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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Zweiundvierzigstes Kapitel.

Vor wenig Monaten war ein fester Bauer über diese Schwelle geschritten, jetzt war er ein Anderer geworden, aber auch die Welt war anders; vor Allem das Haus. Draußen hatte sich Landolin immer vorgestellt, wie fröhlich es zu Hause hergehe, und doch war da eigentlich von je nichts als stilles, unablässiges Arbeiten gewesen und er selber von je ein sauersichtiger Mann, vor dem Alles im Hause, Thoma ausgenommen, zitterte. Freilich, Thoma war damals noch lustig. und das war's wol, warum ihm das ganze Hans als lustig in der Erinnerung war.

Mit niedergeschlagenem Blick ging Landolin die Straße dahin. Er war das ärgste geworden, was ein Mensch werden kann und was sich für einen Bauer nun gar nicht schickt; er war reizbar geworden, und was immer dabei ist, schwach und hülfsbedürftig; er erwartete von außen neue Belebung und Auffrischung.

Als er den Blick erhob, sah er von fern eine Frau mit rothem Kopftuch des Weges kommen. Ist das die Schaubkäther? Soll er umkehren?

Er rief den Hund näher an sich heran, die Begegnende aber war nicht die Schaubkäther, sondern eine unbekannte Frau.

Schau, da kommt der Galopp-Kübler, er geht noch eiliger als immer, und im Vorbeisausen sagt er kurz und schroff guten Abend, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Landolin stand still, schaute zurück und zuckte die Achseln verächtlich über den abgehausten Mann, der sonst nicht unterwürfige Worte genug hatte, wenn er einen Stamm Holz zu Faßdauben auf Borg haben wollte. »Du kriegst keinen Span mehr von mir,« sagte Landolin vor sich hin und schritt weiter. Er kam an den Hof des neuen Schultheißen, der Hofhund stürzte hervor und auf Racker los, aber er floh schnell wieder, da er das Stachelhalsband gewahrte. Racker wollte den Feigen verfolgen, aber Landolin rief ihn zurück. Das mußte doch der Schultheiß dort, der rittlings auf einem Blocke saß und eine Sense dengelte, gewiß gehört haben, aber er schaute nicht auf, und erst als Landolin vor ihm stand und grüßte, hielt er den Hammer in der Rechten aufrecht, fuhr mit den Fingern der Linken über die Schneide, um die Scharten zu gewahren, und sagte:

»Auch wieder hier?«

»Wie Du siehst. Ruhig Racker!« rief er dem Hunde, der ganz still neben ihm gestanden hatte; aber das kam heraus wie ein schnell gewendeter Zornesausbruch. So unpersönlich angesprochen zu werden, so ohne Handreichung, ohne Aufstehen, das empörte Landolin tief, aber mit erzwungenem Lächeln sagte er:

»Ich hab' Dir nur sagen wollen und verkünde Du es in der Gemeinde, ich nehme keine Wahl mehr an zum Bezirksrath und ich lege auch das Amt als Waisenrichter nieder.«

»So? Will's ausrichten.«

Landolin starrte den jungen Schultheiß an. Spricht man so mit ihm? Muß er das hinnehmen und darf nicht zornig werden und drein schlagen? Ja, Landolin, Du bist nicht mehr gefürchtet, halt' dich im Zaum und lerne dich selbst beherrschen.

Nach geraumer Weile, in welcher Landolin mit Macht seine Aufwallung niederkämpfte, sagte er kurz:

»Behüt' Dich Gott.«

»Behüt' Dich Gott« wurde trocken erwidert.

Landolin ging davon und der neue Schultheiß dengelte weiter, aber die Hammerschläge gingen schneller, denn der Schultheiß dachte triumphirend, wie er's dem Landolin vergolten habe, daß die ganze Gemeinde durch ihn ins Gerede und in Unehre gerathen sei; und hat sich nicht Landolin hingestellt, als ob er noch was herauszufordern hätte? Jetzt weiß er, wie er dran ist.

Landolin wußte aber nur, daß alle Welt schlecht und aufsässig sei und ihm sein gerettetes Leben nicht gönne.

»Guten Abend, Herr Altschultheiß,« wurde er plötzlich angesprochen, er sah auf, ein verwahrloster junger Mann von kräftigem Körperbau stand vor ihm und zog den Hut ab, wilde struppige Haare fielen ihm über die Stirne bis zu den unruhig hin und her rollenden schwarzen Augen.

»Wer bist Du?«

»Der Herr Altschultheiß kennt mich nicht mehr? Bin der Engelbert Schäfer von Gerlachseck. Ich hab' auf Euch gewartet.«

»Auf mich?«

»Ihr nehmt mich jetzt gewiß in Dienst.«

»Woher kommst denn?«

»Von dort her.« Der Verwahrloste machte ein Zeichen gegen das Unterland, »hab' drei Jahre gehabt. Wäre mein Meister gut gegen mich gewesen und hätt' mich auch nicht angezeigt –«

»Du kommst aus dem Zuchthaus?«

Der Angeredete nickte und lächelte dabei zutraulich.

»Warum soll just ich Dich nehmen?«

»Ja, weil's eben so ist. Die Dienstleute haben's jetzt gewiß gut bei Euch. Ihr nehmt ja lauter neue, und ich kann gut aufpassen auf die anderen.«

Die Zornesader schwoll auf der Stirne Landolins, aber er drückte seine Empörung nieder, lachte laut auf und rief dann befehlerisch:

»Marschir' Dich! Wie kannst Du auf der Straße mich so anreden? Fort oder –«

»Ho ho! Ihr werdet doch nicht noch einmal einen Knecht todt schlagen wollen? Mit mir werdet Ihr nicht so schnell fertig, wie mit dem Vetturi.«

Er setzte den Hut auf und ballte die Fäuste.

Ohne weiter ein Wort zu sagen, ging Landolin seines Weges, der Verwahrloste schimpfte und drohte hinter ihm drein.

Die Abendglocke läutete, Landolin nickte den Tönen zu, wie wenn sie ihn riefen. Er machte einen Umweg, um nicht über den Kirchhof gehen zu müssen, wo das Grab Vetturi's.

Die Kirche stand offen. Landolin zog den Hut ab, befahl dem Hunde, sich nieder zu legen und hier auf ihn zu warten, und eben als er den Fuß auf die Schwelle setzen wollte, kam die Schaubkäther heraus; sie sah ihn mit einem Blicke an, vor dem er die Augen niederschlagen mußte, dann faßte sie die schwere Kirchenthüre und schlug sie zu, daß es dröhnte, aber noch lauter rief die Entsetzliche:

»Für Dich ist die Kirche verschlossen. Heb' Deine Faust! Da unter der Kirchenthür tödte mich, Du kannst jetzt Alles thun. Du bist verworfen von Gott und ausgeworfen von den Menschen, Du –«

Der Hund hatte sich aufgerichtet, Landolin beschwichtigte ihn, die Alte ging davon.

Landolin öffnete die Kirche und ging hinein. Stille war ringsum, nur droben im Thurme tickte der Pendel hin und her, ein Vogel war durch das offene Fenster hereingeflogen, er flatterte ängstlich, bis er wieder den Ausgang fand. Landolin war allein in dem weiten Raum, wo nur das ewige Licht brannte. Kein Gebet kam ihm über die Lippen, er sammelte vielmehr in Gedanken die ganze Gemeinde hier herein, Mann für Mann, Frau für Frau; er nahm im Geiste jeden Einzelnen vor, schaute ihm ins Gesicht, schüttelte ihn – aber was nützt es? Sie bleiben gehässig. Ausgeworfen, wie eine Leiche vom Strome, ausgeworfen – das Wort der Schaubkäther sprach sich von all den leeren Bänken. Ein Groll stieg in ihm auf gegen das, was man ihn in seiner Kindheit als barmherzigen Gott gelehrt hatte. Es ist Alles nicht wahr! Und wenn es wäre, was nützt es, wenn Gott barmherzig ist und er zwingt die Menschen nicht, daß sie es auch sind?

Wie wenn die Decke einstürze, so empfand er plötzlich eine Beängstigung, er verließ die Kirche und ging heim.

»Ist Jemand da gewesen?« fragte er daheim die Frau, er jedoch gab keine Antwort auf die Frage, wo er gewesen sei und wen er gesprochen habe; ja diese Neugierde der Frau, dieses müßige Gefrage war ihm lästig. Die Frau hielt sich in Geduld zurück, sie sah, ihre Liebe und Sorgfalt war ihm nichts. Sie dachte, daß sie nicht gescheit und geschickt genug für ihn wäre, und nahm sich vor, recht behutsam zu sein; aber im nächsten Augenblick suchte sie aus Herzensgüte ihm wieder zuzureden und ihn aufzuheitern, und das ärgerte ihn, denn es zeigte ja, daß noch immer an das Vergangene gedacht wird, und das sollte nicht mehr sein. Sie trug ihm besonderes Essen auf und sagte: »Laß Dir's nur recht gut schmecken wieder daheim.«

Barsch erwiderte er: »Das kann man Einem nicht wünschen, wenn's nicht von selber schmeckt.«

Er wartete immer und immer auf ein gutes Wort von Thoma, aber diese konnte in ihrer bitter strengen Wahrhaftigkeit kein gutes Wort hervorbringen, und was der Vater in gewaltsam errungener Demuth und Lässigkeit gewähren ließ, empörte sie. Sie sah Tag für Tag, wie sich Peter die alleinige Herrschaft herausnahm und der Vater das gewähren ließ, ja, er arbeitete wie ein Knecht und schien Gefallen daran zu finden, sich von seinem Sohne unterdrücken zu lassen.

Alles verwandelte und verkehrte sich.

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