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Leander

Hermann Bahr: Leander - Kapitel 2
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typefiction
authorHermann Bahr
titleLeander
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Mit der Nase

Wir sind jedesmal riesig fidel, sooft sie wieder in den allgemeinen Verkehr zurückerstattet wird. Erstens gibt's wenige ihresgleichen, so ausschlagend knospenfrisch und von dieser gassenbübisch geschmeidigen und veränderlichen und rastlosen Anmut unter den schweren, stolzen, üppigen Gewändern und mit solchem Erfolg in allen Graden der Liebe geschult, und sie riecht immer sehr gut und jeder vermißt sie schmerzlich, in bösen Fasten und Entbehrungen. Zweitens, weil auch ihre Rede sich recht unanständig benimmt, kommt wenigstens etwas Geist in unsere aufzufrischende Gesellschaft. Drittens hat man einen Vorwand mehr, Sekt zu trinken, Mensch zu sein.

Da beutelt sie uns dann ihre letzten Abenteuer an die gelben Glatzen.

Gestern war sie wieder höchst gemütlich. Besonders nachher, als es schon mehr heute wurde. Da machte sie sich's bequem. »Angezogene Unterhaltungen« nämlich mag sie nicht leiden; die sind ihr zu »gespannt«. Aus ihrer malerischen Periode her, als sie noch in der Akademie stand, hat sie die Nostalgie des Aktes. Bloß die Handschuhe, das schwarze Mieder und die Strumpfbänder behält sie, »um die Schamhaftigkeit nicht zu verletzen«. Es ist ein geschmackvolles Kostüm, nicht alltäglich, empfehlenswert. Auch praktisch.

Das heizte uns gut ein. Es wurde eine tatkräftige, schaffensfrohe Begeisterung. Alle waren einig; daß es »ein so liebes Viecherl« nicht wieder gibt.

Dann erzählte sie ihr neuestes Verhältnis und wie es wieder aus dem Leim gegangen, Gott sei Dank.

»Mit dem Zettwitz, kennst ihn gewiß, bei allen Rennen, von den gelben Dragonern, die in Krems liegen, Graf ist er auch, und man muß gleich lachen, weil er mit dem kurzen, dicken Blähhals und den steilen und gepufften Schultern so verkauert ausschaut, wie der Rauchfang eines Dampfers, wenn er sich zusammenschiebt, weil's unter die Brücke geht; auch schnaubt er gerade so, pust! pust! tief von unten herauf, aus der Maschine. Lange schon wollte er sich an mich heranschwänzeln, da spielte ich noch unten beim Fürst. Weil er aber keine Frau hatte, hatte er keine Moneten, und dann ist auch ein Junggeselle überhaupt gegen mein Prinzip, weil ihnen das Solide fehlt, sie blitzen ja doch nur, aber in Geldsachen hört der Spaß auf, dafür bin ich bekannt, weil man auf sich halten muß, weshalb ich seine Liebe erst erwiderte, als er sich verheiratete, voriges Jahr, mit der roten Goldenstern, steinreich, mudelsauber, aber saudumm – denk dir, verliebt sich die Person auf einmal in ihren Mann, aber wart nur noch ein bissel, es kommt gleich.

Also, da kaufte er mir die Villa in Dornbach, und wir liebten uns fleißig. Los war mit ihm gar nichts: er hatte nicht mehr den schönen Eifer der Jungen, welche durch rührende Ausdauer mit der Einfalt ihrer Mittel versöhnen, und er hatte noch nicht die heitere Phantasie der Alten, welche in der Enthaltsamkeit manchmal ganz unterhaltende Sachen erfinden. Sondern zwischen zwei Altern, wo sie in einem fort an die Gesundheit denken, und das Herz muß dem Magen gehorchen. Da nehme ich nie mehr einen fix. Er schnarchte.

Es war zum Hinwerden. Heiraten kann auch nicht schrecklicher sein. Da klopft's eines schönen Tages an meine Tür, und wer rückt mir auf die Bude? Seine Frau, gestiefelt und gespornt, mit Zorn und Vorwurf – ja, es verliebte sich in ihn seine eigene Frau.

Halt dumm und ungeschickt, und wie man sie blöde erzieht, wissen sie natürlich nichts vom Leben und sind auch bloß so emporgekommene Leute, die ganze Familie, ohne Haltung.

Also, hat uns ausspioniert, marschiert mit Würde und Entrüstung auf und möchte einen großen Tanz anfangen, weil ich den Frieden ihres häuslichen Glücks untergrabe und so weiter, bim – bam – bum. Aber ich, na, versteht sich, auch gerade nicht aufs Maul gefallen, sag's ihr gleich ordentlich heraus, mit einem Schick, der sich gewaschen hat: ich kann ja nichts dafür, daß ich so schön bin, und andere möchten's bloß. Ich habe mich nicht gemacht und sie nicht gemacht und den Trottel von ihrem Mann schon gar nicht – also soll sie mich in Ruh lassen, zum Teufel. Und wenn's ihr nicht recht ist, kann sie mich gern haben – Punktum!

Aber da, gerade wie ich mir erst recht die Ärmel aufstrupfe, da auf einmal, klaps, pumpst sie mir wie ein Plumpsack um, lang hin auf die Erde, und rührt sich aber schon gar nicht mehr, wie eine mausetote Leiche. Ich krieg einen Heidenschreck, Schreien, Weinen, Wasserspritzen, alles was sie will, Versprechen, wenn sie nur wieder zu sich kommt, knöpfle ihr das Mieder auf – und das, weißt, so einen reinen, jungen Leib ansehen, in dem es brennt, so was macht sich halt doch ganz merkwürdig auf den Nerven: es gab mir einen großen Schups, und von diesem Augenblick war ich wieder einmal fürchterlich verliebt.

Das heißt, mein Gott, verliebt – das hängt immer zuletzt vom anderen ab. Zunächst hatte ich jedenfalls einen starken Gusto auf sie. Es ist nur ihre Schuld, wenn es keine Leidenschaft fürs Leben wurde.

Ich erweckte sie also durch die süßesten und kundigsten Liebkosungen, welche sie nicht wenig verwunderten. Sie tat ganz verblüfft: denn obgleich verheiratet, war sie noch ohne jede Bildung. Aber bald erwiderte sie meine Neigung.

Ich verlor wieder einmal den Kopf an mein Herz. Das ist überhaupt immer mein Fehler, daß ich zu viel Gemüt habe. Ich war ganz trunken von reinen, köstlichen Gefühlen und dachte nichts als an ihr Glück, nur immer an ihr Glück. Mit Ausflüchten entfernte ich ihren Mann, versperrte mich vor der Welt – ewig an ihren feuchten Lippen zu hängen, in ihre grünen Blicke zu tauchen, ewig, ewig, ohne Ende, sonst wollte ich im ganzen Leben nichts mehr. Das andere war versunken und zerflattert.

Es wurde ein ganz festes Verhältnis. Wir richteten uns zusammen ein. Wir erwiesen uns tausend Zärtlichkeiten und unterließen keine von den süßen Tollheiten unersättlicher Verliebtheit, die sich nimmermehr genug tun kann. Wir wechselten unsere Kleider, unseren Schmuck, tauschten unsere Parfüme, ich ihre Marquise, sie meinen Corylopsis – in dieser rastlos erfinderischen Begierde nach dem schaurigen Geheimnisse der Liebe, daß jedes sich in das andere verwandle. Verrückt, wenn einen das anfällt – aber schön ist's doch.

Aber sie war eine Elende, die mich schändlich betrog. Sie tat das nur so aus Kuriosität, ohne eines echten und tiefen Gefühles fähig zu sein. Hauptsächlich nur, um sich über die Untreue ihres Mannes zu trösten. Und das war das gemeinste, daß sie mich um ihn verriet. Das heißt dann anständige Frauen.

Nämlich so: Zuerst hatte ich mich ihm in allerhand Vorwänden entzogen, weil ich ihr unbedingt treu sein wollte. Ich kann das nicht, wenn ich wirklich liebe, so nebenbei noch auf der Seite herumspringen. Was er da alles trieb, das ist gar nicht zu sagen, rein wie ein Narr, und wie es mit seiner obstinaten Leidenschaft gar nicht mehr auszuhalten war, schmiß ich ihn einfach hinaus und kündigte ihm die Freundschaft. Anfangs wurde er nun ganz verzweifelt und raunzte mir alle Tage, früh und abends, zwei jämmerliche Bettelbriefe ins Haus, daß er ja ohne mich nicht leben könne und elend zugrunde gehen müsse durch meine Grausamkeit. Aber auf einmal verwandelte er sich, unbegreiflich rasch, und schrieb recht vernünftig, er hätte es sich überlegt, daß ich wirklich Recht hätte, und sähe es jetzt selbst ein; alles auf der Welt muß ein Ende haben; nie könne er undankbar der seligen Freuden vergessen, die er mir schulde, aber er fühle es jetzt selbst, mit unabwendbarer Bestimmtheit, diese schmerzliche Wahrheit, daß die Unbeständigkeit unzertrennlich vom irdischen Glück ist. Das war von einem ganz anständigen Geschenk begleitet; längst hatte ich mir eine Lebensrente gewünscht. Ich freute mich herzlich und zum erstenmal in mir regte sich für ihn ein zärtliches Gefühl.

Ich machte die allerschönsten Pläne. Ich wollte alles verkaufen, meinen Abschied aus der enterischen Armee nehmen, sie sollte ihre Ehe lösen, und irgendwo weit draußen dann am Lande, so köstlich allein, könnten wir unserem Glücke leben, bloß unserm Glücke allein, verschollen unter Rosen. Ach, man ist so ideal!

Aber da kam ihre große Gemeinheit. Erst verstand ich davon gar nichts; später habe ich es mir zurechtgelegt. Nämlich, als seiner Bettelei vor meiner Türe das Almosen versagt blieb, wurde es ihm endlich zu dumm, und er klopfte bei ihr an. Und von da an liebte er sie, mit einem Schlage, und mit einem Schlage war meine Liebe vergessen. Sie hat es mir dann ganz schamlos gestanden, daß sie ohne Zaudern einwilligte. Nebenbei könnte ja trotzdem unser Verhältnis immer noch fortdauern.

Von ihm kann ich es mir jetzt schon erklären; aber von ihr, von ihr werde ich es niemals begreifen, nimmermehr.

Ich bin nun gar nicht für den kommunistischen Betrieb. Wenn's kein Cabinet particulier für mich gibt, bedauere sehr, aber in den allgemeinen Gassenschank gehe ich nicht. Ich machte kurzen Prozeß. Entweder – oder. Entweder mit ihm oder mit mir. Aufs Teilen lasse ich mich nicht ein; das ist eine Entweihung des edelsten Gefühles, welcher eine ordentliche Person nie zustimmen wird. Sie sollte wählen zwischen ihm und mir oder meinetwegen Zipfel ziehen. Sie entschied sich für ihn. Eine Weile hat's mir recht weh getan.

Aber endlich, das ist wieder das Gute mit den Gefühlen, wenn sie einem auch teuer zu stehen kommen, daß alles wieder vorüber geht, und hauptsächlich läuft endlich alles doch nur auf Einbildung hinaus. Wir setzten uns ganz freundschaftlich, aber klar auseinander und trennten uns. Jedes nahm wieder seine Kleider, seinen Schmuck, seinen Parfüm, sie ihre Marquise, ich meinen Corylopsis – der schöne Traum war aus.

Diese Familie hatte mir kein Glück gebracht. Ich war sie gründlich satt und wollte nichts mehr hören. Kannst dir mein Gesicht denken, wie plötzlich, kaum drei Tage später, der Graf zu mir gepoltert stürzt, ganz windelweich vor Sehnsucht und verliebter als je zuvor, und zur selben Zeit von ihr ein Brief, auch ganz gierig, daß er nichts als ein elender Verräter, und sie möchte um jeden Preis wieder zu mir, mit Schwüren unverbrüchlicher Treue, ewig. Natürlich warf ich sie alle zwei hinaus; ich hatte genug von der Couleur.

Nämlich, der Schafskopf liebte sie nicht und liebte mich nicht, sondern bloß den guten Geruch. Hinter dem Corylopsis schmachtete er einher; der dirigierte seine Gefühle. Er liebte nicht mit dem Herzen; er liebte immer bloß mit der Nase.«

 

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