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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Fünfundsechzigstes Kapitel.

Der Regen war fortgezogen und wieder gekommen und schien sich jetzt erst recht heimisch zu machen im Thal und auf den Höhen.

Als Landolin hinter dem Sarge seiner Frau die Freitreppe hinabstieg, griff er von Stufe zu Stufe mit der linken Hand an die Mauer des Hauses, wie der Stützung bedürfend. Die Schulkinder, die im Hofe das Grablied sangen, schauten auf zu dem verstörten Manne.

Das Begräbniß der Frau, bei dem man die Worte des Pfarrers kaum hörte vor dem Prasseln des Regens auf die ausgespannten Schirme, hatte nur ein geringes Grabgefolge, obgleich sie geehrt und geliebt war in der ganzen Gegend. Denn zur selben Stunde, da hier die Glocken läuteten, läuteten sie auch drüben auf dem Berge in Höchenbrand, dem höchsten Dorfe der Landschaft, wo der Wälderjörgli begraben wurde. Darum war auch Anton nicht hier, er mußte den Kriegerverein anführen, der in seiner Gesammtheit beschlossen hatte, dem letzten Einungsmeister die letzte Ehre zu erweisen.

Unter den Männern mit langen schwarzen Mänteln, die den Sarg der Frau Landolins trugen und von Zeit zu Zeit abwechselten, war einer gewesen, der vom Hause weg bis zum offenen Grab nicht von der Stelle wich; es war Tobias. In der kurzen Zeit, seit er vom Hofe entlassen wurde, hatte er schnell gealtert, von der ehemaligen Pfiffigkeit in seinem Antlitze war nichts mehr zu sehen.

Als das Grabgefolge den Kirchhof verließ, sah man die Schaubkäther am Grabe ihres Sohnes knieen, sie hatte keinen Schirm, den doch auch der Aermste besitzt, sie kniete auf dem Boden und ließ den Regen sich auf ihr rothes Kopftuch und ihr Gewand ergießen und schaute nicht um.

»Ich möcht' zu ihr gehen,« sagte Thoma, »ich mein', jetzt in unserer Trauer geht ihr ein gutes Wort von uns vielleicht eher ein; aber ich fürchte, sie schimpft und rast jetzt beim frischen Grabe der Mutter.«

Landolin und Thoma gingen vorüber, und ihnen nach wendete sich der Blick der Schaubkäther und ihre Faust ballte sich. Hatte sie doch erwartet, daß die Trauernden sich zu ihr wendeten?

Ein Mensch, mit den todbringenden Wellen des Stromes kämpfend, schreit unwillkürlich auf nach Hülfe, auch wenn er des Lebens überdrüssig ist. So auch, umfluthet von Schmerz und Gram, von Haß und Rache, lauscht die trauernde dumpfe Seele nach einer befreienden Rettung, nach einem beschwichtigenden Wort.

Warum hilft mir Niemand? hatte Landolin so oft gedacht, vielleicht fragt jetzt auch die Verlassene und Verbitterte dort: Warum hilft mir Niemand?

In Landolins tiefe düstere Trauer um den Tod der Frau leuchtete es wie ein Stern, daß er die Liebe seines Kindes wieder gewonnen. Er schaute auf Thoma, die neben ihm ging und über sein gramdurchfurchtes Antlitz blitzte es wie ein schneller Freudenstrahl. Er hörte wohl, was Thoma gesagt hatte, aber er konnte jetzt an keinen fremden Menschen denken.

Daheim im Hof, in der Stube, in der Kammer, da war's, als ob all den leblosen Dingen etwas geraubt wäre, das sich nicht nennen ließ, und als ob Alles darauf warte, daß die Todte wiederkäme. um mit ihrem warmen Blicke zu grüßen.

Wortlos, mit dem Blick zum Boden gesenkt, saß Landolin in seinem Stuhle, als der Pfarrer sich im Trauerhaus einstellte. Der Pfarrer sprach tröstliche Worte, und als er weggegangen war, sagte Landolin hinter ihm drein: »Er geht wieder. Er ist für sich und Niemand ist mehr für mich.«

Der Taktschlag der Drescher weckte ihn aus seinen Träumereien. Diese Töne waren ihm doch nichts Fremdes, aber sie schreckten ihn aus dem Stuhle auf. Heute am Begräbnißtage der Bäuerin drischt man weiter? Aber freilich, man kann bei dem ständig strömenden Regen den Dienstboten und Taglöhnern nichts Anderes zu thun geben.

Der Bruder der verstorbenen Frau kam, er zeigte sich seit der Verlobung Thoma's zum ersten Male wieder; er sprach nicht viel, und erst als Thoma kam, die in gefaßter Selbstverleugnung Alles aufrichtete, kam es zu guten Worten. Es wurde ausgemacht, daß für die Verstorbene auch in ihrem Geburtsdorfe eine sogenannte schwarze Messe gelesen werde. Der Ohm fragte nach Peter, dieser wurde herbeigerufen, man setzte sich zu Tische, man aß, und als der Ohm ging, begleitete ihn Peter, der kaum ein Wort gesprochen hatte.

»Komm dann wieder herauf, Peter,« rief ihm der Vater nach, Peter antwortete nicht und kam auch nicht wieder.

Die frühere wortkarge Verschlossenheit Peters war von diesem Tage an noch viel strenger wiedergekehrt.

Als Licht angezündet wurde, sagte Landolin:

»Das ist ihre erste Nacht im Grabe, ich wollt', ich läge neben ihr in der Erde.«

Thoma suchte den Vater zu trösten und er sagte, ins Licht schauend:

»Wirst sehen, der Anton kommt noch heute, wenn er von Höchenbrand zurück ist. Und wenn er nicht kommt, weißt Du, was ich thu'? Ich geh' morgen zu ihm, ich hab' keinen Tag mehr zu verlieren. Besser wär's, ich ging' gleich heut, jetzt.«

»Vater! Es regnet, was vom Himmel herunter kann, und heut' an dem Tag, da dürfet Ihr nicht; Ihr seid doch auch schon bei Jahren und dürft Euch keinen Schaden thun.«

»Hast recht, ich folg' Dir. Sag' dem Peter gut' Nacht von mir.«

Lautlos war's im ganzen Hause, Landolin und Thoma schliefen, von der Ermüdung des Schmerzes überwältigt. Peter wälzte sich lange in seinem Bette umher, er fand erst den Schlaf, als er sich vorgesetzt hatte, er wolle dem Vater wieder alle Ehre und Macht geben. Das wollte er thun, sagen wollte er's aber nicht, denn er war wieder, und mehr als je, der wortkarge Peter geworden.

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