Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
Schließen

Navigation:

Einundvierzigstes Kapitel

Thoma war im Felde bei der Ernte, als Landolin in der Stube saß, die Frau setzte sich zu ihm und er sagte:

»Kannst Dir gar nicht denken, wie Einem das Essen ist, wenn man so allein essen muß im Gefängniß.«

»Denk' jetzt nicht immer so zurück.«

»Ist Niemand da gewesen, der mich hat besuchen wollen?«

»Nein. Denk' dran, was Du vergangene Nacht gesagt hast.«

Ja, das war leicht gesagt, aber Landolin konnte es eben nicht lassen, an die Menschen draußen zu denken, und wie war's denn möglich, daß die Menschen nicht wenigstens neugierig waren, ihn wieder zu sehen?

Er schaute zum Fenster hinaus: hochbeladene Garbenwagen kamen vorüber, aber kein Bauer, kein Knecht wendete den Blick nach seinem Hause. Der neue Schultheiß kam, die Gabel in den Garbenwagen stemmend, die Straße daher; er hatte offenbar Landolin von fern gesehen, denn nicht weit vom Hause Landolins ging er auf die andere Seite des Wagens, von wo er nicht gesehen werden konnte.

Landolin zog sich ins Zimmer zurück und setzte sich in den großen Lehnstuhl, trommelte eine Weile auf die Armlehnen, dann ging er in die Kammer und zog seine hohen Stiefel an.

»Du willst doch nicht ausgehen?« fragte die Frau; er sah sie verwundert an, dieses Fragen, dieses Aufmerken auf sein Thun und Lassen war ihm überlästig; er wollte der Frau das sagen, aber schnell sich bezwingend erklärte er, er habe im Gefängniß immer Pantoffeln getragen und jetzt wolle er wieder in seinen Stiefeln stehen und gehen.

Im Hofe tönte Peitschenknallen, Peter fuhr auf dem Sattelgaul sitzend mit einem vierspännigen Garbenwagen ein. Landolin ging hinab und traf auch Thoma, die hochgerötheten Antlitzes hinter dem Wagen drein kam. Sie schaute den Vater eine Weile stumm an, wie wenn sie das Wort nicht finden könnte; ihr Blick war herb und finster.

»Guten Morgen, Thoma!« sagte Landolin zuerst.

»Guten Morgen, Vater!« erwiderte sie, eine mildere Stimmung schien die Oberhand in ihr zu bekommen, da sie in das vergrämte Antlitz des Vaters sah, aber wie wenn sie den milden Gedanken abschüttelte, warf sie den Kopf zurück.

Vater und Tochter waren sich jetzt im hellen Tag neue, ja fast fremde Erscheinungen geworden; der Vater erschien Thoma kleiner von Gestalt, als sie ihn in Erinnerung hatte, und der trotzige und zuversichtliche Ausdruck seines Gesichtes war nun zaghaft und unsicher.

Thoma dagegen war mächtiger geworden, stolz aufrechter in der Haltung, die Augenbrauen indeß schienen sich tiefer gesenkt zu haben und zwischen denselben hatten sich schmale scharfe Falten eingegraben, das sind Furchen, in denen bittere Saat aufgeht.

»Guten Morgen, Meister,« grüßte in besonders vertraulichem Tone der Oberknecht Tobias, »Ihr werdet Alles in gutem Stand finden, Vieh und Feld.«

Landolin nickte nur still. Also hatte Peter dem Oberknecht noch nicht gekündigt, und er wird es wol unterlassen.

Landolin sprach mit dem an Fidelis' Stelle angenommenen neuen Knechte und fragte ihn leutselig, woher er sei und wo er früher in Dienst gestanden. Der Knecht antwortete ehrerbietig, und Landolin war beruhigter. Peter hat also noch nichts davon verlautbart, daß er selber Meister sei; Landolin war fast dankbar für das ihm doch naturgemäß Gebührende.

Landolin ging durch die Ställe, er fand Alles wohlgediehen. Eine Magd, die eben den Kühen frischen Klee in die Raufe steckte, sang dazu und unterbrach ihren Gesang nicht, da sie den Meister gewahrte. Dieser sah sie starr an und fragte endlich: »Warum grüßest Du nicht?«

»Ich hab' mich zum Gerlachbauer verdingt und der Kühbub und die anderen zwei Mägde gehen auch.«

»Warum?«

»Der Peter hat uns gekündigt, wir wären aber auch so gegangen.«

Landolin ging wieder nach dem Hofe, und während er den Hund von der Kette löste und ihn streichelte, sagte er:

»Nicht wahr, Du verlässest mich nicht?« und dem Hunde die Lefzen auseinander ziehend, fuhr er fort: »Du hast's gut, aber mir haben sie die Zähne ausgebrochen, ich kann nicht mehr beißen; sie fürchten mich nicht mehr. Komm, halt still, ich thu Dir das Stachelhalsband um; ich muß mir auch so was anschaffen.«

Landolin saß in seinem Lehnstuhl, der Hund lag vor ihm auf dem Boden. Seltsam! Der Stuhl ist nicht mehr so bequem wie sonst, der Sitz so hart, die Lehne so steil; dennoch zwang sich Landolin, ruhig daheim zu bleiben, der und jener mußte doch kommen, ihn, wenn auch nur im Vorübergehen, zu begrüßen. Er schaute oft nach der Thüre, sie öffnete sich nicht, es kam Niemand.

Als es Abend wurde, ging er endlich aus dem Hause.

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.