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Lavinia - Pauline - Kora

George Sand: Lavinia - Pauline - Kora - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorGeorge Sand
titleLavinia ? Pauline ? Kora
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorreuters@abc.de
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Vorrede

Amantine Lucile Aurore Dupin – das ist George Sand's Familienname – wurde am 5. Juli 1804, gerade einen Monat nach der Hochzeit ihrer Eltern, zu Paris geboren. Wie Heine, der – gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht – die Bizarrerie seines Geistes und Charakters aus seiner Abstammung von jüdischem Proletariat und christlich-germanischem Adel zu erklären liebte, konnte auch Aurore Dupin sich solcher Abkunft von heterogenen gesellschaftlichen Elementen rühmen: ihr Vater war ein Enkel des bekannten Marschalls Moriz von Sachsen, ihre Mutter ein ächtes Kind des Volkes, eine »Zigeunerin« von jener Art, die Henry Murger in seinen Romanen so trefflich zu schildern weiß. Den größten Theil ihrer Jugend verbrachte Aurore bei ihrer Großmutter väterlicherseits, Madame Dupin de Francueil, auf deren Landgut Nohant in der Grafschaft Berry. Mit fünfzehn Jahren brachte man sie dann behufs weiterer Ausbildung in ein Kloster der englischen Augustinerinnen, das sie drei Jahre später verließ, um sich mit einem Herrn Dudevant zu vermählen.

Diese Ehe war keine glückliche. Die Seelen der Gatten harmonirten nicht miteinander, pecuniäre Verlegenheiten machten das Verhältniß unleidlich, und so trafen sie denn nach neunjähriger Ehe die freundschaftliche Übereinkunft, sich zu trennen, indem Madame Dudevant einen Theil des Jahres in Paris verleben sollte, wo sie ihren Unterhalt neben einer ihr vom Gatten ausgesetzten, mäßigen Summe mit den Erträgnissen ihrer Schriftstellerei zu bestreiten hoffte. Ihre vierjährige Tochter Solange, die spätere Gattin des Bildhauers Clesinger, nahm sie mit sich.

Selten oder nie hat eine Stadt eine größere Menge begabter, jugendkühner, hochstrebender Geister gleichzeitig in ihren Mauern vereinigt, als damals Paris. Victor Hugo, Alfred de Vigny, Alexander Dumas, Gerard de Nerval, Theophile Gautier, Alfred de Musset, Jules Sandeau, Mery, Merimée, Saint-Beuve, Victor Cousin, Villemain, Lamartine, Louis Blanc, Proudhon, Balzac, Soulié, Sue, Scribe, Littré, Ampère, Jules Janin, Mignet, Thiers, Michelet, die beiden Thierry, Aug. Comte, Lacordaire, Buchez, Berlioz, Halévy, Leop. Robert, Delaroche, Gavarny, Ary Scheffer u.s.w. u.s.w. – sie alle in der Blüte ihrer Jahre, noch vom Kampfe, den sie in den zwanziger Jahren gegen jede Autorität im Staate, in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Kunst geführt hatten, erhitzt, bemühten sich nun, die Früchte ihres Sieges zu pflücken und durch neue Schöpfungen zu beweisen, daß ihre Kraft nicht allein zur leidenschaftlichen Verneinung, sondern auch zum künstlerischen Schaffen ausreiche. – Mit ihrer Ankunft in Paris (1831) trat Aurore Dudevant in den Mittelpunkt dieser Gährung. Schnell wurde sie mit den Stimmführern der Epoche bekannt, Balzac, der Analytiker des »Phänomens der Liebe«, ward ihr Freund, der jugendliche Jules Sandeau, der ihr später die Hälfte seines Namens abtreten mußte, ihr Begleiter auf den Streifzügen durch die Stadt, die sie in Männerkleidern unternahm, die St. Simonisten, die die Emancipation des Weibes anstrebten, ihre Lehrer und Führer. Im selben Jahre erschien auch ihre erste Novelle » Rosa und Blanca«, an der Jules Sandeau nicht wenig Antheil gehabt haben soll, fand aber wenig Beachtung, während dagegen » Indiana«Uebers. v. Adolf Seubert, Univ.-Bibl. 1022–1024. 1832 ganz Frankreich elektrisirte. Mit »Indiana« begann George Sand den Kampf gegen das Institut der Ehe und für die Emancipation der Frau, einen Kampf, den sie mit wenig Unterbrechung bis an das Ende ihres Lebens fortgeführt hat.

Diese Tendenz scheint verwerflich, aber man behalte im Auge, daß George Sand für Franzosen und über französische Ehen schrieb. Die Ehe, begründet auf der persönlichen Zuneigung der Gatten, ist gewiß ein sittliches Institut, sie wirkt aber unmoralisch, sobald diese persönliche Neigung fehlt. Und das eben ist bei den meisten Ehen der sogenannten höhern Stände in Frankreich der Fall. Mit siebenzehn, achtzehn Jahren wird das junge Mädchen aus der Pension heraus verheirathet, ohne ihren Gatten, ohne die Welt näher zu kennen. Ihre Bildung ist eine oberflächliche, ihr Herz leer, ihr Hirn mit allerlei confusen Vorstellungen angefüllt – von einem traulichen Familienleben kann da nicht die Rede sein. Nun tritt sie in die Welt, lernt jetzt erst andere Männer kennen und mit dem eigenen vergleichen, für den selbst es fast zum »guten Ton« gehört, Herzensfreuden nur außerhalb des Hauses zu suchen, ihr selbst, bietet die Gesellschaft Gelegenheit, sich für das zu entschädigen, was sie daheim entbehrt – – – –

Und dabei ist die Ehe nach kanonischem und civilem Recht in Frankreich unlöslich! – Die französischen Schriftsteller schreiben also nicht aus Hang zum Widerspruche und zur Frivolität gegen die Ehe, nein, ihren Ausführungen liegt zumeist ein edles, tief sittliches Motiv zu Grunde. So auch bei George Sand.

Der »Indiana« folgte noch im selben Jahre » Valentine«, dann 1833 » Lelia«, 1834 » Der Geheimsecretär«, » Jacques« und » Leone Leoni«. All diese Romane tragen die Tendenz offen zur Schau, um so offener, da die Komposition überall eine ziemlich einförmige ist. Was bezweckt nun aber die Schriftstellerin damit? Will sie uns etwa Frauen wie Julie, die sich von dem nichtswürdigen Leoni zu den ärgsten Schändlichkeiten bestimmen läßt, oder Indiana, die ihrem Verführer nachläuft wie eine Gassendirne, als Vorbilder hinstellen? Will sie diese Schwächen und Fehler für Recht und Sitte erklären? Keineswegs! Nicht Bewunderung und Achtung sollen diese Gestalten uns abnöthigen, sondern Mitleid und Bedauern, nicht unsere Liebe sollen sie erwecken, sondern unser Gerechtigkeitsgefühl. » L'amour, c'est Ia vertu de la femme! Die Liebe ist die Tugend der Frau,« ruft sie aus; aber sie ist kein Act des Willens, sondern eine Nothwendigkeit, ein Naturgesetz, das diese Frauen unwiderstehlich fortreißt. Deshalb kann und darf man sie nicht verdammen, sondern muß und soll sie bemitleiden und ihnen verzeihen: sie sind keine Verbrecher, sondern Unglückliche, keine Frevlerinnen, sondern Opfer der Verhältnisse und ihrer Instincte.

In den bis jetzt genannten Schriften George Sand's ist die Tendenz die Hauptsache, die Erzählung wird ihr gegenüber geradezu stiefmütterlich behandelt. Inzwischen aber hatte die Dichterin das berüchtigte Verhältniß mit Alfred de Musset angeknüpft und in seiner Begleitung die aus den » Briefen eines Reisenden« genugsam bekannte Reise nach Italien gemacht. Warum gerade der zerfahrene, unklare, flatterhafte Musset ihr Cicisbeo wurde? Man höre, was sie gelegentlich einmal an Sainte-Beuve schrieb: »Ich fürchte mich ein wenig vor den Männern, die von Geburt an tugendhaft sind. Ich würdige sie wie schöne Blumen und schöne Früchte, aber ich sympathisire nicht mit ihnen. Man fürchtet die Leute, die man achtet und läuft zudem Gefahr, von ihnen aufgegeben und verachtet zu werden, wenn man sich so zeigt, wie man ist. Die Leute, die man nicht achtet, werden uns besser verstehen, aber – sie verrathen uns.« – Das Verhältniß war unhaltbar. Auf wessen Seite die Schuld lag, ist schwer zu entscheiden, genug, der Bruch erfolgte, und Musset machte ihn durch sein » Bekenntniß eines Kindes des Jahrhunderts«, dem George Sand in » Lucretia Floriani« und in » Sie und Er« entgegentritt, unheilbar. Im Februar 1836 entschied auch endlich das Gericht die Klage auf die Trennung (d. h. Scheidung von Tisch und Bett) ihrer Ehe zu ihren Gunsten: sie behielt das von der Großmutter ererbte Gut Nohant und ihre beiden Kinder, von denen der Sohn Maurice, als Maler und Schriftsteller bekannt, später den durch seine Mutter berühmt gemachten Namen Sand annahm.

Von 1836 an werden nun ihre Erzählungen milder, die Composition wird mit mehr Liebe behandelt, den Einzelheiten mehr Raum gewidmet. Zwar ist die Tendenz noch immer dieselbe, aber sie tritt weniger leidenschaftlich hervor: der Ernst der Denkerin zügelt die Glut der Dichterin. Zu den Novellen dieser Epoche (1836–41) gehört neben » André«, »Simon«, »Pauline«, »Horace« u.s.w. auch » Lavinia«.

Die frühern Schöpfungen sind Variationen über das Thema: »Arme Frauen, arme Gesellschaft, in der das Herz keine wahre, wirkliche Freude findet, außer im Vergessen aller Pflicht und aller Vernunft!« – » Lavinia« ist eine Interpretation der Worte Tremor's in der »Lelia«: »Der Mensch fängt erst da an, wo die Leidenschaft aufhört: Ruhe ist die Zukunft, nach der die unsterbliche Seele trachtet.« Lady Lavinia Blake sucht diese Ruhe, nachdem der erste Mann, den sie geliebt, sie betrogen und verlassen hat, indem sie sich ihren Anbetern entzieht. Nicht ihre Liebe, sondern ihr Vertrauen ist erloschen: sie glaubt nicht mehr an das Glück, und wie der Ausgang zeigt, hat sie Recht. Die Reflexion besiegt hier die Leidenschaft. Lionel, der geistreiche, aber mattherzige und in seiner Schwächlichkeit egoistische Dandy, ist eine stehende Figur Sand'scher Novellen, neu dagegen die Gestalt Henry's. Auch Henry ist ein Stutzer, aber er weiß, daß er's ist und will nichts anders sein und scheinen, und eben darin liegt seine Ueberlegenheit dem feinern, aber schwächern Lionel gegenüber. Er ist schwatzhaft, eitel, flatterhaft wie irgend einer, aber er weiß, was er will und spielt nicht mit sich selbst Comödie. Noch ein anderer Umstand verdient hier der Erwähnung: in »Lavinia« zeigt sich zum ersten Male ein gewisser Humor, den wir in den frühern Werken der Dichterin durchweg vermissen, dann aber in » Pauline«, »Kora«, »Matten«, »Die letzte Aldini« u.s.w. zur Blüte kommen sehen.

» Pauline« ist das Gegenstück zu »Lavinia«: Lady Blake, die erfahrene Weltdame, nutzt ihre Erfahrungen und verzichtet entschlossenen Sinns auf ein zweifelhaftes Glück, Pauline D***, die tugendstolze Spießbürgerin, verschließt sich hartnäckig der Erkenntniß und schafft sich ein unzweifelhaftes Unglück. Zu engherzig, um zu entsagen, verfällt sie dem gewöhnlichen Unglück der Frauen, die nur ihre Tugend in die Wagschale zu werfen haben: sie bekommt einen Mann, aber kein zweites Selbst. – In die Erzählung eingewoben ist die prächtige Schilderung des kleinstädtischen Philistertums, das sich aller Orten gleich bleibt und auch in »Kora« den nicht wenig ergötzlichen Hintergrund bildet. » Kora«, die launige Selbsterzählung einer phantastischen Jugendleidenschaft, ist wol das harmloseste Kind der Sand'schen Muse und erinnert mit seinen Reminiscenzen aus der Zeit der französischen Romantiker unwillkürlich an des mit Unrecht vergessenen Franz von Gaudy klassisch-heitre »Schülerliebe«. Das Geschichtchen ist ohne Tendenz, und das ist vielleicht sein größter Vorzug. Den beiden andern fügte ich es in der Übersetzung an, um im Kleinen ein anschauliches Bild von der Entwicklung des Humors bei unserer Dichterin zu geben.

Mit »Pauline« betrat George Sand auch noch ein anderes Gebiet: das der Schilderung des leichten, flotten Künstlerlebens, die in ihrem Meisterwerke » Consuelo« und dessen schwächerer Fortsetzung » Die Gräfin von Rudolstadt« zu vollendeter Schönheit gedieh. Dann folgte »Jeanne«, eine moderne Jungfrau von Orleans, und, nachdem schon vorher » Der französische Handwerksbursche« ( Ie Compagnon du Tour de France) erschienen war, » Der Müller von Angibault« und » Die Sünde des Herrn Antoine«, in denen sich die Handwerker mit ihren naiven Tollheiten auf die heiterste Weise abspiegeln. Später erschienen die Dorfgeschichten » Der Teufelssumpf«, »Franz der Findling«, »Die kleine Fadette«, deren Schauplatz die Grafschaft Berry, die eigentliche Heimat der Dichterin ist, ferner » Isidora«, »Teverino«, »Lucretia Floriani«, » Der Piccinino« u.s.w. und endlich 1854 ihre Autobiographie » Die Geschichte meines Lebens«.

Damit hatte George Sand ihre Laufbahn eigentlich abgeschlossen, denn wer seine Memoiren schreibt, deutet damit an, daß er im gewissen Sinne mit dem Leben fertig ist. Der Staatsstreich vom 2. September hatte ihre Hoffnungen auf die Verwirklichung ihrer republikanischen Ideen an der Wurzel getroffen: sie gab den Kampf auf, den sie seit 1841 mit gleichgesinnten Freunden, wie Leroux, Lamennais, Mickiewicz u. a. gegen die Monarchie geführt und 1848 in einem eigenen Journal » La Cause du Peuple« eifrig unterhalten hatte. Zwar erschienen noch mannichfach Schriften von ihr, namentlich Schauspiele, doch nur wenige von denselben – » Molière«, »Der Marquis von Billemer«, »Claudia«),Eine freie Bearbeitung dieses Stücks gibt A. Bing, Univ.-Bibl. 1249. » Victorine's Hochzeit«)Uebers. v. J. Bettelheim, Univ.-Bibl. 1101. u. e. a. – sind der Erwähnung werth.

Zum Schluß sei mir gestattet, eine Schilderung, die Heine im Jahre 1841 von der Person der Dichterin gab, anzuführen: »George Sand ist eine schöne Frau. Ihr Gesicht ist eher schön als interessant zu nennen, von griechischer Regelmäßigkeit. Ihre Augen sind etwas matt, wenigstens nicht glänzend. Ihren Mund umspielt gewöhnlich ein gutmüthiges Lächeln, es ist aber nicht sehr anziehend; die etwas hängende Unterlippe verräth ermüdete Sinnlichkeit ... Ihre Stimme ist matt, und welk, ohne Metall, jedoch sanft und angenehm ... Sie hat durchaus nichts von dem sprudelnden Esprit ihrer Landsmänninnen, aber auch nichts von ihrer Geschwätzigkeit. Sie ist einsilbig, weil sie dich nicht werth hält, ihren Geist an dir zu vergeuden, oder weil sie das Beste deiner Rede in sich aufzunehmen trachtet, um es später in ihren Büchern zu verarbeiten: ein Zug, worauf mich Alfred de Musset aufmerksam machte.« – An einer andern Stelle nennt der ungezogene Liebling der Grazien, der wie Chopin, Lamennais, Boccage u. a. viel und gern im Hause der Dichterin verkehrte, sie »den größten Dichter in Prosa, den die Franzosen besitzen.«

Schon seit 1836 hatte sie abwechselnd in Paris und Nohant gewohnt. In den letzten Jahren hatte sie sich ganz auf das Landgut zurückgezogen und starb dort im Kreise ihrer Kinder und Enkel am 8. Juni 1876.

Randau, 29. November 1879.
Robert Habs.

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