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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Einundsechzigstes Kapitel.

Zwei Tage und zwei Nächte gewitterte es mit nur kurzen Unterbrechungen fort und fort im Thale und auf der Hochebene. Wenn Gewitterwolken sich in den dichtbestandenen Waldbergen und an den zackigen Felsen verfangen haben, so finden sie keinen Ausweg mehr, sie wogen hin, sie wogen her, zerreißen und sammeln sich wieder, es blitzt und donnert, es strömt und hagelt, bis Alles sich entladen hat.

Man könnte fast sagen, es ist mit den Menschen hier auch so; wenn sich an diesen harten scharfkantigen Naturen böse Stimmungen angeheftet haben, dann grollt und hadert es fort und fort.

Landolin und Thoma saßen am Krankenbette der Mutter, bald zusammen, bald allein, aus ihren Augen blitzte es, aber es kam zu keinem Ausspruche. Die Mutter war immer beklommen, denn die Luft kühlte sich die beiden Tage und Nächte nicht ab. Am dritten Tage aber, da die Sonne hell hernieder schien und eine balsamisch frische Luft Alles neu belebte, sagte die Mutter:

»Mir wohlet wieder. Thoma, es wird Dir gut thun, und die gute Frau Kreisräthin hat Dir gewiß Gutes zu sagen. Geh zu ihr, sie hat Dir ja durch den Doctor Botschaft sagen lassen. Thu's mir zu lieb und geh' und bring' mir Gutes heim. Du kannst schon gehen, Du hast mich gepflegt, wie ich Dir wünsch', daß Dein Kind Dich einstmals pflege.«

Peter hatte berichtet, daß er den aus Holland zurückgekehrten Anton gesehen habe, in den die Kreisräthin emsig hineingesprochen, und die Mutter sagte es zwar nicht, aber sie hoffte im Stillen, den Ausgleich mit Anton noch zu erleben.

Thoma rüstete sich zum Gange nach der Stadt, obgleich es ihr zuwider war, daß da ein Fremdes eingreifen wollte; sie braucht keine fremde Hülfe und die nützt auch nichts.

Als sie sonntäglich gekleidet zur Mutter kam, sagte diese, ihre Hand fassend:

»Kind, Du siehst gleich wieder ganz anders aus, wenn Du Dich ein bisle herausmachst. Nimm's mit auf den Weg, Du bist so lind und so brav gegen mich, jetzt sei's auch gegen die Anderen. Mach' nicht gleich wieder ein finster Gesicht. So, so ist's schön. Wenn Du lachst, bist Du ganz anders. Sag' auch dem Vater Ade, er ist im Stall, die Fuchsstute hat ein Füllen kriegt. Das ist ein gutes Zeichen. Geh' in Gottes Namen und Du wirst erst wieder recht heiter heim kommen. Behüt' Dich Gott!«

Thoma ging, sie rief in den Stall nur rasch Ade hinein und wartete keine Antwort ab.

Auf der Straße war's ihr, als müsse sie wieder umkehren, als dürfe sie die Mutter nicht Fremden zur Wartung überlassen; aber sie ging doch fürbaß, in Gedanken überlegend, was sie der Frau Kreisräthin erwidern würde.

Oftmals hob auch Thoma die Hände voll Jammer und sah mit traurigem Blick, welche Verwüstungen das Hagelwetter in den Feldern angerichtet hatte; sie beruhigte sich indeß wieder, da sie wußte, daß der Vater in die Hagelversicherung eingeschrieben ist; jetzt hat man doch auch einmal etwas davon, daß man so viel Jahre herein die Beisteuer bezahlte.

An dem schönen Birnbaum, der damals wie ein Blumenstrauß ausgesehen hatte, stand Thoma still, der Sturm hatte fast alle Birnen abgeschüttelt, sie lagen ringsumher. Thoma rief eine Magd, die im Kartoffelfelde arbeitete, sie solle die Birnen einsammeln, dann ging sie wieder ihres Weges.

Alles erinnerte sie an ihren ersten und einzigen Brautgang mit Anton, sie hatte seitdem diesen Weg nicht betreten. Sie mied den Platz, wo damals Vetturi sie angesprochen, aber dort, wo sie geruht hatte und Anton mit einer Maiblume ihr übers Gesicht strich, dort stand sie doch eine Weile still. Es war lautlos im Walde, kein Vogel sang, eine schwüle Stille brütete über Moos und Gras, darauf die Sonnenstrahlen zitterten, im Wege lagen dürre und grüne Zweige, und die zu Harz angerissenen Bäume waren geknickt.

Erst auf dem Wiesenwege war es wieder hell und frei, die Maiwiese war noch zerstampft vom Fest der Fahnenweihe her, das Wasser des Stromes war gelb und zog in hohen brausenden Wellen fast bis an die obere Wölbung der Brücke.

Die Schwertwirthin grüßte Thoma vom Fenster. Thoma dankte und ging rasch vorüber.

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