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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Einundfunfzigstes Kapitel.

»Halt Dich ruhig, Landolin! Das gilt heut' nicht mehr,« sagte der Wälderjörgli mit machtvoller Stimme und legte seine breite Hand zwischen die beiden Ergrimmten; sie standen ruhig, nur ihre Brust hob und senkte sich, und sie schauten zu Boden wie beschämte Knaben.

Der alte Raufschrei »Hutadi« – Niemand weiß genau, was er bedeutet, wahrscheinlich: Hüte dich! oder auch: Haut an dich gewagt – galt vor Zeiten als eine Anforderung, der sich Niemand entziehen durfte; wo der Ruf aus dem Wald oder von einer Wiese schallte. mußte der Hörer sich dem Rufer zum Ringkampf stellen, und der Wälderjörgli hatte vor Zeiten in seinen Jugendjahren als der Rauflustigste und Mächtigste gegolten. Mit den gereiften Mannesjahren aber war er einer der Gemäßigtsten und Besonnensten geworden, so daß er zum Einungsmeister gekürt wurde für die Wälder-Republik da oben, die als freie Bauernschaft nur den Kaiser als Oberherrn anerkannte. Jörgli schlichtete die Rechtsstreite, verhängte Strafen, schrieb in Gemeinschaft mit dem Rathe die Steuern aus, und da gab es keinen Widerspruch.

Jörgli war auch der einzige noch übrig Verbliebene von jener letzten Gesandtschaft, die die Wälderbauern an den Kaiser nach Wien geschickt hatten, um Einspruch zu erheben, daß sie einem Landesfürsten unterthan werden sollten; sie wollten eine reichsfreie Bauernschaft bleiben.

Jörgli behauptet, er sei dreiundneunzig Jahre alt, man glaubt aber allgemein, daß er schon mehr als hundert Jahre alt sei; es ist nicht zu ermitteln, denn die Kirchenbücher sind mit Kirche und Pfarrhaus in der Napoleonischen Zeit verbrannt.

In rascher Gedankenfolge erkannte Landolin, daß der Wälderjörgli ihn mit einem Schlage wieder in alle Ehren einsetzen könne; er sagte daher:

»Von Euch, Einungsmeister, lasse ich mir gern befehlen; Euch gehört alle Ehrerbietung, und Ihr seid ja der Herzbruder von meinem Großvater gewesen.«

Er legte die Hand aufs Herz, er hoffte, daß der Wälderjörgli sie da fasse; der Alte aber sah ihn unter den schneeweißen buschigen Brauen streng an, dann sagte er:

»Wie geht's Deiner Frau?«

Landolin konnte kaum antworten.

Was ist denn das? Nach seinem Ergehen fragt man nicht, und ist denn die Frau plötzlich so was Besonderes? Fragt der Alte nur nach ihr, um nicht nach ihm selber zu fragen?

Er stotterte eine Antwort, und der Alte trug ihm einen Gruß an die Frau auf, die »eine ehrenfeste Bäuerin« sei. Landolin schmunzelte doch; kriegt er selber nichts, so ist's doch schön, daß eines der Seinen was kriegt und er hat doch Theil daran.

Landolin berichtete den Umstehenden, daß das Geschlecht des Wälderjörgli und das seine die ältesten in der Gegend seien; nach dem Schwedenkrieg seien nur noch die zwei Bauernhöfe gestanden. Er merkte noch während des Redens, daß ihm Niemand zuhörte, und den Blick zu Boden gerichtet, beendigte er seine Rede.

Die Kreisräthin war näher getreten und Titus gewann die Oberhand, indem er sie vorstellte und sagte.

»Das ist die Wohlthäterin der ganzen Gegend.«

Jörgli faßte mit seiner großen Hand die feine der Frau und sagte:

»Hab' schon von Dir gehört. Bist brav, ist recht. In alten Zeiten hat das Weibsvolk nicht so viel gegolten, wie jetzund; aber ist schon recht. Und das da ist Dein Sohn? Bist Du nicht einmal bei mir gewesen in Deiner Studentenzeit? Hast Dich brav gehalten.«

Er schlug dem Lieutenant auf die Schulter und Alles staunte, wie der Wälderjörgli noch so reden könne und Alles wisse; daß er Ehre auszutheilen hat, das verstand sich von selbst. Mit großem Geschick sagte Titus, welch eine Ehre es sei, daß der Jörgli zu dem Feste gekommen; er bat nun, er möge die Rednerbühne besteigen und ein paar saftige Worte an die Versammelten richten; die Kreisräthin fügte hinzu, es werde für Alt und Jung, für Kind und Kindeskind ein Andenken wie ein Kleinod sein, wenn sie sagen könnten: wir haben den letzten Einungsmeister gehört.

Der Wälderjörgli sah den Titus und die Kreisräthin mit durchbohrenden, fast verächtlichen Blicken an, denn er war weder eitel, noch wollte er weise sein und den Prophet spielen; er schüttelte sein großes Haupt und stemmte die beiden Daumen in die Armlöcher seiner langschoßigen rothen Weste; er richtete sich aber hoch auf und sein Auge funkelte, da der Bezirksförster, der den Jörgli genau kannte, hinzufügte: es wäre gut, wenn man nicht den Geistlichen allein überließe, nun auch die Kriegervereine für sich einzuheimsen und der Fahne die Weihe zu geben; das schicke sich besonders für einen Mann wie Jörgli, er solle den Nagel einschlagen, der die Fahne an die Stange hefte, und das hätte gewiß auch Kaiser Joseph gebilligt.

Wenn man Kaiser Joseph sagte, war's, wie wenn Jörgli zu neuem Leben erweckt würde; an Kaiser Joseph, der wie ein heiliger Märtyrer verehrt wurde, knüpften sich noch Erinnerungen vom Vater Jörgli's, die er nahezu für eigene Erlebnisse hielt.

Jörgli hob die Arme mit den geballten Fäusten empor und sagte: »Gut denn! So sei's.«

Er wurde auf die Rednerbühne geführt, und endloser Jubel erscholl, als er oben sichtbar wurde, ihn stützend stand zu seiner Rechten Titus, zu seiner Linken der Lieutenant.

Es trat eine Stille ein, daß man den Flügelschlag des Taubenpaares vernahm, das über die Rednerbühne dahin flog. Auf die Tauben zeigend, rief Jörgli:

»Da fliegen sie! Keines sagt dem Andern, jetzt biegen wir so herum und jetzt so herum; sie fliegen von selber einig. So ist's. Von selber einig.« Er hielt inne und schien nicht weiter zu können, die Anknüpfung hatte ihn offenbar von dem abgelenkt, was er sagen wollte; er schaute verwirrt um und schien kein Wort mehr finden zu können, ja vergessen zu haben, daß er auf der Rednerbühne stand.

In peinlicher Verlegenheit standen die beiden Geleitsmänner oben und die Versammelten unten; es war doch nicht recht gewesen, den hundertjährigen Greis auf die Rednerbühne bewegt zu haben, da sagte der Bezirksförster, der ganz nahe stand, vernehmlich: »Kaiser Joseph!«

Jörgli öffnete den Mund weit und nickte, ja, jetzt hat er seinen Leitstern wieder, und, wenig vernehmlich, noch weniger klar, sprach er von Kaiser Joseph und vom neuen Kaiser. Nur so viel war deutlich, er hielt diesen für den geraden Nachkommen und Fortsetzer in dem Kampfe Kaiser Josephs gegen den Papst.

Titus reichte dem Jörgli einen Nagel und der Lieutenant einen Hammer, Jörgli nagelte die Fahne an die Stange und diese weithin sichtbare Handlung war mehr als die beste Rede; unter Hochrufen und Trompetenfanfaren verließ der Jörgli die Rednerbühne.

Er rief sofort nach seinem Fuhrwerk, er wolle heim, und Niemand wagte, ihn zum Dableiben zuzureden.

Der vierspännige Wagen kam auf die Festwiese. Landolin drängte sich zu dem Wagen heran und sagte: »Jörgli! Ich will Euch heim begleiten, nehmt mich mit.«

»Grüß' mir Deine Frau,« entgegnete Jörgli abwehrend, ließ sich auf den Wagen helfen und fuhr davon, die Räder wurden auf der Wiese kaum gehört, zu beiden Seiten wich Alles zurück und grüßte ehrerbietig.

Wie schön wär's gewesen, wenn du oben neben dem Mann hättest sitzen können! dachte Landolin.

Kindlicher hat noch kein Betender einen Engel, einen Heiligen angefleht: nimm mich mit, erlöse mich aus dem Elend – als jetzt diese Worte auf den Lippen Landolins schwebten. Aber die Besten sind heute nicht mehr gut und haben kein Erbarmen.

Als der Jörgli weggefahren war, ging die Lustbarkeit von Neuem los; Eins rief dem Andern, man wolle noch gemeinsam trinken, und bald hatten sich neue Gruppen gebildet. Nur Landolin war nicht angerufen worden, er stand allein, aber halt! Landolin schlug auf seine Tasche, darin es klimperte; damit kann man einen Kameraden rufen, der am besten zu reden und Alles vergessen machen kann.

Landolin ging vom Festplatze weg nach der Stadtseite des Schwertwirthshauses. Dort war heute kein Gast, eine alte Kellnerin brachte ihm Wein, und er trank allein; er ließ wiederholt frisch einschenken, und da er noch immer der war, der von Jedem recht angesehen sein wollte, erklärte er der Kellnerin, er gehe nächster Tage in ein Curbad. da dürfe man nichts trinken als Sauerwasser, drum wolle er jetzt im Voraus seinen Wein trinken.

Die Kellnerin fand das wohl vorbedacht, dann las sie weiter in der Bilderzeitung, die sie sich aus dem Casino herabgeholt hatte.

Es war still in der kühlen Stube, nur ein Canarienvogel in seinem Käfig schmetterte seinen Naturschlag und pfiff dann die halbe Melodie des Liedes: Wer niemals einen Rausch gehabt u. s. w.

Landolin schaute manchmal nach dem Vogel hinauf und schmunzelte; in Erinnerung an den Wälderjörgli murmelte er dann auch vor sich hin: »Grüß' mir Deine Frau.«

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