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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich bin wieder da

Meine Mutter hat mir oft gesagt, daß sie das für das beste hält: Dreimal im Tag Prügel und einmal was zu Essen.

Aber ich habe oft gleich fünfmal Prügel gekriegt und gar nichts zu Essen.

Aber das macht nichts.

Dafür hat mich die Frau Baumeister wieder zu meinen Großeltern.

Da gibt es fünfmal was zu Essen und gar keine Prügel.

Das ist fein.

Da ist es mir furchtbar gut gegangen.

Und es ist wieder Verschiedenes passiert.

Zuerst ist die Kaffeemühle nicht mehr gegangen und das Butterfaß.

Weil sie ganz hin waren.

Dann hat der Brunnfärber auf einmal ein Schreiben vom Bürgermeister gekriegt, daß es ein Verbrechen ist, und daß er alles ersetzen muß.

66 Und er hat gesagt, das ist unerhört, und ich bin ein rechtschaffener Mann und ein Meßmer, und sie sind halt ausgekommen.

Aber es waren vierundzwanzig Stallhasen, und sie sind alle durch das Loch im Zaun in den Garten vom Tierarzt.

Und das ganze Gemüse war hin und das Kraut auch.

Und sie haben es erst gesehen, wie es schon passiert war, weil der Tierarzt grad beim Schloderbauern war. Weil dem seine schwarze Kuh zwei Kälber gekriegt hat.

Und der Brunnfärber hat es auch nicht gesehen, weil er ministrieren hat müssen in Frauenreuth. Da hat die tote Hauserin ihren Jahrtag gehabt.

Das haben wir aber alles gewußt.

Weil es uns der Brunnfärbersimmerl gesagt hat. Und er hat gesagt, daß er noch einen Klee schneiden muß für die Hasen.

Und dann waren sie nicht mehr da.

* * *

Der Brunnfärber hat eine furchtbare Wut gehabt, und er hat gesagt, daß er es schon noch herausbekommt, wer ihm das angetan hat.

Und er hat die Kinder in der Kirche furchtbar 67 angeschaut und hat gleich jedes bei den Ohren genommen, wenn man nicht still war.

Und bei der Predigt hat er alle Augenblick einen Buben hinaus und hat ihm eine heruntergehaut, und er hat gesagt, da köhnte ös eunem schon verdrühsen, ein Möhßmer zu bleiben, wen man solchene Lühmeln haht.

Aber wir haben ihn ausgelacht, weil er immer so furchtbar fein geredet hat, wie wenn er ein Graf wär oder der Pfarrer, und er war doch bloß ein Bauernfärber.

Und die Apothekermariele hat gesagt, daß sie ihm gern was antun möchte, daß es ihn recht ärgert.

Da hab ich gesagt, ich weiß schon etwas, das tut man in der Stadt auch.

Aber sie hat gesagt, das langt nicht; es muß was viel Ärgeres sein.

Dann habe ich was viel Ärgeres gesagt, und sie hat gesagt, daß sie eine Schachtel voll mitbringt.

Am Sonntag gehen bei uns alle Kinder barfuß in die Kirche; bloß im Winter haben sie Schuhe an. Weil es sonst so viel Spektakel macht auf dem Pflaster, und das kann der Herr Pfarrer nicht vertragen.

Aber da war noch Sommer.

68 Da ist es gegangen.

Am Samstag nach dem Rosenkranz haben wir es hin.

Aber bloß bei den Buben.

Die Buben knieen rechts und die Mädeln links beim Altar.

Und das Pflaster ist ganz weiß und schon ganz rauh, weil es alt ist.

Und bei der Predigt muß man sich auf die Betstühle sitzen, weil keine Bänke sind. Bloß für die Leut sind Bänke.

Um acht Uhr in der Früh hat man die große Glocke geläutet, und dann sind alle hinein in die Kirche.

Dann ist die Predigt gewesen.

Und der Herr Pfarrer hat von der Austreibung aus dem Tempel gepredigt und hat geschrieen: »Mein Haus ist ein Bethaus, Ihr aber habt es zu einer Mördergrube gemacht!« Und er hat furchtbar geschimpft über die unandächtigen Leut, die in der Kirche schwätzen und sich umdrehen.

Und dann hat er auch die Kinder angeschrieen, daß sie nicht immer lachen sollen und sich von den Betstühlen herunterstoßen, und daß er sie alle hinausschmeißt, wie Christus, wenn sie noch einmal mit ihren Messern, Bildern oder 69 Schmalznudeln in der Kirche und unter der Predigt Handelschaften treiben.

Aber es ist eine furchtbare Unruhe bei den Buben gewesen, und der Brunnfärber hat so viele Püffe und Ohrfeigen ausgeteilt, wie noch nie.

Aber es ist alles umsonst gewesen.

Der Nackmoarhansl hat auf einmal ganz laut gesagt: »Herrgott, jatz werd's ma aber z' dumm! Mi beißen meine Füß glei so viel!«

Und der Lindnerpeterl hat gesagt, daß er sich die Zehen abreißen könnte, so jucken sie ihn.

Und dann hat auf einmal einer nach dem andern zu kratzen angefangen und zu wetzen, und sie haben ganz laut geschimpft.

Und der Meßmer hat immer mehr bei den Ohren gepackt und hinausgeführt.

Und der Herr Pfarrer hat nicht mehr weiter predigen können und hat geschrieen, daß er die ganze Gesellschaft morgen in der Schule durchhaut.

Nach der Kirche sind sie alle an den Bach gelaufen und haben gemeint, es sind Ameisen.

Aber es war bloß Juckpulver.

* * *

70 Wenn der Brunnfärber das herausbekommen hätte, daß es ich getan habe, dann wäre es mir schlecht gegangen.

Aber ich habe mich nicht erwischen lassen.

Ich weiß es schon, wie man es machen muß.

Man muß ihn immer furchtbar höflich grüßen, dann denkt er an gar nichts Schlechtes mehr.

Weil er das so gerne hat, daß man ihn so höflich grüßt, wie den Pfarrer.

Dann sagt er immer: »Grieß dich Good, meune Lühwe!«

Ich bin schon froh, daß er so dumm ist; sonst hätte er es der Schlosserresl ganz gewiß gleich geglaubt, wie sie mich bei ihm so verratscht hat.

Aber es macht nichts.

Er glaubt es doch nicht. Und ihr tu ich schon noch was an.

Ganz was Furchtbares.

Vielleicht schmeiß ich ihr einen Stein nach; oder ich lasse ihr vom Gschwandlerfranzl ein paar runterhauen; ich weiß noch nicht, was.

Aber ich finde schon was.

Und wenn sie am Samstag beim Steinigen wieder mittun möchte, dann jag ich sie weiter. Sonst ratscht sie das auch wieder.

Das ist ein furchtbar schönes Spiel.

71 Da ist einer der heilige Stefan, und fünf andere sind die Heiden. Dann kommen die Apostel und die frommen Leut, wo ihn wieder stehlen und eingraben.

Das tut man aber nicht echt. Bloß auf einen Bretterstoß wird er gelegt.

Und er ist gar nicht wirklich tot.

Weil wir keine so großen Steine nicht nehmen.

Die andern nehmen überhaupts bloß einen Lehm; da macht man Kugeln daraus. Aber ich habe schon einen Stein gehabt; einen runden Kiesel.

Dafür habe ich auch nicht auf den Stefan geschmissen. Bloß auf den Florian beim Lorenzenbauern.

Der steht in einer blauen Nische über der Haustür.

Und ich hab gesagt, er ist gipsern.

Aber der Schneidertoni hat gesagt, hölzern.

Da hab ich es probiert.

Aber er war doch gipsern.

* * *

Vorigen Samstag haben sie die arme Weberlies eingegraben. Die war bloß sechzehn Jahr alt und ganz bucklig.

72 Da hab ich mich furchtbar geärgert, wie die eingegraben worden ist.

Nicht einmal einen Kranz hat sie gekriegt.

Und einen Nasendetscher hat sie gehabt als Sarg.

Das ist schon gemein.

Aber es macht nichts.

Jetzt hat sie schon einen Kranz; und ein schönes Grab auch.

Die alte Posthalterin hat so einen ganzen Garten auf ihrem Grab gehabt und die tot Hollerbäuerin auch.

Und der Herr Hans vom Baron droben hat gleich sieben Kränze dort gehabt auf seinem Grab.

Jetzt hat die arme Lies auch einen.

Die Barons hab ich so so dick; die sind furchtbar überspannt. Besonders sie, die Baronin.

Die kann die Bauern nicht riechen.

Aber das macht nichts.

Der passiert schon auch noch einmal was. Vielleicht etwas ganz Arges.

Vielleicht werden ihre Goldfische hin; oder ihre Lina wird überfallen und geprügelt.

Dann kann sie auch wieder so tun wie neulich. Die alte Schachtel.

73 Da ist sie durch das Dorf spazieren gegangen und hat den Rock furchtbar hoch aufgehoben; und alle Augenblick hat sie die Nase zugehalten und hat gesagt:

»Fidong! Fidong! Der Geruch! – Lina komm! Hier riecht's nach armen Leuten!«

Da haben wir gerade auf einer Stange geturnt, und ich habe es den andern gezeigt, wie man in der Stadt turnt.

Da hat sie ganz laut geschrieen: »Fidong! Fidong! – Entsetzlich! –Und nicht einmal Hosen hat sie an!«

Ich bin doch kein Bub nicht!

 

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