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Lausdirndlgeschichten

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLausdirndlgeschichten
authorLena Christ
year1913
firstpub1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleLausdirndlgeschichten
pages155
created20100804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Frau Bas

Eigentlich heißt sie ja Nanni. Und sie ist meiner Mutter ihre Schwester. Aber ich sage jetzt immer Frau Bas zu ihr.

Weil ich jetzt schon eine Bildung habe.

Die lernt man in der Stadt; das hat mir schon mein Großvater gesagt, wie er mich das erstemal in die Stadt gebracht hat.

Aber früher war ich gar nicht gebildet. Und zuerst war ich sogar dumm.

Aber jetzt nicht mehr.

Aber damals, wo ich noch ganz dumm war, hab ich einmal bei meiner Frau Bas einen Steinkrug vom Fensterbrettl herunter. Einen solchen, wo man bei den Bauern das Bier auf das Feld hinausbringt.

Und ich habe gedacht, daß es auch ein Bier ist.

Aber es war ein Petroleum.

Das schmeckt furchtbar.

88 Aber jetzt kenn ich es schon. Weil meine Mutter ein Wirtshaus hat.

Damals hab ich auch einmal den Großvater gefragt, wo die Eier herkommen.

Da hat er gesagt, von den Hennen.

Da hab ich gefragt, ob das weh tut, und er hat gesagt, ja.

Meine Frau Bas hat furchtbar viele Hennen gehabt.

Und alle Tage vielleicht fünfzig Eier.

Da ist immer am Freitag der alte Karrner Michel gekommen, und der hat dann seine große Eierkirm vom Buckel herunter.

Und dann hat ihm die Frau Bas zweihundert Eier hinein und hat immer eine Hand voll Gsott dazwischengelegt.

Dann hat ihr der Michel acht Mark gegeben und ist fort in die Stadt.

Weil sie da so viel brauchen.

Aber mir haben die Hennen furchtbar erbarmt, und ich habe gedacht, daß ich ihnen helfen muß.

Und ich bin in den Hühnerstall gekrochen und habe geschaut, wenn eine kommt.

Dann ist eine gekommen und hat furchtbar 89 laut geschrien; und ich hab sie schnell gepackt, und habe ihr geholfen.

Aber sie hat kein Ei nicht gelegt.

Und die Frau Bas hat gesagt, daß sie hin wird, und daß ich ein dummes Luder bin.

Aber jetzt bin ich nicht mehr so dumm.

Jetzt weiß ich es schon, daß es nicht weh tut.

* * *

Meine Großeltern sind bloß Häuselleut. Aber die Frau Bas ist eine Bäuerin. Und sie hat ein großes Haus und einen hohen Misthaufen.

Und eine Bienenzucht.

Und sie hat furchtbar viel Honig und Wachs.

Aber sie verkauft es und hat uns gar nie nichts geschenkt.

Bloß auf Lichtmeß einen Wachsstock; aber das ist nicht viel. Den hat die Großmutter bis Ostern schon verbrannt gehabt.

Weil sie einen ganz finsteren Platz hat in der Kirche. Ganz hinten, bei den armen Leuten.

Und ganz nahe bei der Kirchentür, wo es immer so zieht.

Da hat die Großmutter oft gesagt, daß sie keinen warmen Fuß nicht kriegt, und daß sie den Husten auch nicht mehr anbringt. Und die Nanni soll ihr doch einmal ein Häflein Honig mitbringen.

90 Aber die Frau Bas hat den Kopf ganz scharf auf die Seite gedreht und hat das Nervenreißen bekommen.

Das kriegt sie immer, wenn man was verlangt von ihr.

Und dann hat sie gesagt, es ist schon recht.

Aber sie hat nie keinen gebracht, und die Großmutter hat oft die ganze Nacht gehustet.

Das hat mich furchtbar geärgert, und ich habe gedacht, daß das eine Gemeinheit ist, den Leuten die Zähne lang machen und das Maul wässerig.

Meine Großmutter hat auch immer gleich alles hergegeben, wenn die Frau Bas was gebraucht hat.

Und von meinem Rosmarinstock hat sie ihr auch gleich den allergrößten Fexer abgeschnitten.

Aber das macht nichts.

Jetzt hat sie doch was hergeben müssen.

Aber sie weiß es nicht, weil sie nicht da war.

Bloß der Hüterbub war da; aber der denkt nicht, daß es ihr nicht recht ist, wenn ich es tue.

Sie hat furchtbar viel Sachen in der Künikammer; und auf dem Tisch ist die große Schüssel mit den Waben.

Und sie läßt keinen Menschen nicht hinein.

Aber sie hat nicht zugesperrt, und sie hat gerade gemolken.

91 Im Rock habe ich eine Tasche und im Unterrock hab ich auch eine.

Die hab ich ganz voll gemacht.

Und ich habe es der Großmutter gesagt, daß ich den Honig bringe und das Wachs, wo die Nanni schon so oft versprochen hat.

Aber ich habe es kaum mehr herausgebracht.

Und es ist alles mit herausgegangen: dem Großvater sein silberner Giletknopf, meine Glasperlen, die blaue Wolle und der Fingerhut, wo die Großmutter schon so lange gesucht hat.

Aber sie hat geschimpft und hat gesagt, daß sie ihr einen Krach macht, weil sie ihrer alten Mutter einen ungeschleuderten Honig schickt.

Da hab ich gedacht, auweh zwick!

* * *

Die Frau Bas hat gesagt, daß ich eine Malefizkarbatschen bin, und sie hat mir ein paar hineingehaut wegen dem Honig.

Aber das macht nichts.

Sie hat es nicht umsonst getan.

Ich weiß schon was.

Das ist ihr Obstgarten.

Der ist so groß, wie der Hofgarten in München.

Ganz so groß nicht, aber schon fast.

Vielleicht halb so groß.

92 Aber er ist furchtbar groß.

Und sie haben Frauenbirnen und Blutbirnen, und Spitzäpfel und Edelrot. Und Zwiefiäpfel und Katzenköpf.

Davon macht man die Apfelküchlein.

Und elf Zwetschgenbäume, und einen Backofen zum Dörren. Und ein Loch ist in der Tür, und man kann ganz leicht hineinkriechen.

Und sie dörrt seit gestern.

* * *

Der Herr Benefiziat hat gesagt, daß es sehr schön wäre, wenn auf Weihnachten eine Feier gehalten würde.

Dann haben sie ein Theater aufgeführt, und man heißt es lebende Bilder.

Da haben sie alles nachgemacht: wie das Christkind im Stall liegt auf dem Stroh; und die Maria war furchtbar fromm.

Die Huberwirtsmarie hat sie gemacht.

Und der Isidor hat den Josef gemacht, und er hat immer gelacht, weil der Bachmaurerlenz so gewackelt hat beim Knien. Das war ein Hirt.

Und der Benedikt vom Lehrer war auch ein Hirt, und der hat ein totes Lamm hinhalten müssen.

93 Und die Wagnerlies hat einen Prolog gesagt, und war ein Engel.

Vom Schloß haben sie einen Esel geholt und eine Kalbin.

Aber sie haben sie furchtbar festhalten müssen, und man hat bloß den Kopf gesehen. Und sie haben ein rotes Licht angezündet, das wo so stinkt; dann war alles rot.

Und es war furchtbar schön.

Bloß das Christkindl war nicht echt; die Lebzelterin hat es ihnen geliehen.

Meine Frau Bas hat auch eins, ein wächsernes. Das steht in der Künikammer auf dem Kommodkasten.

In einem Glassturz.

Aber man kann es ganz leicht heraustun. Und es hat keine Arme, weil es ein Wickelkind ist.

Die Frau Bas hat es von der alten Maurerin zu ihrer Hochzeit gekriegt, und sie hat gesagt, es ist wunderbar.

Das haben wir hergenommen.

Ich war die Maria und ich habe der Großmutter ihren rotseidenen Schurz angehabt.

Und der Schlosserflorian hat den Josef gemacht und hat dem Großvater seinen blauen Umhang angezogen.

94 Und wir haben das Christkindl im Stall in den Futterbarren gelegt und haben uns hingekniet.

Die Wagnergretl hat sich in eine weiße Bettdecke eingewickelt und den Flederwisch in die Hand genommen und hat gesagt: »Friede sei mit eich! Ich komm zu eich hereingedreden, hab wohl nicht um Verlaub gebeden; ich glaub, ich bin eich wohlbekannt, vom hohen Himmel bin ich gesandt!«

Dabei hat sie mit dem Flederwisch herumgefuchtelt und ist ganz nahe an den Barren hin.

Aber da hat auf einmal der Ochs, der Blaßl, das Christkindl bei seinem goldenen Filigrankleidl erwischt und hat es ein paarmal fest herumgeschüttelt.

Dann hat es gekracht, und der Kopf war auseinander.

Da hab ich dem Engel seinen Flederwisch gepackt und bin auf den Blaßl los.

Aber es war doch schon hin.

* * *

Der Großvater hat den Kopf vom Christkindl wieder zusammengeleimt.

Aber die Frau Bas hat doch furchtbar geschimpft und hat gesagt, daß ich ein gottloser 95 Lausfratz bin, und daß es jetzt nicht mehr wunderbar ist.

Und wie der Großvater nicht mehr in der Stube war, hat sie mich bei den Haaren geschüppelt.

Aber es hat nicht weh getan.

Und ich weiß schon wieder was, wenn sie mich noch einmal schüppelt; die Ropferzenzl hat es mir gesagt.

Sie hat der Wiesmüllerin eine Rübenbrüh in die Milch geschüttet, und da hat die Wiesmüllerin geschrien: »Unser liabe Zeit! D' Milli is blutig! Da hat mir a Hex was angetan!«

Und dann hätt sie die Milch weggeschüttet, aber die Zenzl hat gesagt, sie möcht's; und dann hat ihr die Wiesmüllerin die ganzen sechs Weidling voll geschenkt.

Da wird sie furchtbar jammern, die Frau Bas, wenn ich das tu.

Aber das macht nichts; es geschieht ihr grad recht.

* * *

Gestern hat mich die Frau Bas aus dem Haus gejagt.

Und sie hat gesagt, wer mich haben muß, der braucht nicht mehr sagen: Gott straf mich.

Aber das ist mir gleich.

96 Mir wäre es lieber, wenn ich sie wieder hätte.

Aber sie sind alle fort.

Wir haben dreiundzwanzig kleine Krebse gefangt, und in den Obstgarten von der Frau Bas.

Da haben wir vier Löcher gemacht, und dann haben wir die vier Nachthäfen, wo am Gartenzaun gehängt sind, hineingestellt.

Und der Schusterwastl hat das Wasser und das Moos hinein, und ich habe die Krebse aus den Tüchern heraus und hinein.

Dann haben wir das Fliegengitter vom Speisfenster weg und darübergedeckt.

Und der Wastl hat gesagt, daß man sie verkaufen kann im Schloß, und man kriegt für einen zehn Pfennig.

Aber sie sind nicht mehr da gewesen in der Früh, und den Herrn Vetter hat einer furchtbar in die Zehen gezwickt.

Wie er barfuß gemäht hat.

Und sie haben keinen Nachthafen nicht gefunden bei der Nacht, und die Frau Bas hat gesagt, jetzt hab i bald g'nug an dem Lausdirndl!

Von mir aus!

 

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