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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das gute Geschäft

Wie mein Vater noch die Metzgerei gehabt hat, da habe ich alle Tage in der Früh das Fleisch austragen müssen.

Da bin ich zu allen möglichen Leuten gekommen: Zu einem Bankdirektor, wo sie mir immer ein Zuckerbrot oder einen Apfel geschenkt haben; zu einem alten Schuhmacher, der wo keine Frau nicht mehr hat und sechs Kinder; bei dem habe ich oft schnell der kleinen Lieserl die Milchflasche hinhalten müssen, bis er beim Gärtner oder beim Bäcker was geholt hat. Dafür hab ich dann ein Fünferl gekriegt, und er hat mir einmal den Stiefelabsatz umsonst wieder angenagelt, wie ich im Pferdebahngeleise hängen geblieben bin.

Dann bin ich auch oft zu einem alten Hofrat gekommen; der hat über hundert Kanarienvögel, ganz feine, wo man Roller sagt.

Der mag mich furchtbar, und er hat gesagt, 110 daß er mir einmal, wenn ich groß bin, ein Geld schenkt zum Heiraten.

Wenn ich zum Herrn Hofrat gegangen bin, habe ich immer am Viktualienmarkt vorbei müssen und einen Salat oder ein paar Äpfel für seine Vögel kaufen.

Die alte Frau, wo ich die Äpfel gekauft habe, ist ganz bucklig und sehr brav.

Und sie hat gesagt, daß ich ihr alle Tage ein halbes Pfund Fleisch bringen darf, und sie kocht es gleich in ihrem Stand auf dem Kohlenbecken, wo sie sich die Hände wärmt, wenn es kalt ist.

Jetzt habe ich ihr schon ein Jahr lang das Fleisch gebracht, und sie hat gesagt, daß sie froh wäre, wenn sie mich hätte.

Und dann hat sie gesagt, daß sie eine Verhandlung hat, und daß sie gar niemand hat für den Stand. Und sie kann ihn doch nicht zusperren, weil sich sonst die Kundschaften verlaufen.

Ich habe gesagt, wenn halt ich dableiben könnte! Ich täte es schon.

Das hat sie furchtbar gefreut, und sie hat gesagt, daß sie mir ein Fufzgerl gibt, wenn ich komme.

Aber ich habe gesagt, ich muß doch in die Schule, und die Mutter erlaubt es auch ganz gewiß nicht.

111 Da hat sie gesagt, ich brauche es meiner Mutter doch gar nicht zu sagen, und in der Schule finde ich gewiß eine Ausrede.

Und dann hat sie gleich zu ihrer Nachbarin hinübergerufen, daß sie jetzt schon jemanden hat für den Stand, wenn sie am Samstag auf das Gericht geht.

Aber die andere hat bloß spöttisch gelacht und hat gesagt: »Mir gangst mit so einem Lausdirndl! Da tät i mir schon um wem richtigen schaugn!«

Diese gemeine Person!

Als ob sie alleinig was wär!

Aber die alte Frau hat gesagt, es bleibt dabei, und sie weiß schon selber, was sie tut.

Und ich habe gesagt, ich komme ganz bestimmt.

Am Freitag nachmittag habe ich zum Fräulein gesagt, daß wir daheim ein kleines Brüderl gekriegt haben, und ob ich morgen daheim bleiben darf?

»Wird es getauft?« hat das Fräulein gefragt.

Da habe ich gesagt: »Ja.«

Aber das ist nicht gelogen. Bloß der Tag; erst am Sonntag ist Taufe.

Aber das macht nichts.

Sie weiß es ja nicht.

Und dann hat sie gesagt: »Ja, du kannst wegbleiben.«

112 Wie ich dann am Samstag das Fleisch fort habe, bin ich schnell hingelaufen und habe es ihr gesagt, daß ich komme.

»Das ist fein!« hat sie gesagt, und ich habe mich furchtbar gefreut.

Dann bin ich hin.

Sie hat mir noch um drei Mark ein kleines Geld in das hölzerne Schüsselchen, und dann hat sie an jeden Korb einen Zettel gesteckt, was alles kostet.

Die Birnen haben zwanzig gekostet und die Äpfel fünfzehn, zwanzig und vierundzwanzig.

Und die Trauben dreißig.

Und sie hat gesagt, daß ich auch was essen darf und daß ich gut wiegen soll.

Dann hat sie einen grünsamtenen Kapothut unter einer Kiste herausgezogen und einen Krimmerkragen umgehängt.

Und dann ist sie fort und hat mir zugerufen.

»Also! A recht a guats G'schäft!«

Ich habe mir gedacht, da kommen gewiß recht viele Leute zum Einkaufen.

Aber ich bin schon eine ganze Stunde dortgestanden, und noch kein Mensch ist gekommen.

Bloß hingeschaut hat manchmal eine.

»Die haben höchstens kein Geld nicht dabei,« habe ich mir gedacht.

113 Da ist eine feine Dame mit ihrer Köchin gekommen und hat gefragt: »Was kosten diese Äpfel?«

Da habe ich gesagt, zwanzig, und diese hier vierundzwanzig.

»Hm,« hat sie gesagt, »das ist mir doch zu teuer.«

Und dann hat sie sich umgedreht und hat zu der Nachbarin ihrem Stand hinübergeschielt.

Da habe ich gedacht, das darf nicht sein, daß diese unverschämte Person ein Geschäft macht und mich auslacht.

Und ich habe schnell gesagt: »Gnä Frau sind gewiß immer Kundschaft hier; die Frau hat gesagt, für Kundschaften, wo immer kommen, kosten diese bloß ein Zehnerl, wenn man gleich zehn Pfund kauft!«

»Ah!« hat sie da gesagt und hat mich furchtbar dumm angeschaut; »eigentlich kaufe ich ja . . .«

Da hat sie aufgehört zum reden und hat die Köchin angeschaut.

Die Köchin hat gesagt: »Das ist sehr billig Frau Dokter!«

Und sie hat den Korb aufgemacht.

Da hat sie gesagt: »Nun, also; zehn Pfund!«

Ich habe mich furchtbar gefreut und habe der Nachbarin in Gedanken die Zunge ausgebleckt.

114 Dann habe ich die Apfel eingewogen.

Immer zwei Pfund.

Dann hat sie gezahlt und ist gegangen.

Da habe ich mir gedacht, wie sich die da drüben wohl ärgern möchte, wenn ich jetzt alles verkaufen würde und sie nichts.

Und ich habe die Zettel alle weg und habe ganz laut geschrien: »Einkauft, meine Leut! 's ganze Pfund nur a Zehnerl! Alles nur ein Zehnerl!«

Die Weiber von den andern Ständen sind voller Schrecken in die Höhe gefahren, und die Nachbarin, diese rothaarige Person, hat gleich geplärrt: »Jess' Maria! Dö is narrisch wordn! Holt's d' Polizei!«

Aber ich habe hinübergeschrien, das geht sie gar nichts an, und ich habe die Erlaubnis!

Und dann habe ich wieder furchtbar laut gerufen: »Einkauft! Alles nur ein Zehnerl!«

Da sind die Leute hergegangen und haben geschaut, was es ist.

Und sie haben gesagt, das ist aber billig, und haben sich ein Pfund oder zwei gekauft.

Ich habe mir gar nicht mehr zu helfen gewußt, so viele Menschen sind um mich herumgestanden.

Immer besser ist das Geschäft gegangen, und 115 um elf Uhr habe ich nichts mehr gehabt, wie die leeren Körbe und die Schüssel voll Zehnerln.

Die Nachbarin ist fast geplatzt vor lauter Wut, und ich habe gemeint, sie verprügelt mich.

Da ist die alte Frau wiedergekommen.

Wie die den leeren Stand gesehen hat, ist ihr gleich der Ridikül aus der Hand gefallen.

Und sie hat entsetzt gefragt: »Ja, wo is denn mei' Sach?«

Ich habe gelacht und habe gesagt: »Verkauft! Alles ist ausverkauft!«

Und dann habe ich ihr die Geldschüssel hin.

Aber da ist die Nachbarin wie eine Furie auf sie losgefahren.

Und sie hat geschrien, daß ihr gleich die Stimme übergeschnappt ist: »So eine Unverschämtheit! O'zoagn tua i enk! Ihr Bagasch! D' War' a so verschleudern und uns arme Weiber z' Grund richtn! So a Gemeinheit! An Inschpekter werd's gmeldt, was's ös für oa seids!«

Die arme Alte hat sich gar nicht mehr ausgekannt, so hat die Nachbarin geschimpft.

Und wie dann die andern Weiber auch noch angefangen haben zu schreien, da hat sie gesagt: »Jatz woaß i wirkli nimmer, bin ich narrisch, oder san's dö! Was is denn eigentli gwesn?«

116 Da hab ich gesagt: »Ah! Neidig san s' mir alle z'wegen dem guten Gschäft, wo i gmacht hab!«

Und dann habe ich ihr es gesagt, daß ich für alles bloß ein Zehnerl verlangt habe, damit er der da drüben recht hockt.

Da hat sie einen Schrei ausgestoßen, und ich habe gemeint, daß sie stirbt.

Aber sie hat auf einmal den Ridikül gepackt und hat ihn mir um die Ohren gehaut.

Und sie hat gesagt, daß ich ein freches Lausdirndl bin, und daß sie jetzt einen furchtbaren Schaden hat. Und sie hat doch die ganze Schüssel voll Geld gehabt! Bei der verkauf ich gleich wieder!

 

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