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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Fünftes Kapitel.

Berg und Thal kommen zusammen! Drunten am Strom entlang wandert Anton mit seinem Vater und droben von dem Berge kam Thoma mit den Ihren.

Es sind erst wenige Wochen, seit Anton und Thoma sich für einander erschlossen; hat's aber im Frühling erst einmal zu grünen begonnen, dann geht's mächtig und unaufhaltsam fort.

Der Schnee lag noch schwer auf den Bergen und in den Schluchten, auf den Feldgebreiten begann er indeß bereits zu schmelzen, da kamen eines Sonntags drei Bursche, die Soldatenmützen trugen, in Landolins Hof an. Sie begrüßten kameradschaftlich den Knecht Fidelis, der im Hofe die Pferde striegelte und ebenfalls eine Soldatenmütze trug.

»So?« fragte Fidelis, »Ihr wollt es also wagen, unsere Haustochter aufzufordern?«

»Ja freilich.«

»Ich glaub' nicht, daß sie mitthut – oder eigentlich, daß der Bauer einwilligt, aber es wird ihnen recht sein, daß man ihnen die Ehre angeboten hat.«

»Komm mit, Fidelis,« sagte Anton, »Du gehörst ja auch zu uns.«

Die beiden anderen Burschen, Söhne von Großbauern, sahen verwundert drein, sagten aber nichts.

»Wie Du meinst,« entgegnete Fidelis, »wartet nur, ich will meinen Sonntagsrock anziehen.«

Er begleitete die Drei in das Haus, aber in der Stube blieb er an der Thür stehen und ließ die Bauernsöhne sich dem Meister nähern, der sie willkommen hieß, sich aber rasch wieder setzte und fragte:

»Was ist Euer Begehr?«

Der Sohn des Großbauern Titus von der jenseitigen Hochebene – der Gäukönig genannt – ein hochgewachsener Bursch mit breiter Brust und einem kindlichen Ausdrucke im Gesicht, meldete wie einen Rapport, den er offenbar sich vorher zurecht gelegt hatte, daß man die Jungfrau Thoma ehrerbietigst einlade, als Ehrenjungfrau bei Uebergabe der Fahne an den Krieger-Verein zu erscheinen.

»Wer soll denn außerdem noch zu den Ehrenjungfrauen gehören?« fragte Landolin.

»Meine Schwester und die Tochter des Bezirksförsters.«

Landolin schmunzelte, dann fragte er, auf welchen Tag die Feier anberaumt sei. Jetzt nahm Anton das Wort und sagte, daß man den 15. Juli, als Tag der Kriegserklärung, dazu bestimmt habe, und der falle just geschickt auf einen Sonntag. Er fügte hinzu, daß man den Schreckenstag zum Freudentag machen wolle.

Landolin schaute verwundert auf bei der sichern und festen Vortragsweise Antons, dann heftete er sein Auge auf den Gäuprinz, der, statt selber das Wort zu behalten, den Sohn des Sägemüllers reden ließ.

»Ihr denkt weit hinaus, von heut bis Mitte Juli ist noch lang. Aber sei's! Wir können nicht mitthun, wir danken für die Ehre,« sagte Landolin entschieden.

»Dann sagen wir: Nichts für ungut! und gehen um ein Haus weiter,« sprach hoch erröthend der Gäuprinz und wendete sich um.

»Mit Verlaub,« fiel Anton ein, »wenn ich den Herrn Altschultheiß recht verstanden habe, so will er auch seine Tochter uns das Wort gönnen lassen.«

Der Bauer preßte die Lippen schelmisch zusammen, dann sagte er:

»Ja, ja, hast recht. Schaut! Ich sag' ihr kein Wort vorher, aber gebt Acht, sie sagt wie ich.«

»Darf man fragen warum?« warf der Gäuprinz ein.

»Fragen darf man,« schloß der Bauer, ging nach der Thüre, öffnete sie und rief Thoma, sie solle Wein und einen Imbiß bringen.

Thoma schien das vorbereitet zu haben, denn sie kam sofort, und die drei Burschen sahen sie mit großen Augen an; sie schenkte ein, man stieß an, und kaum hatte Anton begonnen, nochmals den Wunsch vorzutragen, als sie ihn unterbrach: »Du kannst Deine Reden sparen.« Anton erblaßte und Thoma erröthete, die Blicke Beider begegneten sich, Thoma schlug die Wimpern nieder, dann schaute sie frei auf und fuhr fort: »Ich hab' Alles gehört, was gesprochen worden ist.«

»Das ist brav!« rief Anton, »ich glaube, daß Wenige Dir das nachthun und ehrlich eingestehen, wenn sie gehorcht haben. Allen Respekt!«

Thoma sah den Sprechenden verwundert an. Wie kommt er dazu, sie zu loben und für etwas derart?

Mit fester Stimme erwiderte sie:

»Ich dank Dir für Dein Lob, aber ich meine, ehrlich sein verdient kein Lob.«

Der Bauer öffnete den Mund weit und hob vor Freude die Schultern. Der hat's! dachte er, die zahlt baar aus. Zum Vater gewendet, fuhr Thoma fort:

»Vater! Ihr wollet gewiß auch aufrichtig, daß ich meine Meinung sagen soll.«

»Gewiß. Was Du sagst, ist recht.«

»So sag' ich Ja. Ich nehme die Ehre mit Dank an.«

Fidelis an der Thüre biß sich in die Lippen, um nicht laut aufzulachen, die drei Burschen und der Vater sahen betroffen drein. Der Gäuprinz und der andere Bauernsohn gaben Thoma dankend die Hand; als aber Anton ihr die Hand darbot, machte sie sich schnell mit den Tellern und Gläsern zu schaffen.

Die Bäuerin war, ohne daß man's merkte, auch hereingekommen, und als man sich jetzt an Speise und Trank gütlich that, sprach sie mit Allen, sie kannte ja deren Mütter. Zu Anton gewendet, sprach sie ihr Beileid über den Tod seiner Mutter aus und sagte, was für eine grundbrave Frau sie gewesen und wie sie doch noch das Glück gehabt habe, ihren einzigen Sohn gesund und geehrt aus dem Kriege heimgekehrt zu sehen.

Als die drei Burschen weggegangen waren, sagte die Bäuerin:

»Der Anton ist ein Prachtbursch, der gefällt mir doch am besten.«

Dir auch? wollte der Bauer seine Tochter fragen, aber er hielt an sich und sagte nur:

»Er hat ein Maulwerk wie ein Advokat, ein echter bestandener Bauer ist doch nur der Hoferbe vom Titus da drüben.«

Thoma verließ ohne ein Wort zu sagen die Stube, und was Landolin mit Schreck geahnt hatte, traf ein. Thoma und Anton sahen sich von da an heimlich und offen, am hellen Tage und in stiller Nacht, und als endlich Thoma dem Vater ihre Liebe gestand, hielt ihr dieser ruhig vor, daß das keine ebenbürtige Ehe sei, und er zu ihr das Vertrauen habe, sie sei zu stolz, um herunter zu steigen. Als er aber merkte, daß der Beschluß in ihr feststand, bezwang er seinen Widerstand und war klug genug, seine Einwilligung zu geben, wobei er Dank erntete, statt daß er unter Verdruß und Aerger hätte nachgeben müssen; denn die Liebe und Ehre, die ihm Thoma widmete, ging ihm über Alles.

So kam es, daß heute die Verlobung der stolzen Tochter des hochmüthigen Landolin mit dem ehrenhaften aber, wie gesagt, nicht eigentlich ebenbürtigen Anton stattfinden sollte.

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