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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Vierundsechzigstes Kapitel.

Thoma hatte schon oft ins kalte starre Antlitz des Todes geschaut, sie drängte sich nicht herzu, wo Elend und Krankheit war, aber sie hatte sich nie einem Anruf versagt.

Wie anders war's aber jetzt, da sie an der Leiche der Mutter kniete; es schien unfaßlich, daß die Treue, Gute, die auf jeden Anruf so schnell bereit war, keinem Jammerschrei – keinem Hülferuf antwortete. Das ist der bittere Tod.

Thoma hatte erst, seit das Ungemach in das Haus eingebrochen war, ihre Mutter ganz kennen gelernt; in den Tagen vordem hatte sie, gleich dem Vater, das wortlose, bescheiden thätige Wesen der Mutter wenig geachtet, wenn sie auch die kindliche Ehrerbietung ihr nie versagt hatte.

»Mutter, liebe herzensgute Mutter, höre mich!« schrie Thoma. Aber das ist der bittere Tod, er giebt keine Antwort mehr.

Im Wirrwarr schwirrte Alles durcheinander in der Seele Thoma's; das längst Erlebte und das Heute. Da drunten lebt die Kreisräthin in der schönen Stube bei ihren Bildern und Blumen, und sie spielt jetzt wol vierhändig mit ihrem Bruder; da draußen aber sitzt die Schaubkäther, wird sie frohlocken, daß der Tod eingezogen in das Haus Landolins? Nein, das kann sie doch nicht. Da drunten bei der Sägmühle sitzt Anton und denkt der Geliebten . . . Diese neigte jetzt den Kopf, als wäre ihre Sehnsucht erfüllt, als wäre Anton da und sie könnte ihr schweres Haupt an seine Brust legen.

Mit welchem Alles versöhnenden, Alles beglückenden Gedanken war Thoma heimgekehrt. Und nun?

Wo ist Peter? Wo ist der Vater? Warum ist er fort? Wie ist denn Alles so plötzlich geschehen? Thoma erinnerte sich nicht mehr, was sie in Gegenwart des Vaters ausgerufen.

Jetzt hörte sie Schritte in der oberen Kammer, das ist der Schritt des Vaters. Warum kommt er nicht? Warum ist er nicht da? Jetzt hörte sie einen Fall.

Es erschien Thoma wie eine Lieblosigkeit, die Todte zu verlassen, aber sie ging doch; sie wollte dem Lebenden Trost zusprechen und ihm künden, was in ihrer Seele aufgegangen war. Sie ging die Treppe hinan, die Thüre war verschlossen, sie klopfte, Niemand antwortete. Sie rief laut: »Vater! Vater!« Seit langer Zeit rief das Wort zum erstenmal wieder.

Drinnen in der Stube richtete sich Landolin vom Boden auf und horchte. Dieser Ruf seines Kindes schien ihn neu aufzuwecken, dennoch rief er:

»Du hast gesagt, Du bist allein, ich will auch allein sein, ich bin allein, für Dich nicht mehr auf der Welt.«

»Vater, machet auf, das Herz zerspringt mir.«

Die Thüre öffnete sich, und Thoma fiel dem Vater um den Hals und konnte vor Schluchzen nicht reden, endlich sagte sie:

»Vater, ich hab' Euch um Verzeihung bitten wollen.«

»Nicht Du, ich, ich habe zu Dir kommen wollen. Red' nicht, laß mich reden. Thoma, Du hast recht gehabt, ich hab's gethan, ich hab's, ich hab' den Vetturi getödtet und hab's abgeleugnet.«

Thoma sank vor dem Vater auf die Kniee und bedeckte seine harten, rauhen Hände mit Küssen und Thränen. Der Mond leuchtete in die Stube, und als Thoma aufschaute und das Antlitz ihres Vaters sah, erschien es ihr wie verklärt; das war nicht mehr das Antlitz des harten unbändigen Mannes.

»Niemand als Dir sag' ich's, und Niemand als Du hat ein Recht, es von mir zu hören, Niemand als Du hat mir zu verzeihen, und Niemand als Du kann mir helfen, das Schwere zu tragen, die paar Jahre noch, bis ich bei der Mutter bin.« So rief Landolin.

Der starke Mann schluchzte und weinte, daß es ihm das Herz abzustoßen schien.

»Thoma! Du hast's gedacht und hast mir's nie gesagt und hast nie schön gegen mich und vor der Welt gethan, er aber, er hat mir's ins Gesicht geschleudert; und ich bin am Leben geblieben und die Mutter ist davon gestorben.«

Er erzählte den Streit mit Peter und dessen Folgen.

»Vater!« begann Thoma, »Ihr könnet nicht wollen, daß der Peter zu Grunde geht; er ist Euer Kind. Die einzige Hülfe ist, wenn wir ihm verzeihen, wir zwei, die es getroffen hat.«

»Du hast recht, Kind, ja, Du bist brav. So wollen wir's halten und uns dagegen stemmen, daß nicht Alles einbricht. Wir wollen den Peter halten, er soll nicht versinken, ich weiß, wie man versinkt. Komm', wir gehen zu ihm.«

Hand in Hand gingen Vater und Tochter nach der Kammer Peters, er war nicht dort, sie gingen nach dem Stalle, dort saß er auf dem Futtertrog bei dem neugeborenen Füllen.

Wenn die todte Mutter auferstanden und dahergekommen wäre, Peter hätte nicht mehr erstaunen können, als da er jetzt den Vater und Thoma Hand in Hand vor sich sah.

»Peter,« sagte der Vater, »ich verzeih' Dir Alles, wie ich zu Gott bitte, daß er mir verzeihen soll. Und kränke Dir Dein Herz nicht ab, Du bist nicht schuld am Tod der Mutter, sie ist schwer krank gewesen, der Doctor hat mir's gestanden. So red' doch, so sag' doch ein Wort.«

»Ist recht,« sagte Peter, »ist recht. Ich danke.«

»Willst Du nicht mit uns gehen?«

»Nein, ich will dableiben, ich bin am besten da, ich wollt', ich wär' so ein Roß; so ein Stückle Vieh, das hat's doch am besten auf der Welt.«

»Komm mit, lieber Bruder.«

»Ich bin Dein lieber Bruder nicht, laß mich in Ruh'.«

Vater und Tochter gingen in die Stube und dort erzählte der Vater, was die Selige – er schluchzte laut, als er das Wort sagte – gesprochen habe, als Thoma weggegangen war, und Thoma erzählte von der Kreisräthin und von Anton.

Die ganze Nacht saßen Vater und Tochter bei der Leiche. Als es tagte, sagte Landolin:

»Die Mutter sieht den Tag nicht mehr.«

Der Vater suchte jetzt Ruhe und auch Thoma ging in ihre Kammer, sie fand aber keinen Schlaf.

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