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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Achtundsechzigstes Kapitel.

Die wilden Wasser rauschen von Berg zu Thal, in allen Rinnsen quillt's und plätschert's, selbst durch die Mitte der Straße hat sich ein kleiner Bach den Weg gerissen; das thut Alles so lustig, und morgen ist's nicht mehr da. In den Feldern arbeiten die Menschen emsig, man schneidet alljährlich das Gras, das Getreide, die Waldbäume wachsen Jahre lang, dann fällt sie die Axt, dann entwurzelt sie der Sturm, nur die Erde bleibt, darin man den Menschen begräbt. . . .

Dort im Tobel unweit des Teufelskessels liegt eine entwurzelte Tanne, Niemand kann sie herausholen, im Sommer bröckelt sich der Grund, im Winter läßt das Eis nicht Fuß fassen. So viele, viele Jahre hat der Baum am Abgrunde gestanden und sich mit der Wurzel in den Felsgrund eingekrallt; das vom Bachsturz verspritzte Wasser hat ihn so reich genährt, und jetzt vorbei, todt, zum Vermodern . . . Schad' um den schönen, werthvollen Stamm, das war der eigentliche Schlußgedanke Landolins.

Der Rapp-Hengst wieherte lustig, dann schaute er zurück zu seinem Herrn, der die Zügel so schlaff hielt. Landolin raffte sich zusammen und faßte die Zügel stramm. Schau, dort kommt die Schaubkäther mit einem Bündel dürren Reisigs.

»Wart', ich komm',« rief Landolin der Schaubkäther zu, sie hielt still und warf das Holzbündel ab. Landolin stieg vom Pferde, und die Zügel haltend, sagte er:

»Käther, meine Frau ist todt.«

»Muß so sein. Man hat sie ja begraben.«

»Ich möcht' gut mit Dir reden. Wer weiß, wie lang Du noch lebst und wie lang' ich.« Mit tiefer Zerknirschung setzte er leise hinzu: »Du hast Deinen Sohn verloren und ich werde von meinem Sohn fast zu Tode gemartert. Ich büße –« Ein teuflisches Lachen unterbrach ihn, der Hund umschnupperte die Alte, Landolin rief ihn zu sich und fuhr fort: »Ich möcht' Dir Gutes thun.«

»So häng' Dich,« rief die Schaubkäther, eilte nach ihrem Reisigbündel und löste den Strick ab, »da, da hast Du, häng' Dich an den Baum da, das ist das Einzige. Ich will Dich zappeln sehen.«

Landolin bestieg wiederum das Pferd und ritt davon, er schaute nicht um, er sah nicht, wie die Schaubkäther mit dem Strick in der Hand abseits der Straße durch den Wald ihm nacheilte.

Landolin kam ins Thal. Das ist jetzt eine ganz fremde Landschaft; das ganze Thal war überfluthet und die Sturmglocken läuteten drüber hin. Ein Geierpaar flog von der jenseitigen Höhe und kreiste und kreischte über dem Wasser, wer weiß, ob es nicht von jenen war, die Peter beobachtet hatte. Und jetzt kam eine Schaar Raben dahergeflogen und wiegte sich krächzend hin und her. Landolin schaute in die Landschaft, schaute in die Luft, dann schüttelte er den Kopf. Dort ragt noch die Brücke aus dem Wasser und jenseits ist die Sägmühle Antons. Landolin spornte den Rappen, er stampfte ins Wasser; der Hund watete daneben und jetzt schwamm er und schaute nach seinem Herrn, wie wenn er ihn bitten wollte, doch umzukehren. Aber Landolin ritt immer weiter und weiter.

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