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Langeweile

Bertha von Suttner: Langeweile - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorBertha von Suttner
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik ? Achter Band
titleLangeweile
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeAchter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Bertha von Suttner

Langeweile

»Ein gescheiter Mensch langweilt sich nie!« Das ist auch so eine Fabel. Natürlich will man dann nicht eingestehen, daß man das dummheitsbeweisende Gefühl kennt, und langweilt sich nur im geheimen. So gewissermaßen lasterhaft. Wenn einem je ein einsichtsvoller Freund teilnehmend sagt: »Aber hörst du, Lieber, in deiner Einsamkeit muß dir doch manchmal die Zeit lang werden,« so nimmt der so Angeredete ein erstauntes Gesicht an, als höre er zum erstenmal im Leben, daß ein solcher Fall möglich sei, und antwortet: »Mir? – O nein – Wenn man sich zu beschäftigen weiß ...« Der andere schämt sich sodann, daß er auf der Fähigkeit, sich zu langweilen, etwa ertappt worden, und beeilt sich zu erwidern: »Ja, du hast recht, wenn man sich beschäftigt ... Lektüre, Studium, Arbeit ... mir werden die Tage auch immer zu kurz.«

Reine Heuchelei! Der Mensch weiß so gut wie ich und jeder andere, wie im Leben die Stunden dahinschleichen können, matt und grau und bleiern – ja, ich glaube, es heißt »bleiern«. Unter Blei stellt man sich gewöhnlich doch etwas so Drückendes, Schwerfälliges und Glanzloses vor, wie langweilige Stunden und Tage dies eben sind ... Dazu kommt noch eine Ideenverbindung mit den Bleidächern von Venedig, welche das Jämmerliche an dem Bilde verstärkt. Wer hat es nicht einmal empfunden, was es ist, die Stirn an die Fensterscheiben drücken und in einen Landregen hinausschauen, dann sich auf das Sofa hinwerfen und die Beine gegen die Decke heben, was auch keine Erleichterung verschafft; dann auf die Uhr schauen und sehen, daß es um eine gute Stunde früher ist als gestern um diese Zeit; zu gähnen, als wäre man der König der Wüste in einem vergitterten Käfig; ein wenig nachdenken wollen und im Gehirn nichts anderes hervorbringen als eine nachklingende Drehorgelmelodie – endlich die Augen schließen und sich darein ergeben, daß man auf der Welt ist – einer Welt, so öde wie ein ausgedörrtes Schneckenhaus. Zu guter Letzt fällt einem noch das berühmte, eingangs erwähnte Axiom ein, kraft dessen man aus der Gemeinde der gescheiten Leute ausgestoßen erscheint, und beginnt sich zu verachten, sagt sich die ärgsten Grobheiten und hat nicht den Mut, sich dagegen zu verteidigen: »Ja, dumm bin ich – und ein Tagedieb und energielos und ein verfehltes Geschöpf ... Ah, ah ...« Wieder strecken sich die Glieder und verrenken sich die Kinnladen.

In dieser Stimmung habe ich mich zum Schreibtisch geschleppt, um meine Langeweile zu schildern. Das ist so eine Art, den Feind bei den Hörnern zu nehmen. »Hab' ich dich nun, graues, bleiernes Gespenst, mußt du mir jetzt Rechenschaft darüber geben, warum du mich plagst – warum du mich um die gute Meinung bringen willst, die ich mir selbst zu zollen pflegte?«

»Mein Gott,« entgegnest du entschuldigend, »wenn ich hier nicht wäre, wo sollte ich denn sonst Hausen? In einem einsamen Schloß, mitten im Winter, bei einem jungen Menschen, der das Weltleben, das Reisen, das Hofmachen und so weiter gewohnt ist und der jetzt in der einzigen Gesellschaft seiner Großmutter und deren Papagei sechs Monate zubringen soll, der kein Jäger, kein Gelehrter, kein Briefmarkensammler, kein Dorfschönheitenverfolger ist ...«

»Genug – du hast recht und du bist legitim, Langeweile. Auch als Strafe und als Buße bist du gerecht ... martere mich nur zu, ich hab's nicht besser verdient. Warum habe ich ...«

*

Hier wird der Schreibende durch das Eintreten eines Dieners unterbrochen.

»Die Frau Baronin lassen bitten, der gnädige Herr möchten sich zu ihr bemühen. In den kleinen blauen Salon.«

Bodo von Reutingen legt die Feder hin und steht auf: »Ich komme gleich!«

»Was mag die Großmutter von mir wollen?« überlegt der junge Mann, während er die Gänge durchschreitet, die nach dem blauen Salon führen. »Vielleicht langweilt sie sich auch und will belustigt sein – etwa mich zum Pikettspiel abrichten – das fehlte noch! Oder mir eine Predigt applizieren – das wäre wieder ein Stückchen Strafe und Sühne! Nach und nach werde ich noch ganz geheiligt werden – und ich passe so schlecht zum Heiligen – und auch schlecht zum pflichtschuldigen, angenehmen Enkel ... Großmütter sind eine Spezies, die ich nicht zu behandeln weiß – mir fehlt der Sinn für das Ehrwürdige.«

Mit solchen Gedanken beschäftigt, betritt der junge Mann das Gemach.

»Du hast befohlen?«

»Ja, ich habe befohlen. Setz dich, Bodo!«

Die Baronin Brahden, geborene Gräfin Welfenegg, Besitzerin der Herrschaft Oberndorf, ist eine Frau von zweiundsechzig Jahren. Ihr Gesicht, noch immer rosig angehaucht, und von silberweißem Haar gekrönt, zeigt Spuren auffallender Schönheit. Bodo hatte sie erst vor wenigen Tagen kennen gelernt. Seine Mutter, geborene Baronin Brahden, war schon seit zwanzig Jahren tot, und sein Vater hatte mit der Schwiegermutter auf gespanntem Fuße gelebt und von ihr nur in dem Tone gesprochen, in welchem die bekannten Schwiegermütteranekdoten vorgebracht werden.

Dennoch war in dieser Feindschaft alles Unrecht auf seiten des Schwiegersohnes gewesen. Dieser hatte die reiche junge Erbin gegen den Willen ihrer Mutter geheiratet und ihr ansehnliches Vermögen durchgebracht. Nun war er seit einem Jahre auch gestorben und der fünfundzwanzigjährige Bodo, der bisher das Leben eines großen Erben geführt, sah sich plötzlich beinahe mittellos und aussichtslos in die Welt gesetzt. Öffentliche Laufbahn hatte er keine angetreten; das einzige Fachstudium, welches er betrieben, waren einige an der landwirtschaftlichen Akademie in Hohenheim absolvierte Kurse, da er es für seine voraussichtliche Bestimmung gehalten, sich einst auf den Familiengütern niederzulassen. Nun waren die letzteren wohl in seinen Besitz gelangt, aber in einem so verschuldeten Zustand, daß deren Ertrag kaum genügen konnte, die daran haftenden Interessen auszuzahlen. Was tun? Die Güter verkaufen oder vielmehr, wie dies bei Zwangsverkäufen der Fall zu sein pflegt, – verschleudern?

Er beratschlagte mit seinem Rechtsbeistand hin und her, als eine ganz unerwartete Wendung eintrat. Von seiner Großmutter, mit welcher er in keinerlei Verkehr gestanden, war folgendes Schreiben angelangt:

»Wie ich höre, befindet sich der Sohn meiner Tochter in mißlichen und verwickelten Vermögensumständen. Ich bin geneigt, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen und nach Möglichkeit zu ordnen. Bedingung: Bodo von Reutingen hat sich sofort zu mir nach Oberndorf zu begeben und daselbst sechs Monate zu verbleiben.

Hildegard Freifrau v. Brahden,
geb. Gräfin Welfenegg.«

Die Sache war nicht auszuschlagen. Wer jemals bis über den Hals in Schulden steckte, der stelle sich vor, was er an Bodos Stelle getan hätte. Wenn da jemand vom Himmel herabfällt, der sich erbötig macht, die Verknotung und Netzverschlingung von Vermögenswirrnissen, die einen zu erdrosseln drohen, in die Hand zu nehmen, um sie zu lösen, so wird man den Antrag freudig annehmen, wenn er von des Satans Großmutter käme – geschweige denn von der eigenen.

»Lieber Trick,« hatte Bodo seinem Rechtsfreund, der zugleich sein Jugendfreund war, gesagt, »bewundere meinen Mut – ich will es tun.«

»Das versteht sich doch von selbst.«

»Mein bester Doktor, die Sache ist nicht so einfach. Die Klausel mit der sechsmonatlichen Vergrabung birgt etwas Unheimliches. Die Schwiegermutter meines Vaters soll unter allen Schwiegermüttern die hassenswerteste gewesen sein, und wenn ich mich in ihre Höhle wage, so weiß ich das Heldenhafte dieser Tat zu schätzen, wenn du auch lächelnd den Kopf schüttelst. Ich reise sofort nach Oberndorf und werde dir in wenigen Tagen Bericht erstatten.«

Der versprochene Bericht hatte folgendermaßen gelautet:

Die Großmama ist eine Sphinx. Was sie mit mir vorhat, ist ein unergründliches Rätsel.

Nicht ohne ein gewisses Herzklopfen stellte ich mich ihr vor. Ich war darauf gefaßt, einmal, daß sie häßlich sein müsse wie die Nacht, ferner, daß sie mich mit Predigten und Vorwürfen empfangen würde. Vorwürfe darüber, daß ich als der Sohn eines so schlechten Vaters zur Welt gekommen, daß ich nichts Ordentliches gelernt habe, daß ich mir etwa einbilde, sie werde so mir nichts dir nichts meine Schulden zahlen – o nein, dafür müßte ich erst dies und jenes tun, sechs Monate hübsch brav sein, oder einen Schützling von ihr heiraten, oder ihren Gutsverwalter ersetzen, oder barfuß eine Wallfahrt nach Maria-Taferl machen.

Aber nichts von alledem. Ich befand mich in Gegenwart einer schönen und freundlich aussehenden, alten Dame, die, nachdem sie mich eine Zeitlang wohlgefällig gemustert, ausrief: »Wie du meiner armen Augustine ähnlich bist, lieber Junge!«

Die Audienz währte nur eine Viertelstunde. Von den Geschäften kein Wort. Ich wurde in einen Seitenflügel des Schlosses beordert, wo mir eine Flucht von Zimmern zur Verfügung gestellt ist. Seither – ich bin nun fünf Tage hier – habe ich die Hausfrau nur bei zwei oder drei Mahlzeiten gesehen; gewöhnlich bleibt sie, angeblich wegen Kopfschmerz, in ihren Gemächern, und da sitze ich allein im großen Speisesaal. Ich bin überhaupt der einzige Gast meiner Großmutter, welche, wie du weißt, ohne Familie ist und ganz allein hier lebt. Du kannst dir die Lustigkeit dieser Existenz vorstellen.

In den wenigen Stunden, die ich in ihrer Gesellschaft zubrachte, hat sich die alte Dame meist sehr schweigsam verhalten und nur mich reden gemacht, indem sie mich durch allerlei Fragen zum Erzählen meiner Reise- und sonstigen Erlebnisse aufmunterte. Das Erzählen aber klappte mir nicht. Ich wollte meine Sprache so einrichten, daß sie für strenge, fromme, alte Ohren passe, und da mußte ich alle Augenblicke abbrechen; ich mochte den Eindruck machen, daß ich mit dem Gebrechen des Stotterns behaftet bin. Ich fühle, daß ich keine glänzende, sondern vielmehr eine jämmerlich dumme Rolle hier spiele; ich habe so gar nicht die Fähigkeit, mit alten Frauen umzugehen ... Es fehlt mir an Würde, Gemessenheit, Gelassenheit; und die anderen Eigenschaften, die ich als Ersatz dafür besitze, nämlich heitere Laune, Lebensfreudigkeit, leichter Redefluß, die sind in der gegenwärtigen Sachlage so gedämpft, daß ich mich schon bangend frage, ob sie mir nicht ganz abhanden gekommen sind. Wenn mir meine Schicksalsgöttin von einer Großmutter nicht bald sagt, was ich in der sechsmonatlichen Haftzeit eigentlich zu leisten habe, so sprenge ich meine Fessel und gehe durch.

*

Zwischen dem Abgang obigen Briefes und der früher angeführten Apostrophe an die Langeweile lag eine Woche.

Jetzt hat Bodo dem Befehle seiner Großmutter Folge geleistet, indem er sich auf den ihrem Sitz gegenüberstehenden Lehnsessel niederläßt, und harrt der Dinge, die da kommen werden.

»Sag mir, langweilst du dich nicht bisweilen?« fragte die Baronin zunächst.

Bodo machte ein erstauntes Gesicht.

»Langweilen? – O, wenn man sich zu beschäftigen weiß –«

»Allerdings; das ist's aber, was dir hier vollends mangelt, Beschäftigung.«

»Aha, jetzt kommt es,« denkt Bodo im stillen, »die Verwalterstelle wird mir angetragen.«

»Und du bist selber ein ziemlich langweiliger Mensch –«

»Diesen Ruf hatte ich sonst nicht – doch gestehe ich, daß ich dir diesen Eindruck hervorbringen muß.«

»Vermutlich glaubst du, daß so, wie man bei einem Begräbnis ein betrübtes, bei einer wissenschaftlichen Vorlesung ein ernstes und bei Absingung der Volkshymne ein begeistertes Gesicht annehmen muß – bei einer alten Frau ein schläfriges de rigueur sei?«

»Ich? O – aber –«

»Nichts ›aber‹ – entweder du bist von Natur eine Art melancholischer Karpfen oder du verstellst dich grimmig. Und ich neige für die letztere Annahme, denn meine Augustine war das heiterste, ausgelassenste Ding – wie ihre Mutter.«

»Du, Großmama, bist ausgelassen? Dann hast du dich auch einigermaßen verstellt ...«

»Das hab' ich auch. Ich wollte dich erst beobachten. Übrigens ein ›Springinsfeld‹ bin ich gerade nicht, auch mit Puppen spiele ich schon längere Zeit nicht mehr. Du hast die Zeitform verwechselt; ich bin nicht, aber ich war ausgelassen und habe mir das volle Verständnis für die Tollheit der Jugend bewahrt. Lustig sein kann ich auch noch und lachen wie ein Kind, doch dazu muß ich in etwas anregenderer Gesellschaft sein als –«

»Als in der meinen? Das sehe ich ein. Aber Großmutter, das Eis kann tauen – ich bin nämlich etwas eingefroren. Wenn mir jedoch von deinem Geist und deinem Gemüt so unerwartete Wärme zustrahlt ...«

»Tau nur auf, mein Junge, tau auf! Ich bin zwar keine Sonne, aber doch auch kein Nachtlämpchen ... Daß du in Wirklichkeit nicht so wenig Leuchtkraft besitzest, als du vor mir zu entfalten für gut findest, das weiß ich übrigens; ich kenne dich besser und weiß mehr von dir, als du glauben magst. Dein Vater hat es wohl vermieden, dich zu mir zu bringen, aber ich habe stets Nachricht über dein Entfalten und deine Lebensweise gehabt. Ich habe erfahren, daß du ein gescheiter und braver Bursche warst und mich oft genug darüber geärgert, daß du zu keiner ordentlichen Laufbahn angehalten worden.«

»Ja, das ist's, was auch mich jetzt mit Reue erfüllt ... ich hätte mich selber dazu anhalten sollen, meinem Leben eine Aufgabe, einen Inhalt zu geben. Freilich dachte ich nie, daß mir einst nur ein Erbe von Schulden zufallen sollte.«

»Du glaubst wohl, daß ich letztere zu zahlen beabsichtige?«

»In aller Aufrichtigkeit – ja. Was würde sonst deinen unerwarteten Eingriff in mein Schicksal erklären? Und da wir jetzt so offen sprechen, was mir ganz außerordentlich angenehm ist, so lasse uns gleich klarlegen, was du von mir als Gegenleistung für deine Großmut erwartest und was meine Internierung auf Schloß Oberndorf bezweckt. Ich kann nicht glauben, daß es der Reiz meiner durch sechs Monate zu genießenden Gesellschaft ist, welcher –«

»Vielleicht wollte ich dich bis zu meinem Lebensende behalten?«

»Ich sollte durch zwanzig oder dreißig Jahre diese Gastfreundschaft genießen?«

»Beruhige dich. Ich würde dir nicht zumuten, dich deine ganze Jugendzeit hindurch mit der Gesellschaft einer Greisin zu begnügen. Du müßtest heiraten.«

»Müßte ich? ... Ich habe also richtig erraten – du führst etwas im Schilde. Es ist hier im Schlosse irgend ein Jungfräulein verborgen, das sich deiner besonderen Gunst erfreut und das du, nach aller Mütter und Großmütter Brauch, mit der zweifelhaften Glücksgabe eines Gatten versorgen wolltest. – Hochgeehrte Großmama, machen wir kurzen, sehr kurzen Prozeß: ich sage von vornherein ein entschiedenes Nein. Zu so etwas gebe ich mich nicht her, aus Rücksicht auf deines Schützlings sowohl, als aus Rücksicht auf meine persönliche Würde. Ich behalte meine Schulden und meine Freiheit. Die ersteren können durch Versteigerung meiner sämtlichen Besitztümer gedeckt werden und die letztere benütze ich, um in die Welt hinauszuwandern; mir mein Brot zu verdienen, dazu gibt es tausenderlei Arten ... Und ein Weib nehme ich mir nur dann, wenn mir »die Rechte« begegnet, wenn eine gegenseitige Leidenschaft sie und mich zu einem Lebensbunde drängt ... Aber eine Ehe eingehen, um mir und einer andern völlig gleichgültigen jungen Person eine Stellung in der Welt zu verschaffen? Nimmermehr – nimmermehr!«

»Ereifere dich nicht, Lieber. Übrigens gefällst du mir so; du bist doch meiner Augustine Kind – die war gerade so selbständig in ihren Heiratsideen. Freilich ist sie dadurch nicht glücklich geworden –«

»Wer weiß? Ich glaube, mein Vater hat sie aufrichtig geliebt ... Und hätte sie auch nur diese eine schöne Stunde erlebt, wo sie mit Hintansetzung aller weltlichen Vorteile ihrer Herzenswahl gefolgt –«

»Was du für romantische Ideen hast! So bist du Gott sei Dank kein gewöhnlicher Mensch – keiner, der schwunglos und bedächtig sich immer nur in Geleisen schleppt. Komm her, laß dir die Hand schütteln, du hast mich wahrhaftig überrascht.«

»Ich bin noch viel überraschter, Großmutter ... Du entsprichst so gar nicht dem Bilde, das ich mir von alten Damen im allgemeinen und von dir im besonderen entworfen habe ... Du warst so ganz anders, als ich erwartet, und heute zeigst du dich wieder in neuem Lichte –«

»Ja, ja – ich bin eine eigentümliche alte Kauzin, die so ihre besonderen Launen und Schliche hat ... Du wirst mich schon noch kennen lernen.«

»Nach Ablauf der sechs Monate? ... wenn anders du mich nicht früher hinauswirfst –«

»Freigibst, willst du sagen. Nein – ich behalte dich.«

»Obgleich ich mich deinen Bedingungen hinsichtlich einer Heirat nicht fügen will?«

»Ich habe ja eine solche Bedingung gar nicht gestellt.«

»Also was ist es, das von mir gefordert wird?«

»Weiter nichts als dein Dableiben. Nach einem halben Jahre werden deine Angelegenheiten geordnet sein.«

»Du bist, wie ich neulich meinem Freunde Trick geschrieben, eine Sphinx.«

»Auf dieses Wort hin entlasse ich dich, lieber Ödipus. Ich fühle meinen Kopfschmerz wieder anfangen. Du wirst heute allein speisen müssen.«

»Das bedaure ich lebhaft, unsere Unterhaltung war so anregend.«

»Wir können sie ein andermal wieder aufnehmen. Für heute adieu!«

*

So, da bin ich wieder in meiner Zelle und nehme die unterbrochene Aufzeichnung dort auf, wo ich neulich geblieben war.

Ich sprach von legitimer Langeweile. Nun ja, das Ideal der Belustigung für einen fünfundzwanzigjährigen jungen Menschen ist es freilich nicht, auf den Umgang einer nur in seltenen Fallen sichtbaren Großmutter angewiesen zu sein; aber die alte Dame selber fängt an amüsant zu werden. Sollte ich mich in der Beurteilung einer ganzen Gattung Menschen – der Gattung Großmütter – so arg getäuscht haben? Oder ist die meine ein Phänomen, ein Meteor, eine Geistererscheinung? Geist hat sie; sie ist keine, die – um ihre eigenen Worte zu gebrauchen – die schwunglos und bedächtig immer nur in Geleisen sich schleppt. Und ich, der ich glaubte, daß eine alte Frau gar nicht anders wandeln, handeln und denken könne, als in Geleisen! Sie interessiert mich, meine Festungskommandantin, und damit ist der Langeweile ein Strich durch die Rechnung gemacht ... Es gibt Gefangene, die durch die Gesellschaft einer Spinne oder einer zwischen den Steinen des Gefängnishofes herausgewachsenen Blume sich die Zeit vertrieben haben, warum sollte ich mir die Haft nicht durch das Studium meiner Großmutter versüßen?

*

Wieder drei Tage vergangen und den Gegenstand meines Interesses nicht zu Gesicht bekommen. Jetzt fängt das gewisse »Blei« wieder an meine Lebensgeister herabzudrücken. Der Kuckuck halte das aus! Eine Bibliothek ist wohl da, aber das lange Lesen bringt einen Grad der Gehirnsättigung hervor, der das Weiterlesen unmöglich macht; dann spiegelt sich in allen Büchern die Welt mit ihren Kämpfen, ihrem Lieben und Leben, da erfaßt einen doppelte Sehnsucht hinaus –

Nun, Gott sei Dank, die Großmutter hat mich wieder einmal rufen lassen ... Ich sehe dieser Zusammenkunft beinahe mit der freudigen Spannung entgegen, mit welcher ich mich sonst zu einer schönen Frau begab, der ich den Hof machen durfte ...

*

Mein lieber Trick! Du fragst mich teilnahmsvoll in deinem soeben erhaltenen Schreiben, ob ich mich noch nicht aufgehängt habe. Wie du aus gegenwärtigen Zeilen entnehmen kannst, ist mir die Idee dieses Zeitvertreibs bisher nicht gekommen – es müßte mich denn jemand wieder herabgeschnitten haben. Doch wisse, das Leben hat sich mir jetzt sehr anregend gestaltet. Meine Großmutter ist – du erinnerst dich doch unseres Lieblingsausdruckes, um einen Menschen zu bezeichnen, der »bei allem dabei ist«, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat, der im richtigen Augenblick zu lachen und zu weinen versteht, dem man rückhaltlos alles sagen kann, was man denkt – mit einem Wort: meine Großmutter ist – ein Prachtkerl.

Gestern habe ich mit ihr gespeist – ein seltener Fall – und wir sind bis Mitternacht beisammengeblieben. Sie hatte herzhaft dem Champagner zugesprochen, ich gleichfalls, und wir waren lustig und fröhlich wie – nun, wie du weißt, daß ich es in guten Stunden sein kann. Aber sie übertraf mich noch; erzählte mir lieblich rührende Episoden aus ihrer glücklichen Ehezeit und ein paar prickelnde Geschichtchen aus ihrer Witwenzeit, aber mit der Grazie und Feinheit einer Marquise » de I'ancien régime«; ließ sich von mir – auch unter der Blume – Generalbeichte ablegen; sprach von der Gesellschaft, von der Liebe, von allem möglichen mit solcher Milde und so funkelndem Frohsinn, daß ich entzückt sie um die Erlaubnis bat, mit ihr Bruderschaft zu trinken. »Wir sagen einander ja ohnehin ›du‹, mein Bodo,« lachte sie. – »Das schon, aber ich wollte statt ›Großmutter‹ ›Bruder‹ zu dir sagen.«

Ich habe ihr mein Ehrenwort geben müssen, die vollen sechs Monate auszuharren, geschehe was wolle.

»Was sollte denn geschehen?« entgegnete ich. »Die einzig vorhandene Gefahr wäre die, daß ich vor Langeweile langsam dahinwelke wie eine licht- und wasserentbehrende Blume – warum sollen wir Männer nicht auch einmal mit blühenden Gewächsen uns vergleichen? – weiß man doch genau, daß es Pflanzen verschiedenen Geschlechtes gibt – aber diese Gefahr ist nun auch gehoben, da ich in Gesellschaft eines so liebenswürdigen – Bruders mich nicht mehr langweilen könnte, wenn ich überhaupt wüßte, was Langweilen heißt ... Warum hast du dich bisher nur so verstellt, Großmutter?«

»Das liegt schon so in meiner Natur. Ich bin eine Intrigantin, Bodo. Übrigens wäre die Gefahr, an Langeweile zugrunde zu gehen, für dich noch anderweitig gehoben worden. Ich erwarte morgen Besuch: die Frau des seit kurzem eingeschifften Korvettenkapitäns von Betiany. – Sie gedenkt die Zeit ihrer Strohwitwenschaft bei mir zuzubringen.«

»Ist sie jung und hübsch?«

»Immer dieselbe Frage anläßlich jeder Frau! Das kann mich entrüsten. Bestimmt sich denn unser Wert – man könnte fast sagen unsere Existenzberechtigung – allein auf Jugend und Schönheit?«

»Verzeih, Bruder Großmama, nur wenige deiner Schwestern verstehen es, die Jugend so entbehrlich zu machen wie du, und was die Schönheit anbelangt, so bist du wahrlich ein Bild. Mit solchen Zügen würde ich die Maria von Medicis oder Madame de Maintenon malen –«

»Oder die Mutter der Gracchen?«

Doch genug für heute, lieber Trick. Ich kann dir doch nicht unsere ganze Unterhaltung wiederholen; du sollst aus diesen Stichproben nur sehen, daß meine Großmutter den ihr neuverliehenen Titel Prachtkerl verdient. Es tut mir ordentlich leid, daß unser Beisammensein durch das Eintreffen dieser Korvettenkapitänin gestört werden soll, die wahrscheinlich bei jedem am Fenster rüttelnden Windstoß uns Bilder von Meeresstürmen vor die Seele rufen wird. Wie kann man nur einen Schiffsmann heiraten, wenn man keine Möwe ist? Ich ärgere mich im voraus über diese Strohseewitwe ... denn weißt du, was mir möglicherweise noch für ein Unglück zustoßen könnte? ... Denke dir einen Menschen, der ein empfängliches Herz hat, der, entfernt von der Welt, mit einer schönen jungen Frau – denn das soll Stella von Betiany sein – in täglichem Verkehr ... kurz, du verstehst mich. Freilich, die Idee ist mir nicht uninteressant. Mit einem Wort, ich langweile mich nicht mehr ... Ein gescheiter Mensch langweilt sich überhaupt nie, merke dir das.

*

An diesem Abend betritt Bodo von Neulingen in lebhafter Spannung den blauen Salon. Er hat, wie immer, wenn er zu seiner Großmutter zum Diner beschieden war, Frack und weiße Halsbinde angelegt, heute aber war noch eine Kamelienknospe im Knopfloch hinzugekommen. Der Salon ist noch leer, doch scheint auch dieser heute festlichere Toilette gemacht zu haben. Die Blumentische sind frisch gefüllt, im Kamin lodern große knisternde Blocke, einige Lampen mehr als gewöhnlich erhellen den Raum, und die Flügeltüren zu dem anstoßenden, ebenfalls erleuchteten großen Saal stehen offen. Der ganze Eindruck mahnt an das Geselligkeitsleben der Hauptstadt; es ist, als sollte hier ein glänzendes Fest stattfinden.

Nach einer Weile tritt die Hausfrau ein. Sie hat sich heute auch ausnehmend schön gemacht. Eine schwarzsammetne Schlepprobe, weiße Handschuhe; auf dem hochfrisierten, wie gepudert aussehenden Haar mit Diamantnadeln befestigte spanische Spitzen.

»Großmutter,« sagt Bodo, ihr die Hand küssend, »ich wage es heute nicht, dir ›Bruder‹ zu sagen, du siehst mir zu majestätisch aus – die ganze Königin-Regentin. Dazu die festliche Beleuchtung – wohl alles deiner neuen Gastin zu Ehren?«

»So wie diese Kamelienknospe, Bodo, die hast du nicht um mir zu gefallen ins Knopfloch gesteckt ... Hier kommt schon mein Sternchen –«

Ein leiser Maiglockchenduft, ein leises Seidenrauschen – Bodo wendet sich rasch um; die neue Gastin steht vor ihm.

Baronin Brahden stellt vor:

»Mein Enkel und Kamerad, Bodo von Reutingen; meine zweite Tochter, Stella von Betiany!«

Die Korvettenkapitänsgattin sieht für diesen Rang eigentlich viel zu jung aus. »So achtzehnjährig dürfe höchstens eine Linienschifffähnrichsbraut erscheinen,« denkt Bodo. »Das Gesichtchen paßt auch eher auf die Vignette eines Taschentuchkartons als in die Wirklichkeit,« denkt er weiter.

Und in der Tat, die runden, frischen Wangen, die großen, von unwahrscheinlichen Wimpern beschatteten Augen, der herzförmige Mund, die mit einem Perlenreif zurückgehaltenen dunklen Locken, welche über den Rücken tief hinabwallen, das alles mahnt an die illuminierten Mädchenideale der Kartonmalerei. Dazu eine hohe und schlanke Gestalt in einem blaßrosa Kreppkleide, dessen durchsichtige Draperien statuenhafte Schultern und Arme enthüllen. Wie das Haar, so ist auch der Hals mit Perlen geschmückt. Jetzt lächelt sie. »Wieder zwei Perlenreihen!« denkt Bodo; aber während er alle diese hübschen Sachen denkt, hat er sich zeremoniell verbeugt und ein unbefangenes Gespräch über die Reise und die Ankunft der »gnädigen Frau« begonnen; ein Gespräch, auf welches sie in gleichem Tone eingeht.

Nach wenigen Minuten schon begibt man sich zu Tische. Die Unterhaltung hier wird sehr lebhaft geführt. Anläßlich von Seereisen – es war von dem eingeschifften Korvettenkapitän die Rede gewesen – erzählte Bodo von einer Fahrt im Mittelländischen Meer, die er auf der Jacht eines Freundes unternommen, und entfaltet dabei so viel Schwung und Geist, als ihm nur immer möglich.

Nach dem schwarzen Kaffee setzt sich Stella ans Klavier und gibt einige virtuos vorgetragene Stücke zum besten; dann singt sie mit gutgeschulter, süßer Stimme einige feurige italienische Lieder. Der Abend vergeht wie im Fluge. Schon ist es neun Uhr, und der Diener bringt den Tee. Man bleibt noch zwei Stunden plaudernd beisammen, wobei die junge Frau sich ebenso fröhlich, ebenso glänzend zeigt, wie gestern die Baronin Brahden. Beinahe hätte Bodo Lust, auch ihr die Bruderschaft anzutragen.

»Du mußt dich nicht wundern, daß du mein Sternchen so übereinstimmend mit mir findest,« antwortet die alte Dame auf eine Bemerkung Bodos. »Stella ist die verwaiste Tochter einer mir sehr teuer gewesenen Freundin, und ich habe sie beinahe aufgezogen. Ehe ich sie mit Herrn von Betiany verheiratete, hat sie acht Jahre in meinem Haus verlebt, und da habe ich sie mir ein wenig nach meinem moralischen Ebenbild geformt.«

»Ach, der Glückliche und Unglückliche – der beklagens- und beneidenswerte Mann!« seufzt Bodo.

»Von welchem gemischten Phänomen sprichst du denn? Ah – du meinst wohl den eingeschifften Besitzer dieser Perle? Ja, es ist ein trauriges Los, das gestehe ich zu. Nicht wahr, Stella?«

Stella schüttelt schweigend den Kopf.

»Ach so – ich vergaß, du willst von deinem Mann nicht sprechen. Merke dir's, Bodo – es ist Hausgesetz – erwähne Stella gegenüber niemals den Korvettenkapitän.«

*

In sein Zimmer zurückgekehrt, trägt Bodo nachstehendes in das zur Stunde der unerträglichsten Langeweile begonnene Tagebuch ein:

Bruder Großmama hat doch sehr wenig Weltkenntnis! So naiv und vertrauensselig zu sein – das hätte ich ihr nicht zugemutet ... Sieht sie denn die Gefahr nicht? Diese Stella ist ja ein Prachtgeschöpf! Welcher normale Mensch könnte da anders, als sich verlieben?

Dennoch, ich werde mir Mühe geben und jenen Zustand, wenn er wirklich eintreten sollte – oder ist er etwa schon eingetreten? – bekämpfen. Mit der Langeweile ist's vorläufig gründlich aus. Wenn nur nicht an ihre Stelle Sentimentales oder gar Tragisches tritt! Geheimnisvolles ist schon im Spiele: dieser Korvettenkapitän, – den ein gnädiger Sturm nach einer arktischen Insel verschlagen möge! – von welchem vor seiner Frau nicht gesprochen werden darf. Mein Gott, ich habe ja gar nicht das Bedürfnis, mich von dem guten Seemann zu unterhalten; ihn als Luft, als Rauch, als Null zu behandeln, dazu bin ich ja ganz geneigt. Dennoch muß ich zu ergründen trachten, ob er ein Mensch ist, dem man auch von ferne gewisse Rücksichten schuldet oder der es voll verdient und in dessen Schicksalsbuch es geschrieben steht, daß – nun, ich weiß schon, was ich sagen will ...

*

Acht Tage später. Bodo und Stella kommen von einer Schlittenfahrt nach Hause. Es ist gegen vier Uhr nachmittags, zwei Stunden vor dem Diner.

Reutingen, statt in sein Zimmer zu gehen, begibt sich geradeaus nach den Gemächern der Schloßfrau und bittet um Einlaß. Der Diener kommt mit bejahendem Bescheid zurück; da streift er seinen Pelzmantel ab und eilt in den kleinen blauen Salon, wo die alte Dame in ihrer gewohnten Ecke sitzt. Sie legt ein Buch, in welchem sie eben gelesen, auf das nahestehende Tischchen und schaut lächelnd auf:

»Was verschafft mir die Ehre dieses unzeitigen Besuches?«

»Eine wichtige, lebenswichtige Angelegenheit,« antwortet Bodo, indem er sich unaufgefordert der Großmutter gegenüber niedersetzt. »Ich komme, dich zu bitten, mir mein Wort zurückzugeben und mich von Oberndorf ziehen zu lassen.«

»Vergebliche Bitte! Dennoch möchte ich deine Gründe kennen. Zähle sie auf.«

»Da ist nicht viel aufzuzählen. Ich habe nur einen Grund – aber der genügt.«

»Das wäre?«

»Ich liebe Stella.«

»Lakonisch bist du, aber weder deutlich noch überraschend. Daß du dich in das reizende Geschöpf verliebt hast, ist nämlich das Unüberraschende an der Sache – und weshalb du infolgedessen abreisen willst, das ist das Undeutliche daran.«

»Um so überraschter bin ich, Großmutter. Ich kann nicht glauben, daß du damit einverstanden wärst, wenn ich deiner Pflegetochter den Hof machte –«

»Eitler Mensch! Du erachtest dich wohl für unwiderstehlich?«

»Ich müßte lügen, wollte ich behaupten, daß ich mich für ungefährlich halte. Eine aufrichtige und glühende Leidenschaft reißt sehr leicht zur Erwiderung hin, Großmama; aber abgesehen von dem Erfolg oder Mißerfolg einer Liebesbewerbung, halte ich eine solche – unter den gegebenen Umständen – für unverträglich mit meiner eigenen Ehre.«

»Ich verstehe; der Korvettenkapitän –«

»Ich kenne diesen Herrn nicht; und die Art und Weise, wie von dir und Stella über ihn gesprochen oder vielmehr – geschwiegen wird, läßt mich schließen, daß auf die Persönlichkeit des eingeschifften Ehemannes ja vielleicht nicht die äußerste Rücksicht zu nehmen wäre; es gibt auch Ehemänner – sogar an Land – in Hülle und Fülle, welche (so habe ich mir sagen lassen) kein Hindernis abgeben, daß man ihren Frauen nachsetze. Aber das größte Hindernis hier bist du, Großmutter, und das Verhältnis, in welchem ich zu dir stehe. Ich bin der Gast deines Hauses unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß du eine hochherzige, mütterliche Wohltat an mir üben willst; als zweiter Gast weilt hier ein Wesen, das du wie eine Tochter liebst – und ich sollte die Infamie begehen, die Ruhe dieses Wesens zu stören, dein Vertrauen zu mißbrauchen? ... Nein, Bruder Großmama – dir gegenüber kein Hehl und keine Falschheit!«

»Das ist brav, mein Junge!«

»Du erlaubst mir also abzureisen?«

»Nein. Ich habe dein Wort – du bleibst.«

Bodo schweigt betroffen.

»Du siehst mich an, als hätte ich etwas Ungeheuerliches gesagt. Wisse, mir ist um Stella gar nicht bange. Ihr Männer glaubt wahrhaftig immer, daß ihr nur zu wollen braucht, um jede Frau kreuzunglücklich vor Leidenschaft für euch zu machen, und vermeint, etwas sehr Großmütiges zu tun, wenn ihr auf dieses Wollen verzichtet. Wir brauchen deinen Verzicht nicht, Bruder, wir werden uns schon zu verteidigen wissen.«

»Das heißt also, daß ich attackieren soll? Du gibst mir den Korvettenkapitän preis?«

»An den brauchst du in der ganzen Angelegenheit gar nicht zu denken, der verdient keines Menschen Achtung –«

In diesem Augenblick tritt Stella ein. Bodo erblickend, will sie wieder umkehren.

»Komm her, Kind!« ruft Baronin Brahden; »wir sprachen eben von dir... Es ist eine sehr interessante Geschichte. Setze dich hierher, an meine Seite. So – ich will euch nun beide ins Verhör nehmen, vielleicht kommen wir dabei alle ins klare. Du mußt also wissen, daß dieser junge Herr in Liebe für dich entflammt ist –«

Stella, die sich neben der alten Frau ans die Chaiselongue niedergelassen und ihren Kopf an deren Achsel gelehnt hat, antwortet, indem ein dunkles Erröten über ihr Gesichtchen stiegt, leise: »Das hat mir Herr von Reutingen vor einer halben Stunde selbst gestanden.«

»Und was hast du erwidert?«

»Ich schwieg ... Die Flocken schlugen mir ins Gesicht, es war grimmig kalt.«

»Auch in deinem Herzen, Stella? ...«

Es blieb so still, daß die Großmama Bodos Herz klopfen zu hören meinte.

Und jetzt springt er von seinem Sitze auf und kniet neben der Gruppe der beiden Frauen nieder. Er erfaßt Stellas Hand und führt sie an seine Lippen. Das Antlitz der alten Frau verklärt sich in einem milden Lächeln und leise legt sie ihre über Stellas Schulter herabhängende Hand auf des Knieenden Scheitel.

»Kind meines Kindes,« sagt sie zärtlich, »jetzt hab' ich dich, wo ich dich haben wollte: in der Gewalt des Glücks ... Sprich nicht, Bodo – und du, mein Sternchen, rühr dich nicht, bleibe an mich geschmiegt und entzieh dem Geliebten deine Hand nicht ... Mir ist, als strömte ein warmer, magnetischer Strahl aus euren seligen jungen Herzen in mein altes Herz herüber und ein eigenes Andachtsgefühl überkommt mich ... Das ist, glaubt mir, Kinder, der Hauch der Gottheit, das Mysterium der Mysterien, was uns jetzt im Banne hält ... Es gibt ein Etwas, das aus fernen Himmeln zu uns herabweht und das uns einen Anteil an der Ewigkeit gibt, jener Ewigkeit, in der alles Sehnen der Welt in süßer Erfüllung ruht ... Jetzt klingen mir in der Seele allerlei Glücksweisen aus meiner Jugend nach, ja, auch mir sind einst solche Wonnen geworden, wie sie euch durchglühen; ich habe auch geliebt und war schön ... Seht, Kinder, das ist keine böse Welt ... eine Riesenflamme der Seligkeit lodert im All, und uns winzigen Geschöpfen, die wir mit ein paar Flügelschlägen durch ein Stückchen Leben flattern dürfen, wir dürfen uns hie und da von jener Flamme einen Funken holen und dieser Funken heißt – Liebe. Amen, Kinder!«

Die Dämmerung ist hereingebrochen. Nur das flackernde Kaminfeuer wirft einen Schein auf den Teppich und auf die verschlungene Gruppe der drei schweigenden Menschen. Das fromm gesagte Amen tönt in der Luft noch nach und wie zur Besiegelung des von der alten Frau gesprochenen Liebeshymnus haben sich vier jugendheiße Lippen in einem seelenaustauschenden Kuß gefunden.

Das Geräusch nahender Schritte. Bodo erhebt sich rasch; es ist der Diener, der die Lampen bringt.

*

Das plötzliche, grelle Licht, die Anwesenheit des Dieners hat den Zauber gebrochen. Alle drei bewegen blinzelnd die Augenlider und atmen tief auf, wie aus dem Traum gerüttelt.

Stella steht auf und mit einem geflüsterten: »Es blendet mich,« verläßt sie das Zimmer.

Nachdem auch der Diener sich wieder entfernt, sagt Bodo in bewegtem Tone: »Es wäre zu schön gewesen –«

»Und hat doch sollen sein,« erwidert Baronin Brahden lachend.

»Großmutter, du bist eine merkwürdige, eine große Frau und Stella ist das herrlichste Geschöpf auf Erden –«

»Jetzt kommt wohl ein ›Aber‹,« unterbricht die alte Frau, noch immer lächelnd, »und dies ›Aber‹ betrifft wahrscheinlich doch den Korvettenkapitän?«

Bodo antwortet nur mit einem tiefen Seufzer.

»Stelle dir dieses Ungetüm als vom Meer verschlungen vor.«

»Wie?! Verunglückt – gescheitert?«

»Viel ärger.«

»Ein Seesturm, ein Haifisch?«

»Das sind alles Abenteuer, welche überstanden werden können. Aber unser Korvettenkapitän kann niemals kommen, dein Glück zu stören, denn – er hat niemals existiert.«

»Was?!«

»Hab' ich dir's nicht gesagt, daß ich eine alte Intrigantin bin und daß du mich erst kennen lernen sollst? ... Erinnerst du dich noch, wie du von dem Jungfräulein sprachst, das ich hier versteckt halte, und deiner stolzen Versicherung, daß du dich ›nimmermehr‹ – zweimal – ›nimmermehr‹ dazu hergeben würdest, meinen Schützling zu heiraten? So habe ich denn, nachdem du durch ein strenges Langweilregime mürbe und empfänglich gemacht worden, dir meine Pflegetochter als eine Unerreichbare hingestellt – und damit ist nun alles erreicht.«

Bodo stürzt auf seine Großmutter zu und umarmt sie stürmisch.

»Bruder!« ruft er jubelnd, »du bist – nimm mir's nicht übel, Bruder – du bist ein Prachtkerl!«

»Laß mich, du närrischer Junge! Hörst du die Speiseglocke? Ich muß jetzt auch gehen, Toilette machen. Tue ein gleiches – das heißt, schmücke dein Knopfloch mit einer Rose oder mit einer Myrtenblüte, denn heute versammeln wir uns zu einem festlichen Verlobungsmahl ... Morgen wollen wir dann alle drei zur Stadt fahren und deine Geschäfte endgültig in Ordnung bringen. Fortan bist du der Langeweile enthoben.«

Bodo reißt erstaunt die Augen auf. »Langeweile? Das kenne ich nicht ... Ein gescheiter Mensch langweilt sich nie.«








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