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Lautes und Leises

Max Dreyer: Lautes und Leises - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLautes und Leises
authorMax Dreyer
year1900
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig / Berlin
titleLautes und Leises
pages196
created20170303
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Pastor Helms.

Herr von Schlieven auf Schlievenow galt als gröbster Mann in der Runde. Und das wollte etwas besagen, denn die Runde war Mecklenburger Land.

Schimpfen war ihm schlechthin ein Lebensbedürfnis, der Kreislauf seines Blutes wäre ins Stocken geraten, hätte seine Lunge sich nicht dann und wann in grimmigen Wettern ausarbeiten können.

Aber nicht bloß eine Atmungsmethode war sein Schimpfen, auch war es bei ihm mehr als eine bloße Befreiung der Seele von allerlei Kümmernissen und Beschwerden, als eine Ventilation des Gemütes – denn in seinem Schimpfen selbst lebte ein Geistiges, eine schopferische Kraft, es stak in ihm eine Kunst, die aus überquellendem Reichtum immer neue und immer reizvollere Formen schuf. 69

Keiner seiner Untergebenen durfte ihm nachsagen, daß er jemals durch eines jener Schimpfworte, mit denen Hinz den Kunz auszueseln pflegt, sich mit ihnen in seelischen Rapport gesetzt habe, kaum einer, daß er je zweimal dasselbe Schimpfwort aus dem Munde des Gnädigen vernommen. Das hatte Herr von Schlieven wahrlich nicht nötig! Anleihen brauchte er nicht zu machen, weder bei den andern noch bei sich selbst. Und wenn es eine Gerechtigkeit in der Welt gäbe, würden ihn längst sämtliche deutsche Sprachvereine wegen seiner unschätzbaren Verdienste um die Bereicherung der Muttersprache zum Ehrenmitgliede ernannt haben.

Auf besagte Weise kam in sein Grollen und Grimmen etwas Erhebendes und Befreiendes, etwas Versöhnendes hinein, und mit einer gewissen Andacht, wie gespannt auf neue Offenbarungen, mochten Leute von künstlerischem Feingefühl ihm lauschen, wenn er die Schale seines Zornes über sie ergoß.

Freilich mußte man, um zu ungetrübtem Genuß dieses virtuosen Brummbaßspieles zu gelangen, seiner Sache einigermaßen sicher sein. Hatte Einer durch schwereres Vergehen den ernstlichen Unmut des Herrn heraufbeschworen oder gar durch Widersetzlichkeit ihn gereizt, so 70 konnte sich bei dem Gnädigen leicht zu den Worten die That gesellen: er hatte eine lose Hand, und auf unbedachte Widerrede zumal pflegten seine fünf Finger prompt und kräftiglich die abschließende Entgegnung zu liefern.

Und gegen diese fünffingerige Entscheidung gab es schlechthin keinen Rekurs. Als der Knecht Fritz Hannemann neulich gegen sie den Einwand erhob, daß er sich nicht schlagen lasse, nahm ihn der Herr beim Kragen und, um ihm die Hinfälligkeit solchen Einwandes recht nachdrücklich zu Gemüte zu führen, prügelte er ihn nach allen Regeln der Kunst windelweich. Wonach der Rebell selbstverständlich Schlievenower Landes verwiesen wurde. Aber das war immerhin ein Ausnahmefall, und schließlich hatte doch Fritz Hannemann selbst daran Schuld. Warum mußte er auch mit solcher modern-revolutionären Anschauung den patriarchalischen Frieden von Schlievenow stören? Heilig war hier der Großväter Sitte. Wehe dem, der an dem Ehrwürdigen rütteln wollte! Darüber wachte Herr von Schlieven mit eiserner Strenge. Und den Enkeln ihrer Großväter war es gar nicht so übel dabei. Man mußte nur das Maul halten können – dann geschah Einem nichts zu leide. Denken konnte man sich ja sein Teil, wenn man sich 71 damit überhaupt befaßte. Und für das leibliche Wohlergehen seiner Leute that keiner im Lande mehr als ihr Herr. So waren sie wohl mit ihm zufrieden.

Das Leben hatte ihn nicht eben sanft angefaßt. Er war ein einsamer Mann. Seine Frau hatte er schon vor zehn Jahren begraben, dann war ihm in der Pension die einzige Tochter gestorben, danach hatte sein einziger Sohn und Erbe auf dem Rasen tödlichen Sturz gethan. Er hatte beim Rotspon Trost gesucht – der aber lohnte es ihm mit Podagra, das ihn seither allvierteljährlich zum Jahreszeitwechsel mit grausamer Regelmäßigkeit heimsuchte.

Wenn die Frühlingsahnung durch die Welt zitterte, wenn im Schoße der Erde, wie jetzt in den Märztagen, ein Wunderbares sich regte, dann wurde es auch in seiner großen Zehe lebendig.

»Ich kriege meine Frühlingsgefühle,« sagte er mit seinem grimmigen Humor. Und er wußte, was das zu bedeuten hatte: die Frühjahrsgicht war die schlimmste von allen. So sah er wonnesamen Stunden entgegen.

Vorläufig hatte er noch mit den Vorboten zu thun, die erst das Nahen Sr. Majestät des Schmerzes ankündigten. Aber diese Zeit der 72 Erwartung war fast schlimmer noch als die Erfüllung selbst.

So war es zu verstehen, daß niemand, der nicht gerade notwendig mit ihm zu thun hatte, seine Gesellschaft aufsuchte. Und er war einsamer als je.

Heute hatte er am Vormittag noch draußen auf dem Felde nach dem Rechten sehen können, beim Mittagsessen hatte es ihn dann gepackt, und jetzt saß er im Lehnstuhl, den kranken Fuß sorgsam eingehüllt, strich seinen grauen Vollbart, sah in den Rauch seiner Cigarre, blickte durchs Fenster in den jungen, herben, sonnigen Märznachmittag und schaute in sein eignes Innere und in die Weltenseele.

Dieses Leben! Dieses elende, hundsföttsche, nichtsnutzige Dasein!

Und dieses Menschenpack vor allem! Keine Mannheit mehr – keine Kerle! Eine männermordende Zeit!

Nichts als Knechtlinge, Schuhputzer, Duckebolde, schleimige Höflinge und Dielenrutscher!

Und dann die Frömmler! Das waren ihm nun schon die liebsten, die hatte er ganz besonders in sein Herz geschlossen.

Auch seinen letzten Freund hatte der Frömmigkeitsteufel geholt, Malte Markentin, mit dem er 73 Jahre lang so gute Nachbarschaft gehalten, mit dem er so manche Jagd geritten, so manchen Humpen geleert. Nun hatten auch den die Pfaffen in den Klauen!

Die Pfaffen!

Wie konnte der Herrgott bloß dulden, daß so etwas auf der Welt herumlief!

Er war ja wirklich und wahrhaftig kein Türke oder Heide, er hatte seinen ehrlichen Christenglauben wie jeder anständige Mensch – aber daß es Leute gab, die sich zwischen ihn und seinen Herrgott drängen wollten, die der Menschheit weis zu machen suchten, der himmlische Vater habe auf der Erde Agenten mit dem ganzen schnöden miserablen Vermittler-Geschäftsbetrieb eingesetzt, das ging ihm denn doch über den Spaß!

Im politischen Leben hatte er stets gegen allen Zwischenhandel die Lanze eingelegt, als den schlimmsten Feind aller gesunden, sozialen Entwickelung – sollte er dulden, daß im religiösen Leben dieser selbe Zwischenhandel das gleiche Unheil stifte?

Gegen den Zwischenhandel – das heißt auch: gegen das Pfaffentum!

Ein ehrlicher deutscher Mann verkehrt direkt mit seinem Herrgott! 74

An dieser aufrichtigen und entschiedenen Gesinnung konnte ihn nichts irre machen. Auch die Thatsache nicht, die in dunklen Stunden sich wie ein Alp auf ihn wälzte: daß er selbst als Kirchenpatron, der er nun einmal war und bleiben mußte, so einen Herrgottsagenten unter sich hatte.

Sein Pfaffe – das war nun erst Einer! Einen gräßlicheren Menschen trug die große weite Erde nicht.

Natürlich auch so ein glattrasiertes entmanntes Schauspielergesicht, dessen einmaliger Anblick einem mit tödlicher Sicherheit Frühstück, Mittagessen und Abendbrot verdarb.

Natürlich ein ebenso verweichlichter, verschwommener, markloser, unpersönlicher Geist wie die andern auch!

Aber – und das war das ekelhafteste – bei allem Gefühl seiner schwammigen, knochenerweichten Minderwertigkeit, seiner unmannhaften Wesenlosigkeit heuchelte er nach außen hin männliches Selbstbewußtsein, heuchelte er Kraft, Knochen und Muskulatur.

Wie konnte er sich unterstehen, den Kopf so hoch zu tragen nach freier Männer Art! Was war das für ein heilloser Kram, daß er seinen Acker selbst bestellte – daß er selbst sogar hinter dem Pfluge ging! 75

Hinter die Schmöker gehörte er, in denen seinesgleichen das Gotteswort verwässerten und verpanschten. Er gehörte nicht in die unverfälschte Gottesnatur! Was hatte er mit der ehrlichen Erde zu schaffen – mit ehrlicher Männerarbeit, mit ehrlichem Händewerk!

Hinter die falschen, verlogenen Schmöker mit ihm!

Wenn es bei ihm noch aus einer Art inneren Triebes geschähe! Dann könnte man immerhin darüber reden! Aber aus innerem Trieb geht keiner hinter dem Pflug, der einen andern Beruf hat und mehr als fünfzig Jahr auf dem Nacken schleppt.

Heuchelei war es! Eitelkeit! Koketterie!

Er schauspielerte den Bauern etwas vor! Pfui Teufel!

Und diesen Menschen patronisierte er. Und ruhig mußte er zusehen, wie sich solche schmachvolle Komödie auf seinem Grund und Boden abspielte!

Denn der Pfarracker war Schlievenower Grund und Boden, und sogar vom besten – kein Wunder, daß dem Pfaffen so gute Erträge in den Schoß fielen! – freilich war er durch unantastbare Verfügung mit der Pfarrstelle verbunden. 76

Eine blödsinnige Verfügung, der sein Vorfahr nur bei plötzlicher Geistesumnachtung zugestimmt haben konnte, denn der Pfarracker stak dem Gute wie ein Pfahl im Fleisch und erschwerte den Betrieb.

Und er – er selbst – er Kuno von Schlieven hatte sich vor Jahren mit dem Pfaffen in Verhandlung über den Acker eingelassen! Die Galle wollte ihm ins Blut laufen, wenn er nur daran dachte.

Er hatte ihm das Stück abpachten wollen. »Nein!«

Er hatte es ihm umtauschen wollen gegen ein anderes, für ihn, den Pfaffen, nicht ungünstiger gelegenes, an Bodenbeschaffenheit freilich minderwertiges, dafür aber räumlich größeres Stück. »Nein!«

»Nein« – nichts als ein unverschämt-ruhiges »Nein« mit frech aufgerissenen Augen und hochgehaltenem Kopf.

Und das ihm – ihm Kuno von Schlieven.

Jedem andern wäre er an die Kehle gesprungen! Aber einem Pfaffen – diesem wesenlosen mystischen Nichts! Mit Schatten hat ein ehrlicher deutscher Mann nichts zu schaffen. Laß ihn weiter spuken.

Ein andrer Patron hätte ein solches Ärgernis 77 so allgemach über die Grenze abgeschoben. Aber dazu wären allerhand Winkelzüge nötig gewesen. Und damit gab sich ein Schlieven nicht ab.

»Lat em susen!«

Sich nicht weiter um ihn kümmern. Was er geschäftlich mit ihm abzumachen hatte, schriftlich durch den Sekretär besorgen lassen. Und im übrigen so thun, als ob er gar nicht da wäre. Sich keinenfalls durch seinen Anblick das Frühstück, Mittagessen und Abendbrot verderben.

Das letztere würde für die nächste Zeit ja das Podagra schon freundlichst übernehmen.

Er stöhnte laut auf und sah sich im Zimmer um, in diesem großen, weiten und tiefen, dunkel tapezierten und dunkel drapierten, mit schweren, mächtigen Eichenmöbeln ausgestatteten Raum, durch den die Einsamkeit lautlos auf- und abschritt.

Diese Verlassenheit! Dieses Gefangensitzen!

Eines Menschen menschliches Antlitz sehen! Und wäre es auch Frau Wullenweber, seiner Haushälterin, thraniges Gesicht oder des Schlingels, des Karl, des Dieners, verkniffene Visage.

Und diese Stille! Diese erstickende Lautlosigkeit! Sich einmal wieder reden hören!

Er griff nach der Klingel und bimmelte heftig. 78

Gleich darauf schlurfte die Wullenweber herein.

»Wullenwebern! Wonnigstes Weib! Wo sind Sie, wo bleiben Sie und wo stecken Sie! Nee – nee! Sehn Sie mich nich so trübe-tümpelig an! Die Milch meiner frommen Denkart wird sonst sauer! Sagen Sie mir lieber, wo Sie Ihre Gedanken haben! Wo Ihnen Ihr Gedächtnis sitzt! 'Ne ausgeblasene Stalllaterne ist ja 'n Mnemotechniker gegen Sie!«

Frau Wullenweber beugte nur demütig den Kopf vor.

»Wollten Sie mir Citronensaft bringen oder wollten Sie mir nicht Citronensaft bringen!«

»›Zum Abend‹ hatte Herr von Schlieven befohlen –«

»›Zum Abend‹ – allerdings! Und ist das jetzt nicht ›zum Abend‹? ›Zum Abend‹ hab' ich gesagt, nicht ›am Abend‹, Sie Norne, Sie Drude, Sie Zeitenkündigerin! Und nun versammeln Sie sich zu Ihren Citronen als zu Ihrem Sinnbild, Sie holdseligste der Frauen! Und dann kredenzen Sie mir den Saft, Sie citronensaure Hebe Sie! Brrr! Vom Citran zur Citrone – das ist so der Lauf der Welt.«

Die Wullenweber wandte sich zur Thür.

»Wo ist Karl?« 79

»Er klopft die Sachen des gnädigen Herrn aus.«

»Soll kommen!«

Die Wullenweber trug eine Sorge mit sich, als sie hinaus ging. Der Herr war ja heute beinahe liebenswürdig gegen sie gewesen! Wie sollte das werden, wenn hier so freundliche Behandlung einriß? Was sollte sie dann mit ihrer Wehleidigkeit anfangen, wo blieb das Gekränktsein, das seelische Leiden, dem als Schmerzensgeld so manche Gehaltserhöhung aufgelegt war? Wie sollte das werden?

In kürzester Zeit stand Karl vor dem Herrn.

»Erzähl' mir was!«

Das war dem Gerufenen noch nicht passiert, und seine listigen Augen verblödeten auf eine Weile.

»Kerl, was siehst du irrsinnig aus, wenn du nachdenkst! Leg' mir erst mal den Fuß zurecht – mehr nach links!«

Das war ein gefährlicher Auftrag – kaum weniger gefährlich, als einem verschnupften alten Löwen in der Nase zu stochern – und den Blick auf die bedrohlich nahe Rechte des Herrn gebannt führte Karl den Befehl mit lindester Sorgsamkeit aus.

Alles ging gut, und erleichtert richtete sich der Diener auf. 80

»Was Neues will ich hören!«

Karl dachte nach, diesmal ohne blödsinnigen Gesichtsausdruck. Aber er fand nicht, was er sollte.

»Du willst 'n Diener sein!? Du willst 'n Diener sein!? Du paßt zum Diener wie der Bandwurm zum Sterngucker! Was thut ein brauchbarer Diener, wenn sein armer Herr auf seinem Schmerzenslager was Neues hören will? Einen Mord begeht er! Sich selbst hängt er auf und läßt sich dann meinetwegen abschneiden und läuft zu seinem Herrn hin und erzählt ihm das, um ihm mit 'ner Neuigkeit 'ne Freude zu machen! Aber du – du hast ja nicht mehr Anhänglichkeit und Treue als 'ne geplatzte Schweinsblase!«

Die Schweinsblase fiel dem Gescholtenen aufs Ehrgefühl. Er wußte in der That etwas Neues, nur daß es nicht so ganz unbedenklich war, hier davon zu sprechen. Es ließ sich annehmen, daß diese Mitteilung einen Sturm erregen würde, und ein Sturm wirbelte hier nur allzuleicht so allerhand Gegenstände, die hart im Raume stoßen, durch die Lüfte.

Als der Herr ihm aber noch einmal ins Gewissen kniff, legte er los.

Er wisse ja wohl etwas Neues – 81

»Dann zum Donnerwetter 'raus damit!«

Es beträfe Fritz Hannemann – den weggejagten Fritz Hannemann. Er sei gar nicht fort. Er sei hier geblieben.

»Hier geblieben!?«

Ja, er habe hier sogar einen Dienst bekommen.

»Einen Dienst? Wo?«

»Beim Pastor.«

»Wa –? Beim Pastor – bei meinem Pastor? Bei Pastor Helms?«

»Ja wohl.«

»Himmel und Wolken und Höllenschlund!« Herr von Schlieven schmetterte die Hand auf den Tisch, daß Medizinflasche, Pillenschachtel, Wasserglas mit Eßlöffel in wildem Hexenreigen durch die Luft flogen.

Karl fürchtete, daß eins von den dicken Büchern, die auf dem erschütterten Tisch ganz verwirrt herumtaumelten, gegen ihn, den Bringer der unholden Nachricht, beflügelt werden könnte, und drückte sich scheu beiseite.

»Her mit dem Pfaffen!« donnerte der Herr ihm jetzt zu. »Du bringst ihn mir tot oder lebendig, den aufsässigen Rebellen! Hier soll er her. Den will ich kitzeln! Der soll der Welt was vorlachen! Giebt dem Unterstand, den ich vom Hof jage! Warte Pfaff'! Gieb acht, was 82 aus dir wird! Frikassieren laß ich dich! Wurstfleisch laß ich aus dir machen – Knoblauchswurst! Echte jüdische koschere Knoblauchswurst. Du sollst an dir deine Freude haben!«

Die letzten Ergüsse vernahm Karl nur noch durch die Thür. Er hatte sich beizeiten auf den Weg gemacht. Zaudern wäre lebensgefährlich gewesen.

Und jetzt holte er seine Mütze und suchte den Pastor auf, ihn zu seinem Herrn zu entbieten.

»Na, ich danke! In dessen Haut möcht' ich auch nicht stecken. Der kann sich gratulieren.«

Das war das Leitmotiv seiner Gedanken.

*

Ohne irgend welche Ahnung, daß so schweres Unheil sich in einem nahen Wetterwinkel zusammenbraute, lehnte währenddes Pastor Helms an einem erratischen Block, der wie eine Warze auf dem sonst tadellos glatten Gelände seines Ackers saß, und verzehrte friedsam sein Vesperbrot.

Er hatte seine vier Stunden gepflügt, da konnte er eine Herzstärkung gebrauchen.

Mit schmatzendem Wohlbehagen griffen seine weißen gesunden Zähne in das kernige, schinkenbelegte Grobbrot, und er kaute mit Lust, während seine hellen klaren Augen nach oben gewandt, einer jubilierenden Lerche zuschauten.

Es war die erste Lerche des Jahres. An 83 den Grabenrändern lag noch Schnee, durch lange harte Winterkälte gefestigt, daß die Märzsonne ihre liebe Not mit ihm hatte.

Aber man sah doch überall den Frühling am Werk. Kräftiger, würziger Lebenshauch stieg aus den umgepflügten Schollen empor in die zitternde, schaffensfreudige Lenzluft, die ihn zärtlich in sich aufsog.

In einem Rotdornstrauch am Wege hielten die Spatzen eine laute Volksversammlung ab. Die entschied mit allem Nachdruck, daß es nun Frühling werden solle, womit denn die Sache endgültig und unwiderruflich geregelt war.

Dazu der Lerchensang und das verjüngte Blau des Himmels, der die harte, helle, grelle und schrille Tönung der Winterzeit abgelegt hatte und tiefere, weichere und frohmütigere Färbung annahm.

Es war alles voll hoffender Heiterkeit. Und dieser Naturstimmung fügte sich Pastor Helms nach seinem ganzen Wesen am besten ein. Er selbst hatte etwas Frühlingshaftes trotz seines Alters und seiner Schicksale.

Er trug den Glanz und die Helle in sich – das Leben hatte nicht viel Sonnenschein für ihn übrig gehabt.

Seine Jugend war hart und reich an 84 Entbehrungen gewesen, und doch hatte es keinen frischeren und froheren Studio gegeben als ihn.

Sein Eheleben verkümmerte ihm jahrelanges Siechtum seiner Frau, das dann zu ihrem Tode führte. Und seine Kinder verließen ihn auch. Seine Tochter, ein blühendes, kraftstrotzendes Mädchen, holten sie als Leiche aus der Müritz; sie hatte beim Schlittschuhlaufen eine eingebrochene Freundin unter dem Eise herausgeschafft und heldenhaft deren Leben mit dem eigenen erkauft.

Und dann kam das Schlimmste. Das hatte sein Junge ihm angethan. Den hatte überschäumende Jugendkraft und ungebändigte Jugendlust auf schiefe Bahn geführt. Er war zum Schwindler geworden und hatte Europa verlassen müssen. Jetzt aß er als ehrlicher Mann in Arkansas sein Brot, und sie schrieben einander. Aber er hatte seinen Jungen nun einmal nicht mehr – den, der ihm das Liebste gewesen war und der ihm dafür seinen ehrlichen Namen besudelt hatte.

Das war so schwer, so bitterschwer zu verwinden gewesen. Wie hatte er immer auf seine Ehre gehalten, so ganz im Geist der alten Burschenherrlichkeit. Und nun mußte ihm das geschehen – durch sein eigen Fleisch und Blut!

Vor der Zeit hatten solche Schicksale sein Haar 85 gebleicht. Aber an den Kern seiner Art konnten sie doch nicht greifen. Und dem hellen Leuchten, das in seinem Auge lebte, konnten sie nichts anhaben. Darin stand immer noch die alte Frische zu lesen, der Jugendmut und etwas wie sorglos-freudiges Draufgängertum.

Kein Wunder, daß die Jugend, selbst diese schwerfällige mecklenburgische Dorfjugend, geradezu schwärmerisch ihm ergeben war. Kam er zur Schulvisitation, so gab es immer ein Fest. Er hatte den Anstalten, die er überwachte, einen kräftigen turnerischen Geist verliehen, und er selbst mit seinen vierundfünfzig Jahren gab Lehrern und Schülern in Leibesübungen ein entflammendes oder beschämendes Beispiel. Am Reck und Barren und in allerlei Kraftübungen war er noch immer der unerreichte Meister in seinem Bezirk.

Untergebene Bosheit wollte ihm solches Thun als »Kraftmeierei« verübeln und taufte ihn gar mit dem erbaulichen Spitznamen »Boxerkarl«. Er wußte das, wie denn seinen offenen Sinnen nichts so leicht entging. Er wußte auch, daß höheren Ortes sein ganzes Wesen und Verhalten als »wenig pastoral« empfunden und gemißbilligt wurde. Aber das focht ihn nicht an.

Am meisten Anstoß hatte er erregt, als er vor Jahren am Müritzsee eine Badeanstalt 86 errichtet, hier selbst den Jungen Schwimmunterricht erteilte und mit ihnen um die Wette schwamm.

Ein Pastor, der schwamm! Ein Pastor, der badete! Das hatte denn doch bei der hohen Kirchenbehörde ein bedenkliches Schütteln des Kopfes erregt. Nur daß man nicht gerade disziplinarisch deshalb gegen den Ordnungslosen einschreiten konnte.

Sein Vorgesetzter, der Superintendent, übernahm es, ihm privatim das Ungebührliche solchen Gehabens eindringlichst zu Gemüte zu führen. Aber was geschah? Pastor Helms lachte, lachte seinem Vorgesetzten laut und hell ins Gesicht, mit seinem bezwingenden, unüberwindlichen Lachen, daß davon das hohe Kirchenlicht aller Fassung beraubt wurde und unter galligem Mitlächeln auf ein anderes Gebiet abschwenkte.

Man liebte ihn da oben nicht, aber man hatte eine gewisse Scheu vor ihm, wie vor allem Neuen, Ungewöhnlichen und Mutigen. Und man ließ ihn gewähren, zumal es bekannt war, mit welcher Liebe seine Gemeinde an ihm hing.

Auch im Verkehr mit seinen Schafen zeigte der Hirte freilich des »Unpastoralen« genug. Er tanzte auf ihren Hochzeiten und that auch wohl 87 bei ihren Schmausereien einen kräftigen Trunk. Hatte er aber einem räudigen ins Gewissen zu reden, so fehlte seinem Zuspruch sicherlich die salbungsvolle Weihe. Mit ganz natürlichen, gesunden und herzhaften Worten wusch er das schuldige Haupt. Und wenn ein thatkräftiges Eingreifen von nöten war, ließ er es auch daran sicherlich nicht fehlen. So hatte er erst vor kurzem dem betrunkenen Hofgänger Vaselow, der seine Frau mißhandelte, als er gerade an der Wohnung der Leute vorüberging, ganz gehörig das Fell ausgeklopft.

Kein Mensch, der ihm das verübelte. Im Gegenteil. Und Vaselow selbst hatte, als er wieder nüchtern war, sich für den geistlichen Zuspruch bedankt und Besserung gelobt.

Seine Gemeinde war nicht groß. So blieb ihm Muße genug, und die verwandte er zumeist auf seine geliebte Landwirtschaft.

Mit Inbrunst hing er geradezu an der Scholle. Hätte er nun gar sein eigenes Land unter Hand und Fuß gehabt, das wär' für ihn das höchste Erdenglück gewesen.

Aber auch so ließ er seinem Acker alle Zärtlichkeit angedeihen. Nichts lag ihm ferner als der Raubbau, mit dem Pächter und Nutznießer, die nur für ihre Zeit arbeiten, den Boden 88 auszuschlachten pflegen. Die Erde war ihm heilig. Er war Bauer von Beruf.

Darum hatte es ihm einen Stoß ins Herz gegeben, als Herr von Schlieven ihm so von oben herab, in solchem Ton der Selbstverständlichkeit zugemutet hatte, seinem Acker zu entsagen.

Es war zwischen ihnen beiden stets etwas fremdes, fast feindseliges gewesen. Möglich, daß sie sich zu ähnlich waren in ihrem Persönlichkeitsgefühle. Nun war es über dem Acker zu völligem Bruch gekommen.

Pastor Helms bedauerte das, aber er war nicht untröstlich darüber. Freilich sie waren Meilen weit in der Runde die einzigen gebildeten Männer. Einsam in ihrem Hause waren sie außerdem beide – sie hätten sich über so manche Stunde, in der die Verlassenheit sie überkam, hinweghelfen können.

Wer weiß indes, ob bei dem Hochmut des Junkers jemals ein wirklicher, menschenwürdiger Verkehr zwischen ihnen möglich gewesen wäre!

Etwas gab es ja, was Pastor Helms mit entschiedener Achtung für Herrn von Schlieven erfüllte. Der Gutsherr hätte es so leicht gehabt, ihn in tausenderlei Dingen zu chikanieren – aber nicht das geringste Derartige geschah. 89 Der Junker war doch eine echte Edelmannsnatur. –

Vom Kirchturm schlug es sechs. Der Pastor hatte sein Vesperbrot bis auf zwei Krustenstücke verzehrt. Dieser Rest war für seine Braunen.

Er richtete seine hohe sehnige Gestalt von dem Felsblock auf und ging zu den Gäulen. Die wußten, was ihnen bevorstand, und hoben schnuppernd den Kopf. »Lotte« war wie immer am ungeberdigsten, sie bekam zuerst ihr Teil, dafür erhielt die alte »Liese«, das Handpferd, das größere Stück.

Ihr klopfte der Herr auch zärtlich den Hals. »Noch eine Stunde, Alte!« Und dann nahm seine kräftige Hand den Pflugbaum.

Emsig und sorgsam zog er seine Furche, da kam ein Mann hastig übers Feld gegangen.

Der hatte es eilig, und zu ihm wollte er auch, das sah Pastor Helms, sobald er den Mann gewahrte. Und er faßte ihn ins Auge, ohne indes mit der Arbeit innezuhalten.

Jetzt erkannte er ihn. Herrn von Schlievens Karl. Was konnte der von ihm wollen?

Bald darauf war der Sendling an seiner Seite. Er zog die Mütze und entbot seinen Gruß:

»Guten Tag, Herr Pastor.« 90

»Gu'n Tag, mein Jung.«

Dabei schritt Pastor Helms ruhig seine Furche weiter. Der Diener mußte rastlos wandern, während er seines Auftrages sich entledigte. Er that dieses in tadelloser Form.

»Eine Empfehlung vom gnädigen Herrn und er ließe den Herrn Pastor ersuchen, gleich einmal zum gnädigen Herrn zu kommen.«

»Das ist neu. Und gleich?«

»Ja, dem gnädigen Herrn ist es sehr eilig.«

»So. Ja, warum kommt er denn nicht zu mir?«

Die Dienerseele war im Begriff sich höchlichst zu verwundern. Als der Bursche aber dem Pastor ins Auge sah, fand er diese Frage ganz selbstverständlich, und er antwortete im Ton der Entschuldigung:

»Der gnädige Herr kann nicht ausgehen.«

»Krank?«

»Der gnädige Herr hat wieder sein Podagra.«

»Das ist bitter.«

Sie waren am Ende des Feldes angelangt, Pastor Helms legte um, und sie schritten dann wieder zurück, in derselben gleichmäßigen ungestörten Gangart.

»Ja, mein Junge, das ist was anders. Dann komm ich natürlich. Aber gleich, das geht 91 nicht. Ich muß hier heute fertig werden. Die Sache wird uns ja nicht weg laufen. Ich komm dann heute abend. Sag' das deinem Herrn.«

Karl blieb stehen, von inneren Kämpfen bewegt. Den Auftrag konnte er unmöglich ausrichten. Dann durfte er sich von vornherein auf Knochensplitter gefaßt machen. Aber was thun? Vielleicht den Herrn Pastor von vornherein auf das Hochnotpeinliche der ganzen Angelegenheit, auf ihre schwerwiegende Bedeutung hinweisen? Ihm sagen, um was es sich handelte?

Er gab sich einen Stoß, und stolperte eilig dem Pastor nach, der durch nichts abgelenkt hinter dem Pfluge weiter seinen Weg nahm.

»Herr Pastor – es betrifft nämlich den Fritz Hannemann.«

»So? Na, da brennt's nun doch schon gar nicht. Wenns weiter nichts ist, dann kommen wir ja noch jeder Zeit zurecht.«

Dieses Mittel war verpufft. Und Karl hatte kein weiteres in der Hand. Da blieb ihm nichts, als seiner Wege zu gehen.

Er verabschiedete sich und trollte über die Felder davon. Dabei kam er mit sich über das, was er vorläufig anzustellen hatte, ins Reine.

Um keinen Preis durfte er eher zurück sein, 92 als bis die Ankunft des Pastors unmittelbar bevorstand. Einfach spazieren gehen so lange. Das Wetter war ja so schön. Er brauchte den Pastor ja nicht gleich gefunden zu haben.

Und dann auf dem Wege zum Herrenhause aufpassen, bis der Entbotene sich zu dem Besuche einfand. Früher war es nicht an der Zeit, ihn anzumelden.

Allerdings, die Stimmung des gnädigen Herrn würde inzwischen noch mehr Feuer geschluckt haben. Aber das alles würde dann ja lediglich dem Herrn Pastor zu Gute kommen. Wenn Große sich in die Haare geraten, ducken sich die Kleinen und schlüpfen ungefährdet unter dem Handgemenge hindurch.

Und einen Kampf würde es geben! Pastor Helms sah ihm auch nicht danach aus, als ob er mit sich spaßen ließe. Wie zwei alte Recken waren sie beide. Einen grimmen unbändigen Kampf würde es geben.

Und er rieb sich die Hände und freute sich der mächtigen Streiche, die ihm nicht schmerzlich waren. – –

Eine Stunde war vergangen, da zog Pastor Helms mit seinen Gäulen nach Hause.

Auf dem Pfarrhof nahm ihm Fritz Hannemann die Pferde ab, ein stiernackiger Bursche 93 mit ausgeprägten Bullenbeißerzügen. Er fragte den Knecht nach Verschiedenem, worauf er kurzen und klaren Bescheid erhielt, ging dann noch einmal durch die Ställe und begab sich darauf ins Haus.

Sorgsam trat er sich erst draußen die erdigen Schaftstiefel ab, ehe er die blendend weißen Dielen beschritt. Er wußte, daß Rieke, seine alte, getreue Dienstmagd, jedweden Fleck auf dem Fußboden als brennendes Mal in der eigenen Seele empfand.

In seinem Arbeitszimmer lag die Post auf dem Schreibtisch, mit aller Gemächlichkeit durchmusterte er die Briefsachen, las dieses und jenes Schreiben, und ging dann in die Schlafstube, sich umzuziehen.

Als er damit fertig war, citierte er Rieke, teilte ihr mit, daß er noch einen Weg zu machen habe, daß er aber zum Nachtessen zurück sein werde.

Danach schlug er voll strahlenden Gleichmuts den Richtsteig ein, der über die Felder zum Herrenhaus von Schlievenow führte.

Als Karl, der in der großen Lindenallee vorm Herrschaftsgebäude auf- und abpatroullierte, den längst Erwarteten herannahen sah, rückte er sich mit aller Kraft in Positur. Noch einen Blick warf er auf den Kommenden, um sich vor 94 aller Täuschung zu wahren, dann versetzte er sich einen zweiten Schubs und keuchte dem Hause zu.

Hochatmend stand er bald darauf vor dem Herrn.

»Wo kommst du her, du Schuft!«

Ein Orkan brauste ihn an.

»Gnädiger Herr –«

»Wo hast du dich so lange herumgedrückt, du elender Lasterknochen!«

Karl sah, daß der Gnädige geladen war bis an den Rand. Sein Gesicht war kirschrot, seine Finger schlugen auf der Tischplatte einen Wirbel über den andern.

»Verzeihung, gnädiger Herr – der Herr Pastor war beim besten Willen nicht gleich zu finden – jetzt ist der Herr Pastor draußen« –

Das war die Ablenkung.

»Rein mit ihm!«

Karl flog wie aus der Pistole geschossen hinaus.

Danach trat Pastor Helms ins Zimmer. Er machte eine leichte Verbeugung und ging dann auf Herrn von Schlieven zu, der ohne den Gruß zu erwidern wuterfüllt am Worte herumwürgte.

Endlich brachte er's heraus. »Ich hab' Sie kommen lassen, weil Sie sich etwas rausgenommen 95 haben, was mir denn doch über den Pappdeckel geht –«

»Zunächst erlauben Sie wohl, daß ich mich setze.« Pastor Helms rückte sich einen Stuhl zurecht und nahm Platz.

Herr von Schlieven wurde dunkelbraun.

»Sie haben sich unterstanden,« stieß er heiser hervor, »Fritz Hannemann bei sich aufzunehmen – ! –«

»Ich habe Fritz Hannemann bei mir aufgenommen,« entgegnete Pastor Helms ruhig, jedes Wort betonend.

»Sie wissen, daß ich den Kerl weggejagt habe – und Sie wissen, weshalb ich ihn weggejagt habe –«

»Sie haben ihn weggejagt, weil Sie ihn geprügelt haben.« In seinem Auge blinkte der Schalk.

»Herr – – !«

Schlieven war veilchenblau geworden. Er rang nach Worten – nach einem Wort – einer Silbe, einen Laut – er brachte nichts über die Lippen.

»Ich traf ihn in einer bedenklichen Verfassung,« fuhr Pastor Helms fort. »Er trug sich mit den wildesten Rachegedanken, das Heimtückische in seinem Wesen wollte die Oberhand 96 gewinnen. Er war kurz davor, Ihnen aus dem Hinterhalt aufzulauern. Da hab' ich mich seiner angenommen. Ich hab' es ihm zu Bewußtsein gebracht, wie niedrig und feige und gemein so ein Hinterhalt sei. Sich hinterher mit Rachegedanken einlassen, wär' überhaupt keines ehrlichen Kerls Sache. Im Augenblick selbst sich seiner Haut wehren – schön! Aber hinterher – –«

Mit einem stierartigen Brüllen war Herr von Schlieven, seines kranken Fußes nicht achtend, auf die Beine gesprungen. Und in dem grausamen körperlichen Schmerz, der ihn durchzuckte und durchrüttelte, fand er jetzt die Worte wieder.

»Das – das haben Sie gesagt. Sich zur Wehr setzen! Sich zur Wehr setzen – das predigen Sie meinen Knechten! Aufruhr und Gewaltthätigkeit predigen Sie meinen Knechten? Wissen Sie, was Ihnen dafür gehört?«

»Nun?«

»Hiebe gehören Ihnen dafür!«

Pastor Helms hatte sich auch erhoben. So standen die beiden hochgewachsenen Grauköpfe einander gegenüber.

Eine glühende Blutwelle war dem Pastor bei diesen letzten Worten ins Gesicht geschossen, dann aber schüttelte er sich befreiend den Kopf 97 und lachte sein frisches, sprühendes, klingendes Lachen.

Herr von Schlieven fuhr zurück, Blitze schossen vor seinen Augen hin und her, und dann braute ein blutiger Nebel vor seinen Blicken.

Haltlos stieß er auf den Pastor zu und packte ihn an der Brust –

Der nahm mit eisernem Griff seine Hand und drückte sie nieder –

Da schrie Schlieven laut auf und schlug den andern ins Gesicht –

Und da – ein schmetternder wuchtiger Rückschlag, der seine eigene Backe traf und ihn zur Seite taumeln ließ – er strauchelte – er hielt sich am Tisch fest und sank in einen Stuhl.

Vor seinen starren, weit aufgerissenen Augen war Nacht.

Er sah nichts. Er hörte auch nichts.

Pastor Helms, zu seiner ganzen Höhe aufgerichtet, sagte mit klarer fester Stimme: »Damit ist wohl die Verhandlung zu Ende.«

Er vernahm die Worte nicht. Und er sah nicht, daß der Pastor ruhig das Zimmer verließ.

Dann dämmerte es durch die Nacht, und dann wurde es ihm klar, was geschehen.

»Karl!«

Es war ein jäher, verzerrter Schrei. 98

Der Gerufene stürzte herein.

»Meine Büchsflinte! Der Hund kommt mir nicht lebendig vom Hofe!«

Schlieven riß das Fenster auf. Klar hob sich gegen den Abendschein die hohe Gestalt des Pastors ab, der eben mit gelassenem Schritt in den Vorgarten getreten war.

Seine Hände krampften sich zusammen. Sein Rücken krümmte sich, als wolle er dem Gehaßten nachspringen –

Karl stand mit der Büchse neben ihm.

Unwillkürlich griff er nach der Waffe. Dann maß er den Diener von Kopf zu Füßen.

»Bist du besessen, du Schinderknecht? Seh' ich aus als ob ich meuchlings einen Wehrlosen niederknalle? Raus!«

Karl verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Der Herr aber warf sich stöhnend in einen Lehnstuhl und preßte die Hände vors Gesicht.

Das ihm! Das ihm!

Geschlagen! Er, Kuno von Schlieven, geschlagen!

Und die Welt war nicht tot, und die Zeit rollte weiter.

Da trüben tickte die Uhr – und das war ein Stuhl, worauf er saß – und das war er – er – dem solches geschehen – er, der 99 machtlos solches dulden mußte – der wehrlos war gegen solche Unthat!

Ja, wehrlos! Denn der andere war fort – war nicht mehr zu erreichen. Höchstens einem Morde erreichbar. Sich ihm stellen, wie es unter Ehrenmännern der Brauch, würde er nun und nimmermehr. Nicht seiner Klinge – seiner Pistole!

Ein Pfaffe! Ein Unfreier – ein Zwitter – ein Schatten –

Und doch geschlagen!

Wie konnte er die Schmach anders tilgen, als mit dem eigenen Leben – als durch eine Kugel ins eigene Hirn!

Geschlagen!

Aber von einem Sklaven, einem Knecht! Ist das nicht, als wenn ein Strolch auf der Landstraße einen überfällt? Ist das eine Schmach?

Ist das nicht wie ein roher Zufall? Ist das nicht, wie wenn im Walde ein Ast einem ins Gesicht schnellt oder der Sturm einem einen Dachziegel auf den Kopf wirft!

Und doch – und doch –

Immerhin doch eine Hand – eine fünffingerige Hand – eines Mannes Hand –

Ja, die Hand eines Mannes!

Er warf sich ächzend herum. Er mußte 100 dem Kerl ans Leder. Und der mußte, mußte, mußte sich ihm stellen, es sei, wie es sei!

Der Mann hatte studiert, satisfaktionsfähig war er, wenn er auch Pfaffe geworden.

Himmel und Hölle – ein Pastor, der schlägt – ein Pastor, der die Rohheit hat zu schlagen, muß auch Satisfaktion geben!

Er sollte sich unterstehen, sie zu verweigern!

Dann nahm er ihn beim Kragen – das erste beste Mal, wo er ihn traf, nahm er ihn beim Kragen und prügelte ihm mit der Hundepeitsche das Fell von den Knochen! Zu Schanden drosch er ihn, wenn er zu feige war, sich ihm zu stellen.

Der Kerl sollte ihm ans Messer – so oder so!

Auf der Stelle mußte die Sache ins Reine gebracht werden.

Malte mußte Kartell tragen.

Malte – wer sonst? Er hatte sonst keinen Menschen in der Nähe.

Karl sollte noch heute abend nach Warkentin hinüberreiten.

Malte – hm!

Redensarten würde er ja machen. Aber der Freundes- und Edelmannspflicht sich entziehen – nimmermehr! 101

Eine große Rede würde Malte ihm halten – das war gewiß. Aber die mußte er dann auch hinnehmen.

Salbungsvoll, wie es so neuerdings seine Art geworden. Er würde von dem Mann des Friedens sprechen –

Zum Donnerwetter! Ein Mann des Friedens, der schlägt – ! –

Malte würde darauf hinweisen, daß der Zweikampf der göttlichen Ordnung widerstreite und daß nun gar der Zweikampf mit einem Diener Gottes –

Heiliger Kreuzdorn! Wenn aber ein Diener Gottes thätlich wird!

Und dann wird er sich den ganzen Hergang erzählen lassen. Und dann – wenn er hört, daß er, Schlieven, den Pfaffen zuerst gehauen – das mindeste, was er ihm prophezeit, ist, daß ihm die Hand einmal aus dem Grabe wachsen werde!

Er hat den Pfaffen zuerst gehauen! Gewiß! Aber hatte der Kerl das nicht vollauf verdient? Predigt seinen Leuten Felonie, Mord, Totschlag und Attentat?

Wenn er ihm dann ans Kamisol faßte – Himmel noch mal, das war seine Art, eindringlich zu sprechen! Deshalb seine Hand so zu packen und wegzudrücken – 102

Er mußte zuschlagen – er mußte!

Und er hatte dem anderen gehörig eine gewischt.

Freilich – der andere hatte gehörig zurückgedroschen, das ließ sich nicht leugnen.

Aber er hätte den Kerl niedergewürgt, wäre ihm dieses ungeahnt Furchtbare nicht so auf die Sinne gefallen. Und hätte das Podagra nicht so an ihm gefressen gehabt –

Und jetzt glaubte wohl der andere gar, er hätte ihn niedergeworfen!

Wie hoch er den Kopf trug, als er aus dem Hause ging!

Allerdings Grund genug, sich in die Brust zu schmeißen! Gegen einen Schlieven die Hand erhoben zu haben und noch zu atmen! Keiner, der sich je des Gleichen hätte rühmen können!

Ein beneidenswertes Gefühl mußte das sein – weiß Gott!

Aber noch sind wir nicht am Ende!

Das mußte doch Malte selbst zugeben, daß sie hier nicht mit einem »Mann des Friedens«, sondern einfach mit einem Gewaltmenschen zu thun hatten!

Und so etwas nannte sich Pastor!

Türken und Turkmenen! Ein Pastor der schlägt! 103

Wer hätte dem Kerl das zugetraut! Für einen weichlichen Komödianten hatte er ihn gehalten, für einen elendigen Waschlappen. Täuschung! Er hatte Knochen und verstand sie zu gebrauchen.

Gefallen ließ er sich nichts, das mußte man ihm nachsagen.

Und da er nun einmal so war, konnte man auch das Vertrauen zu ihm hegen, daß er Satisfaktion geben würde!

Trotz Malte und dessen Einwendungen. Der würde ja die Herausforderung eines Pastors nicht bloß als Sakrileg auffassen, er würde sie auch als vollständig absurd hinstellen. Ein Pastor, der sich duelliert, fliegt doch einfach ganz heftig aus Amt und Würden und der gesamten Christenheit heraus! Lächerlich, nur eine solche Zumutung an ihn zu stellen!

Und blamieren – sich vor dem andern blamieren – gerade vor dem – –

Aber zum Schockschwerebrett! Warum schlägt er denn – warum schlägt er, wenn er die Folgen nicht auf sich nehmen will!

Und hat er selber nicht auch Hiebe besehen! Kann er das auf sich sitzen lassen, wenn er ein richtiger Kerl ist?

Oder war für ihn die Sache mit dem 104 Zurückhauen ausgeglichen? Glaubte er, daß sie nun quitt seien?

Das gab es nicht! Das gab es nicht! Für einen Schlieven gab es das nicht!

Wie dachte er sich das eigentlich! Sollten sie vielleicht so thun, als ob nichts geschehen wäre und in alter Weise an einander vorbeigucken? Oder auch mit dem stillen Hintergedanken: dem hast du schön eine geklebt! neben einander durchs Dasein trotten?

Da schnitt er sich. Da schnitt er sich gewaltig. Ein Schlieven macht reinen Tisch.

Die Sache war nicht zu Ende. Bloß der erste Akt war vorüber. Jetzt kam der zweite. Eigentlich war es bloß eine zufällige Unterbrechung gewesen. Nur daß es ihm schwarz vor den Augen geworden war! Sonst hätte die Geschichte sich ganz anders entwickelt.

Und er konnte jetzt hier so mit dem ersten Akt nicht ruhig sitzen bleiben. Dann wurde er verrückt. Er mußte den Andern vor sich haben – gleich – auf der Stelle!

Die Sache mußte weiter ihren Gang gehen. Über das, was jetzt war, mußte er hinaus! Den Andern Auge in Auge vor sich haben! Er mußte ihm nach – in seine eigene Höhle! Und wenn sie sich mit Knüppeln totschlagen sollten – er 105 war noch nicht fertig mit ihm! Das brauchte der Andere sich nicht einzubilden.

Ihm nach! Und das sofort!

Schlieven sprang vom Stuhl. In dem kranken Fuß fühlte er so gut wie garnichts – die seelische Erregung hatte alle körperlichen Schmerzen aufgetrunken. Er rief nach dem Diener. Karl war wie immer schleunigst zur Stelle.

»Meinen Mantel!« Karl wunderte sich heute schon über nichts mehr. Er half seinem Herrn hinein, gab ihm Hut und Stock und folgte ihm beschaulich, als er sicheren Schrittes, den einen Fuß bestiefelt, den andern im Filzschuh das Zimmer verließ.

Dann sah er dem Herrn nach, wie er durch den Vorgarten ging: er schlug offenbar den Weg zum Pfarrhause ein. Darauf sollte sich nun einer einen Vers machen! –

Langsam aber ohne Schwanken schritt Herr von Schlieven seinem Ziele entgegen. Schon wurde das Pfarrhaus im Abendnebel sichtbar. Da saß der Andere hinter seinen Mauern.

Wie war dem wohl jetzt zu Sinn?

Er triumphierte natürlich! Aber warte! Das soll dir vergehn!

Oder – ob es doch anders in ihm aussah! Ob der Schlag ihm auch in die Seele brannte? 106

Er war ja ein unangenehmer Gesell. Ohne Frage. Aber gegen einen Schlieven die Hand erheben, das thut man doch nur, wenn man bis zur Raserei gereizt und gekränkt ist.

Ja, ja. Nur dann. Nur dann!

So schwer hatte er ihn also getroffen! Hm! Nun ja! Schlagen ist so eine Sache –

Was mußte er ihm aber auch das mit dem Fritz Hannemann anthun! Das mußte er sich doch selber sagen, daß es auf all' das keine andere Replik gab als die Faust!

Hm! Was hatte der Pastor da vorhin zusammengeschwefelt – von dem Hannemann? Der Schuft hätte ihm, dem Herrn, auflauern wollen? Und er, der Pastor, hätte dem Strolch ins Gewissen geredet und den Sinn umgerenkt!

Pah! Sollte er sich bei dem Mann bedanken? Wollte er sich ihm als Lebensretter präsentieren? Er brauchte keinen Schutz. Anmaßung das. Ein Schlieven schützt sich selbst. Auch gegen Meuchler.

Vielleicht, daß der Andere es doch in seiner Art gut gemeint hatte. In seinem Auge – das ließ sich nicht leugnen – stand so ein eigener Schein. So etwas Lichtes und Wahrhaftiges. Und seine ganze Art – Verächtliches war nicht darin. 107

Mit seiner Verachtung hatte er dem Manne unrecht gethan. Und wenn ein Schlieven sich eines Unrechts bewußt ist, hat er auch den Mut, das einzugestehen.

Aber dann das andere alles! Diese ganze wüste Karambolage!

Wüst war es – davon ließ sich nichts abstreichen. Um so wüster, als sie beide graue Köpfe hatten. Und er – Schlieven – hatte die Initiative ergriffen.

Natürlich! Das wäre auch noch besser gewesen, wenn der Andere sie hätte ergreifen sollen!

Er hatte angefangen. Aber er konnte doch nicht anders! Er mußte, was er that.

Er mußte. Hm – –

Die Einfahrt zum Pfarrhof that sich vor ihm auf. Ohne Zaudern trat er durch das Thor, schritt von hellem Hundegekläff begrüßt über den Hof und stieg die Stufen zur Hausthür empor.

Auf dem Flur traf er Rieke. »Der Herr Pastor zu Hause?«

»Ja woll. Ja woll. Ja woll, Herr von Schlieven.« Erst bei der dritten Bestätigung erholte sie sich von ihrer Überraschung. Dann ließ sie den Besucher ohne Weiteres ins Arbeitszimmer des Pastors eintreten.

Pastor Helms saß am Schreibtisch. Als der 108 Gast hereinkam, sprang er schnell auf und eilte ihm mit großen glänzenden Augen entgegen.

»Herr von Schlieven!«

Sie standen sich eine Weile gegenüber, jeder die Blicke tief in die des andern senkend, und sprachen kein Wort.

Dann schob der Pastor seinem Besuch den bequemsten Lehnstuhl hin und sagte einfach: »Ich freue mich aufrichtig, daß ich Sie jetzt unter meinem Dache habe.«

Schlieven brummte darauf in den dumpfesten Bauchtönen etwas ganz Unverständliches.

»Es ist zwischen uns etwas geschehen,« fuhr Pastor Helms in derselben warmen und schlichten Weise fort, »was nicht hätte geschehen dürfen.«

Schlieven grunzte tief und grollend auf.

»Ich meinerseits bedaure jedenfalls unsere letztes Begegnis, soweit ich daran beteiligt bin. Mit dieser ehrlichen und offenen Erklärung begrüße ich Sie in meinem Hause.«

Schlieven sah ihm ins Gesicht. Es war darin etwas geradezu kindlich Zartes und Mildes. Die Milde, wie sie den Kämpen nach dem Strauße ziert. Der Mann gefiel ihm immer mehr.

»Sie deprezieren also – ja, wenn Sie deprezieren – dann – dann hat ja die Geschichte ein anderes Aussehen. Ich habe nicht 109 den Frieden hier gesucht, das können Sie mir glauben –«

»Ich glaub' es Ihnen, Herr von Schlieven.«

»Aber so – ! – Das Genick hätten wir uns brechen müssen, wär' es nun nicht so gekommen. Wenn Sie mir aber Ihr Bedauern aussprechen – ausreichend ist es ja eigentlich nicht! Nach dem, was geschehen ist, hätte sonst unter allen Umständen die Pistole sprechen müssen – aber Sie sind Pastor – 'n doller Pastor sind Sie freilich – im Leben hab' ich so was nicht gesehen! Sind Sie 'n Gottesstreiter – Himmel und Lakritzensaft!«

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr von Schlieven?«

»Eine Pudelkomödie, dies Dasein! Auf die Art bin ich nun Ihr Gast geworden. Hat's so was schon gegeben? Aber setzen muß ich mich in der That. Das gewittersche rechte Hinterbein!«

Er setzte sich.

»Schmerzen?« fragte Pastor Helms fürsorglich.

»Es fängt wieder an zu rumoren, als ob der Deubel drin Pellkartoffel kochte!«

»Warum haben Sie denn so spät in der Abendluft noch den Weg gemacht!« 110

»Ich hatt's eilig, Mann! Ich mußte Ihnen ans Schlafittchen, so oder so!«

»Warum haben Sie nicht geschickt! Ich wäre auch ein zweites Mal zu Ihnen gekommen!« In seinen Zügen glänzte der ganze unwiderstehliche schlichte und sonnige Freimut seiner Art.

»Na ja, na ja,« konnte Schlieven bloß darauf erwidern. Dann fügte er hinzu: »Und jetzt wollen wir die Angelegenheit endgültig in aller Form beendigen. Ich erkläre Ihnen hiermit gleichfalls, daß auch mir unser letztes Zusammentreffen leid thut. Hand!«

Er konnte nicht anders, er mußte dem Pastor die Hand reichen.

Kräftig schüttelte jeder dem andern die Rechte, die ihm wohlbekannt war. Ehrliche Mannesart sprach aus dem festen, innigen Druck. Sie waren sich nicht mehr fremd.

»Ein idiotisches Biest von Lehnstuhl!« stöhnte jetzt Herr von Schlieven auf. »Renkt einem die Sitzknochen in die Schulterblätter rein!«

Er erhob sich schwerfällig, die Zähne zusammenbeißend.

»Setzen Sie sich hier!« Pastor Helms nötigte ihn aufs Sofa.

»Nee, Pastor. Ich will Ihnen 'mal was sagen. Ich hab' nun Ihren freundlichen Besuch 111 von vorhin erwidert – jetzt begleiten Sie mich gefälligst nach Hause.«

»Wenn Sie nicht bleiben wollen –«

»Nee. Mein Podagra sehnt sich nach meinem Lehnstuhl. Und mit der Kanaille ist nicht zu spaßen. Sie kommen mit, Pastor. Wir haben uns noch mehr zu erzählen. Totdürsten sollen Sie nicht dabei. Ich hab' einen verständigen Tropfen Graacher zu Hause. Können auch Rotspon haben – aber machen Sie mir lieber das Herz nicht groß und trinken Sie Weiß mit mir. Und nun kommen Sie! Ich brauche Ihren Arm.«

Von Pastor Helms sorglich gestützt, trat Schlieven den Heimweg an. Die beiden Männer sprachen eine zeitlang kein Wort. Beide dachten darüber nach, jeder in seiner Art, was für eigentümliche Mittel das liebe Leben mit seiner Lebenskunst anwendet, zwei Männer, die nichts von einander wissen wollten, schließlich Arm in Arm gehen zu lassen. Und beide hatten für den Humor dieser Fügung soviel innere Empfänglichkeit, daß sie sich mit ungetrübtem Behagen ihrer feindschaftgeborenen, unter Donner und Blitzschlägen ins Leben getretenen Freundschaft inne wurden.

Und fester, je länger der Weg sich dehnte, 112 stützte sich Schlieven auf des Pastors Arm. So kam er ohne besondere Pein glücklich zu Hause an.

Bald saßen sie beim Abendbrot und tauften ihren Bund mit »Graacher Auslese«. Es war ihnen beiden über die Maßen wohl um Herz.

Schlieven hatte besondere Freude an des Pastors klarem, frohem und weitem Blick. Der Kerl hat Siegfriedsaugen! sagte er sich. Jetzt sah er an der breitbrustigen und doch für sein Alter so überraschend biegsamen Gestalt des Pastors nieder, und dann blieben seine Blicke auf dessen kraftvoller, ausgearbeiteter Rechten liegen, die vor ihm auf dem Tisch ruhte.

»Mensch, Paster! Was haben Sie bloß für eine Vorderflosse!« Er lachte hell auf, und allem, was noch an Wut, Zorn und Bitternis sich in ihm verkrochen haben mochte, gab er damit einen Fußtritt zum Abschied für immer. »Was sind Sie überhaupt für ein Kerl! Sie wollen ein Gottesmann sein? Na, ich danke! Wie steht in der Bibel geschrieben: ›So dir einer einen Streich giebt auf die linke Backe, so biete ihm auch die rechte dar?‹ Und Sie –«

»Hab' ich das nicht gethan?« wandte Pastor Helms ein, und es ward in ihm ein Schalk lebendig, so kindlichfroh und harmlosübermütig, der Herrgott selbst mußte seine Freude daran 113 haben: »Hab' ich das nicht gethan?« – dabei hob er die rechte Hand –»Hab' ich Ihnen nicht auch die Rechte dargeboten?«

»Wa – was? Heiliger Pankratius, Servatius und Ignatius!« – dann lachte er dröhnend und schlug vor Vergnügen um sich – »Sie sind – Sie sind – ein Mordskerl sind Sie ja! Springen Sie mit Himmel und Hölle um! Mensch! Mensch! Was wird das mit Ihnen bloß für'n Ende nehmen! Na prost!« – – –

Sie saßen noch bis spät in die Nacht hinein. Und vom heutigen Tage an war Herr von Schlieven nicht mehr der einsame Mann. 114

 

 


 

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