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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Neununddreißigstes Kapitel.

Vor dem Hause knallte Peter mit der Peitsche hin und her, das Hofthor war offen, er fuhr hinein, ein fremder Knecht brachte einen Stuhl, Peter half zuerst der Mutter absteigen, er wollte auch dem Vater helfen, dieser aber sagte. »Laß nur, ich kann schon noch allein –«

Er stand wieder auf seinem eigenen Grund und Boden, kein Willkommsruf wurde laut, nur der Hund bellte an seiner Kette.

Der helle Mond beleuchtete den geschlossenen viereckigen Hofraum, der sauber gepflastert, aber auch ganz verändert war.

»Wer hat da die Aenderungen gemacht?« fragte Landolin.

»Das hat die Thoma so angeordnet,« erwiderte die Mutter.

Landolin verstand: der Ort, wo der Todtschlag begangen war, sollte nicht mehr zu erkennen sein, für sie nicht, vielleicht auch für den Vater nicht.

»Jetzt sag' ich Dir nochmal von Herzen grüß Gott und Willkommen,« sagte die Bäuerin mit bewegtem Tone, »jetzt laß Dir die Jahre, die Dir noch beschieden sind, in Ruhe bekommen.«

»Ja, ja, ist schon gut,« entgegnete Landolin, ging auf den Hund zu und löste ihm die Kette; der Hund sprang an seinem alten Herrn empor und rings um ihn her und schien ausgelassen vor Freude.

»Ist schon recht,« sagte Landolin, den Hund streichelnd, »gieb nur Ruhe, weiß schon, nicht wahr, du riechst mir nichts an, daß sie gesagt haben, meine Hände seien voll Blut? Das einzig Treue auf der Welt ist ein Hund.«

Thränen auf den Wangen der Frau glitzerten im Mondenschein, und Landolin wendete sich jetzt zu ihr:

»Geh' voran!«

»Nein, Du, Du zuerst, Du bist der Meister. Damals, es war grad so eine Nacht wie heute, wie wir von der Hochzeit zum ersten Mal heimkommen sind, bist Du auch voraus ins Haus. Jetzt ist wieder wie Hochzeit.« Sie faßte nach seiner Hand, er ließ sie ihr, und Hand in Hand gingen sie die Freitreppe hinan; in der Stube bespritzte die Frau ihren Mann aus dem Weihkessel an der Thüre.

Niemand als eine alte Magd war in der Stube.

»Wo ist die Thoma?« fragte Landolin.

»Sie ist in ihrer Kammer.«

»Sag' ihr, ich sei wieder daheim, und sie solle kommen.«

»Ich hab's ihr durch die verschlossene Thüre hinein gerufen, sie giebt aber keine Antwort.«

Landolin setzte sich in den großen Stuhl und die Frau dankte Gott, daß ihr Mann wieder da sitze, sie habe oft verzweifelt, ob das je wieder sein werde. Landolin sah seine Frau an, und es war ihm, als wankte ihre Gestalt auf und ab und als bewegte sich die Stube und der Hausrath hin und her; er richtete sich gewaltsam straff auf, ging nach dem Söller und klopfte an die Kammer Thoma's. Nichts regte sich.

»Thoma! Ich bin da, Dein Vater.«

Die Thüre wurde entriegelt, Thoma stand vor ihm. Mit gepreßter Stimme sagte sie: »Willkommen, Vater!«

»Weiter hast Du mir nichts zu sagen?«

»Ihr habt's ja nicht gern, wenn man viel redet.«

Landolin faßte nach der Hand seiner Tochter, die sie ihm nicht dargeboten hatte.

»Kind, hast Du mich denn nicht mehr lieb?«

»So etwas thäte ich nie ein Kind fragen.«

»Kind, ich bin ein armer Mann, bettelarm. Verstehst Du das?« Thoma schüttelte den Kopf, und der Vater fuhr fort: »Ich hab' schwer an Euch gethan, besonders an Dir. Jetzt bitt' ich Dich, sei gut, laß mich nicht verschmachten. Er konnte vor Herzstößen nicht weiter sprechen, und als Thoma beharrlich schwieg, wendete er sich rasch und ging schwankenden Schrittes nach der Stube, er horchte, ob Thoma ihm folge, er hörte nichts. In der Stube betrachtete er den Tisch und fragte:

»Ist das ein neuer Tisch?«

»Nein, die Thoma hat ihn nur abhobeln lassen, weil da die Löcher waren.«

Landolin erinnerte sich, daß er damals die Gabel durch das Tischtuch in den Tisch gestoßen.

Jetzt hörte man Schritte, aber nicht Thoma kam, sondern der Pfarrer. Er sprach gute, tröstliche Worte, Landolin starrte ihn an, er sah ihn wohl, aber er hörte ihn nicht, denn seine Gedanken waren bei seiner Tochter, die sich arg verwandelt hatte. Erst als der Pfarrer von der Schaubkäther sprach, welche gotteslästerliche Reden sie führe und wie toll und unbändig sie sei, wurde Landolin aufmerksam, und als der Pfarrer sagte, es scheine, die Schaubkäther sei närrisch geworden, rief er:

»Dafür giebt's Narrenhäuser. Man läßt sie ins Irrenhaus bringen. Die Gemeinde kann's noch bezahlen.«

»Das geht nicht so schnell, da müßte der Kreisphysikus entscheiden.«

Thoma war unversehens da und trug das Essen auf, das sie hatte herrichten lassen. Der Pfarrer wollte sich entfernen, aber auf die Bitten der Frau und Thoma's blieb er da; man bedurfte eines Friedensmannes, der Zusammenhalt bot und Ruhe. Man saß wohlgemuth bei Tische, Landolin aß gierig und fragte dazwischen: »Herr Pfarrer! Ist denn der junge Schultheiß nicht daheim und Niemand vom Gemeinderath? Es hätt' sich doch wol geschickt, daß sie da wären, sie haben's doch gewußt, daß ich komme.«

Der Pfarrer schien um eine Antwort verlegen, und die Frau ersparte ihm eine solche, da sie ihren Mann an sein Wort erinnerte, daß er sich gar nicht um die Menschen kümmern wolle.

Der Pfarrer ging, Landolin gab ihm ehrerbietig das Geleite.

Dann ging er nach dem Röhrbrunnen und trank aus der mächtig sprudelnden Röhre, und sich den Mund abwischend sagte er zu der Frau, die aus dem Fenster sah:

»Nichts auf der Welt löscht mir so den Durst und thut mir so wohl und macht mich so frisch wie das Wasser von unserem Brunnen.«

»Komm herauf, es ist Schlafenszeit.«

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