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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Zweiundsechzigstes Kapitel.

Die Kreisräthin war nicht zu Hause, aber die Magd sagte, sie sei nur auf den Bahnhof gegangen, da man den Herrn Bruder erwarte, der vielleicht schon mit dem ersten Zug einträfe, sie käme bald wieder; die Magd öffnete das Eckzimmer, wo Thoma warten sollte.

Eine Luft voll Ruhe und Behagen, voll erfrischenden Wohlgeruchs von blühenden Blumen auf Tischen und Säulen umfing Thoma, und ihr Auge schweifte umher auf die schönen Bilder und Statuetten, die die Sonne hell beleuchtete. Alles war so still wie die Blumen, wie die Bilder, selbst die Standuhr über dem Schreibtische mit den Familienbildern bewegte den Pendel nur, ließ aber kein Geräusch vernehmen.

Thoma setzte sich in den Erker, und fremd erschien ihr der Fluß, die Berge ihrer Heimat; das sah Alles von hier durch die großen Scheiben so ganz anders aus.

Mit einem Strauß von Feldblumen in der Hand trat die Kreisräthin ein, sie hieß Thoma herzlich willkommen, der Ton ihrer Stimme klang weich und doch auch fest.

»Wie schön ist's bei Ihnen, wie wunderschön!« brachte Thoma zuerst hervor, ihre Stimme bebte.

»Freut mich, daß es Dir bei mir gefällt.«

»O lieber Gott,« nahm Thoma wieder auf, »und diese Frau, die es daheim so schön hat, die geht in die Stuben der Armen, die geht zur Schaubkäther!«

»Setz' Dich und laß Dir's bei mir wohl sein. Wie geht's Deiner Mutter?«

»Besser, aber noch nicht ganz gut.«

»Bringst Du mir Gutes von Deinem Vater?«

»Mein Vater sagt mir nichts, ich hab' von Fremden erfahren, daß er mit Ihnen bei der Schaubkäther gewesen ist. Ja, Sie können mehr als alle Menschen, daß Sie ihn dahin gebracht. Darf ich nun fragen?«

»Frag' nur.«

»Hat mein Vater die Schaubkäther um Verzeihung gebeten und hat er gestanden?«

»Gestanden? Dein Vater ist ja freigesprochen.«

»So? Dann hab' ich nichts mehr zu sagen. Ich bitte, was ich gesagt hab', ungehört sein zu lassen.«

»Liebe Thoma, laß Dich dünken, ich sei Deiner Mutter Schwester. Hab' Vertrauen zu mir, ich sehe Dir an, es drückt Dir etwas das Herz ab. Ich bitt' Dich, erleichtere Deine Seele.«

»Ja, ich will, und wenn's auch nichts hilft, einmal heraus muß es. Liebe Frau! ich . . . ich hab's gesehen, mit meinen eigenen Augen hab' ich's gesehen, wie der Wurf von meines Vaters Hand den Vetturi getroffen hat, und der Vetturi hat so wenig einen Stein aufgehoben als das Bild an der Wand da einen aufhebt. Und doch ist mein Vater hingegangen und hat Alles abgeleugnet, und hat das ganze Gericht und alle Zeugen zur Lüge gebracht . . . O lieber Gott! Was hab' ich da gesagt?«

»Sei ruhig! Du meinst also, Dein Vater hätte eingestehen müssen?«

»Sicher, gradaus, und ich wär' zu unserm Großherzog gegangen und hätt' einen Fußfall gethan, aber Gerechtigkeit wär' geschehen. Ich hab's nicht so bös gemeint und ich hab's im Zorn gethan, – das ist ehrlich und bringt wieder zu Ehren. Wie oft hat mein Vater Zorn und Spott ausgelassen über den und den, der sich für reicher ausgiebt, als er ist, und die Menschen um Geld betrügt, um Geld . . . Und was hat's meinem Vater genützt? Betteln gehen muß er beim Geringsten um ein gutes Wort oder auch um Stillsein. Frau Räthin! Ich bin voriges Jahr am Pfingstsonntag drüben gewesen in Sanct Blasien; da war eine Frau, die sich rothe Backen angeschminkt gehabt und Mehl am Hals und auf der Stirn; am hellen Tage hat sie da gesessen und alle Menschen keck angesehen, ob sie auch ihre schönen rothen Backen sehen und ihren weißen Hals, und sie selber hat doch gewußt, daß sie nicht jung ist, im Gegentheil, alt und verschrumpft

»Ich verstehe, Du findest es Deines Vaters unwürdig.«

»Unwürdig?« wiederholte Thoma, dies Wort aus höherer Sphäre berührte sie seltsam, und die Kreisräthin fuhr fort: »Kind, Du hast am Anfang nicht so hart gedacht, aber nach und nach hat sich's in Dir verschärft, ist immer bitterer, immer spitzer geworden, und was Dich hätte abmildern sollen, hat Dich nur noch mehr verherbt. Wenn Dein Vater demüthig gewesen ist, hat's Dich verdrossen, und wenn er stolz gewesen ist, auch.«

Die Augen Thoma's wurden immer größer, sie war wie ein Kranker, dem der Arzt genau sagt, was er leidet, und diese Verwunderung über das Wissen des Andern wird zur Bereitschaft, zum Beginn der Heilung.

Die Kreisräthin legte die Hand auf ihre Schulter:

»Ja, liebe Thoma, in der Gefangenschaft kann man nur nichts Böses thun, in der Freiheit aber kann man Gutes thun. Kind, Deine Wahrheitsliebe ist gut und brav, aber wie soll ich doch sagen? . . . Jetzt nicht mehr am Ort . . .«

Die gute Frau empfand eine tiefe Verwirrung und ihr Antlitz erröthete wie in Scham. Sie, die immerdar auf das Gerade drang, sie sollte nun eine in sich feste Wahrhaftigkeit erschüttern?

Dennoch faßte sie sich wieder und fuhr fort: »Ja, und wenn auch Dein Vater die Wahrheit verleugnet hat, er büßt hart, weil Du ihn verleugnest.«

»Ich?«

»Ja, Du bist sein Kind und Du darfst nicht über ihn richten. Du sollst mir jetzt nichts versprechen, als daß Du Dich nochmals ernst und gewissenhaft prüfen willst, und das soll sich zeigen bei der Sache, wegen deren ich Dich eigentlich zu mir rufen ließ. Mein Bruder wird bald kommen und ich muß das schnell mit Dir ordnen.«

Die Kreisräthin erzählte nun von Anton, wie ihn Jedermann hochschätze und liebe und wie ehrlich und schön er sich bei seiner Heimkehr aus Holland ausgesprochen. Sie zeigte Thoma, wie sie, wenn auch aus redlichem und ehrenhaftem Sinn doch gegen ihre Eltern und gegen den Geliebten unrecht thue.

»Du meinst,« fügte sie hinzu, »Du kannst Deinen Bräutigam nicht wieder Dein nennen, weil Du ihm nicht die gleiche Ehre bringst, wie er Dir.«

»So ist es.«

»Ja, aber Du weißt nicht, oder hast vergessen, daß die Liebe nicht abrechnet und aufzählt: so viel hast Du und so viel hab' ich. Fasse Dich und erbaue Dein Glück für Dich und den Geliebten und für Deine Eltern und Alle, die es gut und treu mit Dir meinen, wie ich. Schau, da ist die Schaubkäther, es ist ihr schweres, bitteres Leid geschehen, und sei es, daß es von Deinem Vater geschehen. Und Du. Es ist gut und bleib' dabei, daß Du Lüge und Unrecht gradaus siehst und verdammst, dabei bleib', nur sei auch mild und gut gegen die, die in Unrecht verfallen. Du aber, Du bist eine Helferin der Schaubkäther, bist hart, unbarmherzig, wie sie –«

»Ich? ich?« rief Thoma.

»Ja,« erwiderte die Kreisräthin mit ungewohntem scharfen Ton. »Ja, Du. Fasse Dein Kindesherz! Tödte nicht Tag für Tag Dein Kindesherz und das Herz der Deinen –«

»Es ist! Es ist!« rief Thoma, die Hände emporhebend, ihre Wangen glühten, ihre Augen strahlten, ihre Gestalt schien höher zu wachsen.

Als wären alle Menschen da, rief ihnen Thoma zu:

»Verzeih' mir, Vater, ich hab' schwer gegen Dich gefehlt, verzeih' mir, Anton, ich hab' Dich schwer gekränkt, verzeih' mir, Mutter, o, liebe Mutter, ich bin so herb gewesen, so hoffärtig.« Als ob Jemand sie festhielte und sie sich losmachen müsse, bewegte sie die Hände und rief: »Ich will heim, heim zu den Eltern, zu Anton, ich will ihnen die Hände unter die Füße legen, weil ich so bös, so stolz gegen sie war; ich hätt' ihnen helfen sollen in dem schweren Leid, und hab' es ihnen noch schwerer gemacht.«

Es giebt Knospen, die nicht vom weichen Regen aufgelöst, sondern nur von harten Hagelkörnern gesprengt werden. Die Seele Thoma's hatte sich geöffnet, und Worte, Gedanken drangen aus ihr hervor mit einer Macht und Größe, wie die Kreisräthin nicht erwartet hatte.

Da hörte man Tritte auf der Treppe.

»Mein Bruder kommt!« rief die Kreisräthin.

Die Thüre öffnete sich, der Staatsanwalt trat ein und die Kreisräthin umarmte ihn:

»Lieber Julius! Sei willkommen!«

Thoma stand abseit und die Kreisräthin stellte den Staatsanwalt vor. Thoma konnte kaum den Blick erheben, kein Wort erwidern. Ein Staatsanwalt ist Bruder und wird lieber Julius genannt? Ein Staatsanwalt war ihr eine Art Scharfrichter, der die Menschen ans Messer liefert; und als jetzt der manierliche Mann sein Einglas in die Braue kniff, fiel ihr ein, daß das ja der Mann gewesen war, der ihren Vater angeklagt hatte. Trotz und Lächeln wechselten rasch in ihren Mienen.

Der Staatsanwalt öffnete das Klavier, fuhr über die Tasten und sagte zu seiner Schwester:

»Ich freue mich, wieder vierhändig mit Dir zu spielen.«

Thoma schickte sich zum Fortgehen an, die Kreisräthin begleitete sie auf die Treppe und sagte, sie wolle sie nicht mehr zum Dableiben auffordern, zumal da die Mutter krank sei.

Thoma überfiel plötzlich eine Angst, als ob sie schon zu lang hier geblieben wäre, sie eilte heimwärts; unterwegs am Waldesrande stand sie einmal still und breitete die Arme aus, als könnte sie alle so lang Entbehrten umarmen. Bei dem Birnbaum begegnete ihr der Galloppkübler und sagte, er sei als Bote zu ihr geschickt, sie solle schnell heimkommen, die Krankheit der Mutter habe sich verschlimmert.

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