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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Fünfundvierzigstes Kapitel.

Es giebt auch noch Fröhlichkeit in der Welt, Gesang, Musik, Lachen.

Da fahren singende, lachende, jauchzende Menschen auf blumengeschmückten, mit grünen Kränzen überzogenen Wagen auf der Hochebene dahin. Man sieht sie, man hört sie im Hause Landolins, und dieser winkt ihnen zu aus dem offenen Fenster; er ist im Sonntagsstaat und ist entschlossen, auch zum Feste der Fahnenweihe zu gehen, er will wieder Theil haben an der Fröhlichkeit der Welt. In die Stube gewendet, sagt er zu seiner Frau:

»Hanne, die Thoma geht nicht mit, geh Du mit mir.«

»Lieber wär's mir, Du ließest mich daheim, Du weißt ja, ich bin am liebsten daheim.«

Landolin hätte gern gesagt: wenn Du bei mir bist, müssen sie mir alle Ehre geben, aber er brachte es nicht heraus; er hat sich vor dem Geringsten gedemüthigt, aber vor seiner Frau kann er's nicht, sie war ihm ja von je unterwürfig. Er schaute oft nach Thoma, ob sie ihm nicht sage, was gestern noch zwischen ihr und Anton vorgegangen, und ob sie ihn nicht doch noch zu dem Feste begleite; aber Thoma blieb starr und stumm. Er befahl, daß man ihm sofort den Scharenbank einspanne; aber Peter sagte, die Rappen hätten so viel gearbeitet in der Erntewoche, daß man sie heute ausruhen lassen müsse, höchstens könne man die Fuchsstute satteln, aber das thäte ihr auch nicht gut. Landolin sah den Peter grimmig an, aber er wollte keinen Streit. So lange er nicht offen widerstreitet, ist es auch nicht offenbar, daß er die Herrschaft verloren hat; er willigte daher ein, daß er reite, bald aber bestellte er's wieder ab und sagte, er gehe zu Fuß.

Als es zur Kirche läutete, machte er sich auf, um nach der Amtsstadt zu gehen.

»Gehst Du nicht mit mir in die Kirche?« fragte die Frau zaghaft, und unwirsch polterte Landolin:

»Nein. Sie haben ohne mich so lange gebetet und gesungen, sie sollen's weiter so halten.«

Das sagte er, aber er dachte noch dazu: sie müßten zuerst zu mir kommen und gut gegen mich sein, dann erst könnten sie wirklich von Herzen beten.

»Willst Du nicht warten bis Nachmittag? Ich hab' Dir ein gutes Essen,« sagte die Frau.

»Du redest immer vom Essen, schon am Morgen vom Mittag! Ich hab' Geld im Sack und dafür krieg' ich in der Stadt auch was.«

Die Frau schwieg und drückte ihr Gebetbuch an die Brust, in dem Buche sind nicht mehr gute Gedanken als in ihrem Herzen, aber beide sind jetzt stumm.

Als es zum dritten Male zusammen läutete, ging Landolin die Straße hinab nach der Stadt. Ein Reiter trabte hinter ihm drein, er kam näher. Landolin lüpfte den Hut und sagte:

»Guten Morgen, Herr Baron Discher. Ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig.«

»Wüßte nicht.«

»Ich habe Sie als Geschworenen durch meinen Anwalt abgelehnt. Ich weiß, Sie sind ein gerechter Mann.«

»Danke.«

»Ich habe Sie nur abweisen lassen, weil es Ihnen doch lieber ist, an einem so heißen Tage nicht als Geschworener sitzen zu müssen.«

Der Baron lächelte und hielt sich den Knopf seiner Reitpeitsche an den Mund, dann sagte er Guten Morgen, gab dem Pferd die Sporen und ritt davon.

Eine Ahnung überfiel Landolin, welchen Begegnungen er sich heute aussetze; er wollte umkehren, es ist ja nicht nöthig, daß er bei dem Fest anwesend; aber er schämte sich vor den Seinen, daß er so unschlüssig sei, und dann hat ja Peter recht, daß er ihm das Heft aus der Hand genommen. Mit mächtigen Schritten ging er stadtwärts. Böllerschüsse widerhallten, sich vervielfältigend im Walde, durch welchen er dahinschritt, denn eben jetzt wurde die Fahnenweihe in der Stadtkirche vollzogen.

Landolin mäßigte seinen Schritt, ja, er setzte sich an den Wegrain, die Hauptfeierlichkeit hat er nun doch versäumt und kann sich nun Ruhe gönnen. Der Stellwagen kam vom Bahnhof herauf, der Kutscher fragte Landolin, ob er mitfahren wolle. Landolin war müde und da war gute Gelegenheit zum Umkehren, aber er verneinte, als zwänge ihn etwas nach der Stadt. Er schlug es sich aus dem Sinn, da ihm die Erinnerung wieder aufging, wie in seiner Kindheit die Maiwiese ein Richtplatz gewesen. Was kann ihm denn geschehen? Er ist freigesprochen, frei und in allen Ehren.

Jetzt tönte helle Trompetenmusik von der obern Stadt her. Landolin beeilte seine Schritte, um den Zug nicht zu versäumen.

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