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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Femgericht

Jetzt ist es aus und vorbei.

Am Sonntag muß ich wieder nach München.

Meine Freunde haben gesagt, daß es schad ist, wenn ich wieder in die Stadt komme, weil es dann gar nichts mehr gibt.

Und sie tun alles, was ich sage; und damals, im Winter, wo wir vom Schloßberg heruntergerodelt sind, haben sie gesagt: »Handschusterleni! Fahr du voraus!«

Dann bin ich vorausgefahren, über den Berg hinunter und hinein in den zugefrorenen Moorbach.

Und sie sind alle nachgesaust.

Aber auf einmal hat es gekracht, und drei sind im Wasser gelegen; und sie sind ganz voll Schlamm gewesen, und der Ropfergirgl hätte bald ersaufen müssen; aber wir haben ihn schon noch herausgezogen.

100 Und dann hätten sie mich verprügeln wollen; aber ich bin nicht so dumm und bleibe stehn.

Am andern Tag haben sie es schon lang wieder vergessen gehabt, und wir haben alle miteinander eine Schneeballenschlacht gemacht, und haben dabei der Gschwandlerin das Abtrittfenster eingeworfen.

Die weiß es heut noch nicht, wer es getan hat, und wir sagen nichts.

Sonst gibt es was.

Wir haben so noch genug von den Prügeln, wo uns der Lehrer gegeben hat, weil wir den Ropfergirgl aufgehängt haben.

Da hat uns der Lehrergustl eine Geschichte vorgelesen aus einem dicken Buch, das hat sein Vater auf dem Gymnasium schon gehabt, und da hat es geheißen, daß die Bauern selber ein Gericht gemacht haben und haben die Leut aufgehängt, und das hat man das Femgericht geheißen.

Das war furchtbar schön, wie er das gelesen hat, was für Sprüche daß die dabei gemacht haben.

Und ich habe gedacht, daß das ein feines Spiel wäre, und habe es ihnen gesagt.

Da haben sie hurra geschrien und haben 101 gesagt, in der Eichenallee, weil das heilige Bäume sind.

Dann ist es angegangen.

Hinter der Planke vom Huberwirt haben sich alle versammelt; und es war ein ganzer Haufen.

Der Gschwandlerfranzl hat die große Heiligenlegende mitgeschleppt, und ich einen langen Strick.

Und wir haben unsere Sacktücheln an die Geißelstecken gebunden, und Hafendeckel und Gießkannen mitgenommen zum Trommeln und Blasen.

Der Neuwirtshubertl hat dem Radfahrerverein Wandervogel sein Trinkhorn von der Wand herunter, weil es heißt, die alten Deutschen die stießen ins Horn.

Dann sind wir in die Eichenallee hinausgezogen und haben dazu gesungen: Bei Sedan auf den Höhen, da stand nach blut'ger Schlacht in später Abendstunde ein Bayer auf der Wacht.

Und wie wir droben waren, hat der Gschwandlerfranzl seine Legend auf einen Baumstumpf gelegt und hat sie aufgemacht.

Dann hat er alle aufgerufen, die wo die Richter machen sollen.

Und dann haben sie gefragt, wer der Verbrecher ist.

Da haben gleich alle geschrien, ich, und es hätte 102 bald eine Rauferei gegeben, weil sie den Ropfergirgl genommen haben.

Da habe ich geschrien, daß ich der Henker bin, und daß einer mit mir auf den Baum hinaufsteigen soll und den Strick anbinden.

Der Hubertl hat gleich das Trinkhorn umgehängt und ist auf den Baum; aber da hat es auf einmal einen Plumpserer getan, und er ist dagelegen.

Und das Horn war ganz verbuckelt an dem silbernen Rand.

Aber er hat gesagt, das macht nichts, weil sein Vater heut in Holzkirchen ist beim Viehmarkt, und seine Mutter schaut nicht.

Jetzt ist der Birmelinkarl hinauf und hat den Strick um einen dicken Ast gelegt; dann ist auf der einen Seite die Schlinge heruntergehängt und auf der andern das Ende.

Dann sind alle in einem großen Kreis hingestanden und haben gesungen: Mir san die tapfern Bayern, sagt jeder, der uns kennt.

Der Ropfergirgl hat sich derweil versteckt, und dann haben sie ihn gebracht.

Der Schusterwastl hat ihn mit einem Strick angehängt und hat ihn vor die Richter gestoßen, und alle haben getrommelt.

103 Aber der Girgl hat gesagt, er soll ihn nicht so umeinanderstoßen, sonst wischt er ihm eine, und er mag nimmer, weil die so grob sind.

Da hat der Gschwandlerfranzl in die Hände gepatscht und hat gesagt: »Ruhe!«

Dann hat er in der Legende furchtbar umeinandergeblättert und hat gesagt: »Soo! Jetzt haben wir ihn, den Verbrecher. Jetzt wird er vor die Gottesrichter hergestellt.«

Und er hat den Girgl gefragt, ob er weiß, warum er da ist, und daß er ein Räuber ist und ein bayrischer Hiasl?

Da hat er gesagt, nein.

Aber der Richter hat gesagt, du Aff, du sollst doch ja sagen.

Dann hat er ja gesagt.

Jetzt hat der Richter, der Franzl, gesagt: »Geliebte Gesellen, was muß man mit diesem Räuber tun?«

Da haben alle gebrüllt: »Aufhängen!«

Und sie haben furchtbar getrommelt und geblasen.

Da hat der Richter gesagt: »Bringts ein hölzernes Kreuz, und einer muß der Priester sein.«

Der Schlosserflorian ist ein Ministrant und kann lateinisch; der war der Priester und hat 104 eine große Epistel gesungen, wie der Pfarrer bei der Vesper.

Dann haben sie ein Kreuz aus Asten gebunden und haben es vorangetragen.

Auf einmal ist der Ropfergirgl ganz blaß geworden und hat zum Schusterwastl gesagt: »Jetz mag i nimmer! Dös is koa g'scheits Gspui!«

Der Feigling!

Da ist der Hubertl hin und hat geschrien. »Schaam di, du feiger Tropf! Geh weg, laß mi hin, i trau mi glei!«

Und er hat ihm einen Renner gegeben und hat sich die Schlinge gleich selber umtun wollen.

Aber da hat sich der Girgl doch geschämt und hat gesagt: »Wer sagt denn dös, daß i mi net trau! Schaug, daß d' weiterkimmst, i bin der bayrische Hias!«

Da ist der Hubertl weg, und wir haben dem Girgl den Strick um den Leib.

Wir hätten ihn schon um den Hals getan, aber, da kann man nicht mehr schnaufen, hat er gesagt.

Dann haben wir alle am andern Ende gezogen und haben ihn hinauf; und danach haben wir den Strick viermal an ein junges Eichbäumlein angeknüpft.

105 Derweil hat der Florian gesungen, wie am Gottsacker.

Das war furchtbar schön.

Auf einmal schreit der Gschwandlerfranzl: »Herrgott! Der Herr Pfarrer kimmt übern Berg runter!«

Und er hat seine Heiligenlegende gepackt und ist davon.

Da haben sie alle Angst gekriegt und sind auch davon, und der Girgl hat gejammert: »Tuts mi runter!«

Aber ich habe zum Wastl gesagt und zum Florian, daß es gescheiter ist, wenn wir verschwinden; denn wenn er uns erwischt, dann ist es gefehlt.

Da haben wir den Girgl hängen lassen und sind davon.

Der Girgl hat zu schreien angefangen und hat uns nachgerufen: »I sag's mein Vater, i sag's 'n Pfarrer!«

Aber wir haben nicht mehr gehört.

Wir sind alle heim und dann bin ich an das Haus vom Ropfer.

Da waren schon mehrere und haben gesagt, daß sie auf ihn warten.

Ich habe gesagt, man soll einmal hinaufschauen, 106 ob er noch hängt; aber da ist er schon dahergekommen und hat seinen Bauch gehalten, und hat geheult.

Und er hat gesagt, daß der Herr Pfarrer gar nicht bei ihm vorbei ist, und daß ihn gerade der Sägmüller abgeschnitten hat, und daß er ganz hin ist, und er verklagt uns alle, was wir für Mörder sind.

Aber wir haben ihm alles versprochen, wenn er nichts sagt, und jeder hat ihm was geschenkt.

Aber der Sägmüller ist gleich zum Pfarrer gelaufen, und am andern Tag haben wir alle furchtbare Prügel gekriegt.

Aber das macht nichts.

Die andern haben es auch gekriegt, weil wir nichts gesagt haben, wer alles dabei war, und da hat es die ganze Schule gekriegt.

Und der Brunnfärberkaspar, mein Todfeind, auch.

 

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