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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreiundfunfzigstes Kapitel.

Der Bauer schafft wie ein Knecht, sagten die Dienstleute und Taglöhner auf dem Hofe Landolins.

In der That war Landolin der erste am Morgen und der späteste am Abend und griff bei der Feldarbeit zu, wie noch nie. Das Essen schmeckte ihm und er schlief bis zum Morgen an der Stelle, wo er sich nieder gelegt hatte, ohne sich hin und her zu wälzen. Er verließ das Haus nicht mehr, nicht an Wochentagen, nicht an Sonntagen, und er that ein Großes, er sagte vor den Leuten, Peter solle Alles regieren, denn er sehe noch gerne die paar Jahre mit offenen Augen, wie es Peter einstmals halten werde, wenn sein Auge geschlossen; es war ein milder Ton in jedem seiner Worte und ein ruhiger Ausdruck in jeder seiner Mienen.

Landolin schien dankbar, daß ein schweres Gewitter über sein Hans weggezogen, da die Frau aus aller Gefahr gerettet war, freilich kränkelte sie noch und mußte in der Stube bleiben; aber sie schien doch neu zu gedeihen, da sie merkte, daß der Bauer das Beste wiedergefunden hatte, und das ist: sich nicht um die Welt kümmern, sein eigen Anwesen gut in Stand halten. Daß Landolin erkannt hatte, was er an seiner Frau hatte, daran dachte sie nicht, und er sagte ihr auch nichts davon; das war und blieb einmal so, daß er sich darüber nicht auslassen konnte.

Nur zwei Menschen im Hause mied er, eins merkte es, das andere nicht. Landolin vermied es, auf demselben Acker oder sonst bei einer Arbeit mit Thoma zu sein. Er fühlte sich wie unter einem Bann, wenn Thoma ihn ansah und er glaubte es zu spüren, daß sie in jeder seiner Mienen forschte, auch wenn er ihren Blick nicht sah. Er konnte sich nicht erklären, was die Thoma noch von ihm wolle, seitdem sie ihm verboten hatte, seinerseits die Sache mit Anton wieder in Ordnung zu bringen. Seit seiner Heimkehr aus dem Gefängnisse, besonders aber seit der Fahnenweihe, schloß Landolin oft, wenn er sich unbeachtet glaubte, die Augenlider und auch im Anschauen eines andern blinzelte er oft, als wären ihm die Augenlider vom gewaltsamen Aufreißen müde.

Der Andere, den Landolin gerne mied, war Tobias, denn Peter beharrte dabei, daß Tobias aus dem Hause müsse, und obgleich Landolin sonst gar nicht weichherzig war, zumal nicht gegen Dienstboten, denn er hielt die besten für Schelme, that ihm diese Entlassung doch wehe, und er konnte doch auch nicht vergessen, wie viel Tobias zu seiner Freisprechung geholfen hatte.

Zwei Menschen außerhalb des Hauses hätte man am liebsten ganz vergessen. Der eine war Anton. Er selbst ließ nichts von sich hören, er war mit einem großen Floß rheinabwärts nach Holland gefahren, aber alle Menschen, die ins Haus kamen – und es kamen allmälig wieder viele – bedauerten, daß Anton nicht wieder der Sohn des Hauses, und ließen nicht ab in Fragen, warum denn Alles so sei.

Wer es genau hätte sehen können, hätte bemerken müssen, daß die Augenbrauen der Thoma sich noch um eine Linie tiefer senkten. Anton hatte ihr vormals erzählt, daß sein Vater ihn oftmals bedrängt habe, er solle einmal mit einem Floß nach Rotterdam fahren und dort die Töchter seines Geschäftsfreundes kennen lernen oder sonst sich nach einer Frau umschauen. Es wohnte auch schon eine Holländerin in der hiesigen Gegend, eine behäbige hellfarbige gute Frau, sie war auch an einen Sägmüller verheirathet, und Thoma konnte sich's recht gut vorstellen, wie Anton mit einer solchen ehrsamen wohlbedächtigen Frau glücklich sein könnte.

Der zweite Mensch, den man gern hier im Hause vergessen hätte, war die Schaubkäther. Sie lebte still, sprach kaum mit Jemand, aber jeden Abend sah man sie mit ihrer Laterne auf dem Grabe ihres Sohnes. Wenn sie Einem aus dem Hause Landolins begegnete, stand sie still, blickte das Vorübergehende starr an und dankte keinem Gruße, vor Landolin selber aber spie sie jedesmal aus.

Die Bäuerin und Thoma hatten sich viel Mühe gegeben, selber und durch Befreundete, der Schaubkäther Gutes zukommen zu lassen, aber sie wies Alles ab. »Ich laß mir den Mörder Landolin nicht abkaufen,« war ihre ständige Rede. Sie sammelte überall Aehren, aber die Aecker Landolins mied sie.

Sie trug ihr Korn zur Mühle, und auf der Brücke begegnete sie Landolin, der zu Pferde war, sie warf sich vor das Pferd und rief. »Steig' ab und ersäuf' Dich, Du Mörder! Reit' nur, fahr' nur, Du trägst Deine Hölle doch mit Dir herum. Steig' ab und ersäuf' Dich.«

»Bist Du fertig? So geh' jetzt aus dem Weg,« sagte Landolin ruhig, als aber die Alte die Zügel des Pferdes nicht ließ, rief er zornig: »Laß los, oder Du spürst meine Peitsche oder ich hetze den Racker auf Dich.«

Der Hund hatte die Worte seines Herrn verstanden, er setzte die beiden Vorderpfoten auf die Schultern der Frau und schnappte ihr rothes Kopftuch, die Frau wich zurück. Landolin befahl noch dem Hunde, das Kopftuch fallen zu lassen, er gehorchte. Landolin ritt davon, er schaute nicht zurück nach der Frau, die ihren Kornsack wieder aufnahm, und er erzählte daheim nichts von dem Begegnisse.

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