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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Die Schaubkäther war durch das Dorf geeilt bis hinauf zum Pfarrhaus an der Kirche. Dort klingelte sie heftig, der Pfarrer schaute heraus und fragte:

»Wer klingelt? Verlangt ein Sterbendes die letzte Wegzehrung?«

»Du Pfarrer!« kreischte die Schaubkäther, »Du, sag', giebt's einen Gott im Himmel? Giebt's eine Gerechtigkeit?«

»Wer bist Du, der Du so lästerst? Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Wer bist Du?«

»Die Mutter, die Mutter, der man den Sohn getödtet, und der Mörder ist freigesprochen.«

»Ihr seid's, Schaubkäther? Wartet, ich öffne.«

Der Pfarrer öffnete, die Schaubkäther war nicht mehr da. Der Pfarrer ging nach dem Kirchhof, nach dem Grabe Vetturi's, dort fand er das rothe Kopftuch der Schaubkäther, sie selber aber war verschwunden.«

Mit rasender Eile, wie von unsichtbaren Geistern gejagt, rannte die Schaubkäther durch Feld und Wald hinab bis zum Strom. Dort stand sie auf dem Felsenvorsprung, wo drunten das Wasser wie eingeschlossen brodelt, man nennt den Strudel den Teufelskessel. Die Schaubkäther beugte sich vor, sie wollte sich hinabstürzen, aber indem sie sich an den Kopf faßte und gewahr wurde, daß ihr das Kopftuch fehle, trat ein Besinnen ein und sie setzte sich nieder und zum Himmel hinauf sprach sie:

»Mutter! Ich spür's wieder. Ich unter Deinem Herzen und Du den Strohkranz auf dem Kopf und den Strohgürtel um den Leib! Das war Gerechtigkeit, damals, an armen Verfehlten, an Armen! Mutter, Du bist nun bei der ewigen Gerechtigkeit! Laß Dich nicht abweisen! Laß nicht nach! Und du, auf deinem Himmelsthron, gieb mir Antwort, sag', warum ist mein Sohn todt? Warum lässest du den, der ihn getödtet hat, frei ausgehen und sich gütlich thun? Du hast mir nichts gegeben auf der Welt, ich verlange nichts, nur das, züchtigen mußt du ihn und Alle, die ihn freigesprochen. Laß ihnen keinen Baum mehr wachsen im Wald, keine Frucht im Feld. Peinige sie. Oder, wenn du da droben mir nicht hilfst, dann muß mir der Andere da drunten helfen. Ja, komm' aus dem Wasser, komm' aus dem Fels, komm' Teufel und hilf mir. Mach' mich zur Hexe! Ich will eine Hexe sein. Nimm meine arme Seele, nur hilf mir.«

Eine Nachteule flog in leisem Fluge herauf, die Schaubkäther winkte ihr, als wäre das ein Bote dessen, den sie gerufen; die Eule flog vorüber; ein Bahnzug brauste jenseits des Stromes heran, die Schaubkäther schrie gellend auf, ihr Schrei wurde von dem Gerassel verschlungen, sie sank um, sie schlief. Als der Tag erwachte und ihr ins Angesicht schien, wendete sie sich ächzend um und schlief weiter mit dem Angesicht auf der Erde.

»Wachet auf! Wie kommt Ihr daher?« weckte sie eine Männerstimme.

Die Schaubkäther schlug die Augen auf und sich mit der Hand über die Stirne fahrend, stöhnte sie: »Vetturi!«

»Nein, ich bin's, der Anton Armbruster. Gottlob, ich hab' da etwas Wachholder-Branntwein bei mir. Trinket!«

Die Schaubkäther trank gierig, dann fragte sie:

»Weißt auch schon, daß er freigesprochen ist?«

»Ja, ich komme ja selbst vom Gericht.«

»Ja,« rief die Schaubkäther und stieß mit ihrer knöchernen Faust dem Anton vor die Brust. »Ja, Du bist ja auch . . . sie sagen ja, Du legst Zeugniß ab, daß er's nicht gethan hat.«

»Käther, Ihr habt noch eine starke Faust, Ihr habt mir weh gethan, aber Käther, ich hab' kein falsch Zeugniß abgelegt, ich hab' ehrlich gesagt, daß ich nichts deutlich gesehen hab'.«

»Und warum ist er freigesprochen?«

»Weil sechs Männer nichtschuldig gesagt haben. Kommet, richtet Euch auf. So.«

Die Alte stand aufrecht und hielt sich die linke Hand auf den Kopf, dessen wilde graue Haare im Morgenwinde flatterten. Sie schaute wirr um, sie schien sich besinnen zu müssen.

»Es hat mir Einer mein Tuch vom Kopfe gestohlen,« sagte sie endlich. »Halt! Es muß auf seinem Grab liegen, ja, er ist begraben, und der ihn todt gemacht hat, ist frei . . . ich versteh' schon, ich bin nicht verrückt. Ich kenn' Dich, Du bist der Anton und Deine Mutter im Himmel hat Dich davor bewahrt, daß Dir die Zunge entzwei bricht. Dank' Gott, daß Du nicht mehr in die Familie gehörst; die muß zu Grund gehen, Alle, die hoffärtige Thoma auch. Herr Gott!« rief sie, die Hände faltend, »verzeih' mir. Du bist ein langer Borger, aber ein guter Zahler. Brauchst mich nicht zu führen, Anton, ich kann schon allein gehen, allein.«

Sie wehrte Anton ab, der sie begleiten wollte, und ging, dürre Reiser vom Boden aufsammelnd, durch den Wald den Berg hinan nach dem Dorfe.

Anton schaute ihr lange nach, er wäre so gern jetzt zu Thoma geeilt, aber er bezwang sich und wanderte heimwärts.

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