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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Hoch oben im Walde hatte Anton wochenlang bei den Holzhauern gelebt, vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht hatte er gearbeitet als der fleißigsten einer, dafür hatte er auch in der Blockhütte den guten Schlaf, den er drunten im Thal im väterlichen Hause nicht hatte finden können. Die Holzhauer fanden es freilich seltsam, daß der einzige Sohn des Sägemüllers sich zu der entbehrungsvollen harten Arbeit hergab; sie fragten ihn aber nicht, und Anton sprach oft tagelang kein lautes Wort, desto mehr aber sprach er in sich hinein: Wie lebt Thoma? Sie kann sich nicht wie du einen andern Ort suchen, sie muß daheim bleiben, wo Alles ihr so bittere Erinnerungen erweckt. Wird sie auch wie du von allen Begegnenden gefragt werden, warum wir auseinander sind, und auch keine Antwort zu geben wissen? Es geht nicht die kleinste Lüge über ihre Lippen, denn ehrlich und wahrhaftig ist sie und verlangt auch von ihrem Vater, daß er gradaus bekenne und sich der Strafe unterwerfe. Weiß ich aber gewiß, daß er es gethan hat?

Das war Anton klar und deutlich, er konnte kein genaues Zeugniß abgeben, und als ihm die Vorladung vor Gericht zukam, machte er seine Aussage wahrheitsgemäß, denn daß der Stein Vetturi nicht getroffen, hatte ihm nur Landolin damals am Brunnen gesagt.

Er wollte vom Gericht weg zu Thoma und ihr das gestehen, aber sie hatte ihn so unbarmherzig und lieblos von sich gestoßen . . .

Liebte sie ihn nicht? Hatte sie ihn nie geliebt? Der Duft der Maiblumen, die hier oben jetzt erst blühten, erinnerte ihn an eine selige Stunde.

Vom Hochwalde herab war Anton zum Schwurgerichte gezogen und verstört war er auf dem Heimweg, nachdem er die Schaubkäther aufgerichtet hatte. Er sagte sich, daß er nicht mehr im Hochwald sich verberge, denn das war doch feige Flucht. Das Ehrenzeichen auf seiner Brust zitterte, da er sich dies bekannte. Anton Armbruster soll vor etwas fliehen? Er sah kühn und beherzt in die Welt hinein. Er hatte sich selbst wieder gefunden.

»Wie viel Jahre hat er bekommen?« fragte der Vater daheim. Anton mußte berichten, daß Landolin vollkommen freigesprochen sei.

Der gelassene bedächtige Sägemüller schlug mit der Faust auf den Tisch und rief. »Da sollt' man doch –« Plötzlich brach er ab, ging an's Fenster und schaute hinaus, er wollte nicht abermals mit seinem Sohne in Streiterei kommen, und die gefaßte Miene Antons schien ihm zu sagen, daß sein Sohn sich dieses Urtheils freue und neue Hoffnungen darauf baue.

»Vater, ich bleib' jetzt wieder daheim,« sagte Anton.

»Ist recht,« sagte der Vater ohne sich umzuwenden, »geh an die Einbindstätte, wir müssen heute einen Floß ablassen.«

»Vater! Was saget Ihr zu der Freisprechung?«

»Was liegt dran, was ich sage?«

»Viel, Vater, es liegt viel dran.«

»Nun meinetwegen. So sag' ich Dir, es wäre besser gewesen, für die Gerechtigkeit und auch für den gewaltthätigen Landolin selber, wenn er ein paar Jahre Strafe hätt' absitzen müssen. Jetzt, gieb Acht, jetzt muß er ärger büßen; er muß sich von Jedem, dem er begegnet, frei sprechen lassen. Wenn er dagegen seine Strafe abgemacht hätt', stünd' er besser da, er wär' wieder ehrlich und Alles glatt und eben, und nach zwei Jahren bekäme er seine Ehrenrechte wieder vom Staat und von uns. Es war eben ein Fehltritt. Aber jetzt und so? Und ich glaub', der Landolin ist nicht hartgesotten genug, wie soll ich sagen . . . ich meine, er ist doch nicht Manns genug, um vor den Leuten und vor sich selber sich Alles aus dem Sinn zu schlagen. Aber Anton, laß es jetzt zum letzten Male sein, daß wir uns über den da streiten. Ich leugne nicht, ich hab' nichts in meinem Herzen für ihn, deswegen brauchen wir zwei aber nicht in Unfrieden leben. So, jetzt geh', es ist Zeit.«

Anton ging stromauf und half emsig mit arbeiten, die Stämme und die Bretter zu einem Floß zusammen zu fügen. Wer den wohlgebauten jungen Mann so mit Ruder und Hakenstange hantiren sah, wie er sich anstemmend wechselnde anmuthende Erscheinungen kraftvoller Männlichkeit darbot, der hätte nicht geahnt, daß in dem Herzen dieses Mannes bitteres Leid lebt.

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