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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Fünfundfunfzigstes Kapitel.

Der Wind pfiff über die Stoppeln, als man am Morgen erwachte, lag der erste Schnee hoch oben auf der Kuppe der Waldberge, aber die kräftige Herbstsonne schmolz ihn bald, und lustige Bächlein rannten in allen Rinnsen zu Thal nach dem Strom.

Es war am Sonntag Aegidi, kurz vor der Kirche, da kam Tobias zu der Bäuerin in die Stube und sagte:

»Bäuerin, Euch will ich Ade sagen und für alles Gute danken, die vielen Jahre herein. Ihr wisset doch, daß ich fortgeschickt bin?« Die Bäuerin nickte. »Vom Peter,« fuhr Tobias fort, »vom Peter, nicht vom Bauer; das sehe ich wohl, wenn er auch sein Wort dazu gegeben hat. Er gilt eben nichts mehr. Euch zu lieb, Bäuerin, wünsch' ich dem Haus' nichts Böses, so lang Ihr lebet. Ich hab's verdient, daß mir's so geht, geschieht mir ganz recht; warum hab' ich gelogen und vor Gericht gesagt, der Vetturi hab' auch einen Stein nach dem Meister geworfen? Der zitterige Kerl hätt' ja keinen Pflasterstein heben können. Geschieht mir recht, und gescheit ist der Peter, der bringt's weit, er weiß, ich kann das zu Niemand sagen, als zu Euch, und Ihr wisset's ja schon; wo ich's aber sonst sagen möcht', werden sie mich auslachen und verachten dazu. Jetzt sag' ich also Ade und wünsche Euch noch viele gesunde Jahre.«

Ein kalter Schauer hatte die Bäuerin durchrieselt, ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bewegte sich hin und her in dem großen Stuhl. Sie faßte sich aber und sagte endlich:

»Thu's mir zu lieb' und sag' so was zu keinem Menschen mehr. Gieb mir die Hand drauf.«

Tobias zögerte, er konnte aber doch ihrem bittenden Blicke nicht widerstehen und faßte die kalte Hand.

»Wohin gehst Du von uns weg?«. fragte die Bäuerin.

»Ihr seid die erste, die mich das fragt; was ist den Anderen ein abgelohnter Knecht von so vielen Jahren? Ich geh' zu meinem Bruder, dem Wagner.«

»Grüß mir ihn. Und Du kommst bald wieder; da laß mich machen.«

»Ich glaub' nicht. Ich komm' nicht wieder. Ich hab' mir schon was erspart, und ich krieg' vielleicht auch noch einen Dienst. Zum Titus geh' ich nicht, vielleicht nimmt mich der Anton, wenn er heimkommt. Also nochmals: Lebet wohl!«

»Leb' wohl und halt' Dich brav.«

Die Bäuerin sah durch das Fenster. Der Hund Racker drängte sich an Tobias, er schien zu ahnen, daß mit dem alten Knechte etwas vorgehe; dieser aber jagte den Hund nicht eben sanft von sich und hob seine große Truhe auf den Wagen, sein Bruder war bei ihm und half ihm; die Truhe sah fast aus wie ein Sarg. Die Bäuerin trat vom Fenster zurück und rief eine Magd, sie solle ihr helfen, sich ins Bett zu legen. Landolin und Thoma waren erschreckt, als sie zu der Bäuerin gerufen wurden. Die Bäuerin lag abgewendet, und ohne sich umzukehren, rief sie: »Es wird schon wieder gut, habt nur keine Angst.«

Landolin erkannte schnell, daß Tobias hier Böses angestiftet haben mußte, er sagte daher:

»Ich hätt' den schlechten Menschen nicht sollen allein zu Dir herauf gehen lassen. Vor meinen Augen hätt' er's nicht gewagt, seine dumme Bosheit in Dein . . . in Dein gutes Herz auszuschütten.«

Solch ein trauliches Wort machte, daß die Bäuerin sich umwendete und nach der Hand ihres Mannes faßte. Ihre Hand in der seinen haltend und mit der andern streichelnd, fuhr Landolin fort:

»Ja, man sieht erst zu spät, was ein ungetreuer Mensch ist, und bei einem entlassenen Dienstboten kommt die versteckte Bosheit heraus. Hat der Tobias die Frechheit, zu sagen, er habe damals eine Lüge ausgeheckt, mir zu lieb. Es ist himmelschreiend, wie der Einfältigste noch bösartig sein kann. Aber Gott lob bei Dir kann das nichts anrichten.«

Die Frau sah ihn leuchtenden Auges an und nicht ohne Seitenblick auf Thoma, fuhr Landolin fort:

»Ich muß dem Peter Abbitte thun, ich hab' ihn gar nicht gekannt; er ist gescheit, gescheiter als . . . als ich gewußt hab'. Wir schicken den Tobias fort, das ist der beste Beweis, daß wir Gottlob nichts zu vertuschen haben. Jetzt aber genug geredet, es soll kein böses Wort über meinen Mund kommen; Du weißt ja, ich geh' heut' zur Beichte.«

Die Bäuerin lag ruhig, es fröstelte sie nur, und sie bat die Ihrigen, zur Kirche zu gehen, da es eben zusammen läutete. Landolin ging und nicht ohne Selbstzufriedenheit. Es ist freilich kein großes Kunststück, die vertrauende Bäuerin zu täuschen; aber Thoma hat doch auch ihren Treff dabei bekommen, er gebührt ihr für die verstockte Hartherzigkeit; sie hat gewiß verstanden, wohin das Lob Peters zielte.

Thoma blieb bei der Mutter, die still vor sich hin betete.

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