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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der verlorene Sohn

Unsern Hausl hat aus einmal der Schlag getroffen. Und er ist gleich tot geblieben.

Der Hausl ist bei meinen Großeltern im Austrag gewesen und war mein Freund.

Aber der Herr Pfarrer hat ihn nicht mögen. Und er hat ihm eine furchtbar schändliche Leichenrede gehalten.

Da hat das ganze Dorf geschimpft, und die Leut haben gesagt, das ist ein Saustall, wie es der treibt, und wir müssen an das Ministeri schreiben oder an die Nunziatur.

Und sie haben gesagt, daß sie nimmer mögen, und der Schmittbauer hat gesagt, daß er auf Münka fahrt zum Beichten.

Mein Großvater hat es gehört.

Meine Großmutter hat gejammert und hat gesagt, jetz ist bald der Untergang von der Welt da; jetz lauft der Antigrist schon herum, und d' 78 Leut tragen schon grüne Hüt und spitzige Federn drauf, und ehren den Pfarrer nicht mehr.

Aber der Großvater hat gesagt, du verstehst nix, und du wirst es schon noch sehgn, was g'schicht, wenn er so weiter tut, der Pfarrer.

Da hat die Großmutter das Kreuz gemacht und hat gesagt, Gott steh mir bei, jetz fangt der auch schon an!

Aber es ist noch nichts geschehen.

Bloß geschimpft haben sie.

Und keine Eier haben sie nimmer in den Pfarrhof und keinen Butter.

Und er hat furchtbar herunter geschrieen von der Kanzel und hat gesagt, daß er ihnen keine ewige Seligkeit nicht erlangt.

Da haben die Leute gesagt, jetzt kann er uns schon bald ganz gern haben.

Und der Besenbinderhansl hat ihm den Holzschupfen angezündet.

Und einmal hat er ihn in den Bach schmeißen wollen. Aber es ist nicht gegangen, weil der Brunnfärber dabei war.

Unser Meßner.

Der hat immer blaue Hände, und in der Kirche schauen sie aus, wie wenn sie schwarz wären.

79 Da hat der Hansl gesagt, er ist der Teufel, und er paßt schon zum Pfarrer.

Das hat ihn furchtbar gewurmt.

Aber der Hansl hat gelacht und hat ihm viel angetan.

Und der Pfarrerlies hat er auch was angetan; aber die hat gesagt, das macht nichts, und sie leidet es aus Liebe zu Gott, und daß er halt ein verirrtes Schaf ist.

Und dann hat sie zu meiner Großmutter gesagt beim Kirchgang, daß man beten soll für einen verlorenen Sohn.

Da hat die Großmutter gefragt, ob sich 'leicht einer verlaufen hätt?

»Aber nein,« hat sie gesagt, »es ist eine Seele, eine arme!«

Und dann hat sie gesagt, sie will sich von Gott doch noch die Gnade ausbitten, daß der Besenbinderhansl, der Lump, ein Heiliger, ein Büßer wird.

Und die Großmutter hat ihr versprechen müssen, daß sie alle Tag ein Gegrüßt seist du Maria für ihn betet.

Dann hat sie noch gesagt, daß sie schon lang einmal zu der Großmutter gekommen wäre, aber es gibt immer so viel zu kochen für den 80 hochwürdigen Herrn, und das Obst ist zeitig, und die Zwetschgen müssen eingesotten werden.

Das hat mich furchtbar gefreut.

Und der Riegerpauli von Adling und der Schneidertoni von Balkham haben mir dann geholfen, wie ich sie geholt habe.

Es waren lauter Reinetten, und die Zwetschgen haben schon höchste Zeit gehabt zum Schütteln.

Aber da ist der Brunnfärber daher gekommen und hat gleich ganz laut geschrieen: »Ühr Dühbe! Ühr Dühbe! Heer hochwürdiger Heer! Dühbe sünd üm Gahrden!«

Da haben wir furchtbar sausen müssen.

Aber er hat uns erkannt und hat alles gesagt.

Und wir haben hinter die Tafel stehen müssen, und am Sonntag hat er es wieder von der Kanzel heruntergeschimpft.

Das hat uns gewurmt, und wir haben gesagt: Rache.

Aber ich habe gesagt, ob es auch geht.

Der Schneidertoni hat gesagt, es geht schon.

Am Dienstag ist in Haslach der Rosenkranz. Da ist der Herr Pfarrer hingegangen, und die Kinder müssen auch hin.

Wir sind dann auch hin.

81 Aber zu der Pfarrerlies ist ein fremder Bub gekommen und hat gesagt, daß der Besenbinderhansl einen Bittgarschön hätt. Der Herr Pfarrer sollt halt einmal vorbeikommen und ihn besuchen, er möcht sein Sach richten.

Da ist die Lies ganz narrisch worden vor lauter Gloria und hat geschrieen. »Du hast mich erhört! Du hast geholfen!«

Nach dem Rosenkranz sind wir neben dem Herrn Pfarrer gegangen und haben gar nichts getan. Auch der Schneidertoni hat nichts getan. Er hat bloß einmal ganz leise gefragt, ob man ihn hätt erkennen können. Aber wir haben gesagt, das ist ausgeschlossen, weil er sonst weißhaarig ist.

Da hat er gesagt, daß er den Ruß bald nicht mehr weggebracht hätt von dem Kopf, und er hat seiner Mutter die ganze Seifen genommen.

Auf der Brücke ist schon die Pfarrerlies dahergekommen und hat ganz laut geschrieen: »Herr Hochwürden! Ein Wunder! – Schnell müssen S' zum Besenbinderhansl! Er will beichten, und Sie sollen glei 's Allerheiligste mitnehmen! Mariand Joseph, wie mi dös gfreit! A ganz a fremder Bua war da und der hat's g'sagt, und Gott hat geholfen, und die arme Seel is gerettet!«

82 So hat sie fortgeplärrt, und die Leut sind zusammengelaufen, und einer hat's dem andern gesagt: »Der Besenbinderhansl werd verprofitiert!«

Da hat der Brunnfärber geschwind das ewige Licht in die Latern und hat das Glöckerl genommen, und der Herr Pfarrer hat das Chorhemd angezogen und die blaue Stola und hat das Ziborium genommen mit dem seidenen Mäntelchen, das die Schlossersusanna gestickt hat.

Und dann ist es angegangen.

Voraus ist der Meßner und hat geläutet.

Dann ist der Herr Pfarrer gekommen.

Dann sind die Kinder gekommen, und dann die alten Weiber.

Und sie haben laut gebetet und haben gesagt, jetzt ist er auf einmal umgekehrt, und er wird halt sterben.

Und aus den Häusern sind die Leut heraus, und es sind immer mehr mitgegangen, weil es geheißen hat, der Besenbinder ist heilig worden.

Und der Zug ist immer länger geworden und das Beten immer lauter und das Reden immer eifriger.

»Das ist ein Wunder,« hat die Ledererurschi gesagt, und der alte Huberbauer hat gesagt: »Dös hätt i net glaabt.«

83 Und es ist eine ganze Stunde weit bis ins Moos. Da hat er seine Hütte.

Aber es war zugesperrt.

Und kein Mensch hat aufgemacht.

Da ist der Uhrmacherwastl beim Fenster hinein und hat aufgemacht.

Es war bloß der Riegel vor.

Und der Hansl ist auf dem Boden gelegen und hat geschnarcht.

Und dann sind alle hinein in die Hütte.

Da hat ihn der Wastl gestoßen und hat gesagt, Hansl, der Herr Pfarrer is da mit dem Allerheiligsten.

Und der Herr Pfarrer hat gesagt, gelobt sei Jesus Christus!

Und der Meßner hat geläutet, und die Leute haben sich niedergekniet, und der Herr Pfarrer hat sie gesegnet.

Dann sind alle heraus.

Aber auf einmal ist der Herr Pfarrer auch heraus und hat gezittert, und der Hansl ist hinter ihm drein und hat einen Prügel gehabt und einen großen Rausch und hat furchtbar geflucht und geschrieen, daß er keinen braucht und daß er die ganze Hütten zusammenbrennt.

84 Da hat sich der Herr Pfarrer noch einmal umgedreht und hat gesagt: »Gehe in dich, arme Seele! Noch ist es Zeit!«

Aber der Hansl hat wieder geflucht und hat gesagt, daß er schon selber weiß, was er zu tun hat.

Und wie der Herr Pfarrer immer wieder gesagt hat: Kehre um, christliche Seele und tue Buße!, da hat der Hansl mittendrinn einen furchtbar gräuslichen Flucherer gemacht und hat seinen Prügel unter die Leut geschmissen und ist hinein und hat wieder zugesperrt.

Da hat der Pfarrer ganz laut geschrieen: »Dann soll dich der Teufl holen, wennst du es nicht anderst haben willst, du Lump!«

Und er ist mitsamt dem Brunnfärber wieder heim, und die Leut haben gesagt: »Da hört sich doch alles auf! Jetzt lauft man den weiten Weg, und es ist nichts!«

Und ich habe dem Schneidertoni das kleine Messer geschenkt, wo er sich schon lange gewunschen hat.

 

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