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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Bettelsack

Die alte Sailerin hat einmal meiner Großmutter einen Ausspruch getan.

Das heißt man wahrsagen.

Und sie hat gesagt, daß es im Stall nicht mehr richtig ist, sie weiß es.

Da ist der Großmutter gleich angst worden, und sie hat gesagt, sie laßt ihn aussegnen, und der Großvater hat gesagt, er schmeißt sie hinaus, wenn sie wieder was weiß, die alte Hex.

Aber es ist furchtbar zugegangen. Weil die Scheckalies ein Loch im Bauch gehabt hat.

Das hat ihr der Blaßl hineingestoßen mit seinen Hörnern.

Das ist recht arg gewesen.

Und der Tierarzt hat gesagt, es ist nichts mehr zu machen, und ihr müßt sie halt schlachten lassen.

Dann ist der Schinder gekommen.

Der ist ganz langsam um die kranke Kuh 36 herumgegangen und hat große Falten ins Hirn gemacht.

Mein Großvater hat ihn gefragt, ob er sie mag.

»Ja, warum net!« hat der Schinder gesagt und ist wieder herumgegangen.

»Was gibst mir denn dafür?« hat der Großvater gefragt.

»Ja mei, da ko ma halt net guat ebbas sagen, Handschuster!«

Dann hat der Schinder seine große Schnupftabakdose herausgezogen und hat geschnupft.

»Dös woaßt scho, Handschuster; i bin a armer Teifi und muaß bei an jedn Stuck ei'büaßn! – Hazzih – bei jedn Stuck, sag i dir, büaß i ei'!«

»Ja, was net gar! Helf dir Good!«

»G'segn dir's Good, Handschuster! Ja, g'wiß und wahr is: bei r an jedn Stuck!«

»Geh, was sollt denn na' i sagn! Moanst 'leicht, mir ham s' es g'schenkt, z' Holzkircha!«

»Ko ma net wissn, Handschuster, ko ma net wissn!«

Dann hat er sich geschneuzt, der Schinder.

»Ja, was biatst ma denn überhaupts? Da redt er allewei vo Ei'büaßn und hat no net amal ebbs botn!« hat der Großvater wieder angefangen.

37 »Ja mei, Handschuster, dös is gar net so oafach! – Schaug! – Net? Du woaßt es selm, Handschuster, an Schaden hab i allewei!«

Dann hat er seine Hand auf meinen Großvater seine Achsel gelegt: »Sigst, du bist mei Freind, Handschuster, du bist mei Freind. Drum gib i dir dös Höchste, was i dir gebn ko! – Geh, magst net amal schnupfa?«

Dabei hat er meinem Großvater seine Dose unter die Nase gehalten.

Der Großvater hat ein paar Schritt zurückgemacht: »Naa, g'segn dir's Good! I schnupf nixn. Sag ma liaber, was d' ma gibst für den Ranker, bevor er verreckt.«

»Du bist halt a braver Mo, Handschuster. Du sagst es oan glei selm, bal' a Viech nixn taugt. No ja, i hab's ja selm scho g'sehgn, daß a Ranker is, a rechter Ranker!«

»Jatz hörst ma aber auf! Hallodri, verfluachter! I wer' dir's glei zoagn, wer der Ranker is! Balst es um hundertfufzg Markl habn willst, na' ko'st es habn. Wenn net, na' schaugst, daß d' weiter kimmst, na' gib i 's überhaupts net her; na' schlag i 's selm.«

Da hat der Schinder geschrieen: »Ja, was fallt dir denn ei'! Koane hundert gab i dir, koane hundert!«

38 Dabei hat er gelacht.

Und wie er noch lacht, kommt der Huberwirtsisidor zur Stalltür herein: »'ß Good, Handschuster! Der Vater schickt mi hintere; balst mi brauchst zum Schlagn, na' derfst es grad sagn. Der Tierarzt hat's eahm g'sagt zwegn der Kuah. Der Vater moant, bal' ma's no braucha ko, nimmt er dir's scho ab, 's Fleisch!«

Wie der Schinder das gehört hat, hat er den Großvater beim Arm gepackt und hat gesagt: »Also, was is's, Handschuster? Gibst ma's na' um hundert Mark?«

Aber der Großvater hat nicht mehr gehört und hat den Isidor gefragt: »Was moanst denn, Dori, daß er ma gibt, dei Vater?«

»So viel, wia der da hinten aa!« hat der Isidor gesagt und hat den Schinder verächtlich angeschaut.

Da hat der Schinder recht geschimpft über den Brotneid und hat gesagt, daß er ein armer Mann ist, und dann ist er davon.

Da haben sie die Kuh in der Tenne geschlachtet und an die Balken gehängt, und haben ihr die Haut herunter wie einem Erdapfel.

Wie dann mein Großvater auf d' Nacht mit der Großmutter die Nachtsuppen gegessen hat, 39 hab ich es gehört, daß es ein Verdruß ist, und daß wieder zweihundert Mark hin sind, und er bringt ihn noch um, den Blaßl.

Und die Großmutter hat gesagt, untersteh di, unser liaber Herr werd scho wieder helfa.

Aber der Großvater hat gesagt, hör ma auf, dö Hilf kenn i scho; und hat seinen Löffel an den Hemdärmel hingewischt und hat gesagt, himmlischer Vater, wir danken dir, daß du uns gespeist hast, Amen. Das war das Tischgebet.

Am andern Tag in aller Früh bin ich aufgestanden und hab der Großmutter ihr weißes Halstuch aufgesetzt und hab den Zegerer genommen.

Das ist ein großer Sack mit einem Gschloß. Und zwei Handheben. Aber man sagt Zegerer.

Dann bin ich fort.

Und ich hab gedacht, daß die Kapuziner auch einen Zegerer haben und bloß gelt's Gott sagen, und in der Legend steht es auch von den Heiligen.

Und der Meßner in der Kirch geht auch jeden Sonntag mit seinem Klingelbeutel umeinander und sagt gelt's Gott.

Also hab ich auch gelt's Gott gesagt.

Aber es waren viele Papierl, und die Bäuerinnen haben gesagt, verlier's fei net.

40 Und die Hausnerin von Kolbing hat gesagt, daß es ein Graus ist, so ein kleines Kind und so ein großer Zegerer.

Weil er schon ganz voll war.

Weil sie mir soviel Schmalz gegeben haben und Eier und Flachs und Nudel. Und ich war in Haslach und in Kolbing und in Frauenbrünnl.

Und die Meßnerin von Frauenbrünnl hat mich davon gejagt und hat furchtbar geschimpft über die Bettelleut.

Aber das macht nichts.

Dafür muß sie jetzt das Fenster zupappen. Oder dem Glaser sagen, daß es hin ist.

Aber die Noimerin in Haslach hat mir ein großes Papierl gegeben und hat gesagt, daß mein Großvater ein kreuzbraver Mann ist, und die Reischbin hat mir zwölf Bruteier versprochen und hat gesagt, g'segn dir's Gott.

Weil ich auch gelt's Gott gesagt hab.

Und mein Großvater hat sie alle aufgewickelt, und es war lauter Geld drinnen in den Papierln.

Und bei der Noimerin ein Taler.

Sieben Schmalz und vier Flachs und achtunddreißig Mark im Ganzen.

Aber zwei Eier waren hin.

41 Aber das macht nichts.

Es sind noch dreizehn, und die Reischbin bringt noch zwölf.

Dann kriegen wir wieder Hendl. Oder Gickerln.

Und ich hab mich furchtbar gefreut; und der Großvater hat gesagt, ich bin ein dummes Nachtei, und die Großmutter hat gesagt, daß inser liaber Herr hilft.

Aber am Sonntag nach der Kirche ist der Großvater gar nimmer fertig worden mit lauter gelt's Gott.

Da haben die Bauern zu ihm gesagt, mir lassn di net hänga, Handschuasta, und der Schmied von Kolbing hat ihn gefragt, ob er das Fufzgerl kriegt hat, er hat's gut eingewickelt ins Vaterland.

Und man hat von allen Seiten sehen und hören können, wie die Leut barmherzig sind, und wieviel als sie uns geschenkt haben.

Aber es waren doch bloß achtunddreißig Mark.

Und es sind doch zweihundert hin.

 

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