Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
Schließen

Navigation:

Funfzigstes Kapitel.

Am Honoratiorentische, der mit weißem Linnen gedeckt war und auf welchem Blumensträuße in Vasen standen, sagte eben der Reallehrer:

»Ja, Frau Räthin, das ist eben das harte Räthsel, das die ganze Geschichte der Menschheit in sich birgt: warum kann nur ein Mythus oder ein Volkskrieg die Seelen der großen Masse bewegen? In einem Kriege erscheinen die Volksseelen, man darf sagen, von Angesicht zu Angesicht.«

So sprach er und hielt mitten in seiner Darlegung inne, denn der Lieutenant sagte mit hellem Tone:

»Die Franzosen hielten uns für Menschenfresser, buchstäblich. Es war in einem Dorfe bei Orleans, ich komme in ein Haus, ich rufe, keine Antwort, da sehe ich eine Frau, die auf dem Backofen sitzt; ich spreche ihr freundlich zu, sie bleibt stumm; endlich frage ich, wo denn die Kinder seien, sie sieht mich mit grauenhaftem Entsetzen an, und ich sage lachend: Holen Sie mir eins und braten Sie mir's gut, ich will es fressen – da lacht die Frau auch und läßt die Kinder aus dem Backofen heraus, wo sie sie wirklich versteckt hatte.«

Darüber also war am Honoratiorentisch laut gelacht worden, und Alles freute sich an dem Lieutenant, dessen ehemalige unbändige Burschikosität sich in haltungsvolle Gemessenheit verwandelt hatte. Das Auge der Kreisräthin leuchtete im Mutterglück, und war sie immerdar bedacht, andere Menschen zu erquicken und zu trösten, so hätte sie gern heute Alle rings umher mit Freuden überströmt; die Menschen bedurften aber heute ihrer nicht, denn Jubel und Glück herrschte überall. Jetzt sah sie Landolin und sie sagte:

»Da drüben sitzt der Bauer von Reutershöfen so einsam.«

»Es ist gut,« sagte der Bezirksförster, »daß das Volk noch starkherzig und gradsinnig genug ist, um auch einen Freigesprochenen auszustoßen.«

»Wolfgang, begleite mich,« sagte die Kreisräthin aufstehend und ging am Arme ihres Sohnes nach dem Tische Landolins, sie wurde oft angehalten, denn der Lieutenant und sie mußten Vielen Rede stehen und freundliche Worte tauschen.

Am Tische Landolins sagte die Mutter ihrem Sohne, er solle nun zu seinen Kameraden gehen, sie wolle hier bleiben. Sie reichte Landolin die Hand, sie setzte sich zu ihm, fragte nach Frau und Tochter – nach Peter fragt man nicht – und versprach, bald auf Besuch zu kommen; sie deutete auch an, daß sie den Zerfall mit Anton ausgleichen zu können hoffe. Landolin berichtete mit sicherer Stimme, daß Anton gestern Abend bei ihm gewesen, daß aber Thoma ihn abgelehnt habe, und das sei gewiß der Grund, warum Anton heute vom Feste wegblieb.

»Hätt' ich das gewußt, wär' ich auch nicht gekommen,« schloß Landolin, und die Frau erkannte, welches Herzeleid er heute erfahren hatte. Mit dem innigsten Ausdruck, der in ihrem Ton und in ihrem Antlitze lag, sagte sie nun:

»Herr Altschultheiß, ich wüßte einen guten Rath für Sie.«

»Ein guter Rath – den kann man immer brauchen.«

»Ich meine, Sie sollten mit Thoma auf einige Wochen verreisen, in ein Bad, das wird Ihnen gut thun.«

»Ich bin nicht krank, mir fehlt nichts; hab' nicht gewußt, daß unsere Frau Räthin auch ein Doctor ist.«

»Ihr versteht mich schon.«

»Ich bin doch zu dumm, ich verstehe nicht, was Sie meinen.«

»So muß ich's Ihnen deutlich sagen. Glauben Sie, daß ich's gut mit Ihnen meine?«

»Ja wohl. Warum nicht?«

»Sie sollten also auf einige Wochen verreisen, und wenn Sie dann wiederkommen, dann steht Alles viel besser, es ist unterdeß Anderes geschehen und . . . Sie können mir's glauben, es wäre gut.«

Landolin schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Sie meinen's rechtschaffen gut, gewiß, ja, aber ich geh' nicht vom Fleck, da bleib' ich, jetzt den Anderen zum Possen. Hat ja der . . . der ehrenwerthe Titus, der Scheinheilige, aussprengen wollen, ich verkaufe meinen Hof. Da bleib' ich und mache ein Pfui über die ganze Gegend. Auf hundert und hundert Jahre zurück sitzen wir auf unserm Hof. Sie können den Wälderjörgli fragen, der wird's bezeugen.«

»Ich glaube Ihnen allein aufs Wort,« sagte die Räthin, und Landolin nickte fröhlich, es that ihm wohl, daß man ihm so gradaus vertraute, und er fuhr mit hellem Tone fort:

»Ja, Frau Räthin, wir Bauersleute sind nicht so leicht zu versetzen, wie die . . . wie die Vornehmen. Wir da auf Reutershöfen, wir sind ein fester Stamm, da können die Leute drum herum graben, so viel sie wollen, sie kriegen ihn nicht zu Boden.«

Sein ganzer Stolz erhob sich in ihm, sein verfallenes Antlitz wurde stramm, die Gestalt schien größer zu werden. Die Kreisräthin wußte nichts mehr zu sagen, sie wäre auch nicht mehr gehört worden, denn von tausend Stimmen rief es: »Der Wälderjörgli! Der Wälderjörgli ist da! Der Einungsmeister! Der Wälderjörgli!«

Der Schrei wälzte sich bis zu der Bergwiese hinan, und die Kinder und Mädchen riefen auch dort: »Der Wälderjörgli!«

Ein Mann, der um Haupteslänge über Alle, die ihn umringten, hervorragte, ward sichtbar, das Haupt war von langen schlichten schneeweißen Haaren bedeckt, und der schneeweiße Bart reichte tief auf die Brust hinab, das Antlitz mit den dichten aufgesträubten Brauen und der großen Nase schien wie mit der Axt gezimmert.

»Hutadi! Hutadi!« schrie Landolin, wie mit einer Tollwuth aufspringend und sich in den Menschenknäuel stürzend. »Hutadi!« schrie er, die Arme ausstreckend und die Fäuste ballend, als er vor Titus stand, diesem in's Gesicht.

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.