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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreiundvierzigstes Kapitel.

Der sichere, feste Landolin war ein Angstmann geworden, er spottete sich darüber aus, aber das half nicht. Er ging mit geschlossenen Lippen umher und diese Lippen bekamen einen bittern Ausdruck. Oft hielt er in seinem Gange inne, er mußte aufathmen von den schweren Gedanken, die auf ihm lagen, dann schaute er wie erbarmungsvoll um und ging seines Weges weiter. Wie reich war er vordem gewesen, bei jedem Menschen hatte er ein Ehrenkapital ausstehen, und nun, da er's einkassiren wollte, war es nicht mehr da. Er hatte, genau genommen, nicht gut und nicht bös über die Menschen gedacht, sie waren ihm nur gleichgiltig, jetzt war das anders; seine Denkkraft hatte brach gelegen, und nun schoß auf diesem Brachacker allerlei wildes herbes Kraut auf, dessen Keime unfindbar im Grunde gelegen hatten. Er hatte doch auch gelebt, war hellen Sinnes gewesen, zumal wo es einen Vortheil betraf, aber jetzt war's doch, als ob man ständig halb geschlafen hätte. Laß ab! Was gehen dich die Menschen an? Was ist der und jener? Und was hat man eigentlich vom Leben? Ackern, säen, ernten. Die Wiesen werden grünen, die Aecker Früchte tragen, die Waldbäume wachsen, wenn der Mensch da in den Kleidern ein Stück Erde geworden. Und für das soll man sich so viel plagen und Gedanken machen? Ja, Gedanken machen, das ist eben das Harte für den, der bisher nichts davon gewollt.

Wenn die Seele auf einen Weg gekommen ist, der die Herbheiten und Eigensüchtigkeiten auf Schritt und Tritt vor Augen führt, dann ist es schwer, umzukehren und einen andern Weg einzuschlagen; es ist, als ob unwiderstehliche Gewalten immer auf die Pfade der Trauer und Bitterniß drängten, und ein Verlangen nach zuvorkommender Güte, nach entgegenkommender Liebe wird immer heißer und mächtiger.

Landolin spürte von alledem etwas, sagen hätte er es freilich nicht gekonnt, aber es ist Vieles in der Seele, was sich nicht sagen läßt, auch von einem andern nicht, der weit mehr gesonnen und gedacht hat als Landolin.

Der eisenfeste Mann von ehedem war eben zermürbt, und es war nicht abzusehen, was da kommen konnte, um ihn wieder standhaft zu machen. Vielleicht hätte es die Liebe Thoma's gekonnt, vielleicht – er sagte sich: Gewiß! Es gab sogar Stunden, in denen er nicht nur darüber traurig war, daß ihm diese Liebe versagt blieb, ja, wo es ihn noch mehr schmerzte, daß sein Kind, sein stolzes, schönes Kind, so gebeugt, so leer und kalt war. Er hatte einen Stolz, eine Herbheit in diesem Kinde groß gezogen, die ihr nun den Untergang brachten. Er stöhnte im Jammer auf und er beugte sich wie zur Buße unter die Botmäßigkeit Peters, ja die Kühnheit Peters, der doch so schwer an ihm sündigte, nöthigte ihm oft Beifall ab: Das wird einmal ein Mann, der die ganze Welt unter den Fuß tritt und dabei lacht; der wird noch mächtiger als der Titus dachte er.

Landolin nahm sich vor, auch zu heucheln und sich zu verstellen und so zu thun, als ob er die Bosheit der Menschen für Gutheit ansehe, und es ihnen heimlich bezahlen; aber sein Stolz ließ ihn nicht zu solcher Heuchelei gelangen. Er schalt sich selber über seinen Kleinmuth, er nannte ihn ganz ehrlich Feigheit; aber das half ihm doch nicht, die alte Rücksichtslosigkeit, den alten Hochmnth wieder zu gewinnen. Ja, er war empfindlich geworden. Er ging durch den Laubwald. Was kümmerte ihn vor Zeiten das Ungeziefer in den Wäldern, wenn es nicht so überhand genommen hatte, daß es die Bäume schädigte? Jetzt erschreckte es ihn, daß in der Luft an dünnen Fäden überall Raupen hingen und, als ob sie auf ihn gewartet hätten, sich auf ihn niederließen.

Diese Raupen sind abzuschütteln, aber die bösen Gedanken der Menschen, die auch wie Raupen an unsichtbaren Fäden überall hängen, die lassen sich nicht abschütteln.

Landolin saß auf einem Baumstumpf im Walde, da kam der Bannwart daher und grüßte freundlich, ihn bedauernd, daß er so viel habe ausstehen müssen, und Landolin klagte, daß er in der kurzen Zeit um zwanzig Jahre älter geworden sei und stets Herzklopfen habe.

Plötzlich hielt er inne, er merkte, daß er um Mitleid bettelte, und bei wem?

Der Waldhüter aber entgegnete:

»Weiß ja selber, wie das ist in der Viertelstunde, wo die Geschworenen eingeschlossen sind und man wartet, ob Leben oder Tod.«

»Woher weißt Du das?«

»Habt Ihr's denn vergessen? Es ist mir grad so gewesen wie damals, wo der Wilddieb, den ich erschossen hab', hinter dem Baum den Flintenlauf auf mich richtete. Knack! Krach! Nothwehr ist's! Da liegst Du,« so schloß der Waldhüter schelmisch lachend.

Landolin ging gestärkt heimwärts. Nothwehr ist's! Die Gerichte haben das ja erkannt, und es ist auch so gewesen, du mußt dir's wenigstens einreden lernen, du mußt.

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