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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Drittes Kapitel.

In der Stube, wo durch die eng an einander gereihten Fenster das helle Morgenlicht hereindrang und der allzeit geheizte breite Kachelofen eine behagliche Wärme verbreitete, ging der Bauer auf und ab. Er war ein breiter und stattlicher Mann, sein volles Haupthaar war kurz geschoren und die Stoppeln standen aufrecht, was dem mächtigen Kopfe noch einen besondern Ausdruck des Stierhaften gab, und aus feinem glattrasirten Gesichte schaute Selbstgefühl, Trotz und Verachtung gegen die Welt.

Der Bauer, der noch in Hemdärmeln war, hatte übrigens bereits seinen Sonntagsstaat an, nur der kragenlose, einreihige schwarze Sammetrock hing noch am Nagel. Er trug hohe Stiefel, deren Schäfte in Falten herabfielen und noch den weißen Strumpf aus den Kniehosen hervorscheinen ließen, dazu eine buntseidene bis an den Hals zugeknöpfte Weste.

Als die Bäuerin eintrat, nickte er ihr still zu; hinter der Bäuerin drein kam der Sohn Peter, ein verdrossen dreinschauender, vollbackiger junger Bursche, und dann die Knechte und Mägde. Man setzte sich nach dem Gebete zum Morgenimbiß nieder, es wurde Nichts gesprochen, ja, Niemand sagte ein Wort darüber, daß ein Platz leer blieb, nämlich der für Thoma. Nach dem Schlußgebet sagte der Bauer zu dem Oberknecht, er solle nun mit den fetten Ochsen zu Markt fahren und gemach thun.

Er setzte sich in den großen Lehnstuhl nicht weit vom Ofen und schaute nach der Thüre. Thoma darf freilich heute eine Ausnahme machen, denn sonst hat sie den rechten Stolz, daß Niemand in Arbeit früh und spät es ihr zuvorthun darf.

Plötzlich stand der Bauer auf, trat auf den nach dem Hof führenden Söller und rief dem Oberknecht zu, er solle auch die Preiskuh zum Markt herrichten. »Vater,« rief eine kräftige Mädchenstimme aus dem Kammerfenster, das nach dem Söller ging, »Vater, wollt Ihr denn die Preiskuh auch verkaufen?«

Mit halber Wendung des Kopfes schaute Landolin nach dem Fenster, er hielt es aber nicht für nöthig, etwas zu erwidern; er rief vielmehr dem Knechte zu, nicht zu vergessen, daß man im »Schwert« einstelle.

Die Ochsen wurden herausgeführt, sie gingen wie halbverschlafen, standen still und schauten um, wie wenn sie vom Hofe Abschied nehmen wollten. Ein Musterstück von einer Kuh kam hinterdrein, es war echter Simmenthaler Schlag, aber hier im Hause auferzogen. Die Augen der Kuh funkelten, als wüßte sie, daß sie beim letzten landwirtschaftlichen Feste den ersten Preis bekommen habe.

Landolin ging die steinerne Freitreppe in den Hof hinab, und jetzt stand er da mit ausgespreizten Beinen, sich manchmal auf den Beinen wiegend, und betrachtete die Thiere und sein ganzes stattliches Heimwesen mit vollem Behagen.

»Guten Morgen, Vater!« rief jetzt die kräftige Mädchenstimme vom Söller, »ich bin erst gegen Morgen eingeschlafen. Vater, wollt Ihr denn wirklich die Preiskuh verkaufen?«

»Du bist doch nicht so gescheidt, wie man meinen sollte,« entgegnete Landolin lachend, »man will just nicht Alles verkaufen, was man zu Markte bringt; man zeigt sich doch auch gern.«

»Ihr habt recht,« entgegnete das Mädchen und schüttelte die aufgelösten langen blonden Haare in den Nacken zurück, während sie einen Blick auf die in der Nacht aufgebrochenen Nelken warf; ihre Wangen waren fast so roth wie die frischen Nelken. Der Sägemüller da drunten hatte recht, das Mädchen war fast zu schön, das sich jetzt auf dem Söller niedersetzte, die Haare zöpfte und leise dabei sang. Oftmals hörte sie plötzlich auf zu singen und schaute mit ihren großen blauen Augen wie traumverloren ins Weite hinein, sie dachte wol an Anton drunten im Thale an der Sägemühle.

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