das störrische Köpfchen plötzlich ein, daß er Professor werden muß, außerordentlicher Professor an der Universität. Großer Skandal im ganzen Ministerium, wie der gehorsame Gatte es verlangt. Der Kultusminister will gehen, aber der Präsident gibt nicht nach. Und natürlich ernennen sie ihn zuletzt. Aber da empört sich die Universität. Der Senat protestiert. Die Studenten randalieren vor dem Hotel des Ministers. Das ist nun ein Fressen für die Opposition. Fünf Interpellationen sind angekündigt. Die Sitzung kann recht munter werden.

»Da hilft eben nichts: Der Mann muß gehen«, sagt Schlicht entschieden.

Jan tut verwundert: »Das seh ich nun gar nicht ein! Warum denn?«

»Er kann unmöglich im Amte bleiben. Es wäre eine Schmach für Österreich! Ein betrogener Gatte ist immer eine lächerliche Figur!«

»Dann müßte man aber zuerst ein Gesetz machen, daß Minister nicht heiraten dürfen. Das wäre ja zu erwägen.«

»Du redest von der Ehe wie der Blinde von der Farbe. Im Café mag das für sehr geistreich gelten. Aber wir sprechen hier doch im Ernste.«

»Ich meine es auch ganz ernst. Wer nicht betrogen sein will, soll nicht heiraten. Sonst gibt es keine Garantie.«

»Es gibt eine Garantie im Charakter des Mannes. Wer betrogen wird, verdient es nicht besser. Man muß nur die Augen offen und den Verstand beisammen halten.«

Jan glaubt eine leise Ironie zu hören. Er bildet sich ein, daß Schlicht an jenen ersten Besuch denkt. Es reizt ihn, daß Schlicht sich für den Klügern halten darf. »Augen offen und Verstand beisammen – das sagt ihr alle, und es hat noch keinem geholfen. Wenn zufällig einer einmal verschont bleibt, ist es immer nur eine unverdiente Gunst. Ich behaupte: Welcher Mann es sei und welche Frau es sei und wie sie sich auch lieben mögen – wenn der Rechte kommt, der es versteht, nützt alles nichts.«

»Hast du es schon probiert?«

»Tausendmal.«

»Ja – bei deiner Sorte von Frauen.«

»Alle Frauen sind gleich.«

»Die anständigen kennst du eben nicht.«

»Darin sind sie alle gleich. Anständig ist auch nur so eine Redensart.«

»Jedenfalls sagt man so etwas nicht vor einer anständigen Frau.«

»Ich sage, was ich weiß.«

»Du müßtest doch vor Dora –«

»Ich muß gar nichts.«

»Aber, lieber Freund, erlaube! Wenn du von allen Frauen behauptest –«

»Von allen Frauen ohne Ausnahme!«

»Dann behauptest du es auch von der meinen?«

»Natürlich! Genieren werd ich mich!«

Schlicht springt auf: »Das ist einfach eine Gemeinheit!«

»Aber ich bitte dich – blamier dich nicht! Du machst dich ja bloß lächerlich. Ich weiß es doch!«

Nun ist eine ängstliche Pause.

Dora sieht ungläubig, erstaunt, als hätte sie falsch gehört. Was soll denn das sein? Er wird doch nicht, er kann doch unmöglich –

Schlicht ist verstummt. Er sieht auf Bludinski und dann sieht er auf Dora und sieht wieder auf Bludinski. »Was denn, was denn?« stammelt er endlich, wie einer, der angeredet wird und nicht recht verstanden hat.

Bludinski weiß gar nichts. Er kann das doch nicht gesagt haben! Was hat er denn auf einmal? Was fällt ihm denn ein? Aber es ist wie eine fremde Stimme aus ihm gekommen, über die er nichts vermag.

Da rafft sich Dora zuerst auf: »Solche Sachen . . . das gehört sich doch wirklich nicht, so etwas zu sagen.«

Das löst den Bann. Bludinski ist plötzlich wieder besonnen und wach. »Sie haben recht! Es war ganz dumm. Entschuldigen Sie!«

Schlicht erklärt: »Ich hab ja gewiß nichts gegen einen guten Spaß, aber es muß doch eine gewisse Grenze geben.«

Jan reicht ihm versöhnlich die Hand: »Sei nicht bös. Du kennst mich doch. Meine Nerven sind heut nicht extra. Du kennst doch meine Zustände. Da ist es, als ob der Teufel aus mir reden möchte. Sprechen wir nicht mehr davon.«

Sie atmen alle drei erleichtert auf.

XI

Bludinski ist fort. Dora geht schlafen. Schlicht will noch arbeiten.

Er könnte jetzt nicht schlafen. Aber er kann auch nicht arbeiten. Er wandert im Zimmer und sinnt und fragt und weiß keine Antwort und hat keinen Rat.

Was war das mit Jan? Wie kann er so etwas sagen? Hat sich das böse Gewissen verraten, oder ist es wirklich wieder nur einer von seinen albernen Späßen?

Man kann doch so etwas nicht sagen, außer wenn man wirklich – aber dann sagt man es erst recht nicht, dann gewiß nicht. Hat man derlei je gehört? Nein, es ist vielmehr ohne Zweifel der beste Beweis – obwohl auf der anderen Seite wieder – denn wenn es nichts als eine Renommage ist, dann wäre es gar infam.

Es will genau besonnen und geprüft sein. Und natürlich ohne jede Rücksicht auf die Folgen überhaupt und gerade jetzt, wo er Bludinski braucht. Ohne jede Rücksicht.

Daß einer aus bloßer Lust am Streite gleich behaupten sollte – ohne irgendeinen Grund –! Nur muß man freilich auch wieder an seine irren und verderbten Nerven denken. Aber man lügt doch nicht aus schwachen Nerven? Man verrät sich unbedacht – ja, wenn man seine kranken und zuchtlosen Nerven nimmt und wie er schon eine hysterische Natur ist, dann wäre es ganz klar, daß er sich einfach unbedacht verraten hätte.

Schlicht weiß, was er zu tun hat. Keinen Moment würde er zaudern. Seine Ehre über alles. Es mag hart sein, an der Schwelle, des Glückes den liebsten Wünschen zu entsagen – denn natürlich: der Skandal einer Scheidung nähme die letzte Hoffnung. Bludinski würde und könnte sich nicht mehr für ihn verwenden, und er würde ja dann auch die Stelle um keinen Preis von ihm –. Aber das fragt er nicht. Es gilt seine Ehre, und jeder andere Gedanke schweigt.

Nur – er muß es doch zuerst gelassen prüfen. Er darf nicht blindlings einem vielleicht doch trügerischen Schein vertrauen. Es will kalt und klug erwogen und bedacht sein.

Und eigentlich, wenn er sich die Natur Bludinskis recht überlegt, ist es sehr unwahrscheinlich. Bludinski ist nicht der Mann, eine anständige Frau zu verführen. Nicht als ob er vielleicht Bedenken hätte; moralisch taugt er nichts. Aber das verlangt eine gewisse Kraft, eine geduldige Mühe, eine Ausdauer im Bösen, die seinen fahrigen, unsteten Nerven versagt sind. Sie folgen kurzen, vergänglichen, atemlosen Drängen, und ihre Leidenschaft von heute ist morgen lange vergessen. Leichteren Damen, die schon warten und sich der ersten Begierde ergeben, mag es gefährlich sein; wahrhafter Tugend, die sich verteidigt, geschieht nichts.

Er sieht ja jetzt eben wieder wie Bludinski ist, in der Sache seiner Ernennung. Erst gleich mit ganzer Seele dabei; alles wollte er tun. Aber wenn man ihn nicht täglich drängen und stupfen würde, wüßte er längst nichts mehr. Es hält bei ihm nichts über die Nacht. Er braucht immer einen, der ihn treibt. Er braucht eine Bestimmung von außen. Es fehlt die eigene Führung. Nein, wer selber wie eine Frau ist, wird keiner Frau gefährlich.

Er ist schon ganz müde von dem ewigen Auf und Ab im Zimmer. Und nun soll er erst noch an seine Arbeit. Daß es auch gerade jetzt passieren mußte! Gerade jetzt paßt es ihm gar nicht. Er hat den Kopf von tausend Dingen voll.

Aber von Dora ist es undenkbar. Er weiß doch, wie sie ihn liebt und mit allen Gedanken und Gefühlen an ihm hängt und überhaupt nur für ihn, durch ihn, von ihm lebt. Freilich, sie ist so töricht und schwach, sie ist ein Kind, und es könnte schon – gerade weil sie sich in ihrer Liebe so sicher und geschützt fühlt, könnte vielleicht ein kluger, bedächtiger und beharrlicher Verführer – aber wo ist denn Jan bedächtig und klug und wo hätte denn Jan die Geduld!

Nein, es ist, wie er ihn kennt und wie er sie kennt, je mehr er ihre Naturen bedenkt und vergleicht, es ist ganz einfach nicht möglich. Er schämt sich, daß er es nur eine Minute glauben mochte. Er darf es ihr gar nicht sagen; es würde sie kränken.

Und dann noch etwas – das ist doch der beste Beweis: er hätte es längst gemerkt! Er hätte es gleich gemerkt! Er hätte es ganz gewiß gemerkt! Wenn das Unglaubliche, Undenkbare, Unmögliche geschehen wäre, daß sie einem Taumel der Sinne erlag – er hätte es noch am selben Tage gewußt! Sie kann sich vor ihm nicht verstellen. Er kennt ihr Gemüt bis in die letzten heimlichsten Falten. Er liest jede flüchtige Stimmung von ihrer Stirne. Und sie wäre Tage, Wochen, Monate neben ihm gewesen, mit dieser entsetzlichen Schuld auf dem Herzen, und er hätte nichts gemerkt? Er kann überhaupt nicht denken, wie das einem anständigen Manne passieren sollte. Das müssen ganz blinde und verliebte Toren sein, die allen klaren Sinn verloren haben. Er prüft doch täglich seine Frau und wacht. Er weiß, was in ihr geschieht. Er leitet sie.

Es gibt ein sehr einfaches Mittel: er wird sie fragen. Ihr Blick, ihre Stimme kann ihm nicht lügen. Und dann weiß er es wenigstens und quält sich nicht mehr.

Sie liegt schon. Wie sie ihn hört, dreht sie sich im Bette und lächelt. Das ist schön, daß er die dumme Arbeit endlich fertig hat.

»Ich bin noch nicht ganz fertig, sondern es fällt mir bloß ein – wir haben noch etwas zu besprechen.«

Sie wendet sich ganz, schiebt ein bißchen den Polster hinauf, stützt sich, zieht die Decke und hört.

»Nämlich wegen Bludinski. Was war da eigentlich?«

Sie sieht erstaunt. »Was denn? Was soll denn gewesen sein?«

Es wird ihm mühsam. Aber er muß. Und endlich würgt er es heraus: »Ob du was mit ihm gehabt hast? Sonst kann er doch so was nicht sagen!«

Sie schrillt jäh auf: »Poldi!« Und indem sie sich zur Wand wirft: »Und das hast du von deiner Frau geglaubt!« Und unaufhaltsam stürzen die Tränen.

Er möchte auch weinen, weinen vor Rührung und vor Lust. Nun ist der häßliche, wilde Bann gebrochen. Nun atmet er wieder frei. Das ist die Stimme der Natur. Das ist Blick und Ton der Unschuld.

Er möchte weinen. Sie tut ihm unsäglich leid. Er war so roh! Er wollte gar nicht. Er meinte es gar nicht so. Er hat es ja selbst nicht geglaubt, keinen Moment.

Und er beugt sich über sie und tröstet sie und fleht. Sie sagt kein Wort und schluchzt nur leise. Sie tut ihm unsäglich leid.

Aber jetzt ist ja alles vorüber. Sie wollen gar nicht mehr daran denken. Sie soll ihm nur verzeihen.

Nein, sie wird es niemals vergessen. So etwas, so etwas von ihr zu glauben! Als ob sie das nächste Mädchen von der Straße wäre!

Er schämt sich sehr. Es war abscheulich von ihm. Aber eigentlich ist es doch gut. Wenigstens sind alle Zweifel weg. Er kann wieder ruhig arbeiten. Er kann wieder ruhig an sein Werk. Er kann ganz ruhig Direktor werden und hat keinen Grund, aber wirklich gar keinen Grund, Jans Hilfe zu verschmähen.

XII

Bludinski kommt den anderen Tag und entschuldigt sich. Er weiß gar nicht, was mit ihm eigentlich war. Es sind seine Nerven. Er kann nichts dafür. Er ist selber am meisten zu bedauern. Und zwischen alten Freunden muß man manches tragen.

Schlicht beruhigt ihn. Er soll sich doch keine Skrupel machen. Er kennt seine närrischen Launen. Und was wichtiger ist, er kennt seine Frau. Es war nicht gerade sehr schicklich, aber es soll sie weiter nicht stören.

Dora ist nicht so leicht versöhnt. Sie hat sich sehr geärgert. Aber endlich kommt doch alles wieder in Ordnung.

Die nächste Woche bringt die Wiener Zeitung die Ernennung Schlichts zum Generaldirektor des Verkehrsamtes.

Jan hat keine rechte Freude mehr. Er kommt ungehindert alle Tage. Er hat es jetzt sehr bequem. Aber es ist ein bißchen fade. Er verträgt doch die Ruhe auf die Dauer nicht. Es war schöner, als sie sich in Gefahr und Angst heimlich zueinanderstehlen mußten. Das hatte doch wenigstens einen gewissen romantischen Schimmer. Jetzt ist es ganz platt und bürgerlich.

Aber mit einer anderen wäre wieder irgendwas anderes. Es ist niemals so, wie man es möchte. Man mag es niemals so, wie es ist.

 

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