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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Siebentes Kapitel.

Als Landolin auf die Marktwiese kam, wurde er zuerst von dem Großbauer Titus, dem sogenannten Gäukönig von der jenseitigen Hochebene, begrüßt. Der Gäukönig bot eine namhafte Summe für die Preiskuh, Landolin lehnte schelmisch ab. Bald war er von einer großen Schaar Bauern umringt, die theils im Ernst, theils im Scherz ihn schalten, daß er durch Aufstellung der Preiskuh den Markt verderbe, denn neben dieser erschienen alle anderen armselig. Landolin lächelte, er hatte eigentlich nur für sich selber stolz sein wollen, aber daß er den Anderen den Markt verdarb, das schmeckte ihm wie der beste Schoppen, und besonders behagte ihm der Aerger des Gäukönigs. Denn Landolin und der Gäukönig standen im Wettbewerb um die oberste Geltung im Bezirk. Die anderen Großbauern hatten eigentlich keinen Ehrgeiz, ihr Sinnen und Treiben war auf Erwerb gerichtet; das war bei den Wettbewerbern nun wol auch der Fall, aber sie wollten dazu noch besonderes Ansehen haben.

Der Gäukönig Titus war besser dran, er verachtete die Welt und gab das überall zu verstehen, und wer das thut, dem läuft die Welt nach. Er that so, als ob er von Niemand auf der Welt etwas verlange, und vielleicht war's auch so; er hatte eine bäuerisch vornehme Gleichgiltigkeit, er konnte siebenmal seinen Namen hinter sich nennen hören, er wendete den Kopf nicht, um zu sehen und zu hören. wer und was man von ihm spreche. Er sprach selten mit Jemand, aber wenn er's that, war der Angeredete glücklich: der Gäukönig hat eben mit mir gesprochen und so lang und so manierlich; – wer das erzählen konnte, war stolz und bevorzugt. Landolin dagegen verachtete die Welt nicht minder wie der Gäukönig, aber er war gierig nach Lob und Anerkennung und suchte sie aus den Menschen heraus zu hören, wenn sie ihm nicht entgegengebracht wurden; er war prahlerisch und zeigte sich gern herablassend oder ließ merken, daß ihm an der Wohlmeinung Dieses oder Jenes gelegen sei, und damit verscherzte er die gewünschte Geltung.

Landolin und der Gäukönig thaten biederherzig mit einander, während sie sich tief haßten.

Jetzt standen sie aber vor einem Dritten, der Jedem von ihnen Ehre zu geben hatte. Der Kreisgerichtsrath, mit Namen Pfann, ein Mann feinen Antlitzes, der eine goldene Brille trug, ging mit seiner Frau am Arm durch das Marktgewühl, bald da, bald dort grüßend; Jetzt trat er auf die Beiden zu und sagte ihnen, daß sie morgen beide das Ausschreiben erhalten würden, das sie zu Geschworenen beruft:

»Es läßt sich leider nicht anders machen,« fügte er hinzu, »die nächste Schwurgerichtssitzung fällt in die Erntezeit.«

»Es ist einmal so,« rief Landolin, »dafür, daß man hohe Steuern bezahlt, darf man auch wochenlang wie angenagelt sitzen.«

Er glaubte so stolz als allgemein wohlgefällig gesprochen zu haben und schaute beifallsammelnd um, aber Niemand nickte ihm zu.

»Euch darf man ja gratuliren,« sagte die Kreisgerichtsräthin zu Landolin, »wie ich höre, wird Eure Tochter Braut mit des Sägemüllers Anton von Rothenkirchen. Das ist ein prächtiger junger Mann, so hellauf und so gut geschult und tapfer.«

Landolin schien an diesem Lobe nicht genug zu haben, und selbst auf Kosten seines künftigen Schwiegersohnes konnte er es nicht lassen, ruhmredig zu erwidern: »Die jungen Leute haben einander so arg gern, daß ich die Einwilligung gegeben hab'! Ich kann mir's Gottlob schon erlauben, einen Minderen zum Schwiegersohn zu nehmen. Und es ist ein Mensch, der Offizier hätt' werden können. Aber ich muß jetzt Ade sagen. Ich hab' mich versäumt. Sie warten im Schwert auf mich.«

Er ging rasch davon. Als der Kreisgerichtsrath sich durch das Gewühl in eine stille Ecke gefunden hatte. sagte er:

»Da hast Du nun wieder Deine gradsinnigen Volksfiguren! Gedankenlosigkeit oder pfiffige Rohheit ist ihr Entweder – Oder. Die Rohheit schlägt drauf los, ohne sich je zu besinnen, wie der Getroffene den Schlag empfindet. Verschmäht es der Landolin nicht, seinen braven künftigen Schwiegersohn klein zu machen, nur um selber um so größer daneben zu erscheinen!«

»Und doch halte ich dran fest,« entgegnete die Frau, »daß das Herz dieser Menschen unverfälscht ist und oft besser als ihr Reden und Thun. Der Landolin wollte eigentlich nichts gegen Anton sagen; er wollte nur seinem alten Widerpart, dem Titus, eins versetzen, denn Titus hätte den Anton auch gern zum Schwiegersohn gehabt.«

Der Kreisgerichtsrath lächelte über die neue Kunde seiner Frau; daß sie sich in ihrem Wohlmeinen durch Nichts erschüttern ließ, darüber staunte er nicht mehr.

Die Beiden gingen weiter, und fast noch ehrerbietiger als der Kreisgerichtsrath wurde die Frau begrüßt; sie nickte Diesem und Jenem besonders freundlich zu und für Manchen hatte sie auch ein flüchtiges gutes Wort.

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