Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Leander

Hermann Bahr: Leander - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleLeander
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060427
modified20171128
projectidc270340f
Schließen

Navigation:

Der verständige Herr

Meine Maitresse gab ihm den Namen.

Wir hausten damals in einem urfidelen Hotel, doch über dem leuchtenden Strome in Rosen und Jasmin, unter liederlichen Malern, recht nach unserem Herzen. Da ward des Jubels und der Sänge und der Küsse, zwischen unversehens oft vertauschten Paaren, nimmermehr ein Ende, und immer wieder knatterte immer noch eine neue Flasche los, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Es ist bekannt, daß der Wein die Zungen und die Mieder löst.

Da paßte er nun freilich gar nicht hinein, in unseren Stil, mit der steifen Würde seines salbungsvollen und besonnenen Salonrocks und der züchtig blauen Brille, hinter die er sich vor der bereiten Neugier unserer Mädchen sittsam zurückzog; er hätte ein deutscher Professor sein können, aber der sich für eine besondere Feierlichkeit gewaschen und reine gemacht hat. Es trat mit ihm was Fremdes, Feindseliges, Widerwärtiges zwischen uns, sooft, alle vierzehn Tage, seine stumme Höflichkeit in dem kleinen Speisesaal erschien. Der Mensch war durch und durch korrekt und hatte keine Lackschuhe.

Es wurde beraten, ob wir ihn hinausschmeißen sollten. Ich war sehr dafür; ich war zur Erholung dort und hatte nichts zu tun. Aber Nini verteidigte ihn standhaft, weil er doch weiter nichts angestellt hatte, als bloß daß er ein verständiger Herr sei; dafür kann einer schließlich nichts.

Daher behielt er den Namen und blieb unhinausgeworfen.

Wir mußten damals das Zimmer wechseln. Zuhöchst, im sechsten, wo man über das Wäldchen weg nach der schimmernden Eiffel sieht, hatten wir vorher gewirtschaftet. Aber jetzt brauchte ich einen Herbst-Komplet und einen neuen Frack: wir siedelten also in die erste Etage um, um durch einen würdigen Empfang dem Schneider Kredit einzuflößen.

Mysteriöse Nachbarschaft, da unten. Intrigierte mich. Nämlich damisch chices Weib: schwarze Spitzen über fleischfarbenen Suray und durch eine moosiggrüne Schleife rechts gerafft; Corylopsis auf fünfzig Schritte; und geschmeidig wie eine Reitpeitsche, dazu – ich streifte sie ein einziges Mal flüchtig im Flur, aber ganz mein Fall, unzweifelhaft. Ich verliebte mich heftig. Aber Nini, Gott sei Dank, vertrieb es mir wieder, mit Puffen und Kratzen. Sie ist so gut.

In Cluny engagiert, für die gewissen, leichtsinnigen und tugendlosen Frauenzimmer, welche in den Baudevilles vorkommen. Kam aber nur zweimal alle Monate heraus. Mehr wußte der Garçon nicht zu berichten.

Auf so umständlich verzwickte und ungewisse Sachen lasse ich mich aber nicht ein.

Eines schönen Tages, der Abend kommt und es regnet, sitzen wir daheim, sie deklamiert mir Baudelaire, mit ihrer weichen, glitzernden Stimme, und ich schreibe meinem Onkel, wie bildend und belehrend für einen aufstrebenden Jüngling, aber leider teuer, das Pariser Leben ist. Da, auf einmal, in den sanften Frieden unserer gemächlichen Verdauung jäh hinein, geht ein Riesenrummel drüben los, unter Flüchen, Hieben, Stößen, ein fürchterliches Mordspektakel nebenan – geschwind ducken wir uns unwillkürlich, als könnten uns die Stühle durch die Wand an die lieber unbeteiligten Köpfe fliegen. Deutliches konnte man nicht unterscheiden, sondern bloß ein wüstes, kreischendes und entsetztes Geheul, von zwei Männern, aus einer schutzflehenden Verteidigung und einer prügellustigen Anklage vermischt – und zuletzt, bum, ein Bombenkrach: einer wird hinausgewimmelt, aber gründlich. Jetzt natürlich ist mein blasses Weiberl nimmermehr zu halten, von Neugierde getarantelt, wie der Blitz hinaus – ich in Hast ihr nach, ob mir vielleicht das Glück passiert, daß wirklich einer abgemurkst ist, was ein wohlbezahltes fait divers gibt. Und so verwandeln wir den Schauplatz, und wir finden auf dem Flur, knirschend, heulend, jämmerlich verbleut – unsern verständigen Herrn.

Meine Maitresse klaubt ihn auf, schleppt ihn zu uns herüber; die blaue Brille war auch hin. Ich, dienstbeflissen, hilfreich und gut: »Kann ich Ihnen vielleicht mit einem Glase Kognak aufwarten, oder mehreren? Prunier mit vier Sternen. Ich möchte Ihnen überhaupt empfehlen, sich die Marke für alle Fälle zu notieren.« Rein aus allgemeiner Menschenliebe; die ich noch vom Gymnasium her habe; ich kriege nicht einmal eine Provision dafür.

Meine Maitresse konstatierte einstweilen, daß es mit ihm doch nicht weit her schien. Nicht einmal einen Halter hatte er an der Krawatte, so daß sie durch die Prozedur ganz verschoben war. »Siehst du«, sagte sie mit strenger Nutzanwendung und wohlmeinender Warnung, »es wird dir noch einmal gerade so gehen, wenn du immer alle verlierst und nicht endlich ordentlicher wirst.«

Er stand auf, wusch, brachte sich zusammen. Ein bißchen verlegen, und wußte nicht . . . Hin und Her. Er stotterte herum und suchte.

Endlich: »Sie werden sich, mein Herr, wohl wundern –«

Ich aber, eine von Grund aus noble Natur, wienerisch: »Aber ich bitt Sie . . . wegen dem bissel –«

Und er, hochvergnügt: »Nicht wahr . . . nicht wahr . . .«

Und wie ich schon die seltene Gabe habe, mich über den individuellen Zustand einer augenblicklichen Eingebung gleich immer zur generellen Wahrheit einer ewigen Maxime zu erheben: »Jessers . . . und überhaupt – da müßte man doch ein sakrischer Kleinstädter sein . . . zu fragen, warum sich der Nachbar totschlagen läßt – was geht einen denn das an?«

»Nicht wahr . . . nicht wahr . . ., warum soll sich denn nicht jeder nach seiner Fasson amüsieren.« Und ganz erleichtert, indem er den grauen Zylinder aufbürstete: »Sie nehmen also weiter keinen Anstoß daran?«

»Aber! . . . Wenn Sie nur keinen genommen haben.«

Shake-hand, Servus – und weg! Nini wollte zerspringen vor giftiger Neugier. Darum gerade hatte ich ihn ja ungebeichtet fortspediert.

Zwei Wochen später, wieder kommt der Abend und es salzburgelt noch immer, sitzen wir wieder daheim, sie deklamiert mir Baudelaire, etwas weiter hinten, und ich schreibe meiner Tante. Da auf einmal geht ein Riesenrummel los, nebenan, Fluchen, Kreischen, Prügelei, einer wird hinausgewimmelt und wir finden wieder auf dem Flur, atemlos und arg zerstampft, unsern verständigen Herrn. Die blaue Brille war auch wieder pfutsch.

Meine Maitresse klaubt ihn auf, schleppt ihn herüber, und ich: »Vielleicht machen Sie mir wieder das Vergnügen, von meinem Kognak zu kosten – Sie kennen ja die Sorte bereits. Sie schien Ihnen neulich zu konvenieren. Für die Zukunft werde ich mir schon auch einen kleinen Vorrat von blauen Brillen beschaffen – seien Sie ganz unbesorgt!«

Wusch, sammelte, ordnete sich . . . und suchte mit schief verzagten Blicken in meinen Augen, wie ich wohl dieses Mal aufnähme. »Nicht wahr . . . nicht wahr« – aber weiter brachte er nichts zusammen. Bis er sich endlich, an der Türe bereits, zu dieser gewaltsamen Entschuldigung aufraffte: »Nicht wahr . . . man muß ja doch auch der Liebe etwas zugutehalten.«

Und ich, im vollen Stolze meiner erotischen Bildung; »Als ob man das nicht kennte! . . . Sie können ohnedies noch vom Glück sagen . . . Oft geht's gleich durch's Fenster, mit Beinbrüchen.«

Und seine langsamen, gleichen, korrekt gemessenen Schritte verhallten auf der Treppe. An diesem Abend mußte ich mich gegen Nini mit dem Besen verteidigen. Es ist wirklich merkwürdig, wie Neugierde und Wissensdrang oft umschlagen, in ganz andere, unvermutete Äußerungen.

Nach und nach wurden uns seine Besuche eine liebe Gewohnheit, die wir ungern vermißt hätten. »Schau, 's ist schon wieder der Fünfzehnte!« Sonst dachten und sagten wir uns nichts mehr, wenn nebenan der Radau wieder losbrach.

Am Ende aber mochte er es doch merken, daß es nicht angeht, jemandem seinen ganzen Kognak auszusaufen, ohne sich irgendwie zu revanchieren. Er versuchte es lange hin und her, mit stockenden Geheimnissen, halben Verraten, zögernden Andeutungen; es wurde ihm recht schwer. Aber Nini leistete seinem Vertrauen wirksame Hebammendienste.

Endlich kam es heraus. Es mochte sein siebenter, achter Besuch gewesen sein. Wir waren schon tief im Herbste.

»Sie scheinen ja ein ziemlich gebildeter Mensch zu sein – vielleicht werden Sie es doch begreifen.«

Ich drückte ihm dankbar die Hand und fühlte mich geehrt.

»Und später kommt ja jeder drauf, aber man hat meistens nichts mehr davon. Wie lange leben Sie eigentlich schon zusammen?«

Meine Maitresse fand das wenig delikat. Sie beeilte sich, zu versichern, daß sie in diesen sechs Monaten zehnmal hätte wechseln können, immer unter höchst konvenablen Offerten. Sie hatte bloß zuviel Mitleid mit mir; das liegt in der Natur des Weibes.

»Sechs Monate«, und er schüttelte ungläubig den Kopf, ». . . da hätten Sie's aber doch schon merken müssen.« Er sah mich vorwurfsvoll an.

Merken sollte ich nun auch noch was! Ich war froh, wenn ich den Forderungen unseres Verhältnisses nur überhaupt gerecht ward, mit Müh und Not. Da vergeht einem das »Merken«, caramba!

Und ich beschloß, mir von diesem Kerl durchaus keine Grobheiten weiter gefallen zu lassen . . . sie hatten drüben ganz recht, nebenan.

Aber da packte er mich an meiner geschichtsphilosophischen Schwäche: »Sehen Sie«, und er sprach langsam, sicher, in erwogenen Sätzen, wie vom Katheder, und als ob er erwartete, daß ich es mitschreiben würde. »Sehen Sie, das ist der Hauptunterschied zwischen der alten Zeit und der neuen, und daran sieht man es erst, wie gescheit wir geworden sind, daß man es damals unglückliche Liebe hieß, wenn einer eine nicht kriegen konnte, und wir erkennen umgekehrt, daß das Unglück der Liebe erst anfängt, wenn man eine kriegt, und recht eigentlich darin besteht, daß jeder jede kriegen kann. Das hält aber keiner aus.«

Jetzt machte er ein ganz triumphierendes Gesicht. Ich dachte an den Kognak . . . wenn das alles war, das hätte ich auch billiger haben können. Nini zog ein stumpfes Mäulchen und sagte, indem sie verächtlich die Finger schnalzte, bloß »oh! . . . oh!«, als wäre sie in einem Ibsenschen Dialoge.

Wir hörten ihm kaum mehr zu, ärgerlich, enttäuscht, verdrossen, wie er jetzt ins Perorieren kam, umständlich, mit breiten und von eitlen Erklärungen zerquetschten Beweisen, langwierig und langweilig, über diese alte Geschichte, daß man eine nur begehrt, solange sie nicht zu kriegen ist – und wie man sie endlich kriegt, ist es gleich aus mit der großen Liebe, und man hat nur Ekel davon und muß sich wieder eine andere suchen, was immer eine lästige und verwutzelte Kommission ist. Er fand kein Ende und belegte es aus seinen sämtlichen Verhältnissen. Aber die quappigen und glitscherigen Berichte verhallten neben uns.

Ja, ja!

Er kletterte immer höher, auf steilen Axiomen: »Die Vernunft muß der Liebe diesen Zweck setzen, ihren Zweck zu vermeiden, wenn sie das Glück will . . . Das ist die Kunst der Liebe, die Erfüllung der Begierde zu verhindern: denn sonst ist man jedesmal der Blamierte und muß von vorne anfangen; dagegen solange die Begierde ohne Befriedigung bleibt, da geht's einem sehr gut . . . die Keuschheit ist die wahre Wollust . . .«

Am Ende war er halt doch ein verkappter deutscher Professor!

»Ich habe das sehr bald herausgefunden. Es kann einer aufmerksamen und unparteiischen Beobachtung nicht lange verborgen bleiben. Aber an den Weibern scheitert es immer – die sind dafür nicht zu gewinnen . . ., für die Keuschheit.«

»Gott sei Dank«, sagte Nini.

»Bis ich« – und er richtete sich majestätisch auf, und es strahlte ihm das Gesicht von selbstgefälliger Freude –, »bis ich auf die glückliche Idee gekommen bin, mir das da einzurichten, . . . da drüben.« Und er deutete mit siegessicher ausgestrecktem Finger hinüber.

Da fuhren wir alle beide jäh empor. Was? . . . Einrichten? . . . Was hatte er sich eingerichtet? Nun verstanden wir gar nichts mehr.

»Ja, es ist eine Organisation der Keuschheit . . . eine vortreffliche Organisation . . . Das wußten Sie gar nicht?«

Er sagte das, als ob es sich von selbst verstehen müßte, ganz verwundert über unseren kurzen Verstand, und weidete sich an seiner Überlegenheit.

»Nämlich so. Ich habe sie mir kontraktlich zu einer planmäßigen und systematischen Keuschheit verpflichtet, um mich endlich eines beständigen Liebesgenusses zu versichern. Sie kriegt tausend Franken monatlich . . . die kleinen Geschenke ungerechnet, natürlich, zu den großen Festen, Weihnachten, Ostern, grand prix – na, das wissen Sie ja. Dafür muß sie zweimal, jeden Ersten, jeden Fünfzehnten, meines Besuchs gewärtig sein, von vier bis sieben, und der Bruder auch, in der Toilette nebenan versteckt – es tut mir wohl, ihn Bruder zu nennen, es klingt schicklicher; ich habe auch das kontraktlich ausbedungen. Oh, ich bin nicht so dumm, mich auf mündliche Abmachungen zu verlassen: das ist alles besiegelt und verbrieft und notariell beglaubigt . . . Also jeden Ersten, jeden Fünfzehnten komme ich gemütlich angerückt, mit ganz köstlichen Gefühlen, um die vierte Stunde, sie wartet schon und wir beginnen die Romanze. Es geht alles in schönster Ordnung: zuerst das sentimentale Vorspiel . . . scheue Andeutungen, welche die Hoffnung unterstreicht – kühnere Vertraulichkeiten, welche nicht entmutigt werden . . ., sie bald spröde, bald kokett, nachgiebig jetzt und jetzt verwehrend, wie es gerade am meisten reizt . . . Flüstern und Kosen und unter heiligen Schwüren ein kunstgeübtes Tasten über alle Nerven – bis die klug gespornte Leidenschaft am Ende tätlich ausbricht und der kritische Moment des Bruders erscheint, der gerade noch zurecht kommt, die Schande seiner Schwester zu verhüten. Ich, im rauhen Drange meiner wilden Brunst, widersetze mich und . . . na, das Ende kennen Sie ja! Und denken Sie nur: bloß tausend Franken alle Monate!«

Und er storchte im Zimmer herum, mit pathetischen Tritten, als ob er eine ganze Eierhandlung des Columbus entdeckt hätte.

»Zwei Jahre lieben wir uns jetzt schon, und unsere Leidenschaft wächst täglich. Es ist eine Wonne und Wollust ohnegleichen, ohne Ende, ohne Maß. Wie eine Heilige bete ich sie an. Ich gehe übrigens ernstlich mit dem Plane um, sie zu heiraten – nur ist es mir noch nicht gelungen, den Bruder zu gewinnen. Der müßte sich ja natürlich erst verpflichten, uns niemals zu verlassen, damit wir ihn immer gleich bei der Hand hätten – sonst ist die ganze Herrlichkeit nach acht Tagen wieder vorbei . . . Ja, ja, die Keuschheit . . . Ich sage Ihnen: es gibt sonst nichts, um glücklich zu werden.«

Er war ganz verklärt. Zum Glücke mußte er sich beeilen, den Zug nicht zu versäumen. Aber er vertröstete uns: »Na, das nächste Mal!«

Ich schaute ihm nach. Und dann schaute ich auf sie. Sie rieb sich das Näschen an der Scheibe.

»Na, was meinst du dazu?«

»Mein Gott«, erwiderte sie überlegen, »ich hab dir's ja immer gesagt, daß er ein verständiger Herr ist.«

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.