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Laudin und die Seinen

Jakob Wassermann: Laudin und die Seinen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
firstpub1925
year1925
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleLaudin und die Seinen
pages5-12
created20041222
sendergerd.bouillon
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Jakob Wassermann

Laudin und die Seinen

Roman


Erster Teil

1

Der junge Mann kam schon zum zweitenmal an diesem Abend. Er bat das Mädchen, seine Karte der gnädigen Frau zu bringen und sie zu fragen, ob er auf den Herrn Doktor warten dürfe. Es war eine nicht besonders saubere Karte, auf welcher zu lesen war: Konrad Lanz stud. chem..

Pia Laudin ging gerade über den Korridor. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Karte, einen ebenso flüchtigen auf den armselig gekleideten, etwa vierundzwanzig Jahre alten Menschen, der mit schmutzigen Schuhen, nassen Beinkleidern und nassem Havelock vor ihr stand, und sagte: »Mein Mann wird wahrscheinlich spät nach Hause kommen,« und mit einem mißtrauischen Nebenton: »Wollen Sie ihn als Anwalt sprechen?«

»Ja, als Anwalt, gnädige Frau,« war die zögernde, von einem bittenden Ausdruck unterstützte Antwort.

»Dann müssen Sie sich in die Kanzlei bemühen. Mein Mann ist tagsüber so anstrengend beschäftigt, daß er am Abend in seinem Hause unmöglich Klienten empfangen kann.«

»Gnädige Frau, auch ich,« stotterte der Besucher, »auch ich habe nur die Abendstunden frei. Ich gebe Unterricht . . . ich würde Schüler verlieren . . . es ist eine so dringende Angelegenheit . . . überdies kenne ich Herrn Doktor Laudin von früher her . . . in der Kanzlei würde ich kaum bis zu ihm vordringen . . . und einem der Herren dort meine Sache auseinandersetzen . . . ich habe nur zu Herrn Doktor Laudin Vertrauen. Erlauben Sie mir zu warten, gnädige Frau.«

Pia Laudin überlegte. Der junge Mann flößte ihr Mitleid ein. Sie wandte sich zu dem Mädchen, das neugierig vor der Küchentür stehen geblieben war, und sagte: »Führen Sie den Herrn in die Bibliothek.«

Sie selbst ging ins Wohnzimmer, wo ihre Töchter Marlene und Relly, fünfzehn- und dreizehnjährig, am Tisch saßen und ihre Schularbeiten verfertigten. Wenn Pia nicht bisweilen Nachschau hielt, verloren sie sich in endlose Unterhaltung und konnten ihrem Vater nicht bei seiner verspäteten Mahlzeit Gesellschaft leisten. Er legte Wert darauf.

»Denkt euch, Kinder, die Äpfel sind gekommen,« rief sie den Mädchen zu; »ein ganzer Sack rotbackige Äpfel. Ihr könnt sie morgen in die Speisekammer schaffen.«

»Das wird lustig sein,« sagte Relly und warf den Federhalter weg; »darf mans nicht schon heut abend tun? Ich brauch eine Auffrischung nach der blöden Geometrie da. Wo steht der Sack? Im Flur?«

»Du bleibst, wo du bist,« erwiderte Pia und verbiß sich das Lachen. Alle Äußerungen Rellys waren wie aus der Pistole geschossen; oft konnte man kaum verstehen, was sie sagte, so groß war ihre Zungengeschwindigkeit. »Ich will nicht, daß ihr hin- und herlauft, wenn der Vater heimkommt, und er kann jeden Augenblick kommen. Er mag das nicht. Wart ihr übrigens schon bei der Großmutter oben? Ihr müßt ihr noch eine halbe Stunde Gesellschaft leisten. Aber eine nach der andern. Zwei auf einmal ist zuviel.«

Marlene blickte von ihrem Heft empor. »Dieser Cato, Mutter, ist das unleidlichste Ekel unter der Sonne,« sagte sie. »Ich kann ihn nicht ausstehen mit seiner Tugend. Streng! Ein Heuchler ist er in meinen Augen. Solche Leute hat es doch nur gegeben, um die Anständigkeit in Verruf zu bringen.«

»Ich weiß nicht, was du immer redest,« mischte sich Relly beleidigt und kampflustig ein; »er ist doch eine geschichtliche Person. Man muß Respekt haben vor geschichtlichen Personen.«

»Warum?« fragte Marlene, »warum muß man? das ist ein Vorurteil. Alles, was man muß, ist Vorurteil.«

Relly wollte sich ereifern, aber ihre Mutter wies sie zur Ruhe. »Kein Streit über Cato jetzt,« sagte sie; »seht zu, daß ihr mit euern Lektionen zu Ende kommt. Und solche gewagte Sätze, Marlene, behalte lieber für dich.«

Man hörte, durch Türen und weitentfernt klingend, das Schreien eines Babys. »Aha, der Zwerg Uistiti macht sich unangenehm bemerkbar,« sagte Marlene naserümpfend. Zwerg Uistiti nannten die Schwestern unter sich halb zärtlich, halb abschätzig ihr vierzehn Monate altes Brüderchen Hubert.

Pia schaute auf die Armbanduhr. »Es ist acht,« murmelte sie, »ich muß zu seinem Bad. Also nichts mehr von Cato, bitte, und vergeßt die Großmutter nicht.«

»Mutter kann schon nicht mehr stehen vor Müdigkeit,« sagte Relly, als Pia das Zimmer verlassen hatte. »Ich möchte keine Hausfrau sein. Ich könnte mich auch nicht so heldenhaft betragen wie die Mutter. Andere seufzen und sind schlecht gelaunt. Sie wollen immer, daß man staunt über das, was sie leisten; daß man sagt: arme Frau, wie sie sich plagen muß. Die Mutter ist von früh bis abends heiter, läßt es nie jemand entgelten, wenn ihr was schief geht, und wenn sie mal Kopfweh hat, sperrt sie sich in ihrem Zimmer ein und verschweigt es sogar dem Vater. Das find ich heldenhaft. Du nicht?«

Marlene wiegte bedächtig den Kopf. »Ja,« antwortete sie, »aber wenn du so viel schwatzst, wirst du nicht fertig werden.«

Doch Relly, die leidenschaftlich an der Mutter hing, ließ sich nicht stören. Sie beugte sich über den Tisch und fuhr mit blitzenden Augen und roten Wangen fort: »Am Morgen fängts an. Da kommt die Köchin wegen dem Speisezettel. Dann kommt der Kaufmann mit der Rechnung. Dann klingelt das Telephon. Dann wird die Wäsche abgezählt. Dann kommt der Installateur. Dann klingelt das Telephon. Dann brüllt der Zwerg Uistiti. Dann kommt der Chauffeur und will was wissen. Dann muß sie nachsehen, ob das Silber geputzt wird. Dann kommt das Fräulein und fragt, ob sie mit dem Zwerg Uistiti ausgehen soll. Dann wird darüber lang und breit beraten. Dann kommt die Schneiderin, weil Kleider für uns genäht werden. Dann schickt Großmutter herunter, Mutter soll eine Partie Domino mit ihr spielen. Dann klingelt das Telephon. Dann kommen Wohltätigkeitsdamen. Dann –«

»Um Gottes willen, Schluß!« rief Marlene lachend und hielt sich die Ohren zu.

Aber wenn Relly einmal im Zuge war, konnte nichts so leicht den Strom ihrer Rede hemmen. Mit erstaunlicher Geläufigkeit spann sie ihren Faden weiter. »Das geht so Tag für Tag und Jahr für Jahr. Kochen, backen, waschen, braten, flicken, kehren, bürsten, alles soll sie beaufsichtigen, an alles soll sie denken. Und macht der Vater die Haustür auf, so muß die Wohnung aussehen wie frischgewalzter Sand; freundliche Gesichter, kein Stäubchen; der Tisch gedeckt, das Essen fein, der Ofen warm, alles am richtigen Platz, und was es für Mühe gekostet hat, das ahnt er nicht. Mich wundert, daß es die Mutter aushält. Und wie noch dazu! Sie ist doch sechsunddreißig Jahre alt, aber wenn man sie so anschaut, könnte sie ganz gut dreiundzwanzig sein. Sie braucht sich nicht herauszuputzen wie die Frau Professorin Arndt und nicht zu schminken wie die Doktorin Kadelka. Mutter ist von selber schön.«

Relly straffte sich und hatte ein stolzes Gesicht.

»Ja, sie ist eine schöne Frau,« pflichtete Marlene etwas zurückhaltend bei.

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