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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Sechsunddreißigstes Kapitel.

Es war nahezu Mittag als Landolin erwachte. Er rüstete sich zur Heimkehr und bezahlte dem Ritterwirth die Zeche. Es war offen und nachweisbar, daß der Ritterwirth ihn betrog; es wurmte ihn, sich von dem redefertigen Schelm übervortheilen zu lassen, aber er wollte keinen Streit, und nicht minder als das Geld ärgerte ihn der Gedanke, daß er sich, für die nächste Zeit wenigstens, müsse betrügen lassen und still dabei sein. Er wollte sofort heimfahren, im Triumph ins Dorf zurückkehren; aber Peter zögerte bis gegen Abend, er wollte, daß der Vater erst in der Nacht heimkehre, und als Landolin über das unnöthige Warten fluchte, sagte Peter mit schelmischer Miene und in gelassenem Tone:

»Vater! Ihr müsset jetzt alles Gelärm und Gescheuch aufgeben. Ich mein', Ihr solltet doch jetzt gelernt haben, still und geduldig sein. Ja, gucket mich nur an! Das ist nicht mehr der einfältige Peter von vordem, über den man weg gesehen hat, wie wenn er gar nicht da wär'. Ich bin da, und wir Zwei haben kein Hehl vor einander. Nothwehr ist eine schöne Sache, aber – Ihr versteht mich schon. Ich hab' allen Respekt vor Euch, Ihr habt das da schön hinaus geführt, und ich und der Tobias, wir haben an den Hinterrädern gedrückt; der Karren ist heraus, und jetzt waschen wir uns die Hände.«

Landolin schaute auf seinen Sohn, wie wenn da ein anderer Mensch stände, Peter merkte das wohl und fuhr zutraulich fort:

»Ja Vater! Ich bin jetzt auch dahinter gekommen, was die Hauptsache ist in der Welt; ich weiß jetzt auch: Alles ist eins, was man thut, man kann, was man will, nur muß man den Leuten nicht die Mäuler aufreißen. Hab' ich recht oder nicht?«

Landolin konnte vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Wer darf so mit ihm sprechen? Ist das noch der Peter? Es kam aber noch schlimmer, denn Peter nahm wieder auf:

»Ja Vater, eh' wir heimkommen, machen wir's jetzt aus. Ihr seid der Bauer, Ihr seid der Meister, als das könnt Ihr vor der Welt gelten wie vordem, aber daheim in Haus und Feld gilt nur, was Ich sag'. Es soll Euch an nichts fehlen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Wo ist der Tobias?« fragte Landolin knirschend.

»Ich hör' schon gut, Ihr brauchet nicht so schreien. Den Tobias hab' ich voraus heim geschickt, und ich sag's gleich, ich schicke ihn bald ganz fort; der weiß zu viel und nimmt sich zu viel heraus. Ueberhaupt schicke ich alle Dienstleute fort, ich leg' neuen Boden.«

Landolin schwieg lächelnd, es kämpfte in ihm, daß der Sohn so keck war, und doch freute er sich fast, daß der Sohn auf einmal so muthig und entschlossen geworden war.

»Ich könnte fast gar stolz sein, was Du für ein Bursch geworden bist,« sagte er endlich, und Peter rief frohlockend: »So ist's recht. Ihr sollet schon sehen, daß ich Alles recht mach', auch an Euch. Ich hab' auch gesehen, daß wir einen schönen Klumpen Geld verloren haben an den Actien. Das ist nun vorbei und verjährt, und ich sag' nichts weiter darüber.«

Landolin schluckte den Aerger hinab und dachte: wart' nur bis daheim, da will ich schon anders mit Dir reden.

Vater und Sohn redeten kaum ein Wort unterwegs. Am Bahnhof der Amtsstadt wartete das Fuhrwerk, und als Landolin seine Frau, die ihm weinend entgegen kam, fragte: »Wo ist denn die Thoma?« hörte er, daß sie nicht habe kommen wollen.

Du bist freigesprochen, mußte Landolin denken, aber deine Kinder . . . der Sohn will dich absetzen und die Tochter geht dir nicht einmal entgegen.

Auf der Maiwiese in der Nähe des Bahnhofes wurde ein Gerüst errichtet, noch jetzt in der Dämmerung wurde emsig gehämmert.

»Was machen sie da?« fragte Landolin, und noch ehe man antworten konnte, fuhr er fort: »ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß da ein Gerüst aufgerichtet und einer geköpft worden ist. Köpfen ist nicht das Schlimmste.«

»Aber Mann!« entgegnete die Frau. »Was sind das für Gedanken! Peter, weißt Du nicht, was sie da machen?«

»Freilich, freilich. Am nächsten Sonntag ist da ja die Fahnenweihe für den Kriegerverein.«

Als der Wagen an der Sommerseite des Schwertwirthshauses vorüber fuhr, schauten viele Männer und Frauen vom Söller des Casino-Zimmers herab. Landolin lüftete den Hut und grüßte hinauf, aber Niemand erwiderte den Gruß, und zum ersten Male beschlich Landolin die bittere Empfindung, daß er die Hand ausstreckt zum Gruß und es bietet sich keine dar, die seine Hand empfängt.

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