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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Siebenundsechzigstes Kapitel.

Während Landolin zu Thal ritt, hatte sich Peter den andern Rappen gesattelt, kleidete sich dann sonntäglich an und ritt, in den Mantel gehüllt, von Niemand beachtet, die Straße entlang zur Amtsstadt hinab über die Brücke, die noch kaum freistand von den Wassern, die gewaltig rauschten und brausten und losgerissene Stämme an die Brückenpfeiler schwemmten, daß die Brücke schwankte. Am Wirthshaus zur Krone ließ sich Peter einen Schoppen auf den Gaul geben; dann trabte er den jenseitigen Weg hinan zur Hochebene, wo Titus wohnte.

Peter schaute nicht viel um, nur einmal hielt er an und betrachtete sich die seltsame Erscheinung, denn auf den Felsen am Wege waren Hühnergeier in großer Zahl, und es waren offenbar Junge dabei, denen die Alten zuredeten und sie zum Fliegen ermunterten; sie wagten es auch und in dem Jauchzen, das sie ausstießen, mußte eine Fülle stolzen Glückes liegen; das Nest war so eng und die Luft ist so weit und überall fliegt Beute, die zu haschen und zu würgen ist, . . . wenn die Jungen ihre Flugkraft kennen, fragen sie nichts mehr nach den Alten.

»Wohin schon?« wurde Peter gefragt, der Fragende war sein ehemaliger Knecht Fidelis, der jetzt beim Titus in Dienst war.

»Gut, daß ich Dich treffe. Ist der Titus daheim und –« er wollte gewiß sagen: und die Tochter auch? aber er hielt es zurück. Fidelis bejahte, und ohne weiter ein Wort an den Knecht zu verschwenden, ritt Peter fürbaß. Der Hof des Titus stand nicht so einsam, wie der Landolins; es waren mehrere Häuslerwohnungen in der Nähe, Titus hatte Häuser und Felder von Auswanderern angekauft und zu seinem Gute geschlagen. Das Hofthor war weit offen, und drin ging's lustig her, man hatte eben ein großes Schwein geschlachtet, und die Tochter des Titus stand mit aufgestreiften Hemdärmeln dabei.

»Da kommt ja der Peter von Reutershöfen,« sagte der Metzger, das Messer zwischen den Zähnen herausnehmend, »was will der heut schon? Gestern hat man ja erst seine Mutter begraben. Mariann', der wird doch nicht Dich heirathen wollen? Wer Dich heirathet, der kriegt den alten Glauben wieder.«

»Was für einen?« entgegnete Marianne.

»Der lernt wieder an Hexen und Drachen glauben.«

Das Mädchen lachte hellauf.

Peter grüßte vom Pferde herab die Haustochter, behend absteigend wollte er ihr die Hand reichen, sie aber sagte, sie habe nasse Hände und könne ihm keine reichen, und verschwand.

Peter ging in die Stube. Titus saß hinter einem großen Tisch und rechnete aus mehreren vor ihm liegenden Papieren.

»Ei Du bist's!« rief er Peter entgegen, »kommst just geschickt zur Metzelsuppe. Hast also doch noch über die Brücke gekonnt. Unsere Feuerwehr ist ausgerückt zur Hülfe in der Wassersnoth im Thal. Setz' Dich. Was bringst Du Gutes?«

Peter machte nicht viel Umstände und erzählte sein Begehr. Die Mutter ist todt, der Vater ist heute zu Anton geritten und bringt die Sache mit Thoma wieder in die Reihe, er giebt das Gut ab, und zieht zur Tochter auf die Sägmühle. »Also,« schloß Peter, »Ihr wisset schon, was ich mein', ich brauch' eine Frau.«

»Du gehst schnell voran,« entgegnete Titus, »ich für mich habe nichts dagegen; hast Du schon mit der Mariann' gesprochen?«

»Nicht so ganz, aber es wird nicht fehlen.«

»Denk' auch. Soll ich die Mariann' rufen?«

»Ja!«

Titus schickte eine Magd nach der Tochter, sie ließ sagen, der Vater möge zuerst ein wenig zu ihr kommen.

»Was ist das?« sagte Titus; er war es nicht gewohnt, daß ein Kind einem Befehl von ihm Widerstand entgegensetzte. »Mit Verlaub,« fügte er gegen Peter hinzu und verließ die Stube.

Peter wurde es ganz eng, wie wäre es, wenn er abgewiesen heimreiten müßte? Er hatte vielleicht eine Ahnung davon, was jetzt zwischen Titus und seiner Tochter gesprochen wurde, denn diese sagte:

»Vater, wollet denn Ihr, daß ich den Peter nehme? Gestern hat man seine Mutter begraben und heute reitet er auf die Freierei.«

Titus erklärte, daß das nichts zu bedeuten habe, und als Marianne einen Abscheu gegen Peter aussprechen wollte, fuhr er entschieden drein: »Der Peter ist ein rechter Bauer und da fragt sich weiter nichts, Du nimmst ihn. Zieh Dich besser an und komm bald nach.«

Er kehrte zu Peter zurück und sagte: »Die Sache ist in Ordnung.«

In ihrer Kammer aber sagte Marianne zu der alten Magd: »Ich nehm' ihn und ich muß ihn nehmen, aber er soll es büßen, er soll spüren, wer ich bin.«

Sie kam in die Stube. Ohne weiteres Wort reichte ihr Peter die Hand und sagte, das sei nur für einstweilen, denn morgen oder am Sonntag werde sein Vater kommen und, wie es der Brauch, um sie anhalten.

»Ja, Dein Vater!« unterbrach Titus, »weiß er denn, daß Du hierher bist?«

»Mein Vater braucht nichts mehr zu wissen, ich habe den Hof schon lang in der Hand und habe ihn nur noch vor der Welt was gelten lassen.«

»Ja, weiß denn Dein Vater auch, daß ich zu denen gehört habe, die Schuldig gesagt haben?«

»Das weiß er nicht und braucht es auch nicht zu wissen.«

Während man noch so sprach, kam Fidelis herein und erzählte, er sei einem Boten begegnet, der zum Arzte geschickt worden sei, denn Landolin sei ins Wasser gestürzt, man habe ihn herausgezogen, er sei aber noch in Lebensgefahr. Peter konnte nun nicht bleiben und während die Metzelsuppe angerichtet wurde und ihm der Mund danach wässerte, mußte er davon reiten.

Von allen Kirchthürmen auf den Bergen und im Thale läutete es Sturm; man rief um Hülfe in der Wassernoth.

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