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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Viertes Kapitel.

Mit dem Sammetrock bekleidet, den breiten Hut mit der hohen silbernen Schnalle auf dem Kopfe und den Dornstock in der Hand kam Landolin auf den Söller und sagte:

»Thoma, ich geh voraus, komm mit der Mutter bald nach.«

Er ging davon, wartete indeß noch eine Weile unter dem Hofthore und ließ die zuvorkommend grüßenden kleinen Leute vorüberziehen; es schickt sich nicht für ihn, sich solchen anzuschließen, die eine armselige Kuh, ein Rind oder Ziege zu Markte treiben oder auch leer gehen, um Dies oder Jenes einzukaufen. Der Galopp-Kübler grüßte in raschem Lauf, es war ein hagerer Mann, seines Handwerks ein Kübler, der immer eilig ging und daher den Namen hatte. Der Bannwart (Wildschütz) grüßte, die Hand an die Mütze legend. Landolin dankte herablassend, diesen Mann hat er ja selber angestellt zur Zeit, als er Schultheiß war. Die Schaubkäther, eine alte Frau bräunlichen Antlitzes, mit rothem Kopftuch, die eine Menge vielfarbiger Polster zum Tragen der Kopflasten, sogenannte Schaube, trug, grüßte nicht; sie war bös auf Landolin und konnte ihren Zorn nicht anders auslassen, als indem sie nicht grüßte. Endlich als der Oberbauer daher kam und rief: »Gehst mit, Landolin?« nickte Landolin und schloß sich dem Ebenbürtigen an.

Wir sind hier in der Gegend, wo noch die großen geschlossenen Bauernhöfe bestehen, und wie diese von Geschlecht zu Geschlecht vererbt werden, so erbt sich auch eine Ausschließlichkeit gegen diejenigen, die man hier zu Lande mindere Leute nennt; selbst im Wirthshause gilt es als unverbrüchliches Gesetz, daß die Großbauern an besonderem Tische sitzen, und Häusler und Handwerker für sich. Das Dorf, zu dem der Hof Landolins gehört, besteht aus zweiunddreißig großen Bauernhöfen, die zerstreut inmitten ihrer Feldgebreiten liegen, nur bei der Kirche, der Schule und dem Wirthshause haben sich mehrere kleine Häuser angesammelt.

»Wo ist denn Dein Weibervolk?« fragte der Oberbauer, nachdem man eine Strecke schweigend nebeneinander gegangen war.

»Sie kommen nach, sie fahren,« antwortete Landolin.

Der Oberbauer hatte auch gehört, daß heute am Markttage in der Stadt noch etwas anderes vor sich gehen solle, als der Verkauf des Viehes, aber als echter verhaltener Bauer, der sich auch nichts drein reden läßt und unnöthiges Fragen verschmäht, unterließ er jedes weitere Wort.

Wieder gingen die Beiden eine große Strecke dahin, stumm und stolz, denn sie hatten beide das Gefühl: da gehen zwei Männer, die zusammen dreihundert Morgen Feld und Wiese und nahezu ebensoviel Wald bedeuten. Als der jüngere und der noch dazu jetzt Bürgermeister war, begann indeß der Oberbauer wieder:

»Hast Du noch altes Heu?«

»Nein, hab's verkauft.«

»Zu gutem Preis?«

»Ja. Du auch?«

»Freilich.«

Die Beiden thaten mit einander so harmlos, als hätte keiner von ihnen je über das Erträgniß seines Ackers hinausgedacht, und doch war der Zauberdrache, genannt Aktie, auch über dieses Thal geflogen und hatte hier gewürgt und dort Federn ausgerupft. Diese beiden Männer hatten ein namhaftes Stück Geld in einer zu Grunde gegangenen Landesbank und in amerikanischen Eisenbahnaktien verloren, aber keiner wollte es dem andern gestehen oder gar klagen; jeder dachte für sich: ich kann's schon eher ertragen. Der eine meinte: ich bin jünger, und der andere: ich bin älter, und der eine meinte: wie konnte der junge Mann so was wagen, und der andere wieder: wie konnte der alte so unerfahren sein? Nur in Einem dachten sie beide gleich, sie wollten sich von keiner Verführung mehr verleiten lassen, sondern beim festen und langsamen Erträgniß ihrer Feldarbeit sich begnügen.

»Wir sind ein bisle spät dran,« sagte der Oberbauer wieder.

»O,« entgegnete Landolin und stand still – er stand immer still, wenn er sprach – »was ich zu kaufen habe, das wartet auf mich. Ich hab' mein Vieh nur hingeschickt, damit der Markt auch nach was aussieht. Wie ich höre, sollen viel Händler aus dem Elsaß 'rüber kommen.«

Der Oberbauer sah Landolin von der Seite an, er hätte ihm gern gesagt: ich weiß, Du willst, daß der Sägemüller mit seinem Sohn zuerst da sei und auf Dich warte; aber ich thue Dir den Gefallen nicht, Dir zu zeigen, daß ich Deinen pfiffigen Stolz verstehe.

Das Fuhrwerk Landolins mit den beiden Rappen kam bei den Wandelnden an. Droben saßen, sonntäglich geschmückt, Mutter und Tochter. Der Oberbauer nickte mehrmals schnell und schmunzelte, als er Thoma sah: es ist wahr, sie ist die schönste und mächtigste landauf und landab. Thoma fragte, ob die Männer nicht mitfahren wollten, denn es war noch ein zweiter Sitz auf der Schaarenbank – so nennt man hier zu Lande die char à banc, die nun das Bernerwägelein verdrängt. Die Männer lehnten ab, und das Fuhrwerk rollte weiter.

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