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Lang, lang ist's her

Heinrich Seidel: Lang, lang ist's her - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWeihnachtsgeschichten
authorHeinrich Seidel
year1995
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-739-9
titleLang, lang ist's her
pages26-40
created20031118
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heinrich Seidel

Lang, lang ist's her

Aus: Vorstadtgeschichten, Stuttgart und Berlin o. J.

Um die Zeit, als es dort noch Leierkastenmänner gab, ging ich an einem schönen Sommerabend mit meinem Freunde, dem Musikdirektor Leonhard Brunn, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, in den Tiergarten. Mitten im besten Gespräch näherten wir uns dem ersten der dort aufgestellten Orgeldreher, der Tag für Tag an derselben Stelle seinen musikalischen Beruf ausübte. Indem er in auffallender Weise zur Andeutung seiner Blindheit auf der schon ganz blankgetasteten Wachstuchdecke seines musikalischen Kastens umherstrich und nach etwaigen Dreiern tappte, spielte er eine jener infamen Allerweltsmelodien, die zuweilen als eine Art von musikalischer Epidemie über die Menschheit verhängt werden. Zu meiner größten Verwunderung griff mein Freund Leonhard Brunn, der sonst die Orgeldreher im allgemeinen und dieses Lied im besonderen ingrimmig haßte, in seine Tasche und reichte dem blinden Kollegen in fürstlicher Freigebigkeit einen Silbergroschen. Wir fuhren in unserem Gespräch fort und gerieten im Laufe dessen zu dem Denkmal Friedrich Wilhelms III., hinter dem der alte, freundliche Herr mit der Militärmütze bereits seit der grauen Vorzeit jeden Nachmittag »Die letzte Rose« von sich gab. Die an Verschwendung streifende Freigebigkeit meines Freundes wiederholte sich. Da er sonst ganz vernünftig sprach und mir soeben noch über die Anwendung der Posaunen im Orchester einen lehrreichen Vortrag gehalten hatte, vermochte ich mir durchaus keine Vorstellung zu machen, wie diese abnorme Handlungsweise zu erklären sei, und nachdem ich einige Zeit nachdenklich einhergeschritten war, sagte ich dies meinem Freunde. Da wir jedoch gerade in die Nähe eines melancholischen Trauergreises gekommen waren, der seine Orgel so trübselig drehte, als sei es ein Kindersarg mit einer Kurbel daran, antwortete Leonhard einstweilen nicht, sondern schmunzelte nur etwas und blinzelte ein wenig mit den Augen. Und obgleich dieser traurige Mensch die Kutschkepolka in einem Tempo spielte, als wolle er ihre Brauchbarkeit bei Begräbnisfeierlichkeiten nachweisen, erhielt auch er seinen Silbergroschen. Als nun der gerührte Leiermann auf seinem Trauerkasten ein anderes Register zog und uns dankbar »Röschen hatte einen Piepmatz« im Tempo eines Chorales nachsendete, lächelte mein Freund Leonhard wohlwollend wie ein Verklärter, der erhaben ist über die Plagen dieses irdischen Jammertales.

»Laß uns in den Zoologischen Garten gehen«, sagte er dann, »dort suchen wir uns eine heimliche Bank, und ich erzähle dir eine Geschichte.«

Von der Lichtenstein-Brücke her, wo ein behäbiger kleiner Invalide seine musikalische Wegelagerei betrieb und dem harmlosen Wanderer den Paß verlegte, schallte es nun von ferne herüber: »Lang, lang ist's her!«

Leonhards Züge verklärten sich.

»Das ist das Rechte«, sagte er, »der Mann versteht seine Zeit.« Er griff in die Tasche, und mit Schauder und Staunen sah ich ein blankes Markstück in seiner Hand blitzen.

»Leonhard!« rief ich, »du wirst doch nicht?!«

Aber siegreich und heiter schritt er auf den Leiermann zu und vollführte den Akt wahnsinnigster Verschwendung, der mir jemals vor Augen gekommen ist.

»Ihr seid ein tüchtiger alter Kerl«, sagte er und klopfte dem fast erschrockenen Orgelmann auf die Schulter; »Ihr habt Talent.«

»Leonhard«, sagte ich, »bedenke doch, was der Mann für einen günstigen Posten hat hier an diesem Engpaß, der ist möglicherweise reicher als du.«

»Schadet nichts«, sagte er, »höre nur erst meine Geschichte.«

Ich kann sagen, daß ich nicht wenig gespannt war, ein Erlebnis zu erfahren, das so sonderbare und unglaubliche Erscheinungen im Gefolge hatte.

»Ich erinnere mich sehr wohl«, sagte ich, »deiner mannigfachen und gewaltigen Zornausbrüche, die dir die Orgeldreherplage sonst entlockt hat. Du stelltest dir die musikalische Hölle vor wie eine unendlich lange Chaussee und an jeder Pappel einen teuflischen Orgeldreher in voller Arbeit, fortwährend beschäftigt, den armen Musikanten, die dort in Ewigkeit zu wandeln verdammt waren, sämtliche Gassenhauer der ganzen Welt zu Gehör zu bringen. Wo ist hier Übergang und Vermittlung, wie willst du diese Dissonanz auflösen?«

»Jede Dissonanz läßt sich auflösen, teurer Freund«, sagte Leonhard, »und jedes Ding hat seine nützliche und angenehme Seite. Nur bleibt sie oft dem beschränkten Sinne verborgen. Ich habe mir früher auch nie träumen lassen, daß die himmlische Vorsehung sich eines Leierkastens zur Erreichung ihrer Pläne wirkungsvoll bedienen könnte.«

Wir waren im Zoologischen Garten angelangt und hatten den seitlichen Gang zwischen den Büffel- und Hirschgehegen eingeschlagen. Es war ein Wochentag und der Garten nicht sehr gefüllt, so daß wir auf einer Bank am Wege ziemlich ungestört waren. Dort im Angesicht einiger friedlicher Büffel, die, bis an den Hals im schlammigen Wasser stehend, behaglich schnauften, erzählte mir Leonhard seine Geschichte.

Ich will sie in meiner Weise wieder erzählen.

Es ist eine Liebesgeschichte so gewöhnlicher Art, daß sie jeder, auch der ausgehungertste Novellist, wenn er sie so wie ein leeres, verbrauchtes Portemonnaie am Wege gefunden, einfach mit dem Fuß beiseite gestoßen hätte. Der gütige Leser, der geübt ist in solchen Dingen, und bei seinem täglichen Leihbibliothekenfutter bereits vor vielen Jahren das Jubiläum des tausendsten Bandes gefeiert hat, wird jetzt schon den ganzen Verlauf an den Fingern hersagen können, und wenn ich die Geschichte trotzdem erzähle, so geschieht es in dem Vertrauen auf die ewige Langmut und Güte der Vorsehung und im Hinblick auf jene jungen und gläubigen Opfer, denen noch nicht die langjährige Erfahrung aus den tausend fettigen Leihbibliotheksbänden zu Gebote steht.

Es ist in Dunkel gehüllt, bei welcher Gelegenheit meinem Freunde Leonhard zuerst auffiel, daß Agnes Bolten ein merkwürdig angenehmes Mädchen sei. Diese Anschauung kam nicht plötzlich, sondern entwickelte sich so regelrecht, aus Keim und Knospe, wie man es nur wünschen kann. Aber eines Tages empfand er doch mit Überraschung, daß diese Angelegenheit zu einer merkwürdigen Klarheit gediehen sei und daß er eine Neigung in sich verspüre, jedem anderen jungen Manne, der ähnliche Gefühle gegen Fräulein Agnes zu hegen wage, den Hals zu brechen. Obgleich er aus den hundert kleinen Anzeichen, mit denen eine heimliche Liebe hervorblitzt, wie ein Bach, der unter Kraut und Blumen verborgen einherrieselt, zu schließen wagte, daß seine Neigung nicht unerwidert sei, so dauerte es doch einige Zeit, bis seine überlegende und maßvolle Natur, die zwar schwer von Entschlüssen, aber hartnäckig in deren Ausführung war, sich zu einem entscheidenden Schritt entschloß.

Dieser Zeitpunkt trat jedoch endlich ein, und nachdem er sämtlichen Freunden und Verwandten die gründlichste Versicherung gegeben hatte, sich niemals zu verheiraten und als guter alter Onkel seine Tage zu beschließen, benützte er einen der kältesten Winterabende, an dem ihm das Glück zuteil wurde, Fräulein Agnes Bolten aus einer Gesellschaft nach Hause zu führen, sie mit der Glut seines Herzens bekannt zu machen.

Wo zwei solche Flammen lange unterdrückt und heimlich genährt ineinander lohen, durchwärmen sie auch die bittere Kälte einer Winternacht, und das alte, schneebedeckte Gartentor der Villa Bolten wurde heute abend Zeuge von Ereignissen, für die man sonst die blühende Fliederlaube oder die schattige Sommerlinde allgemein als die passendste Örtlichkeit anzusehen gewohnt ist. Küsse, Seufzer und Tränen, Tränen, die die bitterliche Dezemberkälte sofort in Eis verwandelte, so daß neue Küsse nötig waren, sie wieder aufzutauen. Sie galten einem würdigen alten Herrn, der, während diese Tatsachen an dem festgefügten Bau seiner schrullenhaften Grundsätze nagten, behaglich in seinem warmen Bette schlief, und zwar als gesunder Verstandesmensch gründlich und unbelästigt von dem unreellen Scheinwesen irgendeines Traumes.

»Wie soll es nun werden?« sagte Agnes und sah angstvoll aus der weißen Pelzkapuze zu Leonhard auf. »Papa ist so fürchterlich, wenn etwas gegen seinen Willen geht. Gegen mich ist er so gut, aber gegen dich wird er es nicht sein. Denn er hat einen Haß auf alle Musiker – nicht auf die Musik, aber auf euch. Er ist wohl streng, aber gegen jedermann gerecht, nur gegen euch nicht. Ich habe gekämpft dagegen, dich lieb zu haben, denn ich dachte, daß daraus nie ein Glück entstehen könne – nun ist es doch so plötzlich gekommen – wie soll es nur werden?«

»Morgen gehe ich zu deinem Vater«, sagte Leonhard, »da du mir gut bist, so soll mich auch keine Macht der Erde daran hindern, dich zu gewinnen.«

Sie sah ihn liebevoll, doch traurig an. »Du kennst ihn nicht«, sagte sie, »aber wenn ich denke, wie du bist« – ihr Gesicht hellte sich auf – »anders als die andern, so frei und klar und wahr, ich möchte fast Hoffnung fassen.«

Das Resultat dieses Abends war die Verabredung, daß Leonhard am andern Tage bei dem alten Bolten, der, nichts ahnend, dies ganze Komplott verschlief, sein Heil versuchen sollte.

 

Die starke Abneigung des alten Herrn gegen die Musiker läßt sich einigermaßen entschuldigen, wenn man eine gewisse Sorte von Virtuosen ins Auge faßt, die die Treibhauswärme einer unverständigen Musikliebe neuerdings in krankhafter Menge hervorgebracht hat. Wer diese blassen, nervösen Einseitlinge mit ihrem ewigen Beifallshunger und der monströsen Eitelkeit auf ihre Taschenspieler- und Jongleurkünste kennengelernt hat, der wird um so dankbarer die sehr wenigen glänzenden Ausnahmen anerkennen, die es glücklicherweise noch gibt. Es ist ihm aber nicht zu verdenken, wenn er alles, was die Firma Musiker führt, zuerst vorsichtig von ferne betrachtet, um sich zu überzeugen, ob auch wirklich ein Mensch dahinter steckt und kein bloßer Bogen- oder Tastenbewegungsmechanismus. Herr Andreas Bolten mußte aber noch tiefere Gründe haben, denn seine Abneigung gegen diese Menschenklasse streifte an Haß, und obgleich er der Kunst durchaus nicht abgeneigt war, so waren doch für ihn ihre Vertreter mit einem Odium behaftet, wie es etwa im Mittelalter wandernden Musikanten anhing. Er hegte die feste Meinung, daß der ausschließlichen Beschäftigung mit der Musik ein demoralisierendes Element innewohne, geeignet, den vorzüglichsten Charakter zu untergraben, und wies man ihn hin auf manche glänzenden Beweise gegen seine Theorie, die in der Stadt zu finden waren, so pflegte er die Achseln zu zucken und die Ansicht zu äußern, daß man den Tag nicht vor dem Abend loben solle. Es gewährte ihm eine gewisse Befriedigung, daß Mozart so leichtlebig und Beethoven so exzentrisch gewesen, denn es paßte in seine Theorie, und von Paganini glaubte er die schwärzesten aller schwarzen Gerüchte, die über dieses Monstrum aller Virtuosen noch immer verbreitet sind. Richard Wagner, sein Lieblingskomponist, war ihm ein unerschöpfliches Beispiel, und natürlich glaubte er jede Entstellung und jedes alberne Märchen, das diesem großen, aber rücksichtslosen und streitbaren Manne angedichtet worden ist.

Leonhard ahnte kaum die Stärke des Bollwerkes, das er mit gutem Mute zu stürmen ging, weil er einfach keine Vorstellung hatte, daß eine solche Sinnesart möglich sei. Er war jung, heiter und glücklich in seinem Beruf, die Welt lag vor ihm in dem Sonnenschein, den ein aufsteigender Ruhm darüber hinbreitet, ein angenehmes kleines Vermögen machte ihn unabhängig von dem leidigen Streben nach Brot, das zwar manche stärkt und kräftigt, viele aber immer tiefer hinabzieht und den Überfluß von Talenten vernichtet, den die Natur auch auf diesem Boden wie überall aussät. Er war einer jener glücklichen Auserwählten, die dort finden, wo so viele ihr Leben lang mühevoll und fruchtlos gesucht haben, und am besten wird wohl seine glückliche Natur geschildert durch einige Verse, die ihm ein scheidender Freund einst zur Erinnerung aufschrieb:

Der Auserwählte

        Wem hold sind die Götter,
Dem blüht der Vollendung
Herrliche Blume!
Es mühen sich manche
Und streben vergebens,
Und nimmer erreichbar
In dämmernder Ferne
Sehen sie schimmern
Das goldene Ziel. –
Doch er kommt geschritten,
Der Auserwählte,
Mit freiem Antlitz
Und leuchtender Stirne –
Ihm schließen die Knospen
Duftend sich auf,
Ihm neiget das Schönste
Sich lächelnd entgegen,
Und siegreich und heiter
Schreitet er aufwärts
Die leuchtende Bahn! –
Wem hold sind die Götter,
Dem blüht der Vollendung
Herrliche Blume! –

Der Liebling der Götter hatte also sehr wenig Ahnung von dem Kampfe, dem er entgegenging, und doch saß ihm natürlich das beängstigende Etwas im Blut, das den wohltrainierten Examinandus schließlich doch selbst um das bringt, was er zu Hause noch so schön gewußt hat. Nachdem er die übliche Verschniepelung und Verschwärzung mit sich vorgenommen hatte, ohne die unsere im Punkte der Bekleidung traurig verarmte Zeit sich einen feierlichen Akt nicht vorstellen kann, machte er sich um die übliche Besuchszeit kühn auf den Weg.

Wie zwei feierliche Wächter mit Allongeperücken standen die beiden von wolligem Schnee bedeckten Gartentorpfeiler der Boltenschen Villa da. Leonhard warf einen Blick auf einen Fleck neben dem einen Pfeiler, wo der Schnee von verschiedenen Fußpaaren, einem zarten und einem kräftigen, niedergetreten war. Er mußte lächeln. Dies war nun ein historischer Ort für ihn. Er öffnete das Tor und ging durch den sauber gefegten Steig auf die Villa zu. Die Sonne schien und blitzte in den schneegepolsterten Gebüschen, vor einem Fenster lärmten die Spatzen um hingestreutes Futter. Hinter diesem Fenster ward ein blasses, liebes, verweintes Köpfchen sichtbar, nickte ihm zu und verschwand. Agnes machte ihm selber auf. »Ich habe ihn schon vorbereitet«, flüsterte sie, da ein Diener in der Nähe stand, »er war schrecklich – Jakob, melde diesen Herrn, Herrn Musikdirektor Leonhard Brunn, – er wollte dich gar nicht sehen, aber ich bestand darauf, er müsse dich empfangen, und schließlich gab er nach. Ich bin so voll Angst.«

Leonhard drückte sie an seine Brust und küßte sie auf die Stirn. »Ich habe Mut«, sagte er, »für uns beide.«

Der Diener ließ sich hören, und sie nahmen wieder eine Stellung achtungsvoller Höflichkeit gegeneinander ein. Die Hand aufs Herz gedrückt, sah Agnes dem Geliebten nach, als er mit festem Schritt die Treppe zu dem Zimmer ihres Vaters emporstieg.

 

»Sie sind Herr Musikdirektor Leonhard Brunn und kommen zu mir, um die Hand meiner Tochter von mir zu begehren«, sagte Herr Andreas Bolten, »haben Sie die Güte, Platz zu nehmen und mir mitzuteilen, was Sie sonst noch hinzuzufügen haben.« Damit deutete er auf einen gepolsterten Lehnstuhl von braunem Leder und nahm selber in einem gleichen Sessel Platz. Es war ein hübscher Anblick, diese beiden verschiedenen und doch wieder gleichartigen Männer einander gegenüber zu sehen. Vor allem war ihnen gemeinsam, daß sie beide wirkliche Männer waren. Aber war in der äußeren Erscheinung des älteren mehr das Viereck ausgeprägt, so kamen bei dem jüngeren die sanfteren Linien des Ovals zur Geltung. In dem einen war mehr Charakter, in dem andern mehr Schönheit. Der Kaufmann hatte das klare, feste, graue Auge, das die Außendinge mit sicherem Blick umfaßt und bewältigt, in den blauen Augen des Künstlers war jene Klarheit, die auf eine sichere Beherrschung einer geistigen Innenwelt schließen läßt.

Leonhard war nicht überrascht durch das kurze und summarische Verfahren seines Gegners, er hatte eher Schlimmeres erwartet. »Ich habe wenig hinzuzufügen«, sagte er; »da Sie von der Hauptsache bereits unterrichtet sind, so kämen nur noch meine äußeren Verhältnisse in Betracht. Die Ausübung meines Berufes sichert mir eine nicht unbedeutende Einnahme, die, wie ich mit einiger Sicherheit annehmen darf, eine fortwährende Steigerung erfahren wird, außerdem bin ich im Besitz eines Vermögens, das an und für sich zur Gründung und Unterhaltung eines Hausstandes ausreicht. Was meinen persönlichen Charakter betrifft, so steht mir darüber ein Urteil nicht zu, jedoch liegt mein Leben und öffentliches Wirken so klar da, daß es Ihnen nicht schwer fallen kann, darüber Näheres zu erfahren.«

»Soweit wäre demnach alles in der besten Ordnung«, sagte Herr Bolten; »wenn ich Ihnen nun dennoch die Hand meiner Tochter auf jeden Fall verweigere, so werden Sie die Ursache hiervon sicher nicht einsehen und von mir eine Darlegung meiner Gründe erwarten.«

Leonhard wurde etwas verwirrt durch die Schroffheit des alten Herrn. »Ich fürchte, Sie werden mich nicht überzeugen«, sagte er dann mit einem Anflug von Humor.

»Darin haben Sie vermutlich recht«, sagte Herr Bolten, »was jedoch die Darlegung meiner Gründe betrifft, sehen Sie, ich könnte Ihnen einfach sagen, es sei gegen mein Prinzip, meine Tochter einem Musiker zu geben. Es wäre das Billigste. So ein Prinzip ist eine gute Streitaxt, sie jemanden vor den Kopf zu schlagen, der uns mit Gründen in die Enge getrieben hat. Mir fehlen die Gründe jedoch nicht, und ich will sie Ihnen nicht vorenthalten. Lebenserfahrungen unangenehmer Art haben meine Beobachtung geschärft und meine Blicke gerade auf Ihren Stand gerichtet, und ich bin dabei zu Resultaten und Ansichten gekommen, die Ihnen vielleicht unangenehm und ungerecht, mir aber als unabänderliche Wahrheit erscheinen. Die Musik ist von allen Künsten die lustigste Kunst, sie spricht zu uns in unbestimmten Tönungen und Wendungen, sie haftet am wenigsten an Dingen dieser Erde, ihr Wesen ist Ahnung und Sehnsucht. In das Innerste einer Kunst einzudringen, die sich in solchen subtilen Regionen bewegt, sie selber schöpferisch und mit Genie auszuüben, erfordert ein empfindliches und reizbares Nervensystem, erfordert eine Feinfühligkeit der Seele, die in Dingen des wirklichen Lebens zur großen Gefahr werden kann. Aus diesen Gründen erklärt sich das exzentrische und oft haltlose Wesen der meisten bedeutenden Musiker, und endlich verweigere ich Ihnen aus diesen Gründen die Hand meiner Tochter, gerade weil Sie, wie ich wohl weiß, hervorragend und bedeutend in Ihrem Fache sind.«

Leonhard hatte ungeduldig auf seinem Stuhle gerückt, als Herr Bolten seine krausen und seltsamen Theorien entwickelte. »Wenn ich Sie recht verstehe«, fiel er jetzt ein, »so sagen Sie damit, jeder begabte Komponist ist vermöge seiner seelischen Anlagen, die große Reizbarkeit und Empfänglichkeit bedingen, ein unzuverlässiger Charakter. Sie vergessen, daß andere Eigenschaften vorhanden sein können, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Sie würden mir vielleicht eine Menge von Beispielen für Ihre Theorie aufzählen können und würden sorgfältig verschweigen, was gegen sie spricht. Und wenn Sie recht hätten, wer sagt Ihnen denn, daß ich nicht auf die Welt gesendet bin als erste und einzige Ausnahme, nur um die Regel zu bestätigen?«

»Sie haben Humor«, fügte Herr Bolten mit wohlwollender Strenge ein.

»Ich kann Ihre Gründe nicht würdigen und annehmen«, fuhr Leonhard fort, »ich protestiere selbstverständlich gegen die Regel, aber selbst diese zugegeben, können Sie doch die Ausnahme nicht wegleugnen. Und das vernichtet all Ihre Gründe, denn da mein ganzes Vorleben gegen diese spricht, so dürfen Sie nicht im Hinblick auf das, was möglicherweise sein könnte, mir Ihre Einwilligung verweigern.«

»Setze ich in die Lotterie, so bin ich ein Tor«, sagte Herr Bolten, »wenn ich mit Sicherheit auf das große Los hoffe. Übrigens glaube ich jetzt Ihnen gegenüber meiner Pflicht genügt zu haben, ich spreche Ihnen schließlich mein Bedauern aus, daß ich in dieser Sache Ihnen nicht dienen kann, und bitte, die Angelegenheit hiermit als abgeschlossen zu betrachten.«

Leonhards Blut war längst in Wallung geraten. In dem Gefühl, daß dieser eingefleischten, schrullenhaften Theorie des alten Bolten mit Gründen nicht beizukommen sei, und mit dem festen Vorsatz, den Kampf nicht aufzugeben, griff er zu andern Mitteln. »Ich will von mir nicht reden«, sagte er, »aber nehmen wir an, daß Ihre Tochter mich wirklich liebt mit der ganzen Kraft ihres Herzens, wollen Sie ihr ganzes Lebensglück einer Theorie opfern? Wie wollen Sie das verantworten, was Sie jetzt tun, wenn Sie das Herz Ihrer Tochter gebrochen haben um einer Einbildung willen?«

Herr Bolten sprang auf, heftig und erregt: »Ich mag diese alte Phrase von den gebrochenen Herzen nicht hören, das ist nichts als phantastische Übertreibung. Ich kenne das wohl, man wird blaß, man härmt sich, das Leben ist eine Last, man will daran sterben. Aber es ist eine Krankheit, und sie geht vorüber. Meine Tochter müßte wenig vom Blut ihres Vaters haben, – eine Bolten stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Ich will nun einmal nicht, daß meine Tochter das hangende, bangende, ewig ruhelose Leben teilen soll, das Ihnen unwiderruflich verhängt ist, denn dies ist überall, wo es gilt, einen Ruhm zu steigern und zu bewahren. Wenn Sie ein Mann wären mit einer soliden, tüchtigen, bürgerlichen Beschäftigung, ich würde Ihnen meine Tochter nicht verweigern, und wenn Sie keinen Pfennig im Vermögen hätten.«

»Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort und pflanzte sich mit untergeschlagenen Armen vor Leonhard auf, »satteln Sie um, werden Sie Kaufmann. Sie haben das Zeug dazu. In einem Jahre lernen Sie unter meiner Leitung alles, was sie brauchen. Vielleicht macht es sich dann mit der Firma Bolten und Brunn. Sie lächeln, ich wußte es wohl. Gut, ich habe meine Nachgiebigkeit bewiesen, ich bin mit dieser Angelegenheit fertig. So lange Sie Musiker sind, niemals!«

Leonhard war auf das Äußerste gebracht und rief: »Gut, so hören Sie auch mein vorläufiges Schlußwort in dieser Angelegenheit. Sie haben mir meinen Antrag aus Gründen zurückgewiesen, die keine sind. Sie opfern zugunsten einer Schrulle das Glück Ihres Kindes. Sie sind hartköpfig und starr, ich bin es auch. Sie wollen mir Ihre Tochter nicht geben, ich werde sie nicht lassen. Und wahrlich, das sagen ich Ihnen, Ihre Tochter wird meine Frau mit oder gegen Ihren Willen, so wahr ich Leonhard Brunn heiße!«

»Wo haben Sie Ihren Revolver, junger Mann?« rief Herr Bolten, »das wäre modern, das wäre amerikanisch. Als letztes Mittel dem zukünftigen Schwiegervater die Pistole auf die Brust gesetzt: ›Die Tochter oder das Leben!‹ Den Teufel auch, mein Herr, meine Tochter gehört mir, und Sie bekommen sie niemals so wahr . . . ich . . . Andreas . . .«

Vom Hofe herauf klangen plötzlich die Töne einer Drehorgel, es war die Melodie des alten schottischen Liedes: »Lang, lang ist's her.«

Herr Bolten vollendete seinen Satz nicht, es war, als ob diese Töne die Worte von seinen Lippen nähmen. Ein eigentümlicher, wehmütiger milder Zug verwischte den Zorn aus seinem Antlitz, er ging zu seinem Schreibpult, wickelte ein Geldstück in Papier, öffnete das Fenster und warf es hinaus. Dann fielen seine Blicke auf einen grünseidenen Vorhang an der Wand, der ein Bild zu verhüllen schien, und hafteten nachdenklich darauf.

Leonhard, der bereits an der Tür stand, sah ihm verwundert zu. Dann wollte er sich zurückziehen, denn die Sache war einstweilen doch so gut wie verloren.

Der Alte bemerkte es. »Gehen Sie noch nicht«, sagte er, und ein weicherer Klang war in seiner Stimme, »ich habe Ihnen noch etwas zu sagen. Wollen Sie mir versprechen, während der nächsten Zeit sich meiner Tochter nicht zu nähern und keinen Versuch machen, sie zu sprechen?«

»Wir leben im Kriegszustande«, sagte Leonhard, »alle Mittel gelten, ich verspreche nichts.«

»Sie werden es tun«, sprach Herr Bolten mit fester Stimme, »wenn ich erkläre, meine Worte von vorhin einstweilen zurückzunehmen. Ich bitte mir bis morgen Bedenkzeit aus.«

»In diesem Falle, ja!« erwiderte Leonhard.

»Ich danke Ihnen, Herr Musikdirektor, also bis morgen.«

Eine stumme Verbeugung, und Leonhard verließ den Kampfplatz.

 

Herr Andreas Bolten blieb eine Weile stehen und sah nachdenklich die Tür an, durch welche der junge Mann verschwunden war. »Ein verfluchter Kerl ist er doch«, murmelte er, »ein ganz heilloser Kerl, ›es ist Rasse drin‹, würde Baron Spornitz sagen.«

Unterdessen war der Mann auf dem Hofe noch immer beschäftigt, das empfangene Geld musikalisch abzuarbeiten, und hatte es mindestens zum zwölften Male schon »lang, lang her« sein lassen. Er war ein ehrlicher Mann und wollte für das große Stück Geld auch ein entsprechendes Quantum von Musik liefern. Herr Bolten ging ans Fenster und winkte ihm ab.

Dann zog er den Vorhang beiseite, setzte sich in einen Lehnstuhl und sah das Bild an, das dahinter verborgen gewesen war. Es stellte seine verstorbene Frau dar in der Schönheit ihrer Jugend. Man kann nicht sagen, daß Herr Bolten sentimental war, aber er hatte eine Schwäche, wenigstens nannte er es oft vor sich selber so, das war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Und diese hing unwiderruflich mit dem eben gehörten Liede zusammen. Auch der festeste Mann hat einen Punkt, den das härtende Drachenblut nicht umpanzerte, weil ein Lindenblatt der Liebe darauf fiel. Für den Alten waren diese Erinnerungen gerade in dieser Stunde von besonderer Bedeutsamkeit. Daß dies Lied in einem Augenblick ertönte, wo er schroff sein Wort gegen ein anderes Wort setzen wollte, hatte ihn wie eine geisterhafte Mahnung berührt. Er war im Begriff gewesen, ein Versprechen zu brechen, das er einst in heiliger Stunde gegeben. Es war in Vergessenheit geraten; die lange Zeit, die dahinter lag, hatte es verwischt, er hatte auch niemals daran gedacht, daß einst eine Möglichkeit kommen könne, wo er es erfüllen müsse. Nun kam zur rechten Stunde, im rechten Moment ein Lied, das wie der Auslöser in einer Uhr das Räderwerk seiner Gedanken entfesselte, bis schlagkräftig und bestimmt alles wieder vor seiner Seele stand. Seine Frau war schön und jung, als sie ihm die Hand reichte. Sie folgte nicht der eigenen Neigung, sondern dem Zwang ihrer Eltern, denn ihre Liebe gehörte einem jungen, talentvollen Musiker, der arm und ohne Stellung in der Welt war. Dieser verfiel nach ihrer Hochzeit, es ist nicht aufgeklärt, aus welchen Gründen, ob um seinen Schmerz zu betäuben, ob aus Haltlosigkeit, in ein wüstes Leben und ging darin unter. Die junge Frau schrieb alles natürlich dem ersten Grunde zu, und anstatt sich mit Abscheu von ihm zu wenden, blieben die Regungen der Liebe und des Mitleids bis an sein Ende für ihn wach. Sie unterstützte ihn, und Bolten wußte es. Er wußte aber auch, daß er seiner Frau vertrauen könne. Aber es trat eine Wendung ein, die von eigentümlicher Wirkung war, er fing an, seine Frau wirklich zu lieben. Diese Liebe steigerte sich zu einer Höhe, die ihn selber beängstigte und die ihm die unerträglichsten Qualen schuf. Zu wissen, daß dieser verkommene Mensch mehr Anspruch auf die Neigung seiner Frau habe als er, das trieb ihn oft fast zum Wahnsinn. Von dieser Zeit her schrieb sich sein ungerechter Haß gegen die Musiker. Er beschloß, seine Frau für sich zu erwerben. Mit rastloser Geduld, mit nie aufhörender Sorge diente er um ihre Neigung. Und da seine Liebe echt und treu, und vor allen Dingen, da er ein Mann, gelang es ihm. Alle Zartheit und Liebe, der seine Natur fähig war, brachte er ihr entgegen, und nach langem Werben ward sie sein. Wie die Sonne nach langem, regnerischem Wolkentag oft noch am Abend mit selig verklärendem Strahl hervorbricht, so ward ihm noch eine kurze und glückliche Zeit zuteil.

Ein Jahr etwa nach dem Eintritt dieser späten Herzensvereinigung starb seine Frau nach der Geburt eines Töchterleins. In der letzten Stunde nahm sie ihm das Versprechen ab, bei dieser Tochter das zu sühnen, was an der Mutter verbrochen war, und ihr einen Gemahl zu geben nach der freien Wahl des Herzens.

Dies alles rief das Lied zurück, das einst das Lieblingslied seiner Frau war. Sie hatte es oft gesungen im Schmerz ihres einsamen, verkauften Lebens, erst in dem letzten, glücklichen Jahre war es verstummt.

Herr Bolten saß lange in seinem Lehnstuhl da, die Augen auf das Bild gerichtet und doch wie in sich versunken. Die Dämmerung brach herein und hüllte es in Schatten, er schien es nicht zu bemerken, denn er sah mit den Augen seines Geistes. Dann stand er auf und ging mit gesenktem Haupt einige Male im Zimmer auf und ab. Er trat ans Fenster und schaute eine Weile in das kalte Abendrot, das über den dunklen, entlaubten Wipfeln des Tiergartens stand. Der Diener kam mit Licht, setzte es schweigend auf den Schreibtisch und entfernte sich wieder. Herr Bolten sah noch einmal nach der Türe, dann nach dem Bilde, setzte sich an den Tisch und schrieb. Als er fertig war, klingelte er: »Herrn Musikdirektor Leonhard Brunn sofort zu bestellen«, sagte er, indem er dem Diener den Brief übergab.

 

Diese denkwürdigen Vorgänge ereigneten sich am 23. Dezember. Der Brief, den Leonhard noch an dem Abend desselben Tages erhielt, hatte folgenden Inhalt:

 

»Sehr geehrter Herr Musikdirektor!

Wenn Sie die Güte haben wollen, sich morgen, am 24. Dezember, abends 6 Uhr, zu mir zu bemühen, so würden Sie mich sehr verbinden, da ich Ihnen noch einige Mitteilungen zu machen habe.

Hochachtungsvoll
Ihr
Andreas Bolten.«

Vor jede Oase des Glückes streckt sich eine Sahara der Entbehrung und Erwartung einher, geschmückt mit Spiegelbildern der Hoffnung und Sehnsucht. Dornenvolle Kräuter waren es, durch die Leonhards Gedanken in diesen vierundzwanzig Stunden ihren Weg nahmen.

Herr Bolten war heiter; er hatte Mühe, beim Abendessen seine große Fröhlichkeit vor seiner Tochter zu verbergen. Sie wagte nicht zu fragen, und heimlich hingen ihre Augen an den strengen Zügen ihres Vaters. Zuweilen war es ihr, als lächle ein kleiner, freundlicher Kobold, der seinen bescheidenen Sitz in dem väterlichen Mundwinkel hatte, ihr aufmunternd zu.

Leonhard fand am andern Tage sich pünktlich ein. Herr Bolten stand mitten in der Stube, hatte die Hände auf dem Rücken zusammengelegt und betrachtete wohlwollend einen langen, weißen Korb, wie man ihn zum Transport von kostbaren und empfindlichen Frauenkleidern benützt.

Wie ein Blitz durchschoß Leonhard ein Gedanke, als er diesen ungeheuren Korb sah. Zu einer Komödie der schändlichsten Verhöhnung hatte ihn der Alte bestellt und hatte das schmachvolle Symbol der Ablehnung in einer seinem Haß entsprechenden Größe ausgewählt. Der Zorn stieg dem Armen purpurrot in das Antlitz. »Herr Bolten, was bedeutet dieser Korb?« rief er.

Den Alten belustigte diese Auffassung höchlichst, dies Mißverständnis war noch eine angenehme und humoristische Zugabe, auf die er noch gar nicht einmal gerechnet hatte.

»Der Korb ist für Sie«, sagte dieser boshafte alte Sünder. Aber er kam dem Ausbruch zuvor, der sich bei Leonhard ankündigte. »Ereifern Sie sich nicht, mein Lieber, der Korb ist nicht für Sie ein symbolischer Korb, sondern ein Korb in seiner eigentlichen Bedeutung, ein Futteral, eine Emballage. Wenn Sie mir den kleinen Dienst erweisen wollen, gefälligst hineinzuspazieren, so werden Sie mit den Folgen dieser Handlung sehr zufrieden sein.« Damit hatte er den Deckel geöffnet und stand mit einladender Handbewegung da.

»Wissen Sie, was ein Julklapp ist?« fragte er dann.

Leonhard bejahte es unwillig.

»Nun, ich möchte Sie meiner Tochter als Julklapp werfen. Wollen Sie nicht, dann ist es auch gut, Sie bekommen sie doch, aber ich denke, Sie werden es mir nicht abschlagen. Eine Liebe ist der andern wert.«

Was sollte Leonhard machen? Liebe, Zorn, Hoffnungen und Befürchtungen hatten ihn genugsam geschüttelt und mürbe gemacht, warum sollte er am Ende nicht auch noch in einen Korb steigen?

Der Alte schloß den Deckel und klingelte. Zwei riesenhafte Rollkutscher traten ein, nahmen den Korn und trugen ihn davon.

Agnes saß in dem glänzenden Weihnachtszimmer unter dem brennenden Tannenbaum mit traurigem Herzen. Herr Bolten trat ein, sie wischte eine heimliche Träne fort und zwang sich, ihm mit frohem Angesicht entgegenzugehen und ihm zu danken für so viele kostbare Geschenke. Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen, eine furchtbare Rollkutscherstimme rief »Julklapp«, und der bewußte Korb ward hereingeschoben. Agnes kannte schon dieses Möbel. Ihr Vater pflegte ihr an jedem Weihnachten auf dieselbe Weise ein kostbares Kleid zu schenken, allein sie fürchtete sich immer ein wenig davor, denn das Talent, die Schönheiten eines weiblichen Anzuges zu beurteilen, ging Vater Bolten ab, und es kamen bisweilen unsägliche Dinge aus diesem Korb zum Vorschein.

Herr Bolten bemerkte den ängstlichen, zögernden Ausdruck in ihrem Gesicht. »Nur Mut, Agnes«, sagte dieser raffinierte alte Heuchler, »diesmal hab' ich's getroffen, und wenn es dir doch nicht gefällt, darfst du's nur umtauschen!« Zögernd schlug Agnes den Deckel zurück. In blaue Seide gehüllt lag das Unbekannte vor ihr. Sie hob einen Zipfel auf. »Ein Tuchkleid!« rief sie, denn ein Stück von Leonhards Ärmel kam zum Vorschein. Ihre Neugierde ward wach, denn Weib bleibt Weib, und ehe das Interesse für ein neues Kleid aufhört, muß es arg kommen. Ein Schreck, ein Schrei, im Korb ward es lebendig und rappelte sich empor und fiel ihr um den Hals, und Vater Bolten und die Ganze Welt versanken in einen blauen Nebel des Glückes und waren eine Weile so gut wie gar nicht vorhanden.

Dem Alten wurde es so sonderbar und so flimmerig vor den Augen, er ging an das Fenster und starrte in die schwarze Nacht, und schließlich mußte er doch mit dem Gesicht an der Gardine einherfahren, und als das nicht völlig half, ging er leise hinaus, über den hell erleuchteten Gang in sein Zimmer. Es war dunkel dort, nur das Licht der Straßenlaterne warf einen sanften Schimmer auf die Wand, an welcher das Bild hing. Er zog den Vorhang zurück, setzte sich in den Lehnstuhl und schaute auf das sanfte Antlitz, das in ungewissem Scheine aus dem dunklen Hintergrunde hervortrat. In seinen Zügen arbeitete es seltsam und seine Lippen zuckten.

»Bist du nun zufrieden?« sprach er zu dem Bilde, »hab' ich es recht gemacht? Sie sollen ihren Willen haben, die Kinder, und ich will glauben, daß es das Beste ist.« – Dem festgefügten Mann rannen die Tränen über das zuckende Gesicht. »Warum gingst du so früh?« fuhr er fort. »Wir kannten uns doch kaum. Und nun, da dein liebster Wunsch erfüllt wird, bist du fern, ewig fern, in jenem Lande, dahin wir alle kommen werden und das doch niemand kennt, und ich kann dein zufriedenes Lächeln nicht sehen und den dankbaren Schein deiner sanften Augen. Du blickst auf mich herab wie immer still und friedlich und kannst mir kein Zeichen geben, daß du mir gut bist für das, was ich heute tat!«

Der alte Mann hielt seine Augen fest auf das Bild geheftet, und war es das Flackern des Lichtes, oder war es Wirklichkeit, es schien einen Augenblick, als ginge ein Lächeln wie ein freundlicher Schimmer über das stille Antlitz. Lange noch saß er, die Augen auf das Bild gerichtet, die Gedanken versenkt in jene Zeiten, die nicht wiederkehren: »Lang, lang ist's her!« –








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