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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreiundsechzigstes Kapitel.

Nicht lange, nachdem Thoma weggegangen war, rief die Frau ihren Mann zu sich und sagte:

»Setz' Dich in Ruh und sei heiter. Kannst Dich darauf verlassen, die Thoma kommt heim mit lauter Glück und Segen, Alles wird wieder gut, sie kommt und hat den Anton an der Hand.«

Landolin schwieg, er war betroffen von dem verklärten Blick und der wunderbaren Stimme seiner Frau. Sie schloß die Augen, nach einer Weile aber sagte sie lachend:

»Der Wälderjörgli! Es hat mich lang nichts so gefreut, wie sein Gruß. Wenn ich wieder gesund bin, mußt Du mit mir hinüberfahren zum Wälderjörgli.«

Landolin nickte, er konnte ja seiner Frau nicht sagen, daß der Wälderjörgli im Sterben liege.

Landolin ging in die andere Stube und schaute zum Fenster hinaus, er sah den Agenten der Hagelversicherungsgesellschaft mit dem Schultheiß und mehreren Gemeinderäthen aus dem Felde kommen, der Agent steckte seine Schreibtafel in die Tasche. Die Männer hatten offenbar den Hagelschaden beschaut und abgeschätzt. Sie kamen näher zum Hause Landolins und dieser grüßte zuvorkommend, der Agent dankte und wollte vorübergehen.

»Ja, wie ist's denn?« fragte Landolin, »habt Ihr denn meinen Hagelschaden nicht auch beschaut und abgeschätzt, und warum ohne mein Dabeisein?«

Der Agent entgegnete, daß Landolin nicht mehr versichert sei, sein Sohn Peter habe schon im Frühjahr aufgekündigt.

Landolin zog sich vom Fenster zurück und schloß dasselbe, er wollte den Leuten nicht zeigen, wie ihn die Eigenmächtigkeit und der Unverstand seines Sohnes betroffen hatte. Er saß auf der Bank, und die Hände zwischen die Knie klemmend und die Lippen beißend, dachte er: Jetzt lachen sie über mich, jetzt können sie schadenfroh sein und noch dazu, daß offenbar wird, wie ich in meinem Haus nichts mehr gelte.

Er ging nach dem Hof, fragte nach Peter, er hörte, daß Peter mit den Rappen im Walde sei.

Er sagte sich, es ist gut, daß dein Zorn verraucht, es soll keine Händel geben, sie sollen nicht auch noch das haben, daß sie sich über den Unfrieden bei uns freuen; aber dem Peter muß eingetränkt werden, was er so keck verunschickt hat.

Landolin schien seine Unruhe bekämpft zu haben, und wieder sah er zum Fenster hinaus und sah Peter mit einer großen Fuhre Holz daherkommen. Er rief ihm zu, er möge, wenn er abgeschirrt und abgeladen habe, in die Stube kommen, er habe ihm was zu sagen.

Es dauerte lange, bis Peter kam, und Landolin, in dem es wieder aufkochen wollte, redete sich Ruhe ein.

Endlich kam Peter und fragte, was der Vater zu sagen habe.

Landolin setzte sich und sagte: »Setz' Dich.«

»Ich kann schon stehen.«

»Sprich nicht so laut, die Mutter liegt krank in der Kammer.«

»Ich sprech' nicht laut.«

»Gut, so komm mit von da fort auf den Altan.«

Sie gingen mit einander und Landolin sagte, daß er Alles im Guten sagen wolle und Peter solle es auch so aufnehmen; er habe einen Unschick begangen mit Aufkündigung der Hagelversicherung, es solle ihm das nur zur Warnung dienen, daß er einsehe, der Vater habe doch Manches besser gemacht und er solle seinen Unschick zugestehen.

»Von Eingestehen ist bei Uns keine Rede!« entgegnete Peter trotzig.

Landolin spürte den Stich in der Brust, wie wenn da ein Dolch sich einbohrte, er stöhnte auf und sagte.

»Denk' nur, wie die Leute über uns spotten.«

»Es wäre gut, wenn sie nur das hätten; sie thun's noch über manches Andere. Und genug, ich laß mir keine Vorwürfe machen.«

»Ich hab' Dir keine gemacht.«

»Schön. Ihr könnt das auch wieder ableugnen, es ist kein Zeuge.«

»Peter, reize mich nicht, ich hab' gut mit Dir reden wollen.«

»Ich merke nichts davon.«

»Peter, zwing' mich nicht, daß ich mich an Dir vergreife.«

»Thut's, schlaget mich auch todt wie den Vetturi und leugnet's nachher ab.«

Ein Schrei ertönte auf dem Altane, aber ein Schrei tönte aus der Stube, der noch viel gellender war. Landolin eilte hinein, auf der Schwelle der Kammerthür lag die Frau, todt.

Sie hatte offenbar den Streit gehört, hatte schlichten wollen und war todt niedergesunken.

Auch Peter war in die Stube gekommen, Landolin winkte ihm, daß er fortgehe; er schlich erschreckt davon.

Man hatte die Todte aufs Bett gelegt, Landolin saß neben ihr, bis Thoma athemlos in die Stube kam und mit Einem Blicke sah, was geschehen war; sie sank an der Leiche nieder und rief:

»O Mutter! Mutter! Nun bin ich ganz allein auf der Welt, ganz allein.«

Mit einem Herzen voll Liebe, voll Demuth war Thoma heimgekehrt und nun hatte sich dieser Ausruf der Verzweiflung aus der alten Stimmung herausgerungen.

Als Thoma nach dem Vater umschaute, war er nicht mehr da.

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