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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Sechstes Kapitel.

»Mutter,« sagte Thoma im Weiterfahren, »der Vater muß doch auch als junger Bursch der prächtigste gewesen sein.«

»Freilich, aber wild und unbändig, gar wild; Du kriegst einen viel sanfteren Mann, bei Euch ist's umgekehrt wie bei uns.«

Thoma sah erstaunt auf ihre Mutter, sie war's nicht gewöhnt, daß die Mutter so viel dachte und so viel sprach; ihr Staunen wuchs aber noch, als die Mutter hinzufügte:

»Wenn Dein Vater auch Soldat gewesen wär', wie der Anton, dann hätt' er eben auch gelernt, sich in andere Menschen zu schicken und nicht immer zu meinen, er sei allein auf der Welt. Unser Herrgott soll mir's verzeihen, ich hab' eigentlich nicht von Deinem Vater reden, ich hab' nur Dir sagen wollen, Du mußt eben jetzt auch lernen, Dich in andere Menschen zu schicken; wenn man verheirathet ist, ist's aus und vorbei mit dem Eigenwillen.«

Die Hochachtung, die Thoma bei der ersten Rede der Mutter empfand, verschwand wieder, da der Schluß Mahnung und Tadel für sie enthielt; sie bewegte trotzig die Lippen, sprach aber nichts.

Vom Thale herauf vernahm man bereits den Lärm des Jahrmarkts, Trommeln und Trompeten der Musikbanden ans den Schaubuden, Brüllen der Kühe und Ochsen und Wiehern der Pferde von der großen Wiese am Fluß.

Am Fuße des Berges, wo der Radschuh ausgehenkt wird, winkte Thoma einem Bettler, der am Wege saß und seinen Armstumpf ausstreckte. Sie gab ihm ein nagelneues Markstück.

»Das freut mich,« sagte die Mutter, als man weiter fuhr, und Thoma entgegnete, ihre Stimme war hell wie der Morgen: »Ja Mutter, heute, an meinem Freudentag darf ich an dem ersten Bettler nicht ohne Gabe vorüber. Und schauet,« rief sie, sich zurückwendend, »schauet, wie er uns nachwinkt; ersieht erst jetzt, was er bekommen hat und zeigt es den Anderen. Wenn ich nur die ganze Welt glücklich machen könnte. so glücklich wie ich bin. O Mutter! Es muß doch schrecklich sein! Da sitzt ein Mensch am Weg und schickt seinen um Erbarmen bittenden Blick hin und her, die Menschen gehen vorüber, der giebt nichts, und der auch nichts, es ist ihnen zuviel, in die Tasche zu langen und den Beutel aufzumachen, und der Arme jammert mit trockenem Munde.«

Die Mutter nickte glückseligen Antlitzes, sie hätte gern gesagt: Du hast doch nicht Alles von Deinem Vater, Du hast doch auch was von mir. Aber sie unterdrückte die Worte, sie ärgerte sich noch über sich selber, daß sie ganz gegen Gebühr und Gewohnheit etwas gegen den Bauer gesagt hatte.

»Grüß Dich Gott, Thoma, und grüß Gott, Mutter!« tönte plötzlich die helle Stimme Antons. Er reichte die Hand und fuhr fort:

»Komm, richt' Dich auf, steig ab.«

»Nein, sitz' Du herauf.«

»Ich gehe schon nebenher,« entgegnete Anton und schritt, die Hand auf das Geländer gehalten, neben dem Wagen. Die Mutter entschuldigte, daß man habe warten lassen und der Bauer käme zu Fuß nach.

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