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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Siebenundfunfzigstes Kapitel.

»Herr Altschultheiß,« begann die Kreisräthin.

»Sagen Sie nur einfach Landolin, ohne Herr und ohne Altschultheiß.«

»Also Landolin, Ihr habt da vorhin ein Wort gesagt, ich wiederhole es nicht. Ihr habt es in Spott gesagt, in Zorn und Aerger. Landolin! Ihr seid vom Gericht freigesprochen, aber ich möchte, daß Ihr Euch selber freisprechen möget.«

»Frau Räthin, ich bin heute zur Beichte gewesen in der Kirche beim Pfarrer.«

»Gut . . . Ihr habt ein Gefühl, wie einer, der einen geheimen Kummer still verbeißt und meint, man sieht's ihm nicht an; Ihr fühlt Euch doch nicht frei und los und leicht.«

Die Zornesader schwoll auf der Stirn Landolins. die alte Wildheit schien in ihm hervorbrechen zu wollen, da man ihm so tief in die Seele griff; seine Wimper ging rasch auf und nieder. die zusammengepreßten Lippen quollen auf und die Faust auf dem Tische ballte sich krampfhaft. Er that sich offenbar Gewalt an, um seine Zornesaufwallung nieder zu kämpfen.

»Ich weiß, was Ihr sagen wollt,« fiel die Frau mit einem gutmüthigen Blicke ein, »und Ihr habt ein Recht dazu. Sagt nur gradaus, ich soll Euer Haus verlassen, ich hätte kein Recht in Euer Haus und Euere Gedanken mich einzudrängen. Sagt's nur und ich geh'.«

»Nein, bleiben Sie. Muß sagen, so was hätt' ich nicht für möglich gehalten, nie . . . eine Frau! Jetzt reden Sie nur ohne Scheu, von so einer Frau lasse ich mir Alles sagen.«

Die Frau erröthete und Landolin lächelte triumphirend: es ist halt doch eine Frau und wie jede Frau mit Putz und Lob zu fangen.

Schnell begann aber die Frau mit einem aus tiefster Seele quellenden Tone:

»Landolin! Wir Menschen sind darum mit einander auf die Welt gesetzt, damit einer dem andern helfe –«

»Ich weiß nichts davon. Kein Mensch kümmert sich um den andern!« unterbrach Landolin.

Hast Du es denn anders gehalten? Hast Du denn früher Dich um Andere bekümmert? wollte die Frau erwidern, aber sie hatte rasche Besinnung genug, das zu unterdrücken, und entgegnete vielmehr:

»Sie haben die Bitterniß des Lebens durchkosten müssen.«

Landolin sah sie fragend an. Er spürte etwas von jener milden Heilkraft, die den Schmerz nicht dadurch zu lindern sucht, daß sie ihn ableugnet und vertuscht, sondern indem sie ihn in seiner Wirklichkeit und Berechtigung anerkennt.

»Ja, bis auf den Grund,« sagte Landolin, »aber ich hab's fertig gebracht; die Welt geht mich nichts an und ich gehe die Welt nichts an.«

»Ist mir eine Frage erlaubt?«

»Ihnen jede.«

»So sagt mir: wenn das Unglück oder Ungeschick mit dem armen Menschen nicht Euch, sondern dem Titus, dem Oberbauer oder dem Tobelurban geschehen wäre, wäre der Landolin von Reutershöfen anders wie sie gegen ihn?«

Landolin zuckte mit den Achseln und pfiff mit gespitztem Munde unhörbar; er ging mit durch zwei auch durch drei an einander gereihte Gedanken, beim vierten aber hielt er an und war nicht vom Fleck zu bringen wie ein störrisches Pferd. Mit einem tief anmuthenden Lächeln sagte die Frau:

»Ich will für Euch antworten: Ja, Frau Pfann, ich wäre gradso gegen die Anderen, wie sie jetzt gegen mich sind.«

Landolin nickte:

»Wahr ist's.«

»Gut denn. So befreit Euch doch von dem, daß Ihr immer so zaghaft und so schreckhaft seid.«

»Ich schreckhaft? vor was?«

»Vor Euren eigenen Gedanken. Laßt Euch helfen.«

»Mir kann Niemand helfen.«

»Doch, doch, es giebt einen und das ist ein starker Mann, er weiß es nur jetzt nicht, und wisset Ihr, wie er heißt? Landolin von Reutershöfen. Ihr allein könnt Euch helfen, und wenn Ihr es thut, dann habt Ihr auch Niemand zu danken, als Euch.«

»Ja, wie denn?«

»Trinkt einmal und laßt mich auch trinken und dann hört.«

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