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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Einunddreißigstes Kapitel.

Im Zuschauerraum und auf dem langen Flur wurde von Städtern und Landleuten hin und her gesprochen, welch ein Wahrspruch geschöpft werden würde; die Einen fanden es angemessen, die Anderen waghalsig, daß Vertheidiger und Angeklagter mildernde Umstände verworfen hätten. Alle waren aber einig, daß die letzte Rede Landolins eine Ueberraschung war, wie man wol lange keine mehr erleben würde; Niemand hätte je geahnt, daß solch ein Redner und Schauspieler in dem Landolin steckte.

Unterdeß stand Landolin am offenen Fenster des Angeklagtenzimmers und umklammerte mit beiden Händen das eiserne Gitter. Der Gerichtsbote brachte Wein, Landolin trank nicht, er schüttete den Wein in die hohle Hand und wusch sich beide Hände damit, dann starrte er wieder hinaus in die sternhelle Nacht. Landolin fühlte den Triumph, den er mit seinen letzten Worten errungen, dennoch bebte er, er spürte eine Müdigkeit in den Knieen, wie wenn er über einen hohen Berg gegangen wäre, und jetzt war's ihm, als müsse er über einen Grabhügel schreiten dort oben bei seiner Heimat . . .

Eine Sternschnuppe flog am Himmelsbogen hin. Ja, wenn man nur noch dran glauben könnte, daß das ein Glückszeichen ist!

Das Zimmer des Angeklagten war nur durch eine dicke Mauer von dem getrennt, in welches die Geschworenen eingeschlossen sind, bis sie den Wahrspruch geschöpft haben. Ist das schon lange oder erst kurz? Von den Thürmen der Stadt schlägt es zwölf Uhr. Zwölf Glockenschläge! Zwölf Männerstimmen! sagte Landolin vor sich hin. Dort in der schwarzen Nacht kommt ein Ungeheuer heran mit zwei rothen Augen, immer näher und näher. Landolin weiß, daß das der Bahnzug ist, dennoch weicht er erschreckt vom Fenster zurück und setzt sich auf einen Stuhl.

Horch! Jetzt tönt eine Klingel, sie ist nicht draußen, sie ist hier. Die Geschworenen sind fertig. Auf dem Flur schallt wieder mächtiges Getrappel, dann herrscht lautlose Stille. Landolin wird abgeholt. Festen Schrittes steigt er die Stufen zur Bank der Angeklagten hinan, er steht ruhig, denn er sagt sich: das sollen sie nicht noch haben, daß sie mich zusammenbrechen sehen. Er sieht die Köpfe der zwölf Männer, es ist, als schwämmen sie auf einer Fluth. Jetzt erheben sie sich wie auftauchend, der Obmann Titus legt die rechte Hand auf's Herz, in seiner Linken zittert und knittert das Blatt.

Titus verliest zuerst die gestellten Fragen. O wie lang dauert das! Wozu diese Wiederholung? Warum nicht gleich: schuldig oder nichtschuldig? Jetzt faßt Titus frischen Athem und spricht:

»Der Angeklagte ist nicht schuldig, mit sechs gegen sechs Stimmen.«

Ein Schlag auf die Akten tönt vom Tische des Staatsanwalts, sein Einglas fällt glitzernd herunter und dreht sich wie verwundert an dem breiten schwarzen Bande.

Der Gerichtshof hält leise Rücksprache, der Vorsitzende erhebt sich und nach Verlesung des bezüglichen Gesetzesparagraphen spricht er: »Der Angeklagte ist nicht schuldig. Landolin! Sie sind frei.«

Landolin sieht sich vom Vertheidiger, von seinem Sohne, von Tobias und mehreren Geschworenen und Heimatsgenossen umgeben, er sitzt auf der Bank und nickt stumm, und Thränen rollen ihm über die Wangen, denen er nicht wehrt.

»Vater! Weinet nicht, freut Euch!« rief Peter, aber gleich darauf hörte man einen andern Ruf.

Die Zuschauer hatten sich lärmend hinausgedrängt, sie verkündeten den Vielen, die auf Flur und Treppe und vor dem Gerichtshofe warteten, den Wahrspruch, und laut hörte man: »der Mörder ist freigesprochen,« dann Johlen und Pfeifen und drohende Rufe der Landjäger und Gerichtsboten.

»Wart' bis sich das Gesindel verlaufen hat,« beschwichtigte der Ritterwirth, der auch Geschworener war, »Du wohnst bei mir und ich habe ein gutes Essen herrichten lassen für Dich und Deine Gäste.«

Landolin gewann wieder seine Fassung und entgegnete mit heller Stimme. »Ja, laß auftischen, was Du vermagst, und lade mir alle Geschworenen ein, die anderen sechs sind auch nicht meine Feinde, ich . . . ich will keinen Feind auf der Welt haben.«

»Vater! Ich möcht' den Titus noch besonders einladen.«

»Thu' das. Hab's ja gesagt, ich will mit Niemand auf der Welt feind sein, für die paar Jahre noch.«

»Ich will auch schnell ein Telegramm au die Mutter aufgeben.«

»Thu' das und sag', ich sei gesund und wohlauf. –«

Der elektrische Funke blitzt durch den Draht, klopft an in dem Bahnhof des Städtchens, wo der Bahnmeister noch wacht, bald wandert der Bruder des Galloppküblers bergan.

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