Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lena Christ >

Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Wo ist mein Vater?

Es war alles umsonst.

Ich habe ihn doch nicht gefunden.

Meinen andern Vater, der wo eigentlich ertrunken ist.

Jetzt glaube ich es selber, daß er nicht mehr kommt.

Aber es war doch ganz genau sein Name, und alles hätte gestimmt.

Und da bin ich hin.

Gärtnerplatz drei, im zweiten Stock.

Karl Krafft, Ordonnanzfeldwebel a. D.

Ich habe mich furchtbar fein angezogen, damit ich ihm gleich recht gefalle.

Und im Gehen habe ich es mir ausgemalt, wie ich ihn begrüße und so.

Aber wie ich angeläutet habe, ist mir auf einmal schlecht geworden.

Und ich habe schnell geschaut, ob ich nicht noch geschwind abschieben kann.

152 Es ist aber schon jemand dahergekommen und hat aufgemacht.

Aber es war eine ganz alte Frau.

Da habe ich etwas gedacht, und dann habe ich gesagt: »Grüß Gott, Großmutterl!«

Und habe sie um den Hals genommen.

Aber sie hat gesagt: »Naa, Fräulein, Sie täuschn Eahna! I bin koa Großmuatta net!«

Da habe ich gedacht, herrschaft, am End ist das gar die Frau von meinem Vater!

Aber sie war doch schon furchtbar alt!

Derweil ist jemand aus einem Zimmer gekommen und hat gesagt: »Ja Frauli, was isch denn? Wer isch denn 'komme?«

Ich bin so erschrocken, wie ich ihn gesehen habe, daß ich ganz verdattert gesagt habe: »Bloß i, d' Leni.«

Denn er war noch älter wie sie.

Vielleicht schon sechzig Jahr.

Da hat die Frau zu ihm gesagt: »I woaß aa net, Alter, wer's is!«

Und dann hat sie zu mir gesagt: »Geh, gengan S' a bißl rei!«

Ich bin hinein und hab furchtbar geschluckt, damit ich nicht weinen muß.

Und ich habe gesagt, daß ich meinen Vater suche.

153 Und er heißt Karl Krafft, und ist aus Dinkelsbühl, sagt die Mutter.

Da ist die Frau auf ihn zu und hat ganz gspaßig gesagt: »Du! – Alter! – Hast am End . . .?«

Aber er hat ganz fein gelacht und hat bloß gesagt: »Aber Frauli!«

Und er hat gemeint, ich soll mich doch setzen und e Schälele Kaffee mit ihnen trinken.

Und die Frau hat gesagt, jawohl, dann dischkriert es sich leichter.

Aber sie hat mich immer so angeschaut und dann wieder ihren Mann.

Dann hat sie einen Kaffee gekocht.

Aber er hat mich gleich ausgefragt, wer ich bin, und was ich denn von ihnen will.

Da habe ich gesagt, meinen wirklichen Vater. Und ich bin die Christleni. Und ich habe gedacht, weil er auch Krafft heißt, ist er es. Aber jetzt glaube ich es nicht mehr.

Und ich habe gesagt, vielleicht haben sie noch einen Sohn, der wo auch so heißt.

Aber sie haben keinen gehabt.

Das ist schade.

Weil sie mir so gefallen haben.

Und sie sind so nett.

154 Und sie haben ein Sach wie meine Großmutter.

Und ich habe ihnen auch so gut gefallen, und der alte Mann hat gesagt, ein so frätzigs Mädle möcht er schon by Gott habe zum e Töchterle!

Das freut mich furchtbar.

Und sie haben mir eine goldene Tasse gegeben, wo draufsteht: Sei glücklich.

Und das Frauli hat mir die Hand gegeben und hat gesagt, daß sie leidergott ganz alleinig sind; und ich soll bald wiederkommen. Und sie haben jetzt bald die goldene Hochzeit und leidergott gar kein Kind und kein Kegel.

Das tut mir furchtbar leid.

Und ich habe gesagt, ich möchte gleich dableiben und ihre Tochter sein. Aber es geht nicht, weil ich jetzt noch suchen muß um meinen Vater. Und wenn es nichts hilft, dann gehe ich leider ins Kloster.

Das war ihnen gar nicht recht.

Und sie haben mir erzählt, daß sie noch einen Verwandten haben in Dinkelsbühl, der wo ein Schäfer ist. Aber sie wissen nichts von ihm, weil er nicht schreiben und nicht lesen kann. Und sie haben ihn schon seit ihrer Hochzeit nicht mehr gesehen.

Er heißt Gottlieb Krafft.

155 Da habe ich gedacht, vielleicht ist dieser mein Großvater.

Und sie haben gesagt, daß der Pfarrer alles im Kirchenbuch hat, und ich soll ihm schreiben.

Dann bin ich wieder fort.

Aber sie waren furchtbar nett.

Und dann habe ich dem Pfarrer geschrieben, daß er mir hilft, weil ich meinen Vater suche.

Da hat er es dem alten Schäfer gesagt, und dann hat mir die Frau Schäferin einen Brief geschrieben:

Liebes Freilin.

Indem das es nicht stimt und wir haben leider nur ein Sohn gehabt und ist aber nur fünf Monat auf erden gewandelt. Und wir haben noch eine Dochter, aber die ist es nicht. Und wir sind schon alte Leute und wissen es nicht.

Es grißt Eich

Johanna Krafft.

Das ist sehr traurig.

Adje, du schöne Welt!

Jetzt geh ich doch ins Kloster.

 << Kapitel 15 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.