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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Vierzigstes Kapitel.

Landolin, der Anderes denken wollte, als das, was sich ihm unwillkürlich aufdrängte, fragte die Frau in der Kammer:

»Giebt's denn gar nichts Neues? Ist denn gar nichts vorgefallen in der langen Zeit?«

»Nein, oder doch nicht viel. Daß der alte Dobelbauer beim Verladen von Stammholz verunglückt und gestorben ist, wirst Du wol gehört haben. Den Deislingerhof hat der Staat gekauft und macht Wald draus. Der Kandelhofbauer hat wieder geheirathet, in Neidlingen ist ein neuer Pfarrer, der frühere hat die Gemeinde altkatholisch, wie sie ihm sagen, machen wollen, und der Verschönerungsverein, wie sie ihm sagen, hat hart an unserm Wald vorbei einen neuen Weg machen lassen, der Vorstand, der gute alte General, hat oftmals bei uns eingekehrt und nach Dir gefragt.«

Solcherlei erzählte die Frau.

»Wer ist am meisten bei Dir gewesen, derweil ich fort gewesen bin?«

»Mein Bruder, aber auch sonst Leut', sie haben mich bemitleiden wollen, aber ich hab's ihnen nicht abgenommen, und da sind sie fort geblieben.«

»Ist der Sägemüller nie bei Dir gewesen?«

»Nein, mit keinem Schritt.«

»Er ist eben der Holländer, den muß man schieben. Morgen am Tag bringe ich die Sache mit dem Anton und der Thoma wieder in die Richte. Ich gehe zum Sägemüller.«

»Thu das nicht. Will nicht Alles jetzt so hurtig wieder aufgeschirren. Du verstehst doch, Du weißt, wenn man einen Wagen umkehren und ein Pferd zurückhufen will, kann man das nicht im Trab thun.«

Hui! dachte Landolin, die will jetzt auch gescheit sein? Alles will gescheiter sein als ich.

Da ihr Mann schwieg, fuhr die Frau fort: »Jetzt schlaf' und ich möcht' auch schlafen.«

Die Stille und Ruhe dauerte nicht lange, denn Landolin wendete sich im Bette hin und her und stöhnte und ächzte.

»Was ist denn? Du mußt doch auch müde sein.«

»O Frau, ich kann's noch gar nicht fassen, daß da jetzt wieder Jemand bei mir ist und von der Decke herunter hängt nicht mehr das Richtschwert. Und dann sehe ich immer das blinkende Einglas vom Staatsanwalt am schwarzen Band. Ja, Du hast Deinen alten Mann nicht mehr, Du hast einen andern; ich kann den Kerl selber nicht leiden, er ist so weichherzig. Ich bitte Dich, ermahn' mich oft, daß ich mir aus den Menschen nichts mache; sie haben mich vergessen, und ich will's schon dahin bringen, daß ich sie auch vergesse. Hab' nur Du recht viel Geduld mit mir, aber gieb mir nichts nach, leid's nicht, daß ich so weichherzig bin –«

Der starke Mann weinte mitten in der Nacht bittere Thränen, aber wie fluchend rief er:

»Mir sollen die Augen auslaufen, wenn ich noch jemals weine, so lange wir bei einander sind. Das verspreche ich Dir und mir. Die Menschen können mir mein Leben nicht abkränken, wenn ich mir's nicht selber abkränke. Ja, ja Nothwehr! Nothwehr!«

Die Frau machte nochmals Licht, tröstete den sich Abhärmenden, der endlich sagte:

»Nur noch das. Die Schaubkäther hat mir zugerufen, ich müsse mich selber umbringen – das thue ich nicht, Dir zu lieb –«

Die Frau streichelte ihm die Hand, auf der noch die nicht abgewischten Thränen lagen.

»Ich thue den Menschen nicht den Gefallen,« fuhr Landolin fort, »daß sie Schadenfreude an uns haben sollen. Laß das Licht brennen, dann weiß ich gleich, wenn ich wieder aufwache, daß ich nicht mehr im Gefängniß. Gute Nacht! Wir wollen jetzt schlafen.«

Landolin schlief lange in den Tag hinein und die Frau erhob sich leise und ging an ihre Arbeit, sie vermied es behutsam, ihren Mann durch ein Geräusch zu wecken; sie segnete jede Minute, die ihm Schlaf und neue Kraft zu Heiterkeit und Gesundheit gab.

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