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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Achtunddreißigstes Kapitel.

Es wurmte Landolin tief, daß die Herrenleute vom Casino herab gar kein Zeichen gegeben hatten, und als das Fuhrwerk im Schritt den Berg hinanging, sagte er mit ungewohnter Zärtlichkeit zu seiner Frau:

»Wir wollen uns gar nichts aus der Welt machen und nur froh sein, daß wir einander wieder haben und beisammen sind. Es meint's doch Niemand auf der Welt gut mit Einem als eben die Eigenen.«

Die Frau sah ihn verwundert an, und ihr schmerzdurchfurchtes Antlitz leuchtete im hellen Mondenschein; sie war solche Innigkeit bei Landolin nicht gewohnt, sie hatte nicht gewußt, daß er menschenbedürftig war.

»Ist die Thoma krank?« fragte er nach einer Weile.

»Nein, nur verscheucht und grimmzornig . . . wegen des Anton; sie kann tagelang herumgehen und spricht kein Wort, aber sie schafft fleißig und ißt und trinkt, wie sich's gehört. Mit dem Schlaf ist es freilich nicht in Ordnung gewesen; ich hab' sie gezwungen, daß sie bei mir schläft, sie hat sich aber nicht in Dein Bett gelegt, ich hab' ihr das meinige geben müssen.«

»Es wird schon Alles wieder in Ordnung kommen,« fiel Landolin ein, denn seinerseits fand er es verwunderlich, daß die Frau gegen alle frühere Gewohnheit jetzt so viel sprach. Er schien indeß Anderes hören zu wollen, denn er fragte:

»Ist das Kalb von der Preiskuh ein Stierkalb?«

»Ja, kohlschwarz mit einem weißen Stern und mächtigen Stotzen (Füßen), hat Dir das der Peter nicht gesagt und daß wir's aufziehen?«

Bei Peter, der auf dem Vordersitz die Pferde lenkte, ging der Rücken auf und ab, Peter lachte offenbar, und Landolin, der von Anderem hatte reden wollen, verfiel doch wieder zurück, indem er fragte:

»Was macht die Schaubkäther?« Die Frau gab keine Antwort, und polternd fuhr Landolin fort: »Hörst Du mich denn nicht? Hast nicht gehört, was ich gefragt hab'? Was die Schaubkäther macht, hab' ich gefragt.«

»Schrei' doch nicht so! Du hast Dich arg verändert.«

»Ich nicht, aber Du. Warum giebst Du mir keine Antwort?«

»Weil ich keine weiß. Vergangene Nacht ist die Schaubkäther nicht daheim gewesen, heute in aller Frühe ist sie heimkommen und hat seit Langem zum erstenmal Feuer angemacht. Sie muß gestern auf dem Grab gewesen sein, der Pfarrer hat dort ihr rothes Tuch gefunden und ihr zugeschickt. Seitdem ist sie wieder verschwunden, und ihre Ziege hat entsetzlich gejammert, sie hat kein Futter bekommen. Das arme Thier –«

»Was geht mich die Ziege an? Ich weiß nicht, Alles ist verrückt. Ist das mein Wald, sind das meine Aecker? Wem gehört der Wagen und die Roff'? Sag', bin ich verrückt?«

»Auf diese Art könntest Du Dich und mich dazu machen. Um Gotteswillen, plag' doch nicht Dich und mich. Was willst Du jetzt von der Schaubkäther?«

Kaum hatte die Frau das gesagt, als die Schaubkäther aus dem Walde hervorstürzte und den Pferden in die Zügel fiel.

»Fort!« rief Peter, »fort! Oder ich fahr' über Euch weg.«

»Halt still,« sagte Landolin. »Käther! Ich mein's gut mit Dir.«

»Aber ich nicht mit Dir! Sie haben Dich nicht geköpft, sie haben Dich nicht gehenkt, Du mußt Dich selber aufhängen. Da ist Dein Wald mit tausend und tausend Bäumen, die warten alle, bis Du Dich dran aufhängst.«

»Käther! Komm her zu mir!« bat die Frau, aber die Käther fuhr fort in entsetzlichen Flüchen.

»Gieb ihr einen Peitschenhieb!« rief Landolin, »gieb mir die Peitsche, laß mich hauen.«

»Nein, Vater, ich mach' schon.« Peter sprang rasch ab, schob die Käther bei Seite, sprang behend wieder auf und fuhr im Trab den Berg hinan.

Die Frau Landolins schaute zurück und aufathmend sagte sie: »Gottlob, sie setzt sich dort auf die Steine, und jetzt kommt Jemand den Berg herauf und spricht mit ihr.«

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