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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Obstlese

Im Sommer wachsen allerhand Beeren.

Die einen wachsen auf dem Boden, das sind die wilden.

Da sagt man, man geht in die Erdbeer oder in die Taubeer.

Aber an den Sträuchern wachsen die andern.

Bloß die Himbeer sind auch wilde.

Aber die Johannisbeer nicht, und die Stachelbeer auch nicht.

Die wachsen eingesperrt.

Hinter dem Zaun oder in der Mitte vom Garten.

Bei meiner Großmutter sind keine gewachsen.

Aber beim Nachbar.

Das ist beim Gschwandler.

Aber das macht nichts.

Da geht es doch, weil der Zaun kaput ist; ich habe es neulich gesehen, wie der schwarze Kater vom Neuwirt und die rote Miezl vom Gschwandler 46 durchgeschloffen sind. Da hat die Latten schon furchtbar gewackelt.

Und die Kriechen sind jetzt auch zeitig.

Bei der Schmiedin von Adling.

Das sind kleine Pflaumen; aber man sagt Kriechen.

Die holen wir immer bei der Schmiedin.

Die weiß es schon.

Und schimpft furchtbar.

Aber das macht nichts.

Weil sie die Wassersucht hat.

Drum kann sie nicht mehr laufen, hat die alte Sailerin gesagt.

Das ist ganz recht.

Weil sie neun Kriechenbäume hat.

Sie hat schon Äpfel auch und Birnen auch, aber die sind noch nicht zeitig.

Aber die Kirschen sind damals grad zeitig gewesen, wie wir gekommen sind.

Aber da ist der Knecht dazugekommen.

Er hat mich aber nicht gehaut, weil er ein feiner Mensch ist.

Und das letzte Mal ist er im Wirtshaus gewesen, wie wir gekommen sind.

Der Schlosserflorian und der Neuwirtshubertl und ich.

Der Hubertl hat gesagt, heut kriegen wir grad genug, weil der Knecht schon Schnaderhüpfl singt. Da bleibt er noch lang sitzen im Wirtshaus. Er geht immer zum Neuwirt, weil da ein Orchestrion ist.

Da habe ich der Großmutter ihren großen Brotkorb genommen und der Florian eine Millikandl.

Aber der Hubertl hat gesagt, daß er das nicht mag, weil er daheim doch wieder ein Bier trinkt.

Da hat er bloß seinen Hut voll gemacht.

Und es ist gut gegangen und kein Mensch nicht gekommen.

Aber ich habe so viel gegessen, daß mir auf einmal ganz schlecht war, und ich hab meinen Korb kaum mehr tragen können.

Und dann ist der Herr Lehrer gekommen, und die andern sind davon.

Aber ich habe nicht mehr können, und es war mir noch viel schlechter.

Und ich habe mir gedacht, wenn ich doch das nicht getan hätte, und ich tu es nicht mehr.

Da ist er hergegangen und hat gesagt, was tust du da?

Da hab ich gesagt, daß der Korb so schwer ist und mir ist so schlecht.

Da hat er gesagt, wie, laß einmal schauen! Und dann hat er den Korb genommen und hat gesagt, das 48 glaub ich gerne; das ist aber auch eine Dummheit, daß man dir einen so schweren Korb tragen läßt!

Und dann hat er ihn mir tragen helfen.

Bis zu uns.

Und er hat es nicht gespannt, und die Großmutter auch nicht.

Weil ich gesagt hab, daß sie von der Schmiedin sind, und sie hat gemeint, geschenkt.

Aber jetzt gehe ich nicht mehr hin.

Weil ich etwas anderes weiß.

Nämlich der Pomeranzenkorb von der Kramerin steht am offenen Fenster.

Die Pomeranzen sind noch viel besser wie die Kriechen. Die bringt immer die Bötin mit, wenn sie in die Stadt fahrt.

Die hat gesagt, daß es italienische sind.

Aber das macht nichts, deswegen sind sie auch gut.

Die Italiener kann ich nicht leiden; das sind solche wilde Schlowaken. Die können nicht einmal gescheit reden. Und sie müssen die neue Bahn bauen, und am Sonntag hat einer einen erstochen.

Aber die Pomeranzen sind ganz gut.

Ich hab schon fünf gegessen.

Und die Schlosserresl hat auch eine gegessen.

Aber das war keine Pomeranze.

49 Bloß eine Zitrone.

Die sind nicht gut, aber furchtbar sauer.

Und sie hat die ganzen Prügel gekriegt.

Weil sie die Kramerin erwischt hat.

Und sie hat absichtlich die Zitronen hingestellt.

Das hat sie meiner Großmutter gesagt, und hat gefragt, ob sie nichts gesehen hat, daß ich einmal eine heimgebracht hätte.

Aber meine Großmutter hat gesagt, das wär noch das schönere! Ob die Kramerin meint, daß wir auch eine solchene Bagaschi sind, wie die Eisenbahner!

Und sie hat zu mir gesagt: »Gel Lenei, du hast nixn g'nomma?«

Da hab ich gesagt: »Naa, i woaß gar net, was daß du moanst.«

Aber ich hab es schon gewußt.

Und dann hab ich es der Resl gesagt.

Weil ich einen Zorn auf sie gehabt hab und eine Rache hab nehmen wollen.

Weil sie alles dem Pfarrer pritscht, wenn man etwas tut.

Und ich hab gar nichts Arges getan, bloß meine Hände hab ich nach dem Gräberrichten gewaschen. Im Weichbrunnzuber, hinten in der Kirche. 50

Aber die Kramerin hat gelurt und ist ihr nach, und dann ist ihr die Resl doch ausgekommen.

Ich habe auf dem Berg an der Eichenallee auf sie gewartet.

Da hat sie ein furchtbares Gesicht gemacht, weil sie hineingebissen hat.

Ich habe gesagt, daß sie alles essen muß, weil man sie sonst finden kann, aber sie hat nicht können, weil es doch eine Zitrone war.

Da ist sie an den Bach gelaufen und hat sie hineingeschmissen.

Aber daheim hat sie furchtbar Prügel gekriegt.

Das war ganz recht; wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

 

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